9. Januar 1921

Matthäus 20,1–16

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Matthäus 20,1­–16
[Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter zu mieten in seinen Weinberg. Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Groschen zum Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und ging aus um die dritte Stunde und sah andere an dem Markte müßig stehen und sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und neunte Stunde und tat gleich also. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere müßig stehen und sprach zu ihnen: Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand gedingt. Er sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg, und was recht sein wird, soll euch werden. Da es nun Abend ward, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und heb an an den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde gedingt waren, und empfing ein jeglicher seinen Groschen. Da aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeglicher seinen Groschen. Und da sie den empfingen, murrten sie wider den Hausvater und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen? Nimm, was dein ist, und gehe hin! Ich will aber diesem Letzten geben gleich wie dir. Oder habe ich nicht Macht, zu tun, was ich will, mit dem Meinen? Siehst du darum scheel, daß ich so gütig bin? Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.]

1.

Wie ist das mit diesem Hausvater, der unermüdlich von morgens 6 Uhr bis abends 5 Uhr auf den Markt geht, um Arbeiter für seinen Weinberg zu suchen? Denk dir, daß du heute sterben müßtest. Denn das ist doch wohl der beste Weg, wenigstens zu ahnen, um was es sich handelt, wenn von Gott die Rede ist. Sterben ist der Schritt in deinem Leben, der dich in ein Gebiet hinüberführt, von dem du nichts weißt als eben das, daß du nichts davon weißt, in ein Gebiet, das auf alle Fälle nicht dein Leben, ganz anders als dein Leben ist. Und doch gehört auch das Sterben zu deinem Leben und ist nicht davon zu trennen. Als völliges, undurchdringliches Geheimnis steht es irgendwo in deinem |12 Leben als deines Lebens Ende, Ausgang und Wendepunkt zu einem unbekannten anderen Leben; unvermeidlich steht dein Leben im Schatten dieses Geheimnisses, oder man könnte auch sagen, im Lichte der Tatsache, daß dein Leben irgendwo ein Ende, einen Ausgang, einen Wendepunkt zu einem ganz und gar anderen Leben hat. Das alles ist so, ob du daran denkst oder nicht daran denkst. Aber nicht wahr: wenn du wüßtest, daß du heute sterben mußt, dann würdest du daran denken. Es ist wenigstens möglich, daß du die paar Stunden, die dir noch bleiben, in ganz anderer Weise zubringen würdest als die meisten Stunden deines bisherigen Lebens: einerseits sicher unter Furcht und Zittern [vgl. Phil. 2,12], andrerseits sicher auch in einer ganz merkwürdigen, vorher nie gekannten Freude und Spannung. Es würden dir auf einmal die Augen aufgehen, und du würdest den Schatten sehen, der von jenem Geheimnis herkommt, und zugleich das Licht, das von jenem Ende herkommt, das doch in irgend einer Weise auch ein Anfang ist. Es würden sich alle deine Gedanken in eine bestimmte Reihe und Ordnung stellen jenem Punkt des Sterbens entgegen. Du würdest z. B. auch alles Mögliche tun, um deine Angehörigen sicher zu stellen, dich nach Beratern, Freunden und Helfern für sie umzusehen, und das alles bereits in dem Sinn, daß du wüßtest: es kann und es muß nun auch ohne mich gehen, ohne mich als Mittelpunkt; auch meine Nächsten können und müssen nun frei und unabhängig von mir werden. Du würdest eilig noch einmal Alles, was dich freut und besorgt und beschäftigt, durch deinen Kopf ziehen lassen, auch einen letzten angestrengten Versuch machen, dir ein letztes ganz klares Urteil darüber zu bilden, ein letztes ganz klares Wort dazu zu sagen; du wüßtest aber auch bereits, wie wenig im Grunde auf dieses Bemühen ankommt und daß du den eigentlichen Sinn, die eigentliche Lösung nun nicht mehr suchen, nicht mehr ergrübeln, sondern nur noch einfach erwarten kannst. Du würdest tief erschrecken über dich selber, würdest dich fragen, was nun aus deinem ganzen Leben wird, was es für eine Bedeutung, für einen Wert hat gegenüber der großen Wendung, die dir bevorsteht; du würdest aber auch bereits zurückblickend mit einer tiefen Beruhigung wahrnehmen, wie durch diese große Wendung Alles in deinem Leben an seinen Platz gestellt und in Ordnung gebracht wird. Die anderen Menschen würden dir auf einmal ganz fern, ganz klein erscheinen wie in einem umgekehrten Fernglas, wie Schat|13ten sähest du sie sich bewegen, du würdest sehr wenig mehr nach ihrem Urteil fragen und dich sehr wenig mehr damit beschäftigen, in deinen Meinungsverschiedenheiten mit ihnen recht zu behalten, staunen und immer wieder staunen müßtest du in diesen paar Stunden, wie es doch nur möglich ist, sich zu reiben und aufzuregen und zu plagen mit Dingen, die man ganz leicht in die Hand nehmen müßte wie Kinder ihr Spielzeug, mit denen man ganz gelöst und frei umgehen müßte, wenn man sehen würde, was du jetzt siehst – du würdest dich den Menschen aber auch bereits wieder ganz nahe fühlen, gar nicht fremd, sondern höchst vertraut; du würdest sie besser verstehen, als sie sich selbst verstehen1, du würdest deine Stellung unter ihnen als eine Art Vorzug vor ihnen empfinden wie die eines älteren Bruders unter seinen Geschwistern, als eine Verantwortungsstellung, als einen Auftrag, den du in ihrem Namen auszuführen hättest. Es läge ja in diesen Stunden ihrer aller Last auf dir, und ihrer aller größtes Werk, das Sterben, müßtest du am Ende dieser Stunden vollbringen. Es wäre dir, du müßtest es für Alle sagen, daß diese Last getragen und dieses Werk vollbracht werden muß. Du sähest gleichsam Aller Augen auf dich gerichtet und müßtest sie erleuchten [?]: das, das heißt ein Mensch sein, ein Mensch im Angesicht des Todes. So sind wir dran, und so müssen wir uns stellen unter die überhängende Wand2. Du würdest es dir von Herzen angelegen sein lassen, womöglich noch Frieden zu schließen mit denen, mit denen du jetzt nicht rechten Frieden hast, womöglich noch einige Mißverständnisse aufzuheben, womöglich dem oder jenem noch zu erklären, wie du es gemeint hast; du wüßtest aber auch bereits um den Frieden, der höher ist [als] alle Vernunft [Phil. 4,7], den wir nicht machen können, sondern der schon da ist zwischen uns, auch wenn der Streit noch hin und her geht; du wüßtest bereits, daß wir Menschen verstanden sind, auch wenn wir uns nicht verstehen, und daß dieses Verstandensein unendlich viel wichtiger ist als alles Sich-­|14Verstehen-­Wollen. So würdest du leben in diesen letzten Stunden vor deinem Sterben, bewegt, ja schon bis aufs tiefste, bis zum Wahnsinn bewegt durch das Geheimnis, dem du entgegengehst, und doch nicht ohne eine letzte, innerste Ruhe, die ebenfalls von diesem Geheimnis ausgeht, wartend, im tiefsten Inneren gelassen, mit gefalteten Händen dem Großen, dem Ungeheuren, dem Übermächtigen entgegensehend, und doch eilend3, keine Minute verlierend, jeden Nerv, jeden Gedanken angestrengt, um noch zu erkennen, zu verstehen, zu sagen, zu tun, fertig zu machen, was möglich ist. So etwa würde es auf dich wirken, wenn du wüßtest, bei gesundem Sinn wüßtest, daß du heute sterben mußt.

