18. September 1921

Lukas 6,27­–36 (Bettag)

176
[575]
Bettag
Lukas 6,27­–36
[Aber ich sage euch, die ihr zuhöret: Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch hassen; segnet die, so euch verfluchen; bittet für die, so euch beleidigen. Und wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete den andern auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, da fordere es nicht wieder. Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, also tut ihnen gleich auch ihr. Und so ihr liebet, die euch lieben, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch ihre Liebhaber. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun das auch. Und wenn ihr leihet, von denen ihr hoffet zu nehmen, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder leihen den Sündern auch, auf daß sie Gleiches wieder nehmen. Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen. Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.]

1.

Jesus Christus ist die Einladung Gottes an die Menschen. Gott ruft: Kommt, ihr gehört zu mir, ich warte auf euch! Nichts Anderes geschieht hier. Darum kann Jesus Christus sagen: Kommt her zu mir [Mt. 11,28]! Es handelt sich darum, zu Gott zu kommen. Es ist etwas ganz Anderes, wenn die guten Menschen die bösen einladen oder die frommen die gottlosen oder die klugen die törichten oder die fortschrittlichen die rückständigen. Das geschieht ja auch, und es ist nötig und recht, daß das geschieht. Aber das ist nicht Jesus Christus. Wir können uns den Unterschied klarmachen, wenn wir an die heutigen Lager in unserem Schweizerland denken. Ich bin der Meinung, und ich glaube, alle tiefer Denkenden unter euch müssen mir darin beipflichten, daß es sehr viele gute Menschen gibt, Menschen, die aufrich|177tig ihrem Gewissen nachleben, die wissen, daß es etwas Höheres gibt als Essen und Trinken, denen das Wohl ihrer Mitmenschen ehrlich am Herzen liegt, die auch im öffentlichen Leben nichts Anderes wollen, als daß das Recht siege und sich behaupte. Und so auch viele fromme Menschen, viele kluge Menschen, viele aufrichtig und tapfer fortschrittliche Menschen. Wenn man einen Menschen, dem es über das alles hinaus auch noch ernsthaft um das Heil seiner unsterblichen Seele und um das Reich Gottes zu tun ist, einen Christen nennen darf, so wage ich es sogar zu sagen: es gibt viele Christen, mehr als man denkt. Und ich würde diese guten Menschen unter den Stillen im Lande2 suchen und unter denen, die viel von sich reden machen, unter denen, die sich damit begnügen, im nächsten Kreis ihre Pflicht zu tun, wie unter denen, die irgendwie an einer besonderen Arbeit stehen, im Bauernstand und in der Handelswelt und in der Arbeiterschaft, in Schulhäusern und Pfarrhäusern und Anstalten, in der deutschen und in der welschen Schweiz, unter den Katholiken, aber auch unter den Kommunisten. Ich würde überall suchen, und ich wüßte eigentlich keine Lage und kein Lager, in dem sich Menschen befinden können, wo ich nicht auch schon gefunden hätte. |

Aber nun stellt euch vor, daß alle diese guten Menschen laut oder leise ihre Stimme erhöben (wie sie es ja auch tatsächlich tun), und nun riefen sie uns zu: Kommt! ihr gehört zu uns! wir warten auf euch! Wer wollte ihnen das Recht dazu bestreiten, wenn sie wirklich gute Menschen sind? wer müßte es nicht begreifen, wenn die guten Menschen sich das Recht nehmen, die Anderen einzuladen? Und sie haben sich dieses Recht tatsächlich längst genommen: Jeder gute Mensch ist in seiner Weise, ob er es will oder nicht, eine Einladung an die Anderen: Kommt, ich habe euch etwas zu zeigen! Tretet auf meinen Weg, denn es ist ein guter Weg! |

178 Aber was bedeutet es nun, wenn das geschieht, daß die guten Menschen die Anderen einladen? Es bedeutet sicher im Einzelnen viel Nützliches, viel Besserung, viel Segen. Es bedeutet aber ebenso sehr im Ganzen die große Verwirrung, die Unklarheit, den unheilvollen Widerstreit, in dem wir uns heute befinden. Und je mehr gute Menschen da sind, je stärker sie mit ihren gewichtigen Stimmen hervortreten, desto größer und schlimmer wird dieser Widerstreit. Denn wo ein guter Mensch, und wenn es der beste wäre, den Anderen gegenübertritt mit der ausdrücklichen oder auch schweigenden Einladung: Kommt zu mir!, da geschieht es unvermeidlich, daß er Etwas vertritt, und wenn dieses Etwas das Beste und Wahrste wäre, es ist doch sicher nicht Alles, es ist nur sein Etwas, und ob er will oder nicht: er trägt, indem er sein Etwas vertritt, dazu bei, uns auseinanderzureißen, er führt uns dahin oder dorthin, er nimmt uns mit oder läßt uns zurück. Sein Gutes ist nicht für Alle gut. Oder wo wäre der gute Mensch, dessen Gutes für Alle gut wäre? Und so kommt es, daß wir so zerspalten sind, nicht durch die vielen schlechten Menschen, sondern durch die vielen guten Menschen mit ihren vielen Etwas, die uns dahin und dorthin reißen. |

