Wir sind hier versammelt, um gemeinsam dessen zu gedenken, daß unsere
Kinder
nicht uns gehören, daß nicht wir es sind,
die sie durch ihr Leben führen werden, und daß es sich nicht von
selbst versteht, daß ihr Weg der sein wird, den wir ihnen wohl wünschen möchten.
Wir gedenken dessen, daß es Gedanken gibt, die höher sind als
unsere Gedanken, und Wege, die höher sind als unsere Wege [vgl.
Jes. 55,8f.]. Geburt
und Tod, Anfang und Ende des Menschenlebens erinnern uns daran, daß wir vomGeheimnis umgeben sind von allen Seiten.
Wir sind nicht, was wir scheinen, und wir werden nicht bleiben, was wir jetzt
und hier sind. Daß dieses Geheimnis unseres
Menschenlebens nicht eine Finsternis ist, sondern daß es sich
selig und herrlich offenbart, daß der Mensch nicht aus dem Nichts kommt und in das Nichts geht, sondern aus
der Ewigkeit in die Ewigkeit, das ist die großeFrage, vor der wir jeden Tag und jede
Stunde neu stehen. Wer von uns könnte sagen, daß er mit dieser Frage fertig ist oder auch nur damit angefangen hat, wie es
sich gehört? Wahrhaftig, wir so wenig wie die Kindlein, die wir
hier zur Taufe bringen. Aber eben darum bringen wir sie zur
Taufe. Wir tun das auf das Gebot des Heilands: Lasset die Kindlein zu mir kommen und
wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich [Mt. 19,14f. par.]! Wir tun es im Gedanken, daß wir
alle, die Großen und die Kleinen, nur mit leeren
Händen vor Gott treten können, daß wir aber
gerade dann, wenn wir leere Hände haben, vor Gott treten dürfen.
Wir tun es im Gedanken, daß es bei Gott eine Möglichkeit gibt für
uns Menschen, die wir alle nie fassen, nie
begreifen können und |198 nach der zu greifen wir doch im Grunde
nicht lassen können. Wir tun es im Gedanken, daß Gott größer ist als unser Herz [vgl. 1.Joh. 3,20], größer als unser
Glaube, größer als unser Verstehen, größer
als unser guter Wille und daß er darum wahrhaftig auch schon dieser Kinder Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, so gewiß er unser Gott ist nicht wegen dessen, was wir sind, sondern wegen dessen, was er ist. Denn wenn wir
im Blick auf uns selbst und auf alle Menschen uns sehr unsicher
fühlen, wie wir jene Frage beantworten sollen, wenn es uns im Blick auf die Welt, die
uns umgibt, sehr viel näher läge, zu denken, daß der Weg des
Menschen im Dunkel beginne, im Dunkel endige, und darum mit einer gewissen
schmerzlichen, verzichtenden [?] Wehmut diese jungen Menschenkinder ihren Gang ins
[Leben] antreten zu sehen, so wollen wir nicht vergessen, daß es
ein Licht gibt, das gerade am finstersten Orte leuchtet, eine
Wahrheit, die gerade dort triumphiert, wo es mit dem Menschen,
wie wir ihn kennen, zu Ende ist, eine Weisheit, die gerade dort
redet, wo unser Mund verstummen muß, eine Liebe, die nimmer aufhört [1.Kor. 13,8]. Jesus
Christus hat dem Tode die Macht genommen [und das Leben und ein unvergänglich
Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium (2.Tim. 1,10).] Diese Liebe meinen
wir, suchen wir und beten wir an, indem wir unsere Kinder zur Taufe bringen.