Matthäus 21,28–31
1.
Wegen solchen Worten ist Jesus gekreuzigt worden. Um solcher Worte willen war er den Pflegern und Hütern des Glaubens und der Rechtschaffenheit verhaßt und den Hütern der öffentlichen, bürgerlichen Ordnung wenigstens so verdächtig, daß sie das Todesurteil, das jene über ihn aussprachen, bestätigten und ausführten. Um solcher Worte willen konnte Jesus nicht volkstümlich, nicht beliebt sein, sondern mußte seinen Weg, der mit dem Kreuze endigte, von allem Volk verlassen, allein gehen. Denn wir dürfen uns nicht täuschen: Wenn Jesus in solchen Worten scheinbar Partei ergriffen hat für die Zöllner und Huren, für die gemeinen Menschen im schärfsten Sinn dieses Wortes, so hat er damit etwas getan, was auch sie im Grunde nicht verstanden. Auch sie hätten ihn besser verstanden, wenn er ihnen Buße und Besserung gepredigt und vielleicht gleichzeitig irgend etwas Freundliches und Vernünftiges zur Erleichterung ihrer Lage getan hätte. Auch sie hatten ihm schließlich wenig Dank dafür, daß er von ihnen sagte, sie kämen vor den Anderen, vor den Pharisäern und Schriftgelehrten ins Reich Gottes. Auch sie konnten ihn im Grunde nur kopfschüttelnd gehen und machen lassen zu seinem eigenen Verderben. Also die Hohen und die Niedrigen, die Frommen und die Unfrommen, die Guten und die Bösen standen um solcher Worte willen Jesus fremd gegenüber. Waren die Ersten gegen ihn, so waren doch die Letzten auch nicht für ihn. Der Unterschied ist vielleicht nicht so groß gewesen. Um solcher Worte willen muß sich Judas Ischarioth, dieser rätselhafteste, man könnte aber auch sagen: dieser natürlichste Mensch im ganzen Neuen Testament zuerst innerlich von |38 Jesus abgewandt haben, bis er ihn dann auch äußerlich verriet, Judas Ischarioth, der etwas getan hat, was doch wenigstens in der Seele auch aller anderen Jünger Jesu nichts Unmögliches war, auch wenn sie es nicht getan haben; denn als Jesus mit ihnen über diese Tat redete, da fragten sie alle, ohne Ausnahme: Herr, bin ich’s? Meinst du mich? [Mt. 26,22 par.]. Es ist offenbar allen Menschen in Jesus etwas Fernes, Unbegreifliches, Anstößiges erschienen, und in solchen Worten wie den vorgelesenen ahnen wir es, was das gewesen sein mag. Jenseits von dem, was alle Menschen meinten, suchten und wollten, lag das, was er meinte, suchte und wollte. Einsam und verlassen mußte der seinen Weg gehen, der solches sagen konnte. Es blieb den Anderen einfach nichts übrig, als ihn zu kreuzigen: er hatte keinen Platz neben ihnen, oder sie hatten keinen Platz neben ihm. Die Einen haben das Nötige dazu getan, die Anderen haben es schweigend und erschrocken geschehen lassen. Der Unterschied dürfte auch hier so groß nicht sein.
2.
