30. Januar 1921

Matthäus 21,23­–27

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Matthäus 21,23­–27
[Und als er in den Tempel kam, traten zu ihm, als er lehrte, die Hohenpriester und die Ältesten im Volk und sprachen: Aus was für Macht tust du das? und wer hat dir die Macht gegeben? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ich will euch auch ein Wort fragen; so ihr mir das saget, will ich euch auch sagen, aus was für Macht ich das tue: Woher war die Taufe des Johannes? War sie vom Himmel oder von den Menschen? Da gedachten sie bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie sei vom Himmel gewesen, so wird er zu uns sagen: Warum glaubtet ihr ihm denn nicht? Sagen wir aber, sie sei von Menschen gewesen, so müssen wir uns vor dem Volk fürchten; denn sie halten alle Johannes für einen Propheten. Und sie antworteten Jesu und sprachen: Wir wissen’s nicht. Da sprach er zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus was für Macht ich das tue.]

1.

Aus was für Macht tust du das? und wer hat dir die Macht gegeben?, fragten die Juden Jesus. Es war eine hinterlistige, absichtsvolle Frage. Sie wollten feststellen, daß es bei Jesus nicht mit rechten Dingen zugehe, daß er nicht wie sie ordnungsgemäß beauftragt, bevollmächtigt und angestellt sei, daß er kein Amt und keinen Beruf habe, sondern die Macht und die Erlaubnis, sie auszuüben, an sich gerissen habe. Sie wollten ihn erledigen damit, daß sie zeigten: Seht da, der Lehrer, der Prophet, der Gottesmann, der sich selbst zu solcher Würde erhoben, der sich selbst zu dem gemacht hat, als was er sich aufspielt. Sie wollten zeigen, daß er entweder ein lächerlicher oder ein gefährlicher Mensch sei, oder beides.

Aber wir wollen diese Seite der Sache vorläufig bei Seite lassen. Mögen sie sich dabei gedacht haben, was sie wollen, es bleibt doch merkwürdig, daß sie ihn überhaupt so gefragt haben: Aus was für Macht tust du das? und wer hat dir die Macht gegeben? Sie haben also eine Macht an ihm wahrgenommen, die sie sich nicht zu erklären wußten. Sie bemerkten in seinem Verhalten, in seinem Tun und Reden etwas Bedeutsames, Kräftiges, Wirkungsvolles, das ihnen sehr unsympathisch, sehr unwillkommen war, das sie aber als Tatsache nicht leugnen konnten und dessen Ursprung ihnen dunkel war. Sie waren wie Einer, der bei seiner Arbeit plötzlich gestört wird dadurch, daß ihn jemand von webibl ruft. Es ist ihm vielleicht sehr unangenehm, |33 gerade jetzt gerufen zu werden, aber er hat es leider gehört und wird sich unwillkürlich umsehen: Woher kommt die Stimme? Wer ruft mir? Es hat sie von Jesus aus etwas angeblitzt, wie wenn Einer in dunkler Nacht in das Licht eines Scheinwerfers käme. Es wird uns nicht erzählt, was es im Einzelnen gewesen ist, was sie so angeblitzt hat, in was sie bei Jesus die Macht wahrgenommen haben, die sie sich nicht zu erklären wußten. Wir haben am letzten Sonntag davon gehört, wie mit Jesus gleichsam ein einziges großes Lob Gottes in das Reich der Hohenpriester und Schriftgelehrten, in den Tempel hineingekommen ist.1 Das haben sie als solches natürlich nicht gesehen und verstanden, sonst hätten sie diese Frage nicht an ihn gerichtet. Aber es konnte doch auch ihnen nicht ganz entgehen, daß alles das, was da vor ihren Augen geschah, die Austreibung der Krämer aus dem Tempel, die Heilung der Blinden und Lahmen, das Rufen der unverständigen Kinder: Hosianna dem Sohn Davids! [Mt. 21,12-15], daß das alles Pfeile waren, die irgendwohin zeigten: in irgend eine große, unbekannte Ferne und Höhe, irgendwohin, wohin ihr Blick nicht folgen konnte. Sie sahen in dem allem etwas, mit dem sie rechnen mußten, obwohl sie es nicht verstanden, etwa wie man in der hohen Rechnungskunst rechnen muß mit der merkwürdigen Zahl ∞, obwohl niemand diese Zahl fassen kann. Oder wie jemand, der die bunten Scheiben einer alten Kirche von außen betrachten würde: Ich sehe etwas, aber ich weiß nicht, was ich sehe; ich sehe nur trübe, dunkle Umrisse; wäre ich drinnen, so wollte ich wohl wissen, was ich sehe, aber ich bin leider draußen. Aus dieser Unsicherheit, die doch einen ganz sicheren Anlaß hatte, kam ihr Fragen: Aus was für Macht tust du das?, gleichviel, was sie sich dabei gedacht und was sie damit gewollt haben. |

