Matthäus 20,1–16
1.
Wie ist das mit diesem Hausvater, der unermüdlich von morgens 6 Uhr bis abends 5 Uhr
auf den Markt geht, um Arbeiter für seinen Weinberg zu suchen? Denk dir, daß du heute sterben
müßtest. Denn das ist doch wohl der beste Weg, wenigstens zu ahnen, um was es
sich handelt, wenn von Gott die Rede ist. Sterben ist der Schritt in deinem Leben, der
dich in ein Gebiet hinüberführt, von dem du nichts weißt als eben das, daß du nichts davon weißt, in ein Gebiet, das auf
alle Fälle nicht dein Leben, ganz anders als dein Leben ist. Und
doch gehört auch das Sterben zu deinem Leben und ist nicht davon
zu trennen. Als völliges, undurchdringliches Geheimnis steht es
irgendwo in deinem |12 Leben als deines Lebens Ende, Ausgang und Wendepunkt zu einem unbekannten anderen Leben; unvermeidlich steht dein Leben
im Schatten dieses Geheimnisses, oder man könnte auch sagen, im Lichte der
Tatsache, daß dein Leben irgendwo ein Ende, einen Ausgang, einen Wendepunkt zu einem ganz und gar anderen Leben hat. Das alles
ist so, ob du daran denkst oder nicht daran denkst. Aber nicht
wahr: wenn du wüßtest, daß du heute sterben mußt, dann würdest du
daran denken. Es ist wenigstens möglich, daß du die paar Stunden, die dir noch bleiben,
in ganz anderer Weise zubringen würdest als die meisten Stunden
deines bisherigen Lebens: einerseits sicher unter Furcht und
Zittern [vgl.
2.
Seht, so ist es mit dem Hausvater, der Kräfte sucht für seinen Weinberg. Und von dieser Art ist der Ruf Gottes an uns Menschen. Ich sage: von dieser Art. Denn der Ruf des Todes ist nicht der Ruf Gottes. Möglicherweise könnte die Nähe des Todes diese Wirkung ausüben, möglicherweise aber auch nicht. Man hat von Sterbenden gehört, von zum Tode Verurteilten, die ihre letzte Stunde ganz anders zugebracht haben als so. Nicht jeder, der den Ruf des Todes hört, hört darin auch den Ruf Gottes. Wer aber den Ruf Gottes hört, der hat keine andere Möglichkeit. Die Nähe Gottes hat auf den Menschen die Wirkung, die die Nähe des Todes wahrhaftig, wenn der Tod verstanden wird, auf ihn haben muß. Redet Gott mit dem Menschen, dann wird ihm das gewaltige Bild des nahen Todes unmißverständlich. Redet Gott mit dem Menschen, dann wird ihm der Tod lebendig, kräftig, wirksam, sein Leben kommt dann eben in diesen Schatten und in dieses Licht des Todes, von dem wir gehört haben. Es tritt alles, alles das ein, was wir uns eben vorgestellt haben. Es kommt in unser Leben hinein das unermeßliche Geheimnis und der entscheidende Wendepunkt, und wir müssen diesen Punkt sehen, und Alles muß sich in Reih und Glied stellen diesem Punkt entgegen. |
15 Es kommt in unser Leben hinein jenes tiefste
Entsetzen und Zurückscheuen und jene höchste Freude und Spannung. Es kommt in unser Leben hinein jener große, merkwürdige
Widerspruch, daß wir ganz gebunden sind an dieses Leben, ja fast mehr als je beschäftigt,
interessiert, umgetrieben von all den großen und kleinen Dingen, die unser Leben
ausmachen. Alle Farben leuchten stärker, alle Töne schallen lauter, Alles müssen wir
ernsthafter, aufmerksamer in die Hand nehmen und sind doch zugleich schon ganz gelöst von dem allem, ganz frei, ganz überlegen. Denn weil das Ende aller Dinge da
ist [vgl.
Es kommt, wenn Gott mit uns redet, in unser Leben hinein jener merkwürdige Widerspruch, daß wir wissen: wir sind gerichtet und uns ist vergeben! Die Menschen alle sind uns gänzlich ferne und
fremd, und wir sind doch ganz nahe mit ihnen verbunden, tragen die Last, die jeder
Mensch tragen, und tun das Werk, das jeder Mensch tun muß! Wir müssen Alles tun und können doch nichts tun. Wir müssen lieben
und können doch nur darin Frieden finden, daß wir wissen, daß wir mit all unseren
Mitmenschen zuerst geliebt sind [vgl.