2.

Seht, so ist es mit dem Hausvater, der Kräfte sucht für seinen Weinberg. Und von dieser Art ist der Ruf Gottes an uns Menschen. Ich sage: von dieser Art. Denn der Ruf des Todes ist nicht der Ruf Gottes. Möglicherweise könnte die Nähe des Todes diese Wirkung ausüben, möglicherweise aber auch nicht. Man hat von Sterbenden gehört, von zum Tode Verurteilten, die ihre letzte Stunde ganz anders zugebracht haben als so. Nicht jeder, der den Ruf des Todes hört, hört darin auch den Ruf Gottes. Wer aber den Ruf Gottes hört, der hat keine andere Möglichkeit. Die Nähe Gottes hat auf den Menschen die Wirkung, die die Nähe des Todes wahrhaftig, wenn der Tod verstanden wird, auf ihn haben muß. Redet Gott mit dem Menschen, dann wird ihm das gewaltige Bild des nahen Todes unmißverständlich. Redet Gott mit dem Menschen, dann wird ihm der Tod lebendig, kräftig, wirksam, sein Leben kommt dann eben in diesen Schatten und in dieses Licht des Todes, von dem wir gehört haben. Es tritt alles, alles das ein, was wir uns eben vorgestellt haben. Es kommt in unser Leben hinein das unermeßliche Geheimnis und der entscheidende Wendepunkt, und wir müssen diesen Punkt sehen, und Alles muß sich in Reih und Glied stellen diesem Punkt entgegen. |

