Interview von Johannes Kuhn
INTERVIEW VON JOHANNES KUHN
Am 22.12.1963 führte
Interview von Johannes Kuhn
Zweimal in einer Generation, meine Hörer, hat sich die evangelische Christenheit in
Das kann ich eigentlich nicht sagen, daß ich «Barmen» für das wichtigste kirchengeschichtliche Ereignis der Neuzeit halten könnte. Und zwar aus drei Gründen.
Sie [die Theologische Erklärung] könnte dieses Ereignis gewesen sein, wenn sie zunächst einmal damals wirklich zu einer Einigung der in der Deutschen Evangelischen Kirche vereinigten Bekenntniskirchen geführt hätte - ich will nicht das Wort «Union» brauchen, aber «Einigung»! -, so daß das konfessionelle Wesen durch diese Barmer Erklärung ernstlich relativiert worden wäre. Anstelle dessen haben wir - schon während des Krieges und nachher erst recht - ein neues Erwachen der konfessionellen Gegensätze gehabt.3 Insbesondere ist ja das Luthertum wieder sehr stark auf seine Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts zurückgegangen. «Barmen» hat also in dieser Hinsicht nicht geleistet, was es vielleicht hätte leisten können und was es dann zu einem wirklich bedeutenden Ereignis in der Kirchengeschichte gemacht hätte.
Zweiter Punkt: Wenn insbesondere die erste These von Barmen - «Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen»4 -, jetzt sage ich: wenn diese erste These den Theologen und den Kirchenmännern und der Christenheit in
Der dritte Punkt: Sehen Sie, «Barmen» war ja damals faktisch und praktisch nicht nur eine kirchliche Angelegenheit, sondern auch - mitten in dem aufsteigenden Nationalsozialismus - ein Politikum.6 |348Denken Sie daran, wie in den Jahren [19]33 und [19]34 in
Also, ich wiederhole: weder hat «Barmen» die Kirche geeinigt, noch hat «Barmen» diese Wende sichtbar gemacht, diese radikale Wendung und Konzentration, noch ist «Barmen» dann als Politikum wichtig geworden. Das spricht nicht gegen alles Gute, was von «Barmen» zu sagen ist und zu dem ich mich nach wie vor bekennen würde, aber es spricht dagegen, daß man «Barmen» als wichtigstes kirchengeschichtliches Ereignis ausgeben dürfte. Es gibt genau genommen kein Barmer Bekenntnis, und besonders die Lutheraner würden es gar nicht gern hören, wenn man von einem Bekenntnis sprechen würde. Sie haben schon damals sich dringend dagegen verwahrt: es solle hier |349kein neues Bekenntnis aufgestellt werden11; sondern der Sinn der Sache sollte eine «Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage in der Deutschen Evangelischen Kirche»12 sein - eine theologische Erklärung, deren Sinn sein sollte, die Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts, also entscheidend die Katechismen
Es wurde zur Vorbereitung dieser Barmer Erklärung ein kleiner Ausschuß [ein]gesetzt, der dann in
Gibt es eine Parallele zwischen der Barmer Erklärung und den «Zehn Artikeln» der Kirchenleitung der
Ja, also das Gemeinsame ist ja sicher, daß diese beiden Dokumente in einer mehr oder weniger deutlich gesehenen und mehr oder weniger einheitlich verstandenen Notlage der Kirche verfaßt sind. Beide Dokumente wollten eine Sammlung vollziehen, sozusagen auf bestimmte christliche Grundsätze [hin]. Der Unterschied ist vielleicht mehr formaler Art - aber es ist wohl nicht zufällig, daß das Formale eben auch seine Rolle spielt -, sofern «Barmen» ja nun eigentlich - wenn Sie sich den Text ansehen - mehr den Charakter von dogmatischen Definitionen hatte. «Barmen» wollte sozusagen im Stil der alten, altkirchlichen Konzilien und im Stil des 16. Jahrhunderts sagen: credimus et confitemur18, während die Zehn Artikel in der DDR - so, wie ich sie lese und verstehe - den Charakter einer Instruktion haben, die den Pfarrern und den Gemeinden gegeben werden soll, wie sie sich vom Evangelium her auseinandersetzen sollen. Die Zehn Artikel - das kann ihre Stärke sein, aber vielleicht auch ihre Schwäche - sind sehr stark in der Defensive geschrieben und nicht im Angriff. Ich hätte ihnen ja einen viel freudigeren Charakter gewünscht, einen viel positiveren Charakter. Es geht ein gewisser Zug von ängstlicher Abwehr durch diesen Text hindurch, den «Barmen» so nicht hatte. In
Könnte es nicht sein, Herr Professor, daß jetzt innerhalb der Ökumene plötzlich an einer ganz anderen Stelle «Barmen» wieder eine Bedeutung gewinnt, die dann von den jungen Kirchen mit ihren Auseinandersetzungen ihrer Umwelt gegenüber rückwirkt auch auf unsere, die sogenannten Mutterkirchen?
Hoffen wir’s, daß sie’s tun! Aber das ist zunächst eine Hoffnung. Die Möglichkeit könnte eben sein, daß diese sogenannten jungen Kirchen ganz ähnliche Wege und Irrwege antreten, wie es die alten Kirchen auch getan haben - an «Barmen» vorbei. Es ist mir bis jetzt nicht bekannt, daß in den jungen Kirchen «Barmen» irgendeine wichtige Rolle gespielt habe. Ich würde dann viel eher sagen: Wie merkwürdig die Rede von Papst