2. Oktober 1921

Lukas 15,1–10

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Lukas 15,1­–10
[Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er’s auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Oder welches Weib ist, die zehn Groschen hat, so sie der einen verliert, die nicht ein Licht anzünde und kehre das Haus und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freuet euch mit mir; denn ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte. Also auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.]

1.

Das Evangelium von Jesus Christus richtet sich an diejenigen, in denen die Frage nach den letzten Dingen erwacht ist, die Unruhe des jüngsten Tages, die Angst vor dem ewigen Tod und die Hoffnung des ewigen Lebens. Es gibt eine große Not, eine große Verlegenheit, ein großes Anliegen; eine große Verlegenheit – wer die hat, an den richtet sich das Evangelium von Jesus Christus und wird ihm zur Antwort, zur Klarheit, zum Weg; der findet im Evangelium das, was er braucht und was ihm fehlt. Wer diese große Verlegenheit und dieses große Anliegen nicht kennt, an dem geht das Evangelium vorbei, ob er es merkt oder nicht. Es verurteilt ihn nicht, es bestraft ihn nicht, es klagt ihn nicht an. Es beschimpft ihn nicht als böse, sündig oder gottlos. Es läßt ihn durchaus gelten und recht haben. Aber es geht an ihm vorbei; |187 es ist nichts für ihn. Es ist so wenig für ihn wie Musik für einen Taubstummen oder das Licht der Sonne für einen Blinden. Es mag wohl sein, daß er sich in aller Aufrichtigkeit für einen Christen hält und auch tatsächlich allerlei Christliches denkt, fühlt, sagt und tut. Aber er ist ein Christ aus Mißverständnis, aus Irrtum. Was er ist und hat, das ist und hat er ohne Christus. Seine Gesinnung, sein Charakter, seine ganze Richtung wäre genau dieselbe, auch wenn Christus nie in die Welt gekommen wäre. Wir wollen uns doch ja nicht verbergen, daß es auch schon vor Christus und zu allen Zeiten neben Christus und ohne Christus eine hohe, edle, schöne Menschlichkeit, eine Befriedigung der höchsten menschlichen Bedürfnisse gegeben hat. Wenn er vielleicht nicht nur aufrichtig, sondern ganz aufrichtig, genug aufrichtig, unbarmherzig aufrichtig gegen sich selbst wäre, so müßte er sich eingestehen, daß er mit dem, was er im Sinn hat, was sein Ideal ist, wie man sagt, eigentlich besser täte, das Christentum in Ruhe zu lassen. Wenn er ganz klar sehen würde, um was es sich im Christentum handelt, so müßte er dazu kommen, das Christentum abzulehnen und zu hassen; denn er müßte einsehen, daß das Christentum gerade seinen tiefsten und höchsten Absichten zuwiderläuft. Es wäre ein großer Fortschritt in der christlichen Erkenntnis, ein großer Sieg des Reiches Gottes, wenn uns dieser Unterschied so klar würde, daß wir ihn nicht mehr vergessen können: Das Evangelium von Jesus Christus ist die Antwort für die, die die große Frage im Herzen tragen. |

Für sie ist Alles bereit. Für sie ist es kinderleicht, unendlich naheliegend, fast selbstverständlich. Sie strecken nur die Hand danach aus und empfangen und verlangen dann nach nichts Anderem mehr. Sie finden die Wahrheit, indem sie sie suchen. Sie sind selig, weil sie verloren sind. Das Große wird ihnen gegeben, weil sie weniger als das Große, das ganz Große nicht nehmen wollen. Sie haben Frieden, weil sie jeden anderen Frieden hassen. Sie haben Trost, weil sie jeden anderen Trost entschlossen von sich weisen. Umgekehrt ist das Evangelium von Jesus Christus keine Antwort für die, die die große Frage nicht kennen. Ihre Bedürfnisse werden von Christus nicht befriedigt. Die Erbauung, die Ruhe, den Frieden, den Trost, den sie suchen, finden sie bei Christus nicht. Christus bringt ihnen den Frieden nicht, nach dem sie verlangen. Christus schätzt die Ordnung nicht, die sie für wünschenswert halten. Christus geht an dem, was sie als das Gute |188 anstreben, merkwürdig gleichgiltig vorbei. Ihnen wäre mit einer edlen heidnischen Religion – und es gibt edle heidnische Religionen – besser gedient als mit dem Christentum. Wenn sie eines Tages entdecken sollten, was das Evangelium eigentlich ist und will, dann müßte es ihnen zentnerschwer aufs Herz fallen, eine große Aufregung müßte sich ihrer bemächtigen, vor die furchtbare Entscheidung würden sie sich gestellt sehen, entweder sozusagen alles preiszugeben, was sie bis jetzt gewesen sind und gehabt haben, fahren zu lassen alles, aber auch alles, woran sie sich bis jetzt klammerten als an ihre Stütze und ihren Reichtum, oder dann entschlossen Christus den Krieg zu erklären in der Erkenntnis: wir wollen wohl treu und recht sein, wir wollen wohl das Gute, wir wollen wohl in den Himmel kommen, aber wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche [Lk. 19,14]; denn wir sehen, daß dieser dort steht, dort auf uns wartet, wo wir nie sein wollen. Wir wollen alles, alles tun, was man vernünftigerweise von uns verlangen kann. Wir wollen so gut und fromm sein, als man nur wünschen kann und soweit es in unseren Kräften steht. Wir wollen die höchsten Berge edler Menschlichkeit erklimmen. Aber wir wollen nicht Buße tun. Wir wollen von Gott nicht hören, an Gott nicht glauben, Gott nicht gehorsam werden. Seht, das ist die Erklärung dessen, was wir gehört haben: Es nahten zu ihm … Christus ist unter den Sündern.2 Die Sünder sind die, die die Frage im Herzen tragen, auf die das Evangelium die Antwort ist. Darum ist Christus unter ihnen. Alle anderen Menschen können über Christus nur murren. Sie können Christus nicht verstehen. Sie verstehen ihn dann am wenigsten, wenn sie meinen, ihn verstanden zu haben. Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren darum weiter in der christlichen Erkenntnis, näher dem Reich Gottes, weil sie offen murrten gegen ihn, weil sie es offen eingestanden, daß sie ihn nicht verstanden.

