Matthäus 22,15–22
1.
Diesen Text zu erklären und zu verstehen, ist darum so schwer, weil er so unheimlich viel enthält. Scheinbar hat Jesus nur eine besondere Antwort auf eine besondere praktische Frage gegeben, auf die Frage, ob es recht sei, dem römischen Kaiser die Steuer zu bezahlen. In Wirklichkeit hat Jesus vom ganzen Leben geredet: von Gott und den Menschen, von Zeit und Ewigkeit, von Gottes Zorn und Barmherzigkeit, und mitten aus seinem Wort blitzt unerhört hell, so daß wir sehen müssen, was wir doch nicht sehen können, das Geheimnis von Tod und Auferstehung. Wir verstehen, daß es von seinen Mitunterrednern heißt: da sie das hörten, verwunderten sie sich, ließen ihn und gingen davon. Sie spürten in seinen Worten etwas, mit dem sie sich lieber nicht näher einlassen wollten. Und wir spüren auch etwas von diesem Etwas, wenn wir über diese Worte nachdenken: Hinaus und hinweg mit denen, denen es nicht ganz ernst ist, deren Fragen doch keine gründliche Antwort wollen, die seufzen und ernste Gesichter |47 machen und doch im Grund mit dem Leben nur spielen wollen, die krank sind und doch nicht gesund werden wollen. So heißt es da, und darum haben jene Frager Jesus fluchtartig verlassen wie so manche Andere, wie ein Kind schreiend davonläuft, wenn es einen elektrischen Strom berührt hat. Auf der anderen Seite heißt es freilich auch hier: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! [Mt. 11,28]. Wer Ohren hat zu hören, der höre! [Mk. 4,9 par.]. Wir wollen uns freuen, wenn wir wenigstens in Worten etwas zu hören bekommen.
2.
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Was hat Jesus eigentlich gesagt mit diesen Worten? Er hat damit gesagt, daß Gott und der Kaiser in Rom zwei ganz und gar ungleiche Partner seien. Sie einander gegenüberzustellen mit der Frage: Wer hat mehr Macht, wem sollen wir mehr gehorchen? hat keinen Sinn. Das Verhältnis zum Kaiser hat mit dem Verhältnis zu Gott darum nichts zu tun, weil das Verhältnis zu Gott in ganz unvergleichlicher Weise das erste, das grundlegende, das Alles umfassende und bestimmende ist. Wo das Verhältnis zu Gott besteht, da kommt auch das Verhältnis zum Kaiser in Ordnung, und zwar von selbst, und zwar in die rechte Ordnung. Wo das Verhältnis zu Gott nicht besteht, da hat es erst recht keinen Sinn, über das Verhältnis zum Kaiser zu reden; es ist dann sowieso nicht in Ordnung. Man könnte dann ebensogut fragen, ob man, wenn man einmal unter einem Dach ist, im ersten oder im zweiten Stock mehr vom Himmel sieht, oder ob es besser sei, von einem Porzellan- oder Zinnteller zu essen, wenn man überhaupt nichts zu essen hat. Die Frage: ist es recht, dem Kaiser den Zins zu geben? hat also keinen Sinn. Sie zeugt nur davon, daß die so fragen, nicht wissen, was das bedeutet, wenn etwas recht ist, daß sie ein Verhältnis zu Gott nicht haben und nicht einmal kennen. Hätten sie es oder kennten sie es doch, sie würden überhaupt nicht fragen. Keinen Sinn haben also Fragen wie etwa die: kann man an Gott glauben und zugleich einmoderner, wissenschaftlich denkender Mensch sein? kann man Gott gehorchen und zugleich in einer Partei sein?2 Kann ich Gott gehorchen und zugleich mit Freude und Eifer meinen menschlichenBeruf |48 erfüllen? Kann ich Gott die Ehre geben und zugleich meine kleinen täglichen Pflichten erfüllen? Kann ich Gott die Ehre geben und zugleich mit den und den Menschen verkehren? Das können zwar für uns sehr brennende Fragen sein, wie die Frage wegen des Kaisers für die damaligen Juden eine sehr brennende war. Wir können aber nur dann eine Antwort darauf bekommen, wenn wir einsehen, daß esFragen sind, die keinen Sinn haben, daß wir da zwei Dinge nebeneinander stellen, die gar nicht zu vergleichen sind, weil immer das erste: Gott das zweite ganz und gar überragt, aufhebt und in sich schließt und weil das zweite für sich genommen sowieso nichts mit Gott zu tun hat. Weißt du denn, was überhaupt recht ist, hast du den Sinn für das Recht? Das ist die Frage! Weißt du denn, wer und was Gott ist? Weißt du denn, daß Gott nicht Eins neben Anderen ist, sondern das Ein und Alles? Weißt du, daß Gott unvergleichlich hoch und groß über Alle ist? Weißt du, daß er der Anfang und das Ende ist [Apk. 1,8 u. ö.]? Weißt du, daß man für Gott und mit Gott nicht etwas tun kann oder auch etwas Anderes, sondern nur entweder Alles oder gar nichts? Weißt du, daß Gott geben, was Gottes ist, heißt: dich selbst geben, dich selbst hingeben, dich selbst verlieren an ihn, so daß es ist, als ob du gestorben wärest und nur noch sein Leben leben kannst, das dann aber nicht dein Leben ist? Weißt du, daß vor Gott nichts, gar nichts Anderes wichtig, wahr und dringend sein kann, daß alles, was du bist und tust, entweder klar ist in ihm oder Finsternis, entweder gut in ihm oder böse, entweder geleitet und geordnet von ihm oder Unordnung und Willkür? Weißt du denn, daß du als der, der du bist, als Mensch, vor Gott sowieso im Unrecht bist und daß das Recht in deinem Sein und Tun sowieso nur ein Widerschein und Abglanz von seiner Gerechtigkeit sein kann? Weißt du das alles, wie kannst du dann noch fragen, wie es stehe zwischen Gott und dem Kaiser, zwischen Gott und den und den Dingen? Siehst du nicht, daß zwischen Gott und den und den Dingen kein Streit, kein Widerspruch sein kann, weil Gott immer schon zuerst da ist, wohl aber zwischen Gott und dir, weil du es vielleicht noch nicht erkannt hast, daß Gott auch für dich zuerst da sein muß? Und daher kommen dann deine Fragen.
