23. Januar 1921

Matthäus 21,12­–17

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552A
Matthäus 21,12­–17
[Und Jesus ging zum Tempel Gottes hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: «Mein Haus soll ein Bethaus heißen»; ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht. Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Da aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten sahen die Wunder, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrieen und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, wurden sie entrüstet und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen: «Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du Lob zugerichtet»?]

1.

Jesus ging in den Tempel. In die Kirche, würden wir heute sagen. Ich könnte mir denken, daß Einer bei diesem Anlaß etwa so zu Jesus geredet hätte: Ich verstehe nicht, warum du dorthin gehst! Warum gerade du, gerade dorthin? Was suchst du noch in diesem Haus? Hast du nicht selbst gesagt, daß, der Gott anbete, müsse ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten [Joh. 4,24]? Hast du nicht selbst gesagt, daß von den Steinen dieses Hauses keiner auf dem anderen bleiben werde [Mk. 13,2 par.]? Was soll dir dies Haus? Was soll dir der übermütige Anspruch: hier ist der Tempel des Herrn [Jer. 7,4]? Was bekennst du dich zu dem Althergebrachten, Gewohnheitsmäßigen, das doch der Feind des Neuen und Besseren ist2, das du selbst verkündigst? Wer wird dich verstehen, wenn du ein Neues vertrittst und verkündigst, das doch mit diesem Tempel, mit dem Opfer, das da dargebracht, und mit den Gebeten, die da gemurmelt, und mit den Zeremonien, die da |22 gefeiert werden, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, und machst doch gleichzeitig all dieses Alte mit und gibst ihm vielleicht durch deine Gegenwart und Teilnahme für Manche neuen Reiz3 und Glanz? Hast du nicht selbst gesagt, man solle neuen Wein nicht in alte Schläuche schütten [Mk. 2,22 par.]? Warum unterstützest du die offenkundige Heuchelei so Vieler, der Meisten, die dorthin gehen? Ist’s nicht klar, daß sie bloß eine besondere Art von Unterhaltung dort suchen für ihre Langeweile oder etwas damit scheinen wollen vor den Leuten [vgl. Mt. 6,16] oder endlich ihr eigenes Gewissen wieder einmal beruhigen wollen mit einem guten Werk oder Gedanken? Ist’s nicht klar, daß die Kirche zu allen Zeiten eine von den Mächten gewesen ist, die die Wahrheit, den Fortschritt, die Bewegung der Menschheit aufhalten? Hast du nicht selbst gesagt, daß die Zöllner und Huren vor euch, vor euch Kirchenleuten ins Himmelreich gehen werden [Mt. 21,31]? Und du, du gehst in die Kirche, mit den Kirchenleuten? Ja, und sogar wenn Alles ehrlich und aufrichtig zuginge bei denen, die dorthin gehen, sogar wenn die Kirche weit offen wäre für alle freiheitlichen, erneuernden, lebendigen Gedanken, sogar wenn ihre Führer den besten Willen hätten, wirkliche Führer der Menschheit zu sein und nicht immer bloß hinter der Zeit dreinzuhinken – siehst du nicht, daß die eigentlichen Lebensfragen der Menschen ganz anderswo sich entscheiden als in diesen Hallen, vor diesen Altären, auf diesen Kanzeln und Kirchenbänken? Hast du uns nicht selbst in deinen Gleichnissen gezeigt, daß die Wirklichkeit Gottes im täglichen Leben zu suchen und zu finden ist? Unter die Männer der Politik, des Wirtschaftslebens, der Kunst und der Wissenschaft müßtest du dich mengen, um daselbst den Samen des Gottesreiches auszuwerfen und dereinst hundertfältig zu ernten nach deinem eigenen Wort: der Acker ist die Welt [Mt. 13,38]! Sieh, wie die Not, aber auch die Hoffnung allenthalben so groß ist. Du aber gehst in den Tempel. Ich verstehe dich nicht.

2.

Ja, Jesus ging in den Tempel. Und ich könnte mir denken, daß ein Anderer bei diesem Anlaß etwa so zu Jesus geredet hätte: Ich verstehe nicht, wozu du hieher kommst! Warum gerade du, gerade hieher? Du |23 weißt doch, was dich erwartet, wenn du hieher kommst. Wir arbeiten hier mit allem Ernst, mit allem Fleiß, mit aller Demut für das Reich Gottes, jawohl für das Reich Gottes, von dem du soviel redest. Wir arbeiten hier mit aller Hingabe, Aufmerksamkeit und Liebe für die Menschen, jawohl für die Menschen, für die du so eifrig Partei nimmst. Wir wissen wohl, daß wir damit wenig Dank und Anerkennung ernten, wir wissen wohl, daß wir mächtige Vorurteile, Feinde und Widerstände gegen uns haben, aber wir haben den Glauben an die gute Sache und lassen uns nicht irre machen. Du aber, du hast bis jetzt nur kritisiert und nichts von dem allem getan, was willst denn du hier? Ja, wir wissen, daß unser Tun auch nur Menschenwerk ist, wir haben auch unsere Sünde, und wir erschrecken darüber, wie wenig wir ausrichten und wie sehr uns allen die Hauptsache fehlt, wir sind nicht blind für alles das, was man uns vorwirft, wir sehnen uns auch nach etwas Wahrerem, Größerem, Göttlicherem, als das ist, was heute in der Kirche geschieht, aber unterdessen geben wir uns Mühe, zugleich das Alte nicht verderben zu lassen, denn es liegt ein Segen darin [vgl. Jes. 65,8], und gute neue Wege zu suchen. Auch wir sind Wartende, aber während wir warten, tun wir etwas. Was tust denn du? Willst du uns helfen mit den schönen Gaben des Verstandes und des Wortes, die dir Gott gegeben hat? Hast du uns brauchbare Vorschläge zu machen, wie wir’s besser machen könnten, dann laß hören! Wo nicht, was kommst du hieher und störst uns unsere Kreise4? Sollte aber deine Meinung die sein, daß das, was wir hier versuchen und tun, ganz aufhören müßte, um etwas Anderem, Besserem Platz zu machen, wohlan, dann versuche dein Glück, wie es ja Andere auch schon getan haben, baue dir ein neues, schöneres Schiff und fahre damit in die Welt hinaus, sie steht dir ja offen. Gründe eine neue Religion, eine neue Kirche, wenn du’s kannst, und freue dich, wenn sie ohne die Fehler der alten sein wird. Wir wollen uns mit dir freuen, wenn es dir gelingt; und wenn deine Sache von Gott ist, wie sollte es dir nicht gelingen [vgl. Act. 5,38f.]? Unterdessen aber dürfen wir verlangen, daß du uns bei dem, was sich bis jetzt, wenn auch unter Unvollkommenheit bewährt hat, unbehelligt lässest und diese Männer [?] nicht durch deine |24 ewig [?] verwirrende [?] Gegenwart unsicher machst zur Freude derer, die überhaupt nichts glauben. Also noch einmal: Was suchst du hier? Wir verstehen dich nicht.

