1. Petrus 1,24–25 (Abschiedspredigt)
1.
Wie unheimlich wahr die eben gehörten Worte vom Gras und von
der Blume, von ihrem Verdorren und Abfallen sind, das könnte uns kaum deutlicher werden,
als wenn wir uns heute, wo ich diese Kanzel zum
letzten Mal betreten habe, etwa Betrachtungen darüber hingeben
wollten, was uns nun die zehn Jahre, in denen ich euer Pfarrer war, gebracht, was wir in dieser Zeit getan und nicht getan, erreicht
und nicht erreicht haben. Wir können es ja nicht ganz
unterlassen, uns solche menschlich sehr naheliegende Fragen zu stellen in dieser
Abschiedsstunde. Was hinter uns liegt, das ist ja ein Stück menschlichen Weges und
Werkes, das als solches eine gewisse Bedeutung für uns hat. Wie sollten wir uns nicht
fragen können, dürfen, ja sogar müssen: Wie war der Weg? und was war das Werk? Wir
denken unwillkürlich an jenen Haushalter im Evangelium, von dem gefordert wurde: Tu
Rechnung von deinem Haushalt! [
2.
Dann würde ich jetzt anheben und sagen: Ich habe mich zehn Jahre
lang bemüht, euch das Wort Gottes zu verkündigen, so gut
ich es in immer erneutem Überlegen vor allem der Gedanken der Bibel zu verstehen meinte.
Ich wollte euch Sonntag für Sonntag die Augen öffnen für die
Tatsache, daß das menschliche Leben nicht so einfach ist, wie wir es uns zu machen pflegen, und auch wieder unendlich viel
einfacher, als wir es uns machen – wenn wir es nämlich von Gott aus betrachten. Ich
wollte euch zurufen, daß Gott lebt, daß es eine rich|192tende und
versöhnende Wahrheit gibt über uns allen, daß es eine Hoffnung gibt in unserer
Verlegenheit, eine Vergebung für unsere Sünde,
eine Erlösung aus unserer Not, ein Leben im Tode. Ich wollte euch auffordern, euch in Furcht und Zittern aus großer Liebe mit mir zu beugen vor diesem Gott, ihm die Ehre zu
geben und euch durch die Wahrheit frei machen zu lassen [vgl.
3.
Und nun könnten wir ja auch die Gegenrechnung aufstellen, und
ich könnte euch fragen: Was habt denn ihr, liebe Safenwiler, in diesen zehn Jahren
gewollt und getan? Und wenn ihr mir dann antworten würdet: Wir suchten bei dir Erbauung und Belehrung und Wegweisung! Wir
wollten an dir einenSeelsorger haben! Wir wollten uns durch
dich erinnern lassen daran, daß es etwas ganz Anderes gibt über
den Sorgen und Sünden unseres Alltags, über der Welt des Todes, in der wir alle gefangen
liegen, ja, wir wollten von dir von Gott hören, denn zu Gott hin
sind wir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis |193 daß es
ruht in ihm!3 – so könnte ich euch antworten: Ja, ist's denn wahr, daß ihr das wolltet? Wann und wie habt ihr es mich
denn merken lassen, daß ihr das wolltet? Habt ihr denn wirklich
etwas gesucht bei mir, oder seid ihr mir nicht immer wieder
gegenübergetreten als Leute, die nichts von mir erwarteten, als daß ich ihnen bestätigen
sollte, was sie selber ohnehin wußten und dachten? Wolltet ihr denn wirklich etwas Anderes von mir hören, oder seid ihr nicht gerade dann am
meisten vor mir zurückgewichen, habt ihr mich nicht gerade dann am meisten allein
gelassen, wenn ich mich am meisten bemühte, euch wirklich von dem Anderen zu reden, das in der Bibel zu uns Menschen reden will? Wolltet ihr denn wirklich von Gott hören durch mich, oder wißt ihr nicht, daß ihr mir bis in die letzten
Wochen den Eindruck gemacht habt, daß ihr wohl irgend etwas Schönes, aber von Gott
lieber nichts hören möchtet, daß ich in diesen zehn Jahren oft auf den bitteren Gedanken kommen mußte: Ja, wenn ich euch irgend ein frommes,
moralisches, patriotisches, sentimentales Geschwätz vorbringen, wenn ich euch vom
Frieden reden würde, von dem ihr so gern hört, beileibe nicht vom Frieden Gottes,
sondern vom Frieden in Safenwil, dann, ja dann wäre ich euer Mann gewesen. Wunderbar,
wunderbar!, hättet ihr dann gerufen, und als ein allgemein beliebter und verehrter
Pfarrer könnte ich dann heute den Schauplatz verlassen. Könnte ich euch nicht so
antworten, und hätte ich nicht auch Recht mit dieser meiner Gegenrechnung? Und kommt
dann nicht auch ihr unter das Gericht des Wortes: Alles Fleisch ist wie Gras! Menschenwerk ist auch das, was ihr in diesen zehn Jahren getan und
nicht getan habt. Und wenn ich selbst ein besseres Gewissen hätte, so dürfte und müßte
ich heute von euch scheiden mit dem Gedanken an jene Anweisung, die Jesus seinen Jüngern gegeben hat: Wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus aus
demselben Hause oder Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen [
4.