Und das ist sicher: wenn heute, in unserer Zeit, das wieder herauskäme, was in solchen Worten Jesu steckt, wenn es wieder ausgesprochen und gehört würde, das, was Jesus da gesagt hat: die Zöllner und Huren kommen vor euch ins Himmelreich, wenn heute irgendwo, auf einer Kanzel, in einer Zeitung, in einem Privatgespräch, in einem Buch, diese Posaune des jüngsten Gerichts [vgl. Mt. 24,31 u. ö.] wirklich geblasen würde, dann müßte und würde sich die ganze menschliche Gesellschaft wie ein Mann dagegen auflehnen, einstimmig müßte und würde die Antwort ertönen: das nicht! das wollen wir nicht!, und es würde dem, der solches wagen würde, wohl auch nicht viel Anderes übrig bleiben, als sich kreuzigen zu lassen, denn für das ist in der Welt kein Platz, es wäre denn das Umgekehrte, daß die Welt daneben keinen Platz mehr hat. Wenn dieser einmütige Protest gegen das Christentum heute nicht erfolgt, so kommt das nur davon her, weil das heutige Christentum und Jesus sehr zweierlei ist, weil im heutigen Christentum die Posaune des jüngsten Gerichts durchaus nicht geblasen wird. Würde Jesus selbst wieder erscheinen in dem, was man heute Christentum nennt, dann müßte und würde sich auch dieser Protest wieder erheben. |
Halt! müßten dann auf einmal alle diejenigen rufen, die heute das Christentum vertreten, verbreiten und verteidigen, alle offiziellen |39 Kirchen, alle christlichen Gemeinschaften, Parteien und Missionen: Halt, so haben wir’s nicht gemeint. Das ist vielmehr das Gegenteil von dem, was wir meinen. Das greift vielmehr dem, was wir meinen, an die Lebenswurzel. In das Reich Gottes, in das die Zöllner und Huren vor uns eingehen, vor uns, den Ernsten, Überzeugten, schon Bekehrten und Belehrten, vor uns mit unserem guten Willen und unserer besseren Einsicht, in dieses Reich Gottes wollen wir gar nicht eingehen. Damit haben wir nichts zu schaffen. Kreuzige ihn! [Mk. 15,13 par.] |
Halt! müßten aber auch alle die sagen, die heute das Christentum wenigstens dulden, anerkennen, verstehen als eine nicht ganz unnützliche und verkehrte Sache, alle ruhig, praktisch, erzieherisch, politisch, wissenschaftlich Denkenden. Halt! müßten sie sagen: die Zöllner und Huren gehen vor den Gerechten ins Reich Gottes, die Bösen vor den Guten, die Leichtsinnigen vor den Ernsten, halt, das geht zu weit, da hört Alles auf, das ist gefährlich. Da muß man dagegen sein, auch wenn man nicht einseitig religiös ist. Ans Kreuz mit ihm! |
Ja, und wenn nun Jesus heute wie damals scheinbar Partei ergreifen würde für die Zöllner und Huren, sagen wir also: für die blutbefleckten Bolschewiki, vor denen uns Gott behüte, für die Reichen, die es sich, ohne mit der Wimper zu zucken, bei ihrem mit Unrecht erworbenen Gut wohl sein lassen – denn solche Reichen sind die Zöllner gewesen -, für die Armen, die immer wieder arm sein werden, weil sie nicht hauszuhalten und zu sparen wissen, weil sie so unbegreiflich in den Tag hinein leben, für das leichtsinnige Fastnachtspublikum, das eben in diesen Tagen1 Millionen zum Fenster hinauswirft und nicht nur Millionen, sondern Ehre, Anstand, Menschenwürde und gutes Gewissen, für all die Unzähligen hoch und niedrig, über deren Glauben oder vielmehr Unglauben und Leben oder vielmehr Nicht-Leben man ganz unbedingt nur den Kopf schütteln kann, wenn Jesus heute auftreten und sagen würde, diese würden vor euch ins Reich Gottes eingehen, vor dir, dem christlichen Pfarrer auf der Kanzel, und vor euch, diesem christlichen Publikum, und vor all den Anderen, die wahrhaftig eine bessere, höhere, reinere, edlere Lebensauffassung und Lebenshaltung haben als diese – warum steht jetzt niemand auf und |40 geht zornig hinaus, wenn ich auch nur diese Möglichkeit erwähne, daß Jesus heute das wieder tun könnte, was er damals tatsächlich getan hat? – aber nicht wahr, davon sind wir alle überzeugt, auch diese Menschen, die heute den damaligen Zöllnern und Huren entsprechen, würden ihn heute wie damals wohl freundlich einen Augenblick anhören, erstaunt darüber, einmal keine Bußpredigt zu hören, erstaunt, daß sie auf einmal die Rechten seien; sie würden wohl im Stillen ein wenig lächeln: wenn der eine Ahnung hätte, wer wir eigentlich sind! - sie würden aber im Grunde ebenso befremdet sein über solche Worte wie die christlich und moralisch Gesunden auf der anderen Seite der Gesellschaft, sie würden Jesus kaum danken dafür, daß er sich auf ihre Seite stellt, und sie würden, wenn sein Weg dann wieder mit dem Kreuze endigte, vielleicht etwas bedauernd und gerührt, aber im letzten Grunde doch unbeteiligt und verständnislos dem seltsamen Schwärmer nachsehen, der sie nicht verurteilt, sondern merkwürdigerweise ihnen, gerade ihnen eine besondere Stufe des Gottesreiches zugesprochen hatte. |
Es würden aber weiter auch alle wirklichen Jünger Jesu, alle die Geweckten [?], Begeisterten, Eifrigen, Wartenden, all die heute nicht ganz Seltenen, die sich Jesus und Jesus allein! zur Parole gemacht, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Christus und seinen Geist der Liebe, der Gerechtigkeit, des Friedens hineinzutragen in ihr persönliches Leben und in das Leben der Gesellschaft, in die politischen und wirtschaftlichen Zustände, die mit Freude und Ernst sein Licht in sich aufnehmen und leuchten lassen möchten vor den Leuten [vgl. Mt. 5,16], ich denke an die christliche Bewegung, die sich heute unter allerlei Formen unter der Jugend unserer großen Städte bemerkbar macht, es müßten und würden auch alle derartigen Menschen jenes Halt! hören, das damals die Jünger Jesu offenbar gehört haben, als sie alle (alle!) ihn verließen und flohen, als Petrus ihn verleugnete [Mk. 14,68-72 par.] und Judas ihn verriet [Mk. 14,43f. par.] – wenn sie von Jesus hören müßten: Die Zöllner und Dirnen werden vor euch in das Reich Gottes gehen! Denn wenn Jesus das meint, was wird dann aus der ganzen Bewegung, wie kann man dann sich daran noch beteiligen, arbeiten, kämpfen? Dann sind ja die die Erwachten, die wir Schlafende nennen möchten, dann haben ja die recht, die wir bekämpfen möchten, dann ist ja denen schon geholfen, denen wir helfen |41 möchten, dann wissen ja die viel mehr als wir, die wir mit allem Eifer aufklären und gewinnen möchten. Dann geht ja offenbar Christus an uns, die wir doch so voll Christusgeist sind, vorbei mit seiner Sache, oder aber wir müssen uns sagen, wie Judas es sich offenbar gesagt hat: Wenn das deine Sache ist, Christus, dann haben wir uns geirrt in dir, es tut uns leid: wir sind voll Glut, voll Liebe und Vertrauen, voll Erwartung zu dir gekommen, du aber hast uns Steine statt Brot gegeben [vgl. Mt. 7,9]; wir sind enttäuscht, von jetzt an, Christus, werden wir an dir vorbei unsere eigenen Wege gehen.
Liebe Freunde, meint ihr, daß Jesus unter uns auch nur um ein Haar weniger einsam und verlassen (von allen Seiten verlassen) sein würde als unter den damaligen Menschen? Hat er’s nicht selbst gesagt: Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, daß er auch Glauben finden werde auf Erden? [Lk. 18,8]. Er müßte unter uns sterben, an uns sterben, so gut wie er an den damaligen Menschen gestorben ist - er, der wirkliche Jesus nämlich, der Jesus, der z. B. das Wort von den Zöllnern und Huren gesprochen hat.
3.
