9. Oktober 1921

1. Petrus 1,24–25 (Abschiedspredigt)

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[578]
Abschiedspredigt
1. Petrus 1,24­–25
[«Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit.» Das ist aber das Wort, welches unter euch verkündigt ist.]

1.

Wie unheimlich wahr die eben gehörten Worte vom Gras und von der Blume, von ihrem Verdorren und Abfallen sind, das könnte uns kaum deutlicher werden, als wenn wir uns heute, wo ich diese Kanzel zum letzten Mal betreten habe, etwa Betrachtungen darüber hingeben wollten, was uns nun die zehn Jahre, in denen ich euer Pfarrer war, gebracht, was wir in dieser Zeit getan und nicht getan, erreicht und nicht erreicht haben. Wir können es ja nicht ganz unterlassen, uns solche menschlich sehr naheliegende Fragen zu stellen in dieser Abschiedsstunde. Was hinter uns liegt, das ist ja ein Stück menschlichen Weges und Werkes, das als solches eine gewisse Bedeutung für uns hat. Wie sollten wir uns nicht fragen können, dürfen, ja sogar müssen: Wie war der Weg? und was war das Werk? Wir denken unwillkürlich an jenen Haushalter im Evangelium, von dem gefordert wurde: Tu Rechnung von deinem Haushalt! [Lk. 16,2]. Aber wir wollen uns doch recht klar sein darüber, daß wir, wenn wir dieser Aufforderung Folge leisten, in eine Gefahr, nämlich in unser eigenes Gericht, hineinlaufen. Denn wo immer der Mensch sich fragt: Was habe ich getan? Was habe |191 ich erreicht?, da wartet dasGericht auf ihn, da saust nach kurzem Bemühen, sich selbst darzustellen, emporzuheben und zu rechtfertigen, das Fallbeil hernieder, das Alles abschneidet: Alles Fleisch, alles Menschliche ist wie Gras, und alle Herrlichkeit, alle Gerechtigkeit, aller Erfolg, aller Ertrag menschlichen Wollens und Tuns ist wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen. Er darf und kann und muß diese Frage offenbar nur dazu stellen, um zu erkennen, daß er sie besser nicht stellen sollte. Er lebt davon, daß über der unheimlich wahren Antwort, die zu dieser Frage gehört, noch etwas Anderes wahr ist, das mit seinem Wollen und Tun, mit seinem Weg und Werk direkt nichts zu tun hat, nämlich das, was es am Schluß unseres Textes heißt: Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit! Darin ist Trost und Hilfe. Daran kann man sich halten, sonst an nichts. Der Gedanke an unser eigenes Wollen und Tun aber ist ein Rohr, das uns durch die Hand ginge, wenn wir uns etwa darauf stützen wollten [vgl. 2.Kön. 18,21]. Und wenn das überall gilt, wenn man jedem Menschen in jeder Lage nicht dringend genug zurufen kann: Ja, tu Rechnung von deinem Haushalt! Ja, erkenne dich selbst!2 Aber sieh wohl zu, was du da tust! Sieh vor Allem wohl zu, daß du nicht nur danach fragest! Sieh wohl zu, daß du mit dieser Frage verloren bist!, so gilt das ganz besonders für das seltsame Verhältnis eines Pfarrers zu seiner Gemeinde, einer Gemeinde zu ihrem Pfarrer. Laßt uns überlegen, wohin uns das führt, wenn wir diesen unseren gemeinsam hinter uns liegenden Weg, dieses gemeinsam vollbrachte menschliche Werk als solches betrachten wollen.

2.