3.
Und nun sagen wir uns wohl alle, daß wir solche Arbeiter offenbar nicht sind. Bei Anderen, bei einigen wenigen Erleuchteten mag das so sein, daß sie so auf Gott gesehen haben wie auf den nahen Tod. Aber wir? Es ist wohl uns allen noch nie in den Sinn gekommen, zu leben, als ob wir heute sterben müßten. Wir leben im besten Fall mit dem Gedanken, daß wir in 10 oder 30 Jahren einmal sterben könnten. Es ist aber offenkundig, daß das nicht ganz aufs Gleiche herauskommt. Und so fern und blaß das Bild des Todes vor uns steht, so undeutlich und verschwommen ist es vor unseren Augen, wer Gott ist und was er von uns will. Und dementsprechend hat denn auch unser Leben eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit der Arbeit im Weinberg des Herrn. Es ist uns nicht allzu lebendig, daß es ein Geheimnis gibt in unserem Leben, und es ist uns erst recht nicht sehr lebendig, daß dieses Geheimnis zugleich sein Wendepunkt ist. Wir leben nicht sehr stark, sehr aufmerksam, sehr eifrig, und wir sind auch nicht recht gelöst und frei von den Dingen. Wir merken wenig davon, daß wir gerichtet [sind], und wenig davon, daß uns vergeben ist. Wir sind nicht sehr unabhängig von einander, und wir haben uns auch nicht allzu lieb. Wireilen nicht allzusehr, und wir wissen auch nicht allzu gut, was Warten heißt. Wir sind nicht sehr bewegt, und wir sind auch nicht sehr beruhigt. Wir leben nicht recht, und wir sterben nicht recht. Etwas von dem allem ist ja schon auch bei uns da, aber eben nur soviel, wie es bei Menschen zu erwarten ist, die erst in 10 oder 30 Jahren zu sterben beabsichtigen, nur soviel, wie es zu erwarten ist bei Menschen, die sich den lieben Gott immer so weit vom Leib halten, daß das, was er ist und will, nie ganz scharf und klar, sondern immer nur wie die Figuren auf einer verblaßten und verdorbenen [?] Photographie hervortreten kann.|
17 Wir können jetzt mit dem Gleichnis fortfahren und sagen: Es geschieht in unserem Leben von der Arbeit im Weinberg des Herrn nur soviel, wie es zu erwarten ist von Arbeitern, die erst in der neunten oder elften Stunde in den Weinberg gerufen worden sind. Was die noch verrichten werden daselbst, ist mehr als fragwürdig. Wenn wir uns das ehrlich und demütig eingestehen, daß wir offenbar zu den Arbeitern gehören, an denen der Hausvater am Vormittag kopfschüttelnd vorüberging, weil sie ihm nicht gefielen, und die er erst am späten Nachmittag noch nachholte, um den Fleißigen, die den ganzen Tag geschafft, zu helfen, fertig zu machen, zum Landsturm 2. Klasse gleichsam, zu den Staatskrüppeln4, die man im Kriege nur dann aufbietet, wenn alle Stricke reißen, dann haben wir schon Anlaß, zu den Menschen hinüberzusehen, die, anders als wir, den Tod und Gott und das Leben richtig, tief und lebendig verstanden haben. Es ist beschämend, daß Gott uns offenbar nur eben so ein bißchen brauchen kann, und wir könnten uns mit Recht fragen, ob sich das bißchen Arbeit in seinem Weinberg, das allenfalls noch wir verrichten, eigentlich lohnt oder ob wir nicht besser auch das würden bleiben lassen, um zu leben, als ob wir von Tod und Gott und Leben gar nichts wüßten.
4.