15 Es kommt in unser Leben hinein jenes tiefste Entsetzen und Zurückscheuen und jene höchste Freude und Spannung. Es kommt in unser Leben hinein jener große, merkwürdige Widerspruch, daß wir ganz gebunden sind an dieses Leben, ja fast mehr als je beschäftigt, interessiert, umgetrieben von all den großen und kleinen Dingen, die unser Leben ausmachen. Alle Farben leuchten stärker, alle Töne schallen lauter, Alles müssen wir ernsthafter, aufmerksamer in die Hand nehmen und sind doch zugleich schon ganz gelöst von dem allem, ganz frei, ganz überlegen. Denn weil das Ende aller Dinge da ist [vgl. 1. Petr. 4,7], darum, nur darum sind sie so wichtig, so ernst. Sie sind wichtig, weil sie nicht wichtig sind. Sie sind ernst, weil sie nicht ernst sind. Sie leuchten als Widerschein. Sie tönen als Widerhall. Unser Leben, das wir kennen, ist darum etwas Heiliges, Tiefes, Lebendiges, weil es so ganz und gar über sich selbst hinauszeigt auf ein anderes Leben, das wir nicht kennen. |

Es kommt, wenn Gott mit uns redet, in unser Leben hinein jener merkwürdige Widerspruch, daß wir wissen: wir sind gerichtet und uns ist vergeben! Die Menschen alle sind uns gänzlich ferne und fremd, und wir sind doch ganz nahe mit ihnen verbunden, tragen die Last, die jeder Mensch tragen, und tun das Werk, das jeder Mensch tun muß! Wir müssen Alles tun und können doch nichts tun. Wir müssen lieben und können doch nur darin Frieden finden, daß wir wissen, daß wir mit all unseren Mitmenschen zuerst geliebt sind [vgl. 1.Joh. 4,19]. Wir müssen eilen und können doch nur warten! Wir müssen uns aufs Höchste bewegen, und wir sind doch erfüllt und getragen von einer tiefsten Ruhe. So wird das Leben eines Menschen, der von Gott berufen ist in seinen Weinberg, und eben dieser Zustand ist die Arbeit im Weinberg des Herrn, und eine andere gibt es nicht. Arbeiten im Weinberg des Herrn heißt bedenken, daß wir sterben müssen und dadurch klug werden [vgl. Ps. 90,12]. Arbeiten im Weinberg des Herrn heißt in Bereitschaft, in Erwartung sein, ganz in Bereitschaft, ganz in Erwartung, und eben darum gebunden und doch frei, tätig und doch gelassen, unabhängig von den Menschen und doch in tiefster Gemeinschaft mit ihnen, sorgend, wachend, dankend für unsere Nächsten und doch nicht als ihr Mittelpunkt, sondern als einer, der weiß, daß es auch ohne ihn geht. Arbeiten im Weinberg des Herrn heißt leben in diesem Leben, mit ganzem Ernst, mit ganzer Leidenschaft, mit jedem Nerv und |16 Gedanken, und das im Hinblick auf das Ende dieses und den Anfang eines ganz anderen Lebens. Gott ist das Ende und der Anfang [vgl. Apk. 1,8; 21,6; 22,13], noch ganz anders als der Tod. Gott ist das Geheimnis und der Wendepunkt, noch ganz anders als der Tod. Gott ist die himmelhoch überhängende Wand, unter der sich unser kleines Leben abspielt, noch ganz anders als der Tod. Wer Gott sucht wie Einer, der den nahen Tod sehen würde [?], und lebt von dem, was er da sucht, der ist ein Arbeiter im Weinberg des Herrn.

3.