2.

Aber wer ist nun ein Sünder? Und wer ist nun ein Gerechter, der der Buße nicht bedarf? Wer gehört nun zu denen, die die große Frage kennen, und wer zu den Anderen, die sie nicht kennen? Sind das nun [?] etwa zwei Gruppen, in die man die Menschen einteilen könnte: du gehörst dahin und du dahin? Immer nur einen Augenblick lang, |189 dann kann Alles schon wieder ganz anders sein. Denn die Frage nach Gott, auf die Christus die Antwort ist, ist immer wieder neu wie Gott selber. Die große Frage, die große Unruhe, die große Angst und Hoffnung ist wie der Blitz, der am Himmel leuchtet, aber nicht bleibt. Niemand kann sie haben, besitzen, als sein Eigentum in Anspruch nehmen. Niemand kann sich dabei beruhigen: ich bin ja ein Sünder, ein Fragender, ein Bittender, Suchender, Anklopfender [vgl. Mt. 7,7]. Niemand kann sagen: ich habe ja gefunden. Und umgekehrt ist niemand ausgeschlossen, braucht niemand sich dabei zu verhärten [?]: ich kann nicht, ich verstehe nicht, ich will nicht. Es geht mich nichts an. Der jetzt ein Sünder ist, kann jetzt ein Pharisäer sein, und der jetzt ein Pharisäer ist, kann jetzt ein Sünder sein. Der jetzt mit leeren Händen hungrig und dürstend nach Christus greift, kann jetzt ein Satter und Zufriedener sein, für den Christus nicht[s] mehr bedeutet. Und der jetzt mit vollen Händen dasteht und mit Christus offen gestanden nichts anfangen kann, kann jetzt Alles fahren lassen und nach dem Einen greifen, was not tut [vgl. Lk. 10,42]. Christus ist die ewige Frage und die ewige Antwort für jeden Menschen. Er ist der Herr, reich über Alle, die ihn anrufen [Röm. 10,12]. Aber freilich: Die enge Pforte der Zöllner und Sünder ist nicht zu umgehen. Als Pharisäer kommt keiner herein. Ohne Buße kann niemand Gott schauen. Es bleibt dabei: Christus ist nicht für Alle da: nicht für die Sicheren [?], nicht für die Zufriedenen, nicht für die, die schon wissen und haben, nicht für die, die etwas Anderes suchen als Gott, und wenn es das Höchste wäre. Christus ist nur für die Sünder da. Ob wir Sünder sein wollen, das ist die Frage, die immer wieder unerbittlich an uns alle gestellt wird.3

Sachfußnoten

1
Am 27. September schrieb Barth an Thurneysen: "Hier steht alles im Zeichen der Pfarrwahl. Eben komme ich aus der entscheidenden Versammlung». Sie «war nicht gut. Es wurde armsdick über den ‹Frieden in der Gemeinde› geredet, der nun wieder hergestellt werden müsse." (Bw.Th. I, S. 521 📖) Übrigens lagen zehn Bewerbungen vor (Bw.Th. I, S. 514, Anm. 2).↩
2
Vgl. unten S. 196, Anm. 2.↩
3
Das Manuskript bricht hier ab. Liedangaben fehlen.↩