Dann würde ich jetzt anheben und sagen: Ich habe mich zehn Jahre lang bemüht, euch das Wort Gottes zu verkündigen, so gut ich es in immer erneutem Überlegen vor allem der Gedanken der Bibel zu verstehen meinte. Ich wollte euch Sonntag für Sonntag die Augen öffnen für die Tatsache, daß das menschliche Leben nicht so einfach ist, wie wir es uns zu machen pflegen, und auch wieder unendlich viel einfacher, als wir es uns machen – wenn wir es nämlich von Gott aus betrachten. Ich wollte euch zurufen, daß Gott lebt, daß es eine rich|192tende und versöhnende Wahrheit gibt über uns allen, daß es eine Hoffnung gibt in unserer Verlegenheit, eine Vergebung für unsere Sünde, eine Erlösung aus unserer Not, ein Leben im Tode. Ich wollte euch auffordern, euch in Furcht und Zittern aus großer Liebe mit mir zu beugen vor diesem Gott, ihm die Ehre zu geben und euch durch die Wahrheit frei machen zu lassen [vgl. Joh. 8,32]. Aber nicht wahr, da könntet ihr mir nun antworten: Ja, das magst du wohl gewollt haben, aber bei diesem ganzen Willen bist auch du ein Mensch gewesen, und wo tritt uns das Menschliche störender in den Weg als bei einem Pfarrer, bei einem Menschen, der das Wort Gottes reden will? Ihr könntet mich fragen, woher ich denn eigentlich mehr denn irgend ein Mensch das Recht nahm, Anderen das Wort Gottes zu verkündigen mit dem Anspruch, daß man gerade auf ihn hören müsse. Ihr könntet mich fragen, ob ich nicht wisse, wie oft ich an dieser Stelle durchaus nicht Gottes Wort, sondern mein eigenes Wort geredet habe, ob ich etwa meine, auch nur ein einziges Mal wirklich rein und lauter Gottes Wort verkündigt zu haben. Ihr könntet mich fragen, ob denn mein Leben etwa dem, was ich als Gottes Wort verkündigte, entsprochen oder ob ich nicht vielmehr durch meine Person das Göttliche, das ich vertreten wollte, völlig verleugnet und zugedeckt habe. Was wollte ich auf das alles antworten? Ich könnte kein Wort darauf antworten. Ich könnte nur antworten: Ja, da haben wir’s. Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume. Alles Menschenwerk ist ebenMenschenwerk und das eines Pfarrers mehr als alles andere. Und wenn wir alles getan hätten, was wir zu tun schuldig sind (wir haben es aber nicht getan), so können wir nur sprechen: Wir sind unnütze Knechte [vgl. Lk. 17,10]!

3.

Und nun könnten wir ja auch die Gegenrechnung aufstellen, und ich könnte euch fragen: Was habt denn ihr, liebe Safenwiler, in diesen zehn Jahren gewollt und getan? Und wenn ihr mir dann antworten würdet: Wir suchten bei dir Erbauung und Belehrung und Wegweisung! Wir wollten an dir einenSeelsorger haben! Wir wollten uns durch dich erinnern lassen daran, daß es etwas ganz Anderes gibt über den Sorgen und Sünden unseres Alltags, über der Welt des Todes, in der wir alle gefangen liegen, ja, wir wollten von dir von Gott hören, denn zu Gott hin sind wir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis |193 daß es ruht in ihm!3 – so könnte ich euch antworten: Ja, ist's denn wahr, daß ihr das wolltet? Wann und wie habt ihr es mich denn merken lassen, daß ihr das wolltet? Habt ihr denn wirklich etwas gesucht bei mir, oder seid ihr mir nicht immer wieder gegenübergetreten als Leute, die nichts von mir erwarteten, als daß ich ihnen bestätigen sollte, was sie selber ohnehin wußten und dachten? Wolltet ihr denn wirklich etwas Anderes von mir hören, oder seid ihr nicht gerade dann am meisten vor mir zurückgewichen, habt ihr mich nicht gerade dann am meisten allein gelassen, wenn ich mich am meisten bemühte, euch wirklich von dem Anderen zu reden, das in der Bibel zu uns Menschen reden will? Wolltet ihr denn wirklich von Gott hören durch mich, oder wißt ihr nicht, daß ihr mir bis in die letzten Wochen den Eindruck gemacht habt, daß ihr wohl irgend etwas Schönes, aber von Gott lieber nichts hören möchtet, daß ich in diesen zehn Jahren oft auf den bitteren Gedanken kommen mußte: Ja, wenn ich euch irgend ein frommes, moralisches, patriotisches, sentimentales Geschwätz vorbringen, wenn ich euch vom Frieden reden würde, von dem ihr so gern hört, beileibe nicht vom Frieden Gottes, sondern vom Frieden in Safenwil, dann, ja dann wäre ich euer Mann gewesen. Wunderbar, wunderbar!, hättet ihr dann gerufen, und als ein allgemein beliebter und verehrter Pfarrer könnte ich dann heute den Schauplatz verlassen. Könnte ich euch nicht so antworten, und hätte ich nicht auch Recht mit dieser meiner Gegenrechnung? Und kommt dann nicht auch ihr unter das Gericht des Wortes: Alles Fleisch ist wie Gras! Menschenwerk ist auch das, was ihr in diesen zehn Jahren getan und nicht getan habt. Und wenn ich selbst ein besseres Gewissen hätte, so dürfte und müßte ich heute von euch scheiden mit dem Gedanken an jene Anweisung, die Jesus seinen Jüngern gegeben hat: Wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus aus demselben Hause oder Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen [Mt. 10,14]!