3.

Und Jesus ging in den Tempel. Obwohl er doch sicher, von beiden Seiten betrachtet, ernste Gründe hatte, nicht dorthin, sondern um den Tempel herum seinen eignen Weg zu gehen. Er ging in den Tempel, als ob das selbstverständlich sei, als ob es gar nicht anders sein könne, als ob er gerade dort hingehöre und seine Stellung habe. Wir denken daran, wie er sich schon als 12-­jähriger Knabe zu Füßen der Schriftgelehrten setzte und seinen erstaunten Eltern antwortete: muß ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist [Lk. 2,49]! Wir denken daran, daß er die letzten Tage seines Lebens ganz und gar eben im Tempel zubrachte [vgl. Mk. 14,49 par.], als ob das das Ziel seines Lebens gewesen sei, dorthin zu gehen und dort unter anderen Lehrern seine Botschaft zu verkündigen. Was will er dort, was tut er dort? Unser Text gibt die Antwort: Er treibt die Käufer und Verkäufer hinaus, er heilt die Blinden und Lahmen, und er freut sich an dem Hosianna der Kinder, die dort waren. Wir wollen versuchen zu sehen, wieso das alles eine Antwort ist.

4.

«Er trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer und sprach zu ihnen: Mein Haus soll ein Bethaus heißen, ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht.» Der Markt im Tempel war nicht etwa ein Mißbrauch, sondern ein schöner Gebrauch. Er diente ja dem Opfer, dem Gottesdienst: die Pilger aus der Nähe und Ferne mußten Gelegenheit haben, einzukaufen, was sie Gott darbringen wollten. Die Viehstände und die Wechseltische waren sicher für jedermann ein erfreulicher und erbaulicher Anblick: man sah ja daraus, wie stark das religiöse Leben war, je stärker der Absatz, je lebhafter der Betrieb, um so mehr. Auch die, die etwa nicht zu den Frommen, sondern eher zu den Kritikern des Tempels gehörten, nahmen daran keinen Anstoß, sondern sahen eher mit einem gewissen Neid zu: das muß man ihnen lassen, es läuft etwas bei ihnen. Und die Frommen selbst hatten gerade daran den größten Genuß von ihrer Frömmigkeit, daß sie so bis an die Stufen des Altars Juden sein und bleiben durften. Der Markt im Tem|25pel war ein schöner Übergang vom gewöhnlichen Leben zum Beten. Eben hatte man sich noch unterhalten, mit dem Geld geklimpert, die Reichen mit ihrem vielen und die Armen wenigstens mit dem, was sie hatten, ganz menschlich, fast wie alle Tage und doch schon im Vorgefühl der Nähe des Heiligtums und im Bewußtsein, ein gutes Werk zu tun, und dann war man auf einmal ein Beter [?], vor Gott, man wußte selbst nicht wie, ganz leicht, auf ganz ebenem Weg war man ans Ziel gelangt. Alle menschlichen Bedürfnisse, Wünsche und Freuden waren gleichsam mitgekommen bis an die Schwelle Gottes, und diese [?] war nun [?] auf einmal erreicht, und daß man dann betete, das war nur das Krönlein, der I-­Punkt auf das sonstige Tun und Treiben der Menschen. Hätten nicht auch die Gegner des Tempels sich sagen müssen: Da haben wir’s ja, was wir auch meinen und suchen: die Wirklichkeit Gottes mitten im täglichen praktischen Leben? Und könnten sich die Freunde des Tempels nicht rühmen: Seht, wie einfach und sicher und leichtverständlich da die Menschen zu Gott geführt werden!5

Sachfußnoten

2
Zu den Quellen und zu den Formen des Sprichwortes «Das Bessere ist der Feind des Guten» vgl. Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk, hrsg. von K. Fr. W. Wander, 1. Bd., Leipzig 1867, Sp. 335f 📖.↩
3
Könnte auch «Rang» heißen.↩
4
Auf Archimedes wird der Ausruf zurückgeführt: "Noli turbare circulos meos"; s. Büchmann, S. 382 📖.↩
5
Das Manuskript bricht hier ab. Liedangaben fehlen.↩