Matthäus 21,12–17
1.
Warum hat Jesus die Verkäufer und Käufer zum Tempel hinausgetrieben? Wir dürfen uns nicht irren: Dieses Verkaufen und Kaufen im Vorhof des Tempels war für damalige Begriffe etwas Natürliches, ja sogar Notwendiges. Die Pilger, die z. T. weither kamen, mußten eine Gelegenheit haben, für die Opfer, die sie nachher bringen wollten, die nötigen Einkäufe zu machen. Dieser Handel und die dazugehörigen Geldwechselstellen für die, die aus fremden Ländern kamen, waren etwas Erlaubtes. Es war polizeilich Alles in Ordnung, als Jesus in den Tempel kam. Er aber war es, der die polizeiliche Ordnung störte. Man muß noch mehr sagen: Der Anblick dieser Viehstände, Wechseltische und Taubenkrämerniederlagen war für damalige Begriffe sogar schön und erbaulich. Er zeugt von religiösem Leben, vom lebhaften Besuch des Tempels und von der Opferwilligkeit der Besucher, je stärker der Absatz und der Betrieb war, um so mehr. Jedermann mußte sich sagen: in diesem Gotteshaus läuft etwas. Auch die da genauer wußten, daß dieses Äußere nicht die Hauptsache sei, konnten sich doch an diesem Äußeren freuen um des Inneren willen, sie konnten es als ein Zeichen auffassen, daß auch die Hauptsache, der Verkehr mit Gott, in gutem Gang sei. Jesus erst war es, der diesen erbaulichen Zustand durch sein Auftreten unterbrach. |
Ja, wir müssen noch mehr sagen: Auch die, die bei diesem Handel im Vorhof des Tempels direkt beteiligt waren, hatten dabei durchaus ein gutes Gewissen. Die Verkäufer trieben ihr Geschäft mit jener gewissen Weihe, wie man sie noch jetzt etwa am Personal einer christlichen Buchhandlung wahrnehmen kann: sie verdienten ihr tägliches Brot und taten damit erst noch ein sozusagen heiliges Werk. Für die Käufer aber war dieser kleine Markt mit dem Gerede und Geldgeklimper, das da nötig war, ein schöner Übergang vom gewöhnlichen Leben zum Beten, von der Welt zu Gott. Man durfte bis zu allerletzt sein, wie man auch sonst war, man kam ganz unverhofft leicht, auf ganz unerwartet ebenem Weg ans Ziel, an die Schwelle des Heiligtums, und wenn man schließlich da angelangt war, so war es gar nichts |27 Besonderes mehr, sondern für Jeden nur das I-Pünktlein, das Krönlein, das auf sein sonstiges Tun und Treiben gesetzt wurde. Wie sollte man dabei ein schlechtes Gewissen haben? Erst Jesus war es, der diesen Frieden des Gewissens ernstlich bedrohte. Ja, warum denn nur diese Störung der Ordnung, diese Unterbrechung der Erbaulichkeit, diese Bedrohung des Friedens?
2.
Vielleicht gerade darum, weil diese Ordnung nur allzu vollkommen, diese Erbaulichkeit
nur allzu groß, dieser Friede nur allzu tief war. Vielleicht gerade darum, weil gegen
das alles menschlich geredet so gar nichts zu sagen war. Vielleicht gerade darum, weil
sich hier der Mensch mit seinem Wesen und Treiben nur allzu fröhlich, allzu sicher,
allzu selbstverständlich vor Gott breit machte. Vor Gott! Das war es. Wie ein Blitz leuchtet es hier auf: Wer sein Leben erhalten
will, der wird es verlieren [
Seht, darum hat Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten bekämpft: nicht darum, weil sie schlechter waren als Andere,
sie waren besser als die meisten Anderen, aber darum, weil sie in diesem Pünktlein, in |29 diesem
Augenblick, wo der Mensch vor Gott steht, Fälscher waren, weil sie Alles daran setzten,
gerade dort, wo der Mensch vergehen müßte, geordnet, schön und friedlich weiterzuleben.
Darum hat Jesus von einer Sünde gegen den heiligen Geist geredet, die nicht vergeben werden kann, der einzigen Sünde, die nicht
vergeben werden kann [
3.
Man könnte so eine Frage aufwerfen: Warum sieht Jesus den Menschen gerade im Tempel vor Gott stehen? Warum nimmt er ge|30rade das, was im Tempel geschieht, so furchtbar ernst? Warum erhebt er gerade hier sein Entweder-Oder? Er wird doch nicht meinen, es komme gerade auf diesen Ort so viel an. Er wird doch wissen, daß es Lebenslagen gibt, die viel entscheidender sind als die Stunde, die der Mensch in der Kirche oder sonst irgendwo religiös zubringt. Er wird doch wissen, was heutzutage jedes Kind weiß, daß man schließlich überall und immer vor Gott stehen kann, wenn auch nicht tatsächlich steht, in der Natur, bei der Arbeit, im Gespräch. Warum gerade im Tempel? Die Antwort muß lauten: Darum, weil Jesus die Menschen ganz anders ansieht als wir. Er nimmt sie ernst. Er glaubt ihnen und ihrem Tun. Er glaubt einem Menschen, der zur Arbeit geht, daß er arbeiten will. Er glaubt einem Kranken, daß er gesund werden möchte. Er glaubt einem Hungrigen, daß er essen möchte. Und so glaubt er Einem, der in den Tempel geht und das Opfer bringt und die Hände faltet, daß er vor Gott treten will. Er rechnet nicht damit, daß das auch aus Heuchelei, Dummheit oder Aberglauben oder Gewohnheit geschehen könnte. Nein, er rechnet damit, daß das etwas ganz Besonderes, Großes, Hoffnungsvolles ist, wenn ein Mensch neben dem Vielen, was er sonst tut, gerade das tut. Er rechnet damit, daß sich im Augenblick, wo ein Mensch das tut, tatsächlich eine Tür zwischen Gott und ihm geheimnisvoll öffnet. Wie merkwürdig, nicht wahr? Ja, Jesus hat es eben überhaupt nicht als einen Zufall angesehen, daß es das alles gibt in der Welt, neben den vielen anderen Sachen, die in der Welt sind: Tempel, Altäre, Opfer, Priester, Gebete, Religion. Man kann ja freilich das alles auch als Zufall auffassen, als einen Umstand von anderen Umständen, als etwas Menschliches von anderen Menschlichkeiten. Jesus sieht es anders an. Er sieht da eine ganz eigentümliche Möglichkeit und Gelegenheit für den Menschen, eine ganz eigentümliche Erinnerung an seinen göttlichen Ursprung, einen ganz eigentümlichen Hinweis. Er glaubt, daß das alles tatsächlich ein Suchen [?] Gottes ist, eine offene Stelle der Menschen gegen Gott hin.6
- Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben» von
L. A. Gotter , Strophen 1.4.8 (RG [1998] 727,1.4.8) - Nr. 177 «Jehovah, Jehovah, Jehovah, deinem Namen» von
G. K. Pfeffel , Strophe 1 (Gesangbuch für die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern, Nürnberg o. J. [ca. 1860], 14)