25. September 1921

Matthäus 19,16­–30

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Matthäus 19,16­–30
[Und siehe, einer trat zu Jesus und sprach: Guter Meister, was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben? Er aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote. Da sprach er zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: «Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter;» und: «du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf; was fehlt mir noch? Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach! Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von ihm; denn er hatte viele Güter. Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme. Da das seine Jünger hörten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann denn selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür? Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: Ihr, die ihr mir seid nachgefolgt, werdet in der Wiedergeburt, da des Menschen Sohn wird sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Stühlen und richten die zwölf Geschlechter Israels. Und wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, der wird’s hundertfältig nehmen und das ewige Leben ererben. Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein.]

1.

Wenn ich über diese Worte nachdenke, so ist es mir, ich sehe gewaltige Meereswellen. Auf und nieder steigen sie, immer ist wieder eine neue in der Höhe, wenn die eine verschwunden ist, immer scheint eine noch größer als die andere, und doch ist’s immer die gleiche Flut, bewegt von der unsichtbaren Kraft des Sturmes. Und nun auf den Meereswellen ein Schifflein, das allen ihren Bewegungen folgen muß, auf und nieder wird es gerissen, immer wieder möchte es dem Ufer sich nähern. Immer wieder wird es zurückgeworfen. Gewalt ist da |183 und trägt und bewegt es. Und größer als die tragende und bewegende Kraft der Wellen ist die Kraft des Sturmes, der die Wellen erregt. Und über der Kraft des Sturmes ist niemand und nichts. Der Wind bläst, wo er will. Du hörest sein Sausen wohl, aber du siehst nicht, von wannen er kommt, noch wohin er fährt [Joh. 3,8].

2.

Oder spürt ihr’s nicht auch, wie der unsichtbare Sturm Gottes durch diese Geschichte geht und erregt und bewegt Alles, und wir können nur stehen und staunen und fragen: Warum? und irgendwie die Antwort zu stammeln versuchen: darum, darum, weil Gott so gewaltig ist. Zuerst der Jüngling mit seiner Frage: Was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben? Woher kommt diese Frage? Aus dem Herzen!, möchten wir sagen und werden wohl recht haben. Guter Meister!, redet er ja Jesus an. Wir fühlen’s, ja das kommt von Herzen. Aber wie ist’s nur möglich, daß aus seinem Herzen diese Frage kommt? Im Herzen der Menschen wohnen sonst tagaus tagein, jahraus jahrein ganz andere Fragen. Ich weiß nicht, ob jetzt aus dem Herzen auch nur eines Einzigen von uns wirklich die Frage kommen würde: Was soll ich Gutes tun? Das versteht sich jedenfalls nicht von selbst. Da ist etwas Gewaltiges geschehen, wenn wie ein Blitz die Erkenntnis über uns kommt: ich sollte das ewige Leben haben, und dazu sollte ich etwas Gutes tun. Das ewige Leben! Also ist das Leben, das wir sonst haben, nicht ewig. Das ewige Leben! Also gibt es ein anderes Leben! Und um dieses andere Leben zu haben, sollte ich (ich, kein Anderer für mich!) etwas Gutes tun. Keine Frage, das hängt zusammen, das ewige Leben und das Tun des Guten. Keine Frage, ich kann das Gute tun. Es fehlt mir ganz wenig dazu, ich stehe [?] ganz in der Nähe: Woher sollten wir wissen, was das Gute ist, das ich tun soll? Also: Was soll ich Gutes tun? Es ist unerhört, wenn ein Mensch zu dieser Frage kommt. Unzähligen brennt heute diese Frage heimlich auf den Lippen. Da ist Gott ihnen ganz nahe, da sind sie ganz nahe bei Gott, zum Greifen nahe. Voll Antwort ist ihre Frage. Wie hätte jener Jüngling Gott nicht nahe sein sollen, als er Christus fragte: Was soll ich Gutes tun? Wie hätte es anders sein sollen, als daß er, indem er fragte, schon die Antwort hatte?

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3.

Aber: Was fragst du mich nach dem Guten? Einer ist gut! Das ist die Antwort. Und diese Antwort macht Alles ganz anders. Schon darum, weil sie die Antwort ist.1

[Stichwortkonzept der Predigt]

Sinn: Meereswellen (auf, höher, größer, Flut, Sturm) Schifflein (folgen, auf, Ufer, zurück, Gewalt) Sturm, niemand, d. Wind weht … D. Sinn: Sturm G[otte]s. Warum? Gott so gewaltig.

Jüngling mit s. Frage. Aus s. Herzen: d. ganze M[ensch] ist bewegt. Sonst von anderen Dingen. Einzigartiges, Gewaltiges, Wunderbares, wenn im Herzen d. Blitz d. Erkenntnis: d. ewige Leben! Ein Neues, Zweites, Anderes ist notwendig z. ihm gekommen: woher? Und nun: ich sollte etwas Gutes tun! Ein Zusammenhang zwischen mir u. dem ewigen Leben. Ich sollte etwas tun! In dieser Frage d. Gewalt G’s. Zum Greifen nahe.

Was fragst du mich? Einer! Demütigung, Zurückweisung. Fragen? Einen anderen? guten M.? soll d. Gute tun? Ist das die bekannte [?] Enttäuschung u. Entmutigung d. M.? Aber nein, da ist Größeres im Spiel: das Gericht. Ein Anderer dem M. gegenüber: Du bist es nicht, ich bins! Das ist die Antwort auf d. Frage in der Frage. Alle Demütigungen u. Entmutigungen bedeuten das: Ich bins! Wieder d. Gewalt G’s. Z. Greifen nahe.

Halte die Gebote! Welche? Nicht töten … Da sind wir mitten im Gewöhnlichen. So nahe ist uns G. Warum? Das Gute tun? Nein, aber Gebote, hier ist d. Zus.hang zwischen mir u. d. ewigen Leben. Gebote d. Eine! Richten sich gegen d. Übermut d. M. Nicht! Nicht du! Warum fragen? Wir wissen ja!

185 Was fehlt mir noch? Vollkommen sein! Habe ich es nun getan? bin ich nun[?] auf d. rechten Weg? Nichts ist getan! Es giebt k. rechten Weg! Alles fehlt dir! Merkst dus noch nicht? Gott ist gut!! Wie das begreiflich machen? Gerade hier [?], d. Reichtum, d. Ruhe, d. Sicherheit, d. Boden [?]! Alles fehlt mir! Der Jüngling versteht es! So groß ist G. D. Jünger verstehn es auch.

Wie schwer? Wer selig? Bei Gott! Alle verschlossen unt. d. Ungehorsam … [vgl. Röm. 11,32]. Hier ist d. Freiheit. Überall tritt uns G. in den Weg. Gott Lob, daß er es tut! Wir haben k. Weg, ja aber weil er lebt. Immer wieder umkehren. Ja zu ihm! Alles verlassen? Ja Alles, um Alles zu finden!

Ist das nicht ein Sturm? Nichts Bes[onderes] geschieht, nur ein Gespräch wird geführt. Willst du hören [?]. Das ist X [=Christus]. Das ist unser Friede! [vgl. Eph. 2,14]

Sachfußnoten

1
Das Manuskript bricht hier ab. Liedangaben fehlen. Das im Anschluß buchstabengetreu wiedergegebene Stichwortkonzept steht auf einem eigenen Viertelblatt.↩