23. Januar 1921

Matthäus 21,12­–17

26
552B
Matthäus 21,12­–171

1.

Warum hat Jesus die Verkäufer und Käufer zum Tempel hinausgetrieben? Wir dürfen uns nicht irren: Dieses Verkaufen und Kaufen im Vorhof des Tempels war für damalige Begriffe etwas Natürliches, ja sogar Notwendiges. Die Pilger, die z. T. weither kamen, mußten eine Gelegenheit haben, für die Opfer, die sie nachher bringen wollten, die nötigen Einkäufe zu machen. Dieser Handel und die dazugehörigen Geldwechselstellen für die, die aus fremden Ländern kamen, waren etwas Erlaubtes. Es war polizeilich Alles in Ordnung, als Jesus in den Tempel kam. Er aber war es, der die polizeiliche Ordnung störte. Man muß noch mehr sagen: Der Anblick dieser Viehstände, Wechseltische und Taubenkrämerniederlagen war für damalige Begriffe sogar schön und erbaulich. Er zeugt von religiösem Leben, vom lebhaften Besuch des Tempels und von der Opferwilligkeit der Besucher, je stärker der Absatz und der Betrieb war, um so mehr. Jedermann mußte sich sagen: in diesem Gotteshaus läuft etwas. Auch die da genauer wußten, daß dieses Äußere nicht die Hauptsache sei, konnten sich doch an diesem Äußeren freuen um des Inneren willen, sie konnten es als ein Zeichen auffassen, daß auch die Hauptsache, der Verkehr mit Gott, in gutem Gang sei. Jesus erst war es, der diesen erbaulichen Zustand durch sein Auftreten unterbrach. |

Ja, wir müssen noch mehr sagen: Auch die, die bei diesem Handel im Vorhof des Tempels direkt beteiligt waren, hatten dabei durchaus ein gutes Gewissen. Die Verkäufer trieben ihr Geschäft mit jener gewissen Weihe, wie man sie noch jetzt etwa am Personal einer christlichen Buchhandlung wahrnehmen kann: sie verdienten ihr tägliches Brot und taten damit erst noch ein sozusagen heiliges Werk. Für die Käufer aber war dieser kleine Markt mit dem Gerede und Geldgeklimper, das da nötig war, ein schöner Übergang vom gewöhnlichen Leben zum Beten, von der Welt zu Gott. Man durfte bis zu allerletzt sein, wie man auch sonst war, man kam ganz unverhofft leicht, auf ganz unerwartet ebenem Weg ans Ziel, an die Schwelle des Heiligtums, und wenn man schließlich da angelangt war, so war es gar nichts |27 Besonderes mehr, sondern für Jeden nur das I-­Pünktlein, das Krönlein, das auf sein sonstiges Tun und Treiben gesetzt wurde. Wie sollte man dabei ein schlechtes Gewissen haben? Erst Jesus war es, der diesen Frieden des Gewissens ernstlich bedrohte. Ja, warum denn nur diese Störung der Ordnung, diese Unterbrechung der Erbaulichkeit, diese Bedrohung des Friedens?

2.