Ich glaube, mit der Erinnerung an das Gericht, unter dem alle Menschenwege und Menschenwerke als solche stehen, ist eigentlich |194 alles das erledigt, was in dieser Stunde unausgesprochen zwischen uns in der Luft liegt. Ihr könntet nun sagen, daß ich mich in diesen zehn Jahren stark verändert habe, daß meine Verkündigung nicht einheitlich gewesen sei, sondern euch in ermüdender Weise immer wieder um eine Ecke geführt habe. Und ich müßte euch zugeben: Ja, ich bin ein Mensch gewesen und ein Mensch [sein] heißt Kämpfer sein4, und das stimmt wenig zu der Wahrheit und Klarheit Gottes; aber ich müßte sofort die Frage hinzufügen: warum ihr nicht lieber mit mir gekämpft und gerungen habt um die Wahrheit, statt so oft bloß den Kopf zu schütteln zu meinen Entwicklungen, ob ihr gar nicht gemerkt habt, daß der Weg trotz Allem vorwärts führte. Und schließlich müßten wir uns gegenseitig eingestehen: Ja, alles Fleisch ist wie Gras. |
Ihr könntet mir sagen, ich sei ein allzu einsamer Mann gewesen, ich sei zu wenig in die Häuser und unter die Leute gegangen. Ihr könntet mir zurufen, was ja in einer Zeitung gestanden hat: Er verstand seine Gemeindegenossen nicht, und sie verstanden ihn nicht.5 Und ich müßte euch zugeben: ja, daran ist etwas, und ich weiß, daß es nicht so hätte sein sollen. Aber was hat mich denn in dieEinsamkeit getrieben? Wer hat mir denn etwa das abgenommen, was ich sagen wollte? Wer hat, mich denn verstehen wollen, auch dann, wenn ich mir alle Mühe gab, ihn zu verstehen? Und wieder würden wir wahrscheinlich quitt und könnten nur sagen: Alles Fleisch ist wie Gras. |
Ihr könntet mir sagen, ich sei eben ein Sozialist und Parteimann gewesen; ihr könntet mir noch einmal das Sprüchlein vorhalten, von dem mir in den letzten Wochen fast die Ohren gedröhnt haben, ein Pfarrer sollte eben über den Parteien stehen und für Alle da sein. Und wieder müßte ich euch zugeben, daß das in der Tat etwas sehr Menschliches ist, wenn ein Pfarrer einfach wie jedermann eine poli|195tische Farbe hat und kein weißer Engel ist; ich müßte auch zugeben, daß das sehr bedauerlich ist, wenn so wenig politische Farbe, wie ich sie tatsächlich hatte, schon genügt, um ihm so viele Herzen und Köpfe ohne weiteres und endgiltig zu verschließen, wie es hier geschehen ist. Ich möchte aber auch hier fragen, ob man sich mir nicht allzu schnell verschlossen hat aus diesen Gründen, ob man nicht aus einer Mücke einen Elefanten gemacht, ob nicht viele geradezu froh waren darüber, mich aus diesen Gründen ablehnen zu können, wie sie einen anderen Pfarrer aus einem anderen Grunde ablehnen würden und werden, ob nicht wenigstens Einige von den Freunden eines sogenannten neutralen Pfarrers etwas gemerkt haben davon, daß ich mit meiner Parteistellung in Safenwil etwas gesagt habe, was ich mit den besten Predigten nicht hätte sagen können, was aber gerade in Safenwil durchaus einmal gesagt werden mußte. Ich glaube, wir könnten wiederum Halt machen und uns eingestehen, daß wir uns wenig vorzuhalten haben, sondern besser täten, uns einzugestehen, daß auch in dieser Sache nur unsere gemeinsame Not zum Ausbruch gekommen ist.
5.
Und nicht anders würden wir dran sein, wenn wir uns nun endlich fragen wollten: Ja, und nun? Und nun der Ertrag, das Ergebnis, die Frucht dieser zehn Jahre? Auf was soll ich hinweisen, was ich euch gegeben, was ich unter euch erreicht habe? Ich habe in diesen letzten Wochen oft gedacht, es sei wohl noch selten ein Pfarrer mit so leeren Händen am Ende seiner Tätigkeit gestanden wie ich. In Wirklichkeit würde es wohl bei jedem Pfarrer das Gleiche sein, auch wenn er sich etwa einbildet, volle Hände zu haben. Und auf was wolltet ihr etwa hinweisen, was ihr bei mir gelernt und gefunden hättet?6 Kaum etwas zu nennen. Wir sind Bettler.7
6.
Gerade so soll es sein. An die Grenze treten. Der Mensch ist der Mensch. Gott will
recht haben. Auf Gott müssen wir rechnen. Um Gott hat es sich gehandelt. Gott will gut machen und
weiter helfen. - |196
Wer entschuldigt? Nein, wer beschuldigt? Wir sind Sünder, Verlorene, Sterbende. Christus wohnt nur unter Sündern.8 Christus
redet nur zu solchen, die nicht haben. Sein Zeichen ist das Zeichen des Kreuzes. Er gibt uns Alles, indem er uns Alles
nimmt: Seine Botschaft ist die Auferstehung des
Fleisches. Seine Hoffnung eine ewige Hoffnung. Er fragt uns, ob wir Suchende, Bittende …
sind [vgl.
- Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht
singen» von P. Gerhardt, Strophen 1.2.11 (RG [1998] 724,1.2.10; EG 325,1.2.10;
jeweils mit Textabweichungen)
- Nr. 327 «Kommt, Brüder, laßt uns gehen»
von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4 («Kommt, Kinder …»: GERS [1952] 325, Str. 1.2.4;
EG 393,1.2.6; jeweils mit Textabweichungen)