Lukas 15,1–10
1.
Das Evangelium von Jesus Christus richtet sich an diejenigen, in denen die Frage nach den letzten Dingen erwacht ist, die Unruhe des jüngsten Tages, die Angst vor dem ewigen Tod und die Hoffnung des ewigen Lebens. Es gibt eine große Not, eine große Verlegenheit, ein großes Anliegen; eine große Verlegenheit – wer die hat, an den richtet sich das Evangelium von Jesus Christus und wird ihm zur Antwort, zur Klarheit, zum Weg; der findet im Evangelium das, was er braucht und was ihm fehlt. Wer diese große Verlegenheit und dieses große Anliegen nicht kennt, an dem geht das Evangelium vorbei, ob er es merkt oder nicht. Es verurteilt ihn nicht, es bestraft ihn nicht, es klagt ihn nicht an. Es beschimpft ihn nicht als böse, sündig oder gottlos. Es läßt ihn durchaus gelten und recht haben. Aber es geht an ihm vorbei; |187 es ist nichts für ihn. Es ist so wenig für ihn wie Musik für einen Taubstummen oder das Licht der Sonne für einen Blinden. Es mag wohl sein, daß er sich in aller Aufrichtigkeit für einen Christen hält und auch tatsächlich allerlei Christliches denkt, fühlt, sagt und tut. Aber er ist ein Christ aus Mißverständnis, aus Irrtum. Was er ist und hat, das ist und hat er ohne Christus. Seine Gesinnung, sein Charakter, seine ganze Richtung wäre genau dieselbe, auch wenn Christus nie in die Welt gekommen wäre. Wir wollen uns doch ja nicht verbergen, daß es auch schon vor Christus und zu allen Zeiten neben Christus und ohne Christus eine hohe, edle, schöne Menschlichkeit, eine Befriedigung der höchsten menschlichen Bedürfnisse gegeben hat. Wenn er vielleicht nicht nur aufrichtig, sondern ganz aufrichtig, genug aufrichtig, unbarmherzig aufrichtig gegen sich selbst wäre, so müßte er sich eingestehen, daß er mit dem, was er im Sinn hat, was sein Ideal ist, wie man sagt, eigentlich besser täte, das Christentum in Ruhe zu lassen. Wenn er ganz klar sehen würde, um was es sich im Christentum handelt, so müßte er dazu kommen, das Christentum abzulehnen und zu hassen; denn er müßte einsehen, daß das Christentum gerade seinen tiefsten und höchsten Absichten zuwiderläuft. Es wäre ein großer Fortschritt in der christlichen Erkenntnis, ein großer Sieg des Reiches Gottes, wenn uns dieser Unterschied so klar würde, daß wir ihn nicht mehr vergessen können: Das Evangelium von Jesus Christus ist die Antwort für die, die die große Frage im Herzen tragen. |
Für sie ist Alles bereit. Für sie ist es kinderleicht, unendlich naheliegend, fast
selbstverständlich. Sie strecken nur die Hand danach aus und empfangen und verlangen
dann nach nichts Anderem mehr. Sie finden die Wahrheit, indem sie sie suchen. Sie sind
selig, weil sie verloren sind. Das Große wird ihnen gegeben, weil sie weniger als das
Große, das ganz Große nicht nehmen wollen. Sie haben Frieden, weil sie jeden anderen
Frieden hassen. Sie haben Trost, weil sie jeden anderen Trost entschlossen von sich
weisen. Umgekehrt ist das Evangelium von Jesus
Christus keine Antwort für die, die die große Frage nicht kennen. Ihre Bedürfnisse
werden von Christus nicht befriedigt. Die Erbauung, die Ruhe, den Frieden, den Trost,
den sie suchen, finden sie bei Christus nicht. Christus bringt ihnen den Frieden nicht,
nach dem sie verlangen. Christus schätzt die Ordnung nicht, die sie für wünschenswert
halten. Christus geht an dem, was sie als das Gute |188
anstreben, merkwürdig gleichgiltig vorbei. Ihnen wäre mit einer edlen heidnischen Religion – und es gibt edle heidnische Religionen –
besser gedient als mit dem Christentum. Wenn sie
eines Tages entdecken sollten, was das Evangelium eigentlich ist und will, dann müßte es
ihnen zentnerschwer aufs Herz fallen, eine große Aufregung müßte sich ihrer bemächtigen,
vor die furchtbare Entscheidung würden sie sich gestellt sehen, entweder sozusagen alles
preiszugeben, was sie bis jetzt gewesen sind und gehabt haben, fahren zu lassen alles,
aber auch alles, woran sie sich bis jetzt klammerten als an ihre Stütze und ihren
Reichtum, oder dann entschlossen Christus den Krieg zu erklären in der Erkenntnis: wir
wollen wohl treu und recht sein, wir wollen wohl das Gute, wir wollen wohl in den Himmel
kommen, aber wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche [
2.
Aber wer ist nun ein Sünder? Und wer ist nun
ein Gerechter, der der Buße nicht bedarf? Wer gehört nun zu denen, die die große Frage
kennen, und wer zu den Anderen, die sie nicht kennen? Sind das nun [?] etwa zwei
Gruppen, in die man die Menschen einteilen könnte: du gehörst dahin und du dahin? Immer
nur einen Augenblick lang, |189 dann kann Alles schon wieder
ganz anders sein. Denn die Frage nach Gott,
auf die Christus die Antwort ist, ist immer wieder neu wie Gott selber. Die große Frage,
die große Unruhe, die große Angst und Hoffnung
ist wie der Blitz, der am Himmel leuchtet, aber
nicht bleibt. Niemand kann sie haben, besitzen, als sein Eigentum in Anspruch nehmen.
Niemand kann sich dabei beruhigen: ich bin ja ein Sünder, ein Fragender, ein Bittender, Suchender, Anklopfender [vgl.