Wo ein guter Mensch die Anderen einladet: Kommt zu mir!, da ist es ferner unvermeidlich, daß er zum Ankläger wird. Er haßt das Böse, er nennt es mit Namen, er tadelt und straft es oder er ist doch, ohne daß er ein Wort dazu sagt, sein stummes Gericht. Er kann nichts dafür, es ist einfach so. Alles Gericht aber ist Gift und Bitterkeit. Der Mensch wird nie besser durch die Strafen, die von Menschen über ihn verhängt werden, und wenn es die gerechtesten, wohlgemeintesten Strafen wären. Strafe verstockt schließlich nur. So kommt es, daß wir in einer Luft voll Gift und Bitterkeit leben, und wenn man nachforscht, woher kommt das viele Mißtrauen, all die Verärgerung und Verbohrtheit, unter der wir leiden, so sieht man, es kommt davon, daß so viel Anklage und Gericht in der Luft ist, und wieder würde man sich schwer täuschen, wenn man die sogenannten schlechten Menschen dafür verantwortlich machen würde, sondern die Guten sind es, die, ob sie es wollen oder nicht, schließlich und im Ganzen eben doch als Gericht wirken. |

Und noch etwas ist unvermeidlich, wenn ein guter Mensch die Anderen einladet: Kommt zu mir! Es ist nicht zu umgehen, daß er sich |179 dabei auf den Standpunkt stellt, recht zu haben. Wie sollte es auch anders sein; er wäre ja kein guter Mensch, wenn er nicht recht hätte. Und nun ist gerade das Rechthaben ungefähr das Verhängnisvollste, was einem Menschen geschehen kann. Rechthaben ist immer etwas Hartes, Sachliches3, Steifes. Da reißt der Mensch etwas an sich, was ihm nicht gehört. Da feiert er einen Triumph, der immer zu früh ist. Da scheint er groß und wird im selben Augenblick klein. Das Rechthaben macht das Gute in dem guten Menschen unwirksam. Sie müßten gut sein, ohne recht zu haben, jedenfalls ohne recht haben zu wollen. Denn in dem Augenblick sieht man nur noch den Menschen, nicht mehr den guten Menschen. In dem Augenblick, wo Einer mit dem Guten einen Triumph feiern kann, wirkt das Gute mit dem Bösen auf der gleichen Linie. Man bewundert und respektiert es wohl noch, aber es ist nicht mehr ein Geheimnis, es ist keine Majestät mehr, es hat den Namen und das Gesicht dieses und dieses Menschen. Darunter leiden wir. Daher die große Unklarheit, in der wir uns befinden. Wir sehen wohl viele in ihrer Art gute Menschen, die in ihrer Art recht haben, aber wo ist das Gute, das Rechte, ohne daß man hinzufügen müßte: in seiner Art? Die guten Menschen decken das Gute sozusagen zu; damit ist ihm seine Kraft genommen, und alles Einladen hilft nicht mehr viel.

2.

Und nun kehren wir zurück zu Jesus Christus. Er ist die Einladung Gottes an die Menschen, sagte ich am Anfang. Gewiß, er war auch ein Mensch, auch ein guter Mensch. Aber das war das Merkwürdige bei ihm und ist es bis auf den heutigen Tag, daß bei ihm alles das nicht eintrat, nicht eintreten konnte, was sonst geschieht, wenn gute Menschen die Anderen einladen. Man beschreibt das Einzigartige an Jesus Christus vielleicht am besten, wenn man sagt: ihm fehlte alles das, was das Auftreten auch der besten Menschen unvermeidlich begleitet. Der gute Mensch trat bei ihm eigentlich ganz zurück hinter etwas Anderem, viel Wichtigerem. Ganz klar wurde es bei ihm: es handelt sich zuletzt um etwas Größeres. Paulus hat diesen Eindruck von Christus einmal beschrieben mit den Worten: «Obwohl er in göttlicher Gestalt war, hielt er’s nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein |180 anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden» [Phil. 2,6f.].4

[Stichwortkonzepte für den 2. Teil der Predigt5]

[1. Version]

J. X. [= Jesus Christus]. Wort u. Einladung G[otte]s: Spüren wir: Neues nötig! Die Entscheidung: an guten M[enschen] glauben oder an Gott. Niemand aufdrängen. Viell. gründl. Enttäuschung. Viell. Einsicht: d. Gute will, d. Böse tut [vgl. Röm. 7,19]. Dann reif für J. X. Unsre Zeit? Schwer: Erfahrungen, Umdenken, Preisgeben, am Schwersten f. d. Guten.

Auch J. X. ein guter M. Das Merkwürdige: Das tritt zurück, er will nicht das sein, er weicht vor einem unsichtb. Höhern. Einer ist gut [vgl. Mt. 19,17 par.]. Zuletzt bei d. Zöllnern u. Übeltätern. «Ob er wohl …» [vgl. 2.Kor. 8,9; Phil. 2,6] Darum hat Gott ihn erhöht [Phil. 2,9]. Warum? All Jenes geschah nicht, er war anders, Gott herrschte. Hier wird nichts vertreten, nicht angeklagt, nicht recht gehabt. «Er wird nicht schreien …» [Jes. 42,2]. Hier ist Alles nur Hinweis, darum redet hier Gott: Ich lebe [Joh. 14,19]! Komm! Jeder, freudig, Zwang.

Einige Worte z. Text. Sie reden selbst. Fast nicht mißzuverstehen.

Erster Eindruck: d. Unmögliche, Unerhörte gefordert. Sprengt alle Ordnungen (Eigentum, Ehre, Recht). Übersteigt alle Kräfte. Eine Freiheit die k. Mensch