4.

Ich glaube, mit der Erinnerung an das Gericht, unter dem alle Menschenwege und Menschenwerke als solche stehen, ist eigentlich |194 alles das erledigt, was in dieser Stunde unausgesprochen zwischen uns in der Luft liegt. Ihr könntet nun sagen, daß ich mich in diesen zehn Jahren stark verändert habe, daß meine Verkündigung nicht einheitlich gewesen sei, sondern euch in ermüdender Weise immer wieder um eine Ecke geführt habe. Und ich müßte euch zugeben: Ja, ich bin ein Mensch gewesen und ein Mensch [sein] heißt Kämpfer sein4, und das stimmt wenig zu der Wahrheit und Klarheit Gottes; aber ich müßte sofort die Frage hinzufügen: warum ihr nicht lieber mit mir gekämpft und gerungen habt um die Wahrheit, statt so oft bloß den Kopf zu schütteln zu meinen Entwicklungen, ob ihr gar nicht gemerkt habt, daß der Weg trotz Allem vorwärts führte. Und schließlich müßten wir uns gegenseitig eingestehen: Ja, alles Fleisch ist wie Gras. |

Ihr könntet mir sagen, ich sei ein allzu einsamer Mann gewesen, ich sei zu wenig in die Häuser und unter die Leute gegangen. Ihr könntet mir zurufen, was ja in einer Zeitung gestanden hat: Er verstand seine Gemeindegenossen nicht, und sie verstanden ihn nicht.5 Und ich müßte euch zugeben: ja, daran ist etwas, und ich weiß, daß es nicht so hätte sein sollen. Aber was hat mich denn in dieEinsamkeit getrieben? Wer hat mir denn etwa das abgenommen, was ich sagen wollte? Wer hat, mich denn verstehen wollen, auch dann, wenn ich mir alle Mühe gab, ihn zu verstehen? Und wieder würden wir wahrscheinlich quitt und könnten nur sagen: Alles Fleisch ist wie Gras. |

Ihr könntet mir sagen, ich sei eben ein Sozialist und Parteimann gewesen; ihr könntet mir noch einmal das Sprüchlein vorhalten, von dem mir in den letzten Wochen fast die Ohren gedröhnt haben, ein Pfarrer sollte eben über den Parteien stehen und für Alle da sein. Und wieder müßte ich euch zugeben, daß das in der Tat etwas sehr Menschliches ist, wenn ein Pfarrer einfach wie jedermann eine poli|195tische Farbe hat und kein weißer Engel ist; ich müßte auch zugeben, daß das sehr bedauerlich ist, wenn so wenig politische Farbe, wie ich sie tatsächlich hatte, schon genügt, um ihm so viele Herzen und Köpfe ohne weiteres und endgiltig zu verschließen, wie es hier geschehen ist. Ich möchte aber auch hier fragen, ob man sich mir nicht allzu schnell verschlossen hat aus diesen Gründen, ob man nicht aus einer Mücke einen Elefanten gemacht, ob nicht viele geradezu froh waren darüber, mich aus diesen Gründen ablehnen zu können, wie sie einen anderen Pfarrer aus einem anderen Grunde ablehnen würden und werden, ob nicht wenigstens Einige von den Freunden eines sogenannten neutralen Pfarrers etwas gemerkt haben davon, daß ich mit meiner Parteistellung in Safenwil etwas gesagt habe, was ich mit den besten Predigten nicht hätte sagen können, was aber gerade in Safenwil durchaus einmal gesagt werden mußte. Ich glaube, wir könnten wiederum Halt machen und uns eingestehen, daß wir uns wenig vorzuhalten haben, sondern besser täten, uns einzugestehen, daß auch in dieser Sache nur unsere gemeinsame Not zum Ausbruch gekommen ist.

5.

Und nicht anders würden wir dran sein, wenn wir uns nun endlich fragen wollten: Ja, und nun? Und nun der Ertrag, das Ergebnis, die Frucht dieser zehn Jahre? Auf was soll ich hinweisen, was ich euch gegeben, was ich unter euch erreicht habe? Ich habe in diesen letzten Wochen oft gedacht, es sei wohl noch selten ein Pfarrer mit so leeren Händen am Ende seiner Tätigkeit gestanden wie ich. In Wirklichkeit würde es wohl bei jedem Pfarrer das Gleiche sein, auch wenn er sich etwa einbildet, volle Hände zu haben. Und auf was wolltet ihr etwa hinweisen, was ihr bei mir gelernt und gefunden hättet?6 Kaum etwas zu nennen. Wir sind Bettler.7

6.