Und nun sagen wir uns wohl alle, daß wir solche Arbeiter offenbar nicht sind. Bei Anderen, bei einigen wenigen Erleuchteten mag das so sein, daß sie so auf Gott gesehen haben wie auf den nahen Tod. Aber wir? Es ist wohl uns allen noch nie in den Sinn gekommen, zu leben, als ob wir heute sterben müßten. Wir leben im besten Fall mit dem Gedanken, daß wir in 10 oder 30 Jahren einmal sterben könnten. Es ist aber offenkundig, daß das nicht ganz aufs Gleiche herauskommt. Und so fern und blaß das Bild des Todes vor uns steht, so undeutlich und verschwommen ist es vor unseren Augen, wer Gott ist und was er von uns will. Und dementsprechend hat denn auch unser Leben eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit der Arbeit im Weinberg des Herrn. Es ist uns nicht allzu lebendig, daß es ein Geheimnis gibt in unserem Leben, und es ist uns erst recht nicht sehr lebendig, daß dieses Geheimnis zugleich sein Wendepunkt ist. Wir leben nicht sehr stark, sehr aufmerksam, sehr eifrig, und wir sind auch nicht recht gelöst und frei von den Dingen. Wir merken wenig davon, daß wir gerichtet [sind], und wenig davon, daß uns vergeben ist. Wir sind nicht sehr unabhängig von einander, und wir haben uns auch nicht allzu lieb. Wireilen nicht allzusehr, und wir wissen auch nicht allzu gut, was Warten heißt. Wir sind nicht sehr bewegt, und wir sind auch nicht sehr beruhigt. Wir leben nicht recht, und wir sterben nicht recht. Etwas von dem allem ist ja schon auch bei uns da, aber eben nur soviel, wie es bei Menschen zu erwarten ist, die erst in 10 oder 30 Jahren zu sterben beabsichtigen, nur soviel, wie es zu erwarten ist bei Menschen, die sich den lieben Gott immer so weit vom Leib halten, daß das, was er ist und will, nie ganz scharf und klar, sondern immer nur wie die Figuren auf einer verblaßten und verdorbenen [?] Photographie hervortreten kann.|

17 Wir können jetzt mit dem Gleichnis fortfahren und sagen: Es geschieht in unserem Leben von der Arbeit im Weinberg des Herrn nur soviel, wie es zu erwarten ist von Arbeitern, die erst in der neunten oder elften Stunde in den Weinberg gerufen worden sind. Was die noch verrichten werden daselbst, ist mehr als fragwürdig. Wenn wir uns das ehrlich und demütig eingestehen, daß wir offenbar zu den Arbeitern gehören, an denen der Hausvater am Vormittag kopfschüttelnd vorüberging, weil sie ihm nicht gefielen, und die er erst am späten Nachmittag noch nachholte, um den Fleißigen, die den ganzen Tag geschafft, zu helfen, fertig zu machen, zum Landsturm 2. Klasse gleichsam, zu den Staatskrüppeln4, die man im Kriege nur dann aufbietet, wenn alle Stricke reißen, dann haben wir schon Anlaß, zu den Menschen hinüberzusehen, die, anders als wir, den Tod und Gott und das Leben richtig, tief und lebendig verstanden haben. Es ist beschämend, daß Gott uns offenbar nur eben so ein bißchen brauchen kann, und wir könnten uns mit Recht fragen, ob sich das bißchen Arbeit in seinem Weinberg, das allenfalls noch wir verrichten, eigentlich lohnt oder ob wir nicht besser auch das würden bleiben lassen, um zu leben, als ob wir von Tod und Gott und Leben gar nichts wüßten.

4.

Aber nun führt uns der Weg unseres Gleichnisses noch einmal um eine Ecke. Doch, doch, ruft uns Jesus zu: etwas wissen von den letzten Dingen ist besser als gar nichts wissen! Es lohnt sich, das bißchen Arbeit im Weinberg des Herrn, das wir allenfalls verrichten können, recht zu tun! Es lohnt sich, diesen großen Krieg wenigstens im Landsturm mitzumachen. Es lohnt sich, wenigstens als die letzten in der Reihe doch in der Reihe zu stehen derer, die von Gott berufen sind. Es lohnt sich, sich von Gott nur ein bißchen brauchen zu lassen, wenn er uns nur überhaupt brauchen kann. Denn hört, was der Hausvater zu einem der zuerst Gekommenen sagt: Ich will diesem Letzten geben gleich viel wie dir! Wir spüren es, nicht wahr, in diesem «Ich will» dieses merkwürdigen Arbeitgebers, da fällt etwas um, etwas Gewohntes, Menschliches, da bekommt die sonst so wohlverständliche Ge|18schichte ein unverständliches Loch, da fängt etwas Neues an. Was heißt das, daß da Alle den gleichen Lohn bekommen trotz ihrer ganz verschiedenen Leistung? Da heißt offenbar: bei dieser Arbeit soll’s ganz und gar nicht darauf ankommen, wieviel einer leistet, nur daß er leistet. Ein kleines Tröpflein von diesem Wasser ist soviel wie ein ganzes Meer. Ein Fünklein von diesem Feuer ist soviel wie ein ganzer Scheiterhaufen. Ahnen wir wohl, wie groß diese Arbeit sein muß, daß auf die Größe unseres Anteils daran gar nichts ankommen soll, sondern nur darauf, daß wir Anteil daran haben? |