Was sollen wir sagen zu diesem unerhörten Wort? Es gibt nur eine Erklärung dafür, und diese Erklärung ist keine Erklärung. Sie erklärt uns nur, wie unerklärlich es ist. Diese Erklärung ist das Kreuz. Der Mann, der dieses Wort gesprochen hat, ist im Unterschied zu uns allen ein Sterbender. Was er meint, sucht und will, liegt in der Tat jenseits dessen, was wir alle meinen, suchen und wollen. Er verkündigt weder dies noch das, was Menschen tun können, er verkündigt den Anfang, der dort stattfindet, wo alles, was Menschen tun, zu Ende ist. Er rechtfertigt weder die Guten um ihrer Gerechtigkeit willen, noch die Bösen um ihrer Ungerechtigkeit willen, er rechtfertigt Gott, der der Gott der Guten und der Bösen ist [vgl. Mt. 5,45]. Er zeigt nicht auf etwas Mögliches, sondern auf etwas Unmögliches, er geht an allen Lebenserscheinungen vorbei, um den Tod zu erleiden, und als ob er ihn schon erlitten hätte, blickt er zurück auf all die verschiedenen Lebenserscheinungen und sieht sie sehr nahe beieinander. Er ergreift also wirklich auch in dem Gleichnis von den zwei Söhnen und in dem Wort von den Zöllnern und Huren nur scheinbar Partei für die einen gegen die anderen. Nur scheinbar sieht es so aus, als ob Jesus da einfach das oberste zuunterst kehre, wie man es früher mit den Sanduhren mach|42te, als ob er in einer merkwürdigen Einfalt plötzlich die Guten die Bösen und die Bösen die Guten nenne. Das wäre ein sehr bequemer und etwas leichtsinniger Einfall, den Andere auch schon gehabt haben. Daß Jesus es nicht so gemeint hat, daß er viel weiter sah, sehen wir schon daran, daß es dem gemeinen Volk gar nicht einfiel, für ihn Partei zu nehmen, sich um ihn zu scharen, ihm im Ernst Gehör zu schenken, sie so wenig wie die, gegen die er da scheinbar auftrat. Er ging in Wahrheit mitten durch sie alle hinweg, durch die Pharisäer und Schriftgelehrten und durch die Zöllner und Huren [vgl. Lk. 4,30]. |
Das Gleichnis von den zwei Söhnen ist ein Gleichnis, nicht eine Gleichung, ein Hinweis auf eine Gottesordnung, nicht eine Abbildung der menschlichen Wirklichkeit. Sein Sinn und Inhalt ist wirklich nicht der, daß zuletzt dann doch wieder Einer dasteht als gerühmt und der andere als getadelt, der eine im Recht und der andere im Unrecht, der eine hoch und der andere niedrig. Jesus hat es mit seinem «Was dünkt euch aber …, welcher von den zweien hat des Vaters Willen getan?» den Pharisäern überlassen, auf ihre Weise diesen Schluß daraus zu ziehen. «Der Erste» – ja natürlich, das war leicht zu erraten. Nein, dieses Gleichnis und auch das Wort von den Zöllnern und Huren fängt die Weltgeschichte, die ewige Weltgeschichte von den Unterschieden zwischen uns Menschen nicht wieder von vorne an, nur daß jetzt zur Abwechslung die Braven schlimm und die Schlimmen brav dastehen. Dieses Gleichnis sagt, daß die Weltgeschichte, diese Weltgeschichte aus ist. |