Gerade so soll es sein. An die Grenze treten. Der Mensch ist der Mensch. Gott will recht haben. Auf Gott müssen wir rechnen. Um Gott hat es sich gehandelt. Gott will gut machen und weiter helfen. ­- |196 Wer entschuldigt? Nein, wer beschuldigt? Wir sind Sünder, Verlorene, Sterbende. Christus wohnt nur unter Sündern.8 Christus redet nur zu solchen, die nicht haben. Sein Zeichen ist das Zeichen des Kreuzes. Er gibt uns Alles, indem er uns Alles nimmt: Seine Botschaft ist die Auferstehung des Fleisches. Seine Hoffnung eine ewige Hoffnung. Er fragt uns, ob wir Suchende, Bittende … sind [vgl. Mt. 7,7], Arme, Leidtragende, Hungernde und Dürstende [vgl. Mt. 5,3­-6]. In dem Augenblick: Alles Fleisch wie Gras … Verloren geben … Gott suchen [?] wir in der Art des Zöllners [vgl. Lk. 18,13] und erhalten uns damit [?]. Er mache uns zu Knechten, die ihres Herrn warten [vgl. Lk. 12,36 par.].

Lieder:
  • Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, Strophen 1.2.11 (RG [1998] 724,1.2.10; EG 325,1.2.10; jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 327 «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4 («Kommt, Kinder …»: GERS [1952] 325, Str. 1.2.4; EG 393,1.2.6; jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Vor dem Abschieds-Gottesdienst - der Brief ist auf den 9.10. datiert, ist aber vermutlich einen Tag älter -, schrieb Barth an Thurneysen: "Von einem ergreifenden Abschied wird keine Rede sein, die Safenwiler zeigen mit verschwindenden Ausnahmen nur das eine Begehren, nun bald ihre Ruhe wieder zu bekommen. Die Erinnerung an Matth. 10,14 liegt auch ohne religiösen Übermut nicht ganz ferne, und es ist nicht ausgeschlossen, daß ich das am Sonntag ausdrücklich sage, während im Hintergrund der ‹Sau-Schießet› fröhlich seinen Fortgang nimmt. Der freie Schießverein, der sich das leistet, rekrutiert sich N.B. nicht etwa aus den Herren, sondern aus den Arbeitern." (Bw.Th. I, S. 526 📖)↩
2
Vgl. die Inschrift am Apollotempel in Delphi: Γνῶθι σεαυτόν (Erkenne dich selbst!). Näheres bei Büchmann, S. 305 📖.↩
3
Vgl. A. Augustinus, Confessiones I,1, CSEL 33, S. 1, Z. 8f.: "[…] fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te."↩
4
Vgl. J. W. von Goethe, Westöstlicher Diwan, «Einlaß» 📖:
Denn ich bin ein Mensch gewesen,
Und das heißt ein Kämpfer sein.
↩
5
Mit der Spitzmarke "Safenwil" erschien in der "Neuen Aargauer Zeitung", Jg. 9, Nr. 186 vom 11.8.1921, S. 3, ein "Korrespondenz"-Artikel, in dem es über Barth und die Safenwiler heißt: "Die Kirchgenossen verstanden ihn nicht und er verstand sie nicht." In dem Auszug aus diesem Artikel, den das "Aargauer Volksblatt", Jg. 10, Nr. 187 vom 14.8.1921, S. 2, mit der Spitzmarke "Vom Pfarrer zum Professor" abdruckte, ist als Schlußsatz hinzugefügt: "Beiden Teilen ist nun geholfen."↩
6
Von hier an gibt Barth nur noch eine Skizze des Gedankengangs.↩
7
Luthers letzte Aufzeichnung vom 16. Februar 1546 schließt mit dem Satz: « Wir sind Bettler, Hoc est verum» (WA.TR 5,168,35; vgl. WA 48,241).↩
8
Vgl. aus Luthers Brief an Georg Spenlein vom 8. April 1516: «Christus enim non nisi in peccatoribus habitat. Ideo enim descendit de coelo, ubi habitabat in iustis, ut etiam habitaret in peccatoribus.» (WA.B 1,35,29-31)↩