Matthäus 21,23–27
1.
Aus was für Macht tust du das? und wer hat dir die Macht gegeben?, fragten die Juden Jesus. Es war eine hinterlistige, absichtsvolle Frage. Sie wollten feststellen, daß es bei Jesus nicht mit rechten Dingen zugehe, daß er nicht wie sie ordnungsgemäß beauftragt, bevollmächtigt und angestellt sei, daß er kein Amt und keinen Beruf habe, sondern die Macht und die Erlaubnis, sie auszuüben, an sich gerissen habe. Sie wollten ihn erledigen damit, daß sie zeigten: Seht da, der Lehrer, der Prophet, der Gottesmann, der sich selbst zu solcher Würde erhoben, der sich selbst zu dem gemacht hat, als was er sich aufspielt. Sie wollten zeigen, daß er entweder ein lächerlicher oder ein gefährlicher Mensch sei, oder beides.
Aber wir wollen diese Seite der Sache vorläufig bei Seite lassen. Mögen sie sich dabei
gedacht haben, was sie wollen, es bleibt doch merkwürdig, daß sie ihn
überhaupt so gefragt haben: Aus was für Macht tust du das? und wer hat dir die
Macht gegeben? Sie haben also eine Macht an ihm
wahrgenommen, die sie sich nicht zu erklären wußten. Sie bemerkten in seinem Verhalten,
in seinem Tun und Reden etwas Bedeutsames, Kräftiges, Wirkungsvolles, das ihnen sehr
unsympathisch, sehr unwillkommen war, das
sie aber als Tatsache nicht leugnen konnten und dessen Ursprung ihnen dunkel war. Sie
waren wie Einer, der bei seiner Arbeit plötzlich gestört wird dadurch, daß ihn jemand
von webibl ruft. Es ist ihm vielleicht sehr unangenehm, |33
gerade jetzt gerufen zu werden, aber er hat es leider gehört und wird sich unwillkürlich
umsehen: Woher kommt die Stimme? Wer ruft mir? Es hat sie von Jesus aus etwas angeblitzt, wie wenn Einer in dunkler Nacht in das
Licht eines Scheinwerfers käme. Es wird uns nicht erzählt, was es im Einzelnen gewesen
ist, was sie so angeblitzt hat, in was sie bei
Jesus die Macht wahrgenommen haben, die sie sich
nicht zu erklären wußten. Wir haben am letzten Sonntag davon gehört, wie mit Jesus
gleichsam ein einziges großes Lob Gottes in das Reich der Hohenpriester und Schriftgelehrten, in den Tempel hineingekommen ist.1 Das haben sie als solches natürlich nicht gesehen und verstanden,
sonst hätten sie diese Frage nicht an ihn gerichtet. Aber es konnte doch auch ihnen
nicht ganz entgehen, daß alles das, was da vor ihren Augen geschah, die Austreibung der
Krämer aus dem Tempel, die Heilung der Blinden und Lahmen, das Rufen der unverständigen
Kinder: Hosianna dem Sohn Davids! [
Es dürfte unter uns etwas höchst Seltenes sein, daß wir Anlaß haben, einen Menschen das zu fragen: Aus welcher Macht tust du das? Wir sehen an den Menschen unserer Zeit wohl auch allerlei, was uns auffällt, Erschreckendes oder Erfreuliches, aber doch nur wunderselten so, daß wir uns ernstlich fragen müßten: Was ist da für eine Macht im Spiel?, so, daß wir uns gar nicht erklären könnten: warum tut er das, was er tut? aus welchem Grund und Ursprung kommt das, was ich an ihm wahrnehme? In der Regel wissen wir das durchaus, und wenn wir |34 es einmal noch nicht wissen, so werden wir es bald wissen. Der Mann kommt aus der und der Familie, die sind nun einmal so, sagen wir. Er gehört zu der und der Partei. Er hat die und die Erziehung gehabt. Er hat darin und darin seinen