Aber nun führt uns der Weg unseres Gleichnisses noch einmal um eine Ecke. Doch, doch, ruft uns Jesus zu: etwas wissen von den letzten Dingen ist besser als gar nichts wissen! Es lohnt sich, das bißchen Arbeit im Weinberg des Herrn, das wir allenfalls verrichten können, recht zu tun! Es lohnt sich, diesen großen Krieg wenigstens im Landsturm mitzumachen. Es lohnt sich, wenigstens als die letzten in der Reihe doch in der Reihe zu stehen derer, die von Gott berufen sind. Es lohnt sich, sich von Gott nur ein bißchen brauchen zu lassen, wenn er uns nur überhaupt brauchen kann. Denn hört, was der Hausvater zu einem der zuerst Gekommenen sagt: Ich will diesem Letzten geben gleich viel wie dir! Wir spüren es, nicht wahr, in diesem «Ich will» dieses merkwürdigen Arbeitgebers, da fällt etwas um, etwas Gewohntes, Menschliches, da bekommt die sonst so wohlverständliche Ge|18schichte ein unverständliches Loch, da fängt etwas Neues an. Was heißt das, daß da Alle den gleichen Lohn bekommen trotz ihrer ganz verschiedenen Leistung? Da heißt offenbar: bei dieser Arbeit soll’s ganz und gar nicht darauf ankommen, wieviel einer leistet, nur daß er leistet. Ein kleines Tröpflein von diesem Wasser ist soviel wie ein ganzes Meer. Ein Fünklein von diesem Feuer ist soviel wie ein ganzer Scheiterhaufen. Ahnen wir wohl, wie groß diese Arbeit sein muß, daß auf die Größe unseres Anteils daran gar nichts ankommen soll, sondern nur darauf, daß wir Anteil daran haben? |
Ja seht, so himmelhoch ist die überhängende Wand Gottes, unter der wir leben, daß wir gar nicht gefragt
werden: wie viel oder wie wenig siehst du davon? – denn es können doch auch die, die am
meisten davon sehen, nur einen kleinsten Teil davon sehen, und der Unterschied zwischen
ihnen und denen, die wie wir noch weniger davon sehen, ist nicht so groß. Gott ist so sehr das Ende unseres und der Anfang eines neuen Lebens, daß wir gar nicht danach gefragt
werden: bist du stark erschrocken und erfreut oder nicht so stark, sehr bewegt und
beruhigt oder nicht so sehr, eilst und wartest du recht oder nur so ein wenig? – denn was heißt «stark», «sehr»,
«recht», wenn es sich um Gott handelt? Gott ist so sehr das
Geheimnis und der Wendepunkt unseres
Lebens, daß wir gar nicht danach gefragt werden, wie lebendig das Bewußtsein davon in
unserer Seele ist, denn was müßte das für eine Lebendigkeit sein, mit der wir diesem
Geheimnis und diesem Wendepunkt entgegengehen müßten! Ein ganzes Meer, ein ganzer
lodernder Scheiterhaufen von Glaube, Liebe und Hoffnung [vgl.
«Ich will!», sagt der Hausvater, und das ganze schöne Akkordsystem, von dem die Fleißigen offenbar geträumt hatten, fällt
zusammen. Ist ihnen Unrecht geschehen? Nein, sie bekommen, was ihnen gehört, was
ausgemacht war und was sie verdient hatten. Und «Ich will!», sagt Gott, und es fällt
zusammen das ganze System von großem und kleinem Glauben, mehr
oder weniger Erkenntnis, heiligem und weniger heiligem Wandel, ein bißchen mehr oder ein
bißchen weniger Bekehrt-Sein. Was will das alles sagen vor Gott? Vor Gott gibt es doch
nur Eines: daß er uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem
wun|19derbaren Lichte [vgl.
5.
Es ist ganz unmöglich, daß diese Einsicht,
die uns Jesus Christus gibt, nicht nur in diesem Gleichnis, sondern in seinem ganzen
Leben, Sterben und Auferstehen, daß uns
dieser Blick auf die Majestät Gottes, die so groß ist, daß die Kleinsten und die Größten vor
ihm gleich werden, daß uns diese große Erinnerung an die
Vergebung, die uns alle trägt und hält und bewegt, etwa faul
und gleichgiltig machen |20 könnte. Im Gegenteil: es
gibt ja keine deutlichere, schärfere Erklärung, wer Gott ist, was
er will, als diese, die uns sagt, daß die Letzten nun die Ersten und die Ersten nun die
Letzten sein werden. Wer es versteht, daß Gott so groß ist, der kann, ob er zu den Ersten oder zu den Letzten gehört,
nicht denken: so kann ich schlafen, so kommt es auf mich nicht an, so brauche ich nicht
zu sehen und zu hören, zu eilen und zu warten. Nein, wenn es ein scharfes Schwert [vgl.
- Nr. 2 «Nun danket alle Gott» von
M. Rinckart , Strophen 1-3 (RG [1998] 233, 1-3; EG 321,1-3) - Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von
Ph. Nicolai , Strophen 3.4.5 (RG [1998] 653,3.4.5; EG 70,3.4.5; jeweils mit Textabweichungen)