Ja seht, so himmelhoch ist die überhängende Wand Gottes, unter der wir leben, daß wir gar nicht gefragt werden: wie viel oder wie wenig siehst du davon? – denn es können doch auch die, die am meisten davon sehen, nur einen kleinsten Teil davon sehen, und der Unterschied zwischen ihnen und denen, die wie wir noch weniger davon sehen, ist nicht so groß. Gott ist so sehr das Ende unseres und der Anfang eines neuen Lebens, daß wir gar nicht danach gefragt werden: bist du stark erschrocken und erfreut oder nicht so stark, sehr bewegt und beruhigt oder nicht so sehr, eilst und wartest du recht oder nur so ein wenig? – denn was heißt «stark», «sehr», «recht», wenn es sich um Gott handelt? Gott ist so sehr das Geheimnis und der Wendepunkt unseres Lebens, daß wir gar nicht danach gefragt werden, wie lebendig das Bewußtsein davon in unserer Seele ist, denn was müßte das für eine Lebendigkeit sein, mit der wir diesem Geheimnis und diesem Wendepunkt entgegengehen müßten! Ein ganzes Meer, ein ganzer lodernder Scheiterhaufen von Glaube, Liebe und Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] würde nicht genügen, und nun genügt ein Tröpflein, ein Fünklein, es genügt nun die eine letzte Stunde Arbeit auch dem, der erst in elfter Stunde berufen wurde. |

«Ich will!», sagt der Hausvater, und das ganze schöne Akkordsystem, von dem die Fleißigen offenbar geträumt hatten, fällt zusammen. Ist ihnen Unrecht geschehen? Nein, sie bekommen, was ihnen gehört, was ausgemacht war und was sie verdient hatten. Und «Ich will!», sagt Gott, und es fällt zusammen das ganze System von großem und kleinem Glauben, mehr oder weniger Erkenntnis, heiligem und weniger heiligem Wandel, ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger Bekehrt-­Sein. Was will das alles sagen vor Gott? Vor Gott gibt es doch nur Eines: daß er uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wun|19derbaren Lichte [vgl. 1. Petr. 2,9] und dann als Antwort seine Gnade. Niemand kann mehr haben als seine Gnade, niemand mehr finden, niemand mehr sich wünschen. Aber weniger als Gnade gibt es auch nicht, Gnade kennt keine Abzüge, kein Weniger. Gnade ist ein Volles, Ganzes für jeden, der sie empfängt. Gnade ist Gottes Antwort auf unsere Arbeit im Weinberg, auf die große und auf die kleine. Und Gnade genügt [vgl. 2. Kor. 12,9], Gnade heißt, daß Gott sich finden läßt von denen, die ihn suchen [vgl. Jer. 29,13f.]. Gnade heißt, daß das Ewige denen leuchtet, die danach fragen. Gnade heißt, daß jede Stufe auf diesem Weg auch das Ziel ist. Unser Suchen ist vielleicht schwach, unser Fragen ist vielleicht nachlässig, unsere Stufe ist vielleicht niedrig, aber das eben ist Gnade, daß Gott keinen Unterschied macht, wenn wir nur suchen, nur fragen, wenn wir nur auf diesem Wege sind. Und sind wir nicht darauf? Stehen wir nicht im Schatten und Licht des Todes? Ist’s nicht eben doch ein bißchen, ein ganz klein bißchen wahr auch bei uns, diese ganze Veränderung, die dadurch in unser Leben hineinkommt, daß Gott mit uns redet? Seht, wenn es auch nur ein ganz klein bißchen wahr ist, dann hat jedes auch von uns einen direkten Zugang zu Gott und seiner ganzen Herrlichkeit und ein ganz persönliches Recht, diesen Zugang zu benutzen. Wir brauchen uns nicht zu vergleichen mit Anderen, weder hochmütig noch wehmütig [?]. Sei das, was du bist5 im Angesicht des Todes, im Angesicht Gottes, dann ist dir geholfen.

