Matthäus 21,12–17
1.
Jesus ging in den Tempel. In die Kirche, würden wir heute sagen. Ich könnte mir
denken, daß Einer bei diesem Anlaß etwa so zu Jesus geredet hätte: Ich verstehe nicht,
warum du dorthin gehst! Warum gerade du, gerade dorthin? Was
suchst du noch in diesem Haus? Hast du nicht selbst gesagt, daß, der Gott anbete, müsse ihn im Geist und in der Wahrheit
anbeten [
2.
Ja, Jesus ging in den Tempel. Und ich könnte
mir denken, daß ein Anderer bei diesem Anlaß etwa so zu Jesus geredet hätte: Ich
verstehe nicht, wozu du hieher kommst! Warum gerade du, gerade
hieher? Du |23 weißt doch, was dich erwartet, wenn du hieher
kommst. Wir arbeiten hier mit allem Ernst, mit allem Fleiß, mit aller Demut für das
Reich Gottes, jawohl für das Reich Gottes,
von dem du soviel redest. Wir arbeiten hier mit aller Hingabe, Aufmerksamkeit und Liebe
für die Menschen, jawohl für die Menschen, für die du so eifrig Partei nimmst. Wir
wissen wohl, daß wir damit wenig Dank und Anerkennung ernten, wir wissen wohl, daß wir
mächtige Vorurteile, Feinde und Widerstände gegen uns haben, aber wir haben den Glauben
an die gute Sache und lassen uns nicht irre machen. Du aber, du hast bis jetzt nur
kritisiert und nichts von dem allem getan, was willst denn du hier? Ja, wir wissen, daß unser Tun auch nur Menschenwerk ist, wir haben auch unsere Sünde, und wir erschrecken darüber, wie wenig wir ausrichten und wie
sehr uns allen die Hauptsache fehlt, wir sind nicht blind für alles das, was man uns
vorwirft, wir sehnen uns auch nach etwas
Wahrerem, Größerem, Göttlicherem, als das ist, was heute in der Kirche geschieht, aber unterdessen geben wir uns Mühe, zugleich das
Alte nicht verderben zu lassen, denn es liegt ein Segen darin [vgl.
3.
Und Jesus ging in den Tempel. Obwohl er doch
sicher, von beiden Seiten betrachtet, ernste Gründe hatte, nicht dorthin, sondern um den
Tempel herum seinen eignen Weg zu gehen. Er ging in den Tempel, als ob das
selbstverständlich sei, als ob es gar nicht anders sein könne, als ob er gerade dort
hingehöre und seine Stellung habe. Wir denken daran, wie er sich schon als 12-jähriger
Knabe zu Füßen der Schriftgelehrten setzte und seinen erstaunten Eltern antwortete: muß
ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist [
4.
«Er trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer und sprach zu ihnen: Mein Haus soll ein Bethaus heißen, ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht.» Der Markt im Tempel war nicht etwa ein Mißbrauch, sondern ein schöner Gebrauch. Er diente ja dem Opfer, dem Gottesdienst: die Pilger aus der Nähe und Ferne mußten Gelegenheit haben, einzukaufen, was sie Gott darbringen wollten. Die Viehstände und die Wechseltische waren sicher für jedermann ein erfreulicher und erbaulicher Anblick: man sah ja daraus, wie stark das religiöse Leben war, je stärker der Absatz, je lebhafter der Betrieb, um so mehr. Auch die, die etwa nicht zu den Frommen, sondern eher zu den Kritikern des Tempels gehörten, nahmen daran keinen Anstoß, sondern sahen eher mit einem gewissen Neid zu: das muß man ihnen lassen, es läuft etwas bei ihnen. Und die Frommen selbst hatten gerade daran den größten Genuß von ihrer Frömmigkeit, daß sie so bis an die Stufen des Altars Juden sein und bleiben durften. Der Markt im Tem|25pel war ein schöner Übergang vom gewöhnlichen Leben zum Beten. Eben hatte man sich noch unterhalten, mit dem Geld geklimpert, die Reichen mit ihrem vielen und die Armen wenigstens mit dem, was sie hatten, ganz menschlich, fast wie alle Tage und doch schon im Vorgefühl der Nähe des Heiligtums und im Bewußtsein, ein gutes Werk zu tun, und dann war man auf einmal ein Beter [?], vor Gott, man wußte selbst nicht wie, ganz leicht, auf ganz ebenem Weg war man ans Ziel gelangt. Alle menschlichen Bedürfnisse, Wünsche und Freuden waren gleichsam mitgekommen bis an die Schwelle Gottes, und diese [?] war nun [?] auf einmal erreicht, und daß man dann betete, das war nur das Krönlein, der I-Punkt auf das sonstige Tun und Treiben der Menschen. Hätten nicht auch die Gegner des Tempels sich sagen müssen: Da haben wir’s ja, was wir auch meinen und suchen: die Wirklichkeit Gottes mitten im täglichen praktischen Leben? Und könnten sich die Freunde des Tempels nicht rühmen: Seht, wie einfach und sicher und leichtverständlich da die Menschen zu Gott geführt werden!5