Da stehen die Menschen alle mit ihren so ganz verschieden gerichteten Leben. Das Leben der Einen ist gleichsam ein lautes, mächtiges, ehernes [?] Ja, wohlverstanden nicht nur ihre Worte und Gedanken, sondern ihr Leben, ihr ganzes Dasein, die Richtung ihres Herzens und Wollens. Sie sind im Ernst, in allem menschlichen Ernst auf Gott gerichtet. Wir müssen, wenn wir von den Pharisäern und Schriftgelehrten reden, an die besten, frömmsten, aufrichtigsten Menschen denken, die wir kennen, und an unsere eigenen besten Augenblicke. Das Leben der Anderen ist gleichsam ein lautes, wüstes, häßliches Nein, wie es nur das Nein eines trotzigen, ungehorsamen Sohnes sein kann. Wohlverstanden nicht nur äußerlich, sondern innerlich, bis in die Seele hinein: Nein! Nicht Liebe, nicht Gerechtigkeit, nicht Friede. Nicht irgend etwas, auch nicht zu allerhinterst im Menschen, was |43 vertrauens- und rühmenswert wäre. Nicht irgend eine schöne Regung in einer dunklen Seele. Es gibt solche, aber Jesus meint nicht das. Er meint wirklich, daß es Menschen gibt, die im Großen Ganzen entschieden Nein sagen. Aus diesem Ja und Nein der Menschen setzt sich die Weltgeschichte zusammen. Die Guten sind gut und werden immer besser, die Bösen sind bös und werden immer schlechter. Das ist unsere Wirklichkeit, unsere ganze, große menschliche Herrlichkeit, dieses Unterscheiden. Stolz und zufrieden sehen die Einen auf ihr Ja und meinen, das sei nun etwas Höchstes und Letztes, daß sie solche Ja- Menschen sind. Und stolz und zufrieden sind Manche auch in ihrem Nein und halten es ihrerseits für etwas Großes, daß sie Nein-Menschen sind. Das ist eben das Menschliche, daß wir das Ja und Nein der Menschen für das Leben halten. |
Und nun sagt uns Jesus das Göttliche, daß es noch eine ganz andere Frage gibt, nämlich die, welcher von den zwei Söhnen den Willen des Vaters tut, nicht nur Ja oder Nein sagt, sondern tut. Ja, was heißt das: den Willen Gottes tun, wenn es auch bei dem höchsten, besten, frömmsten Leben, dem stärksten Ja-Leben immer noch die Frage sein soll, ob denn nun der Wille Gottes getan ist? Und wenn es auch bei dem wüstesten, bösesten Leben, bei dem stärksten Nein-Leben immer noch die Frage sein soll, ob da nicht der Wille Gottes tatsächlich getan ist? Was heißt das, den Willen Gottes tun, wenn das eine Frage ist, die so gleichmäßig an die Ja- und an die Nein-Menschen gestellt ist? Was ist das, was Jesus da an uns Menschen alle heranbringt, indem er von dem Nein-Menschen sagt, daß er des Vaters Willen tat, und ihn also heraufhebt aus seiner sündigen Tiefe, und von dem Ja-Menschen, daß er des Vaters Willen nicht tat, und ihn also herunterholt von seiner gerechten Höhe? Was ist das, was da so übermächtig auf uns eindringt, wenn Jesus die natürliche, die gewohnte Reihenfolge wie im Spiel umkehrt und sagt, daß die Zöllner und Huren vor den Pharisäern und Schriftgelehrten ins Reich Gottes gehen werden? Warum hat er die Letzten so furchtbar gekränkt, und warum sind offenbar auch die Ersten davor zurückgeprallt und haben sich gar nicht so verhalten, als ob Jesus nun etwa ihnen recht gegeben hätte? Offenbar darum, weil da die Menschen vor die Erkenntnis gestellt werden, daß das Tun des Willens Gottes das Unmögliche ist, daß da alle Reihenfolge aufhört, daß man da ebensogut AB als BA sagen kann; offenbar darum, weil da |44 wirklich die Posaune des jüngsten Gerichts geblasen wurde, die den Menschen sagt, daß der Mensch mit seiner Herrlichkeit etwas ist, das überwunden werden muß2, offenbar darum, weil da die Menschen alle vor Gott gestellt werden, und vor Gott muß der Mensch sterben. Denn wenn ich nicht mehr stolz und zufrieden sein kann in meinem Ja oder Nein, wenn die Lebensfrage nicht damit erledigt ist, daß ich für mein Ja belobt und für mein Nein