3.
3 Zweierlei geschieht, wenn der Mensch in das Licht Gottes tritt. Es geschieht erstens ein großer Angriff auf alle die Dinge, die scheinbar neben ihm Geltung und Macht haben wollen. Sie erscheinen in ihrer Blöße. Es zeigt sich ihre Grenze. Gebt dem Kaiser (nur!), was des Kaisers ist! Stärkere Revolution als alle äußere. Alles hat sein Recht, aber jedes Recht hat seine Schranken. Nichts ist ganz groß, ganz gut, ganz ernst. Alles ist unterhöhlt, angefressen. Alles kommt ins Wanken. Wir leiden unter diesen Dingen neben Gott. Wie sollen wir Hoffnung bekommen? Dadurch, daß wir Gott über sie stellen, dann wird Alles bewegt und leicht [?]. Keine Sicherheit. Kein Unbedingtes, nicht einmal der eigene Schmerz und Zorn dagegen. Geh als solch beunruhigter Mensch hinein. Wie einfach wäre Alles, wenn wir wüßten, nichts ist das Letzte. Scheinbar wird uns Alles genommen, in Wahrheit Alles gegeben. Es bekommt seine Beziehung wieder, auch wenn wir sie noch nicht durchschauen.
4.
4 Das zweite, was wir bekommen, ist eine große Geduld. Das kleine Recht, das die Dinge offenbar haben, ist ihr Recht. Keine Gefahr dabei, wenn wir von dem großen Angriff herkommen. Zeigt mir die Münze! Eine demütigende, aber notwendige Einsicht. Bist du denn tatsächlich frei? Nein! Also warte! Du weißt ja, daß es nicht das Letzte ist. In Ermangelung eines Besseren bekommt der Kaiser sein Recht. Wer weiß, daß das Kleine klein ist, der kann sich dann auch damit abgeben. Unsere Ungeduld, mit der wir über das Leben hinaus möchten, ist nur das Zeichen, daß wir das Große noch nicht kennen. Wer es kennt, der stellt sich mitten hinein und trägt und hofft.
5.
Wir spüren, daß diese Haltung nicht selbstverständlich ist. Gott ist uns eben nicht selbstverständlich, das ganz Ungleiche, Überlegene Gottes: daß Gott der Erste und Letzte ist [Apk. 1,11.17; 2,8]. Wir sehen Gott irgendwo neben den Dingen, und dann ist Alles verwirrt und schwierig, wir fahren hin und her zwischen der Anbetung des Wirklichen und seiner Verachtung. Wir sind weder radikal noch geduldig. Das Verhältnis zu Gott erfordert einen anderen Menschen. |50 Darum haben sich die Juden über Jesus verwundert und ihn schließlich gekreuzigt. Und dazu hat sich Jesus kreuzigen lassen. Hat keine Antwort gegeben auf die brennende Frage unseres Lebens, sondern ist einem neuen Leben entgegen gegangen. Der mit Gott versöhnte Mensch, der eine Hoffnung hat. Darum [ist] das Kreuz die Botschaft von der Versöhnung und Hoffnung. Jesus konnte so reden, weil er dem Tode entgegen ging. Kommt! Wen da dürstet, der trinke [vgl. Apk. 22,17]!
- Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit» nach Ps. 36,6-12 von J. Stapfer, M. Jorissen
und J. J. Spreng (RG [1998] 27)
- Nr. 124 «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von Chr. R. von Zinzendorf (GERS
[1952] 155)