Vielleicht gerade darum, weil diese Ordnung nur allzu vollkommen, diese Erbaulichkeit nur allzu groß, dieser Friede nur allzu tief war. Vielleicht gerade darum, weil gegen das alles menschlich geredet so gar nichts zu sagen war. Vielleicht gerade darum, weil sich hier der Mensch mit seinem Wesen und Treiben nur allzu fröhlich, allzu sicher, allzu selbstverständlich vor Gott breit machte. Vor Gott! Das war es. Wie ein Blitz leuchtet es hier auf: Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren [Mt. 16,25 par.]! Sterben muß der Mensch, um zu leben! Das ist die Ordnung, die vor Gott gilt. Jesus hat das Leben der Menschen weniger angegriffen als irgend ein Prophet. Er weiß, daß es sich zunächst breit machen muß, daß die Menschen ihren Lauf zunächst erfüllen müssen in Arbeit, Freude, Sorgen und Ruhen, im Guten und im Bösen. Es ist in seinen Worten eine ganz merkwürdige Ruhe, eine ganz merkwürdige Weitherzigkeit und Gelassenheit gegenüber dem alltäglichen Tun und Treiben des Menschen, auch gegenüber seinen Schwachheiten, Härten und Ungerechtigkeiten, fast etwas von jenem Worte Dostojewskis: Leben, Alles sehen und nichts verurteilen!2, fast etwas von jenem berüchtigten Werk Nietzsches: Jenseits von Gut und Böse3. Er beruhigt sich scheinbar ganz damit, in allem Tun und Treiben der Menschen Gleichnisse zu sehen, Abbilder einer höheren Wahrheit, in deren Licht sie stehen, auch wenn sie es nicht wissen, auch wenn in ihrem Tun und Treiben, wenn man es für sich ansieht, wenig oder nichts von dieser höheren Wahrheit zu spüren |28 ist. Aber in einem Punkt ist Jesus unerbittlich, da legt er den strengsten Maßstab an, da fordert er das Höchste: wo der Mensch vor Gott steht. Der Mensch steht nicht immer vor Gott, nicht überall, nicht in jeder Beziehung. Weite Flächen unseres Lebens liegen von Gott aus betrachtet sozusagen im Dunkeln. Da mag unser Leben sich vorläufig breit machen, wie es kann und mag. Da mögen wir vorläufig sein, wie wir sind. Da mag die Welt vorläufig ihren Lauf nehmen. Da sieht Jesus nur zu, ohne Ja noch Nein dazu zu sagen, ohne zu loben und ohne zu verurteilen. Vor Gott stehen, das ist etwas Besonderes, Außerordentliches, Ausnahmsweises. Vor Gott stehen, das ist wie ein Blitz, der plötzlich die dunkle Nacht zerreißt und Alles in einem anderen Licht zeigt. Nur ein winzig kleines Pünktlein4 mag es sein auf der ganzen großen Fläche unseres Lebens, nur ein winzig kleiner Augenblick in unserer Lebenszeit, wo wir vor Gott stehen. Aber auf dieses kleine Pünktlein, auf diesen kleinen Augenblick kommt Jesus Alles an. Seine ganze merkwürdige Geduld ist ja nur ein Suchen nach diesem Pünktlein, ein Warten auf diesen Augenblick. Er schilt die Menschen nicht, weil sie so weltlich sind, er verwirft sie nicht, weil sie so sündig sind, er verdammt sie nicht, weil sie so gottlos sind. Er bekämpft die Menschen nicht darum, weil sie Menschen sind, er sieht sie alle unterwegs, das, das zu entdecken in ihrem Leben, dieses Eine, durch das Alles von selbst anders wird. Wo aber dieses Eine in Frage steht, da ist die Geduld zu Ende, da wird Jesus lebhaft, interessiert, leidenschaftlich. Da gibt’s keine Gelassenheit mehr, keine Ruhe, da heißt’s Entweder-­ Oder! Da darf nichts verfälscht, verwechselt, vertauscht werden. Da, da darf sich das Leben nicht mehr breit machen, da hört alles, was sonst geordnet, schön und friedlich ist, auf, da heißt’s: Mensch, stirb, um zu leben! |

Seht, darum hat Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten bekämpft: nicht darum, weil sie schlechter waren als Andere, sie waren besser als die meisten Anderen, aber darum, weil sie in diesem Pünktlein, in |29 diesem Augenblick, wo der Mensch vor Gott steht, Fälscher waren, weil sie Alles daran setzten, gerade dort, wo der Mensch vergehen müßte, geordnet, schön und friedlich weiterzuleben. Darum hat Jesus von einer Sünde gegen den heiligen Geist geredet, die nicht vergeben werden kann, der einzigen Sünde, die nicht vergeben werden kann [Mk. 3,28f. par.]. Er meint damit die furchtbare Möglichkeit, daß der Mensch an dem Punkt, in dem Augenblick, auf den alle Geduld hinzielt, tun könnte, als ob er jetzt auch noch Geduld in Anspruch nehmen könnte, daß der Mensch dort, wo sein Leben auslöschen sollte, noch einmal sein Leben breit und groß werden läßt, daß der Mensch dort, wo er vor Gott steht, noch einmal sich hinstellt: da, da bin ich mit meinen Bedürfnissen, Wünschen und Anliegen. Darum hat Jesus den Tempel gereinigt von den Verkäufern und Käufern und Gewalt, jawohl Gewalt gegen sie gebraucht, nicht weil er die Verkäufer und Käufer verurteilte, sondern weil er die ganze, im Tempel versammelte Menschheit in der furchtbaren Gefahr sah: Nun stehen sie vor Gott, und gerade an diesem Punkt, in diesem Augenblick wollen sie fortfahren, sich selber zu sein5, gerade dahin bringen sie ihre ganze Art und Unart mit, gerade vor Gott breiten sie nun ihre ganze Ordnung, ihre ganze Erbaulichkeit, ihren ganzen Frieden aus, gerade Gott wollen sie in unseliger Verwechslung damit dienen, daß sie selber da sind und recht haben. Aus dem Haus der Anbetung, wo endlich Vergebung zu finden wäre für den ganzen Morast des Lebens, wo endlich der alte Mensch sich gefangen geben könnte, wo endlich Hoffnung leuchten könnte in dieses hoffnungslose Dasein, machen sie eine Mördergrube, eine Räuberhöhle würden wir sagen, wo der Morast der Sünde erst recht sich ausbreitet, wo der alte Mensch sich erst recht wohl und frei fühlt, wo das Menschliche daher erst recht das Siegel der Hoffnungslosigkeit bekommt, weil ja nun das alles auch noch vor Gott gebracht wird und einen gewissen frommen Glanz und Schimmer bekommt. Das aber ist das Gericht. Man kann ohne Gott gottlos sein, wir sind es alle Tage. Aber mit Gott gottlos sein, das ist das Ende.