5.

Es ist ganz unmöglich, daß diese Einsicht, die uns Jesus Christus gibt, nicht nur in diesem Gleichnis, sondern in seinem ganzen Leben, Sterben und Auferstehen, daß uns dieser Blick auf die Majestät Gottes, die so groß ist, daß die Kleinsten und die Größten vor ihm gleich werden, daß uns diese große Erinnerung an die Vergebung, die uns alle trägt und hält und bewegt, etwa faul und gleichgiltig machen |20 könnte. Im Gegenteil: es gibt ja keine deutlichere, schärfere Erklärung, wer Gott ist, was er will, als diese, die uns sagt, daß die Letzten nun die Ersten und die Ersten nun die Letzten sein werden. Wer es versteht, daß Gott so groß ist, der kann, ob er zu den Ersten oder zu den Letzten gehört, nicht denken: so kann ich schlafen, so kommt es auf mich nicht an, so brauche ich nicht zu sehen und zu hören, zu eilen und zu warten. Nein, wenn es ein scharfes Schwert [vgl. Jes. 49,2] und ein blendendes Licht [vgl. 1.Tim. 6,16] und ein verzehrendes Feuer Gottes [vgl. Dtn. 4,24; Hebr. 12,29] gibt, das uns vorwärts treibt, bis wir Gott so ernst nehmen, als ob wir heute sterben müßten, dann ist es diese Erkenntnis. Denn Gott ist nie gewaltiger, nie angreifender, nie erschütternder, als wenn wir erkennen: Barmherzig und gnädig ist der Herr [Ps. 103,8 u. ö.]!

Lieder:
  • Nr. 2 «Nun danket alle Gott» von M. Rinckart, Strophen 1­-3 (RG [1998] 233, 1­-3; EG 321,1­-3) 🎵
  • Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai, Strophen 3.4.5 (RG [1998] 653,3.4.5; EG 70,3.4.5; jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Aus der Geschichte der hermeneutischen Formel, auf die Barth hier anspielt, ist vor allem zu vergleichen: Fr. Schleiermacher, Hermeneutik, neu hrsg. von H. Kimmerle (AAH, Jg. 1959, 2. Abh.), Heidelberg 1974­2, S. 83.87.108.138, vgl auch S. 50.56. 📖↩
2
Das Bild der «überhängenden Wand" spielt im «Römerbrief» von 1922 eine wichtige Rolle, s. Römerbrief 2, S. 140.180.285.484f. (bzw. S. 138.178.283.482f.) 📖.↩
3
Vgl. 2. Petr. 3,12. Vgl. auch K. Barth, Vergangenheit und Zukunft. Friedrich Naumann und Christoph Blumhardt, in: Neuer freier Aargauer, Jg. 14 (1919), Nr. 204 und 205, 3. und 4.9.1919 📖, wieder abgedruckt in: Anfänge I, S. 37–49 📖. «Blumhardts Geheimnis war seine immerwährende Bewegung zwischen Eilen und Warten, zwischen dem frischen Zugreifen mitten hinein in die Fülle dessen, was ist, und dem staunenden innerlichen Lauschen auf das, was werden will durch die Kraft aus der Höhe» (S. 48).↩
4
D.h. zu den bei der Aushebung für den Militärdienst aus gesundheitlichen Gründen für untauglich Erklärten. Barth hatte selber 1905 zu ihnen gehört und war zum «Landsturm» eingeteilt worden (s. Vortr. u. kl. Arb. 1909-1914, S. 488, Anm. 5 📖).↩
5
Den Spruch «Sei, was du bist!» hat Barth möglicherweise in Bad Boll kennen gelernt, bezeichnet er ihn doch 1915 als «Blumhardts Rat» (Bw.Th. I, S. 110 📖). Das Wort hat aber eine lange Geschichte, begegnet in der Schweiz bei J. C. Lavater und geht zurück auf den griechischen Dichter Pindar (522 oder 518-445 v. Chr.). Es lautet im Urtext γένοι’, ο^%?(ιος ἐσσί (2. Pyth. Ode, V. 72): Pindar, Siegeslieder. Griechisch - deutsch, hrsg., übersetzt und mit einer Einführung versehen von D. Bremer, München 1992, S. 124.↩