Vorteil, sein Interesse. Er folgt der und der Mode oder Zeitströmung. Er hat so und so einen Charakter. Von der Kirche wissen wir es ganz besonders gut, warum da in so auffälliger Weise von Gott die Rede ist, wo doch sonst nicht eben viel von Gott die Rede zu sein pflegt. Nun, das ist eben die Kirche, sagen wir, dazu ist die Kirche [da], dazu haben wir einen Pfarrer, daß er von Gott redet, und je eifriger, je überzeugter, je ernster er von Gott redet, um so deutlicher zeigt er, daß er eben ein Pfarrer ist, um so weniger Anlaß ist da, zu fragen: Aus welcher Macht tust du das?, weder im Guten noch im Bösen: Niemand hat uns bei der Arbeit gestört und gerufen. Kein Scheinwerferlicht ist auf uns gefallen, hat uns angeblitzt. Keine Zahl ∞ taucht auf, mit der wir rechnen müssen, ohne daß wir sie fassen können. Keine rätselhafte bunte Scheibe ist da, die wir von außen betrachten und uns kopfschüttelnd gestehen müßten: Ich weiß nicht, was ich sehe. Wir sehen unsere Mitmenschen alle ziemlich deutlich auch von innen, wir wissen, was wir sehen. Wir sehen sie wie Rollwagen alle auf ihren Schienen dahinfahren, und wir wissen, woher diese Schienen kommen und wohin sie ungefähr führen. Wir wissen, was wir voneinander zu halten haben, auch dann, wenn wir übereinander den Kopf schütteln, auch dann, wenn einer den anderen für ein wenig lächerlich oder ziemlich gefährlich hält. Wir kennen einander. Es wird nicht zum bösesten kommen. Der Baum wird nicht in den Himmel wachsen. Es hat Keiner ein Geheimnis, ein wirkliches Geheimnis. Keiner. Es menschelt gottlob überall. Ja, gottlob!, nicht wahr? Es ist uns ein rechter Trost, daß es so ist. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten des Tempels hätten unter uns ein schönes, ungestörtes Leben gehabt. Sie hätten unter uns kaum jemand gefunden, den sie durchaus hätten kreuzigen wollen.
Aber man könnte das alles ja auch anders auffassen. Man könnte auch sagen: Das ist die große Armut unserer Zeit, daß das alles so ist. Man könnte auch sagen: Wir sollten uns nicht trösten damit, es müßte uns beunruhigen, daß das alles so ist. Denn das ist doch wohl eine Armut, wenn es so mit uns steht, daß niemand von uns Macht hat und darum auch niemand ihn zu fragen braucht: woher hast du sie?, nie|35mand ein Geheimnis und darum auch niemand, der sich darüber wundert, niemand eine solche Richtung auf das Ferne, Unbekannte und darum auch niemand, der staunt und sagt: ich sehe etwas, aber ich weiß nicht, was ich sehe. Hat sich denn Gott so weit von uns zurückgezogen, möchte man fragen, daß wir so ungestört sind? Leben wir denn in einem solchen Sumpf, daß wir es so bequem haben, daß wir uns Alles, Alles erklären können, daß wir gar nichts Ernsthaftes zu fragen haben? |
Es wäre darauf vielleicht Folgendes zu antworten: Vielleicht
kommt diese unsere Armut und Gottesferne von
unseren Augen und Ohren her, mit denen wir sehend nicht sehen und hörend nicht hören
[vgl.
- Nr. 10 «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt, Strophen 1.3.4
(RG [1998] 99,1.3.4; EG 303,1.3.4; jeweils mit geringen Textabweichungen)
- Nr. 142 »Jesus Christus herrscht als König« von Ph. Fr. Hiller, Strophen 1-3
(RG [1998] 492,1.3b.4b.5; EG 123,1.3b.4b.5; mit Textabweichungen)