Es dürfte unter uns etwas höchst Seltenes sein, daß wir Anlaß haben, einen Menschen das zu fragen: Aus welcher Macht tust du das? Wir sehen an den Menschen unserer Zeit wohl auch allerlei, was uns auffällt, Erschreckendes oder Erfreuliches, aber doch nur wunderselten so, daß wir uns ernstlich fragen müßten: Was ist da für eine Macht im Spiel?, so, daß wir uns gar nicht erklären könnten: warum tut er das, was er tut? aus welchem Grund und Ursprung kommt das, was ich an ihm wahrnehme? In der Regel wissen wir das durchaus, und wenn wir |34 es einmal noch nicht wissen, so werden wir es bald wissen. Der Mann kommt aus der und der Familie, die sind nun einmal so, sagen wir. Er gehört zu der und der Partei. Er hat die und die Erziehung gehabt. Er hat darin und darin seinen Vorteil, sein Interesse. Er folgt der und der Mode oder Zeitströmung. Er hat so und so einen Charakter. Von der Kirche wissen wir es ganz besonders gut, warum da in so auffälliger Weise von Gott die Rede ist, wo doch sonst nicht eben viel von Gott die Rede zu sein pflegt. Nun, das ist eben die Kirche, sagen wir, dazu ist die Kirche [da], dazu haben wir einen Pfarrer, daß er von Gott redet, und je eifriger, je überzeugter, je ernster er von Gott redet, um so deutlicher zeigt er, daß er eben ein Pfarrer ist, um so weniger Anlaß ist da, zu fragen: Aus welcher Macht tust du das?, weder im Guten noch im Bösen: Niemand hat uns bei der Arbeit gestört und gerufen. Kein Scheinwerferlicht ist auf uns gefallen, hat uns angeblitzt. Keine Zahl ∞ taucht auf, mit der wir rechnen müssen, ohne daß wir sie fassen können. Keine rätselhafte bunte Scheibe ist da, die wir von außen betrachten und uns kopfschüttelnd gestehen müßten: Ich weiß nicht, was ich sehe. Wir sehen unsere Mitmenschen alle ziemlich deutlich auch von innen, wir wissen, was wir sehen. Wir sehen sie wie Rollwagen alle auf ihren Schienen dahinfahren, und wir wissen, woher diese Schienen kommen und wohin sie ungefähr führen. Wir wissen, was wir voneinander zu halten haben, auch dann, wenn wir übereinander den Kopf schütteln, auch dann, wenn einer den anderen für ein wenig lächerlich oder ziemlich gefährlich hält. Wir kennen einander. Es wird nicht zum bösesten kommen. Der Baum wird nicht in den Himmel wachsen. Es hat Keiner ein Geheimnis, ein wirkliches Geheimnis. Keiner. Es menschelt gottlob überall. Ja, gottlob!, nicht wahr? Es ist uns ein rechter Trost, daß es so ist. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten des Tempels hätten unter uns ein schönes, ungestörtes Leben gehabt. Sie hätten unter uns kaum jemand gefunden, den sie durchaus hätten kreuzigen wollen.

Aber man könnte das alles ja auch anders auffassen. Man könnte auch sagen: Das ist die große Armut unserer Zeit, daß das alles so ist. Man könnte auch sagen: Wir sollten uns nicht trösten damit, es müßte uns beunruhigen, daß das alles so ist. Denn das ist doch wohl eine Armut, wenn es so mit uns steht, daß niemand von uns Macht hat und darum auch niemand ihn zu fragen braucht: woher hast du sie?, nie|35mand ein Geheimnis und darum auch niemand, der sich darüber wundert, niemand eine solche Richtung auf das Ferne, Unbekannte und darum auch niemand, der staunt und sagt: ich sehe etwas, aber ich weiß nicht, was ich sehe. Hat sich denn Gott so weit von uns zurückgezogen, möchte man fragen, daß wir so ungestört sind? Leben wir denn in einem solchen Sumpf, daß wir es so bequem haben, daß wir uns Alles, Alles erklären können, daß wir gar nichts Ernsthaftes zu fragen haben? |

Es wäre darauf vielleicht Folgendes zu antworten: Vielleicht kommt diese unsere Armut und Gottesferne von unseren Augen und Ohren her, mit denen wir sehend nicht sehen und hörend nicht hören [vgl. Mk. 4,12 par.]. Jesus ist 30 Jahre unter seinen Landsleuten in Nazareth gewesen, und niemand fand Anlaß, ihn zu fragen: Wer hat dir deine Macht gegeben?, obwohl doch zweifellos die Macht, das Geheimnis schon damals in ihm war. Es könnte sein, daß Gott uns sehr nahe ist. Es könnte sein, daß in den Menschen der heutigen Zeit, nicht in Allen, aber in Vielen, sehr stark etwas von dem Rätselhaften steckt, dem gegenüber wir allen Grund hätten zu fragen: Woher kommt das? Wo will das hinaus? Was ist da für eine Macht im Spiel? Es kommt ja bei uns allen vor, daß wir ein Bild jahrelang im Zimmer hängen haben, und erst eines Tages gehen uns die Augen auf, und wir sehen an dem Bild zu unserer Freude oder auch nicht zu unserer Freude etwas ganz Neues, Unerwartetes. Wir hatten gesehen und doch nicht gesehen; jetzt sehen wir. Oder daß wir in einem Buch, das jahrzehntelang auf unserem Bücherbrett stand und das wir zu kennen meinten, auf einmal eine Entdeckung machten zu unserer Freude oder nicht zu unserer Freude, daß es uns ein ganz neues Buch wurde. Wir hatten gelesen und doch nicht gelesen; jetzt lesen wir. Seht, so könnte es uns eines Tages mit dem und jenem Mitmenschen gehen. Wir könnten eines Tages etwas an ihm sehen, was wir nie gesehen haben, obwohl wir ihn gut kannten, wiederum vielleicht zu unserer Freude oder auch nicht zu unserer Freude, etwas, was wir uns nicht erklären können, etwas, das wir aus allen Gründen, die wir sonst zur Hand haben, nicht ableiten können, etwas, das uns anblitzt und anruft und anfragt: Was sagst du denn dazu? Etwas, dem gegenüber wir nur zwei Möglichkeiten haben: Entweder es steckt in dem Menschen etwas ganz Lächerliches oder ganz Gefährliches oder beides zugleich, und ich |36 muß ihn hassen und bekämpfen. Oder es steckt da etwas, vor dem ich allen Anlaß hätte, Augen und Ohren weit aufzutun, denn da habe ich nicht nur etwas, nein Alles zu merken, zu lernen, zu ergreifen, zu empfangen. Wir haben ihn gekannt und doch nicht gekannt, jetzt aber kennen wir ihn, im Bösen oder im Guten. Ich rede von einer Möglichkeit, aber ich möchte hinzufügen, daß ich nicht ganz ohne Erfahrung von dieser Möglichkeit rede: es könnte Menschen geben, und es könnten vielleicht auch noch solche Menschen kommen, die uns vor ein Geheimnis stellen, ob wir’s wollen oder nicht, die uns zur Verwunderung einfach zwingen, nachdem wir uns vielleicht ein ganzes Leben lang noch nie im Ernst verwundert haben, die uns die Frage: aus welcher Macht tust du das? einfach anwerfen, daß sie uns ins Herz und auf die Lippen tritt, wir wissen nicht wie. Es könnte sein, daß wir auf einmal unterbrochen, gestört werden durch solch ein Unbegreifliches, das uns unsere Sicherheit nimmt. Vielleicht sind wir’s ja schon. Warum sollten wir’s nicht sein? Es könnte sein, daß wir schon so weit wären wie die Hohenpriester und Schriftgelehrten von Jerusalem, daß wir uns wundern, daß wir fragen müssen.2

Lieder:
  • Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt, Strophen 1.3.4 (RG [1998] 99,1.3.4; EG 303,1.3.4; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 142 »Jesus Christus herrscht als König« von Ph. Fr. Hiller, Strophen 1­-3 (RG [1998] 492,1.3b.4b.5; EG 123,1.3b.4b.5; mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Siehe oben die Predigt Nr. 552B.↩
2
Das Manuskript bricht hier ab.↩