3.

Man könnte so eine Frage aufwerfen: Warum sieht Jesus den Menschen gerade im Tempel vor Gott stehen? Warum nimmt er ge|30rade das, was im Tempel geschieht, so furchtbar ernst? Warum erhebt er gerade hier sein Entweder-­Oder? Er wird doch nicht meinen, es komme gerade auf diesen Ort so viel an. Er wird doch wissen, daß es Lebenslagen gibt, die viel entscheidender sind als die Stunde, die der Mensch in der Kirche oder sonst irgendwo religiös zubringt. Er wird doch wissen, was heutzutage jedes Kind weiß, daß man schließlich überall und immer vor Gott stehen kann, wenn auch nicht tatsächlich steht, in der Natur, bei der Arbeit, im Gespräch. Warum gerade im Tempel? Die Antwort muß lauten: Darum, weil Jesus die Menschen ganz anders ansieht als wir. Er nimmt sie ernst. Er glaubt ihnen und ihrem Tun. Er glaubt einem Menschen, der zur Arbeit geht, daß er arbeiten will. Er glaubt einem Kranken, daß er gesund werden möchte. Er glaubt einem Hungrigen, daß er essen möchte. Und so glaubt er Einem, der in den Tempel geht und das Opfer bringt und die Hände faltet, daß er vor Gott treten will. Er rechnet nicht damit, daß das auch aus Heuchelei, Dummheit oder Aberglauben oder Gewohnheit geschehen könnte. Nein, er rechnet damit, daß das etwas ganz Besonderes, Großes, Hoffnungsvolles ist, wenn ein Mensch neben dem Vielen, was er sonst tut, gerade das tut. Er rechnet damit, daß sich im Augenblick, wo ein Mensch das tut, tatsächlich eine Tür zwischen Gott und ihm geheimnisvoll öffnet. Wie merkwürdig, nicht wahr? Ja, Jesus hat es eben überhaupt nicht als einen Zufall angesehen, daß es das alles gibt in der Welt, neben den vielen anderen Sachen, die in der Welt sind: Tempel, Altäre, Opfer, Priester, Gebete, Religion. Man kann ja freilich das alles auch als Zufall auffassen, als einen Umstand von anderen Umständen, als etwas Menschliches von anderen Menschlichkeiten. Jesus sieht es anders an. Er sieht da eine ganz eigentümliche Möglichkeit und Gelegenheit für den Menschen, eine ganz eigentümliche Erinnerung an seinen göttlichen Ursprung, einen ganz eigentümlichen Hinweis. Er glaubt, daß das alles tatsächlich ein Suchen [?] Gottes ist, eine offene Stelle der Menschen gegen Gott hin.6

31
Lieder:
  • Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben» von L. A. Gotter, Strophen 1.4.8 (RG [1998] 727,1.4.8) 🎵
  • Nr. 177 «Jehovah, Jehovah, Jehovah, deinem Namen» von G. K. Pfeffel, Strophe 1 (Gesangbuch für die evangelisch-­lutherische Kirche in Bayern, Nürnberg o. J. [ca. 1860], 14) 🎵

Sachfußnoten

1
Der Predigttext ist oben S. 21 bei Nr. 552A abgedruckt.↩
2
«Aljoscha ‹eroberte sein Herz› sofort durch den einen Umstand, daß er ‹lebte, alles sah und nichts verurteilte› […].» (Fj. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasoff, übertragen von E. K. Rahsin, 1. Bd., München 19.-28. Tausend 1920, S. 180).↩
3
In Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, Leipzig 1886, legt Fr. Nietzsche dar, daß die Welt weder gut noch böse, sondern durch den Willen zur Macht bestimmtes instinktives Leben sei.↩
4
Barth knüpft hier an einen Ausdruck und Gedanken des jüngeren Blumhardt an; vgl. die Andacht vom 31.7.1909: "Nicht die Starken, die Gewaltigen, sondern die Einfältigen, die Geringen, die nichts Geltenden […], die aber ein Pünktlein in sich haben, daß Gott regieren kann, die schaffen etwas" (Chr. Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe 1865-1917. Neue Texte aus dem Nachlaß, hrsg. von J. Harder, Bd. 3, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 47).↩
5
= sie selber zu sein.↩
6
Das Manuskript bricht hier ab. Nach der Bemerkung in der folgenden Predigt (s. unten S. 33 bei Anm. 1) scheint Barth die Predigt frei auf die dort wiedergegebene Pointe hin zu Ende geführt zu haben.↩