getadelt werde, wenn das alles, was ich bin und was im Guten oder Bösen meine Herrlichkeit ist, auf die Seite gewischt wird, wenn die Frage an mich gerichtet wird: Ja, tust du denn Gottes Willen? Ja, was sagt denn Gott dazu, was du bist?, dann muß ich mich entweder ganz furchtbar wehren gegen diese höchst beunruhigende Frage, oder aber es fängt ein großes Sterben an, ein Sterben meines Selbstbewußtseins und Selbstvertrauens, ein Sterben meiner Sicherheit und Zuversicht, ein Sterben des Glanzes, den wir alle festhalten möchten bei jedem auch nur in Gedanken ausgesprochenen Sätzchen, das mit «ich» anfängt. |
Es ist klar, daß es die Nein-Menschen dann insofern leichter haben, als sie weniger zu verlieren haben, und darum hat Jesus nicht nur im Spiel, sondern im Ernst gesagt: die Zöllner und Huren werden vor euch in das Reich Gottes gehen. Es ist bei denen, die schon unter und in einem Nein stehen, leichter, wahrscheinlicher, daß sie sich unter das große göttliche Nein beugen, als bei denen, die schon unter und in einem menschlichen Ja stehen. Es ist bei ihnen wahrscheinlich Alles gelöster, lockerer, reifer zum Zusammenbruch, reifer für das Ende des Menschen. Aber sterben müssen auch sie. Der große Sprung, die große Schwierigkeit bleibt auch ihnen nicht erspart. Ein Vorrecht haben also auch sie nicht. Alle Menschen stehen, wenn sie mit Jesus zu tun bekommen, vor der unerhörten Notwendigkeit, daß nicht nur ihre Sünde, ihr Böses, Weltliches, Gemeines und auch nicht nur ihr Stolz und ihre Sicherheit, sondern schließlich sie selbst sterben müssen, um zu leben. Diese Notwendigkeit ist das Unerhörte in dem Wort von |45 den Zöllnern und Huren, das Ferne, Fremde, Anstoßerregende an Jesus überhaupt. Entweder wir lernen es zu sterben, oder dann heißt es heute wie damals: Kreuzige ihn!
4.
Sterben ist ein hartes, schreckliches Wort. Aber, meine Freunde, das eigentlich Harte und Schreckliche ist nicht das Sterben, sondern das Leben, das da sterben sollte, das Leben mit seinem scheinbaren Ja und Nein, mit dem wir doch den Willen Gottes nicht tun, das Leben mit seinen scheinbaren Gegensätzen, wo wir bald im Guten, bald im Bösen vergessen, daß wir [vor] Gott stehen, und damit bald im Guten, bald im Bösen ohne Gott leben3, das Leben mit seiner Herrlichkeit, die bald Pharisäerherrlichkeit ist und bald Fastnachtsherrlichkeit, nur nie Herrlichkeit Gottes. Sterben ist nur darum so hart und schrecklich, weil unser Leben so hart und schrecklich ist. Sterben selbst ist der Ausgang und Übergang zum wirklichen Leben. Sterben ist Überwindung dieses Lebens, die Erlösung, die Versöhnung, der Anfang des Reiches Gottes. Ahnen wir, warum Jesus sterben mußte, sterben wollte? Ahnen wir, was für eine Last er mit unserem Sterben auf sich genommen, getragen, hinweggetragen hat? Ahnen wir, daß er mit seinem Sterben den großen Schritt getan hat für uns alle, für die Pharisäer und für die Zöllner und Huren, den Schritt aus der Welt zu Gott, durch den es hell werden soll in unserem Herzen: Also hat Gott die Welt geliebet … [Joh. 3,16].
- Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 1-3 (RG
[1998] 240,1-3; EG 326,1-3)
- Nr. 117 «O Lamm Gottes, unschuldig», Strophen 1-3, von N. Decius (Str. 1) und
«nach Dresden 1736» (Str. 2.3) (RG [1998] 437 mit Textabweichungen in Str. 2.3; EG
190.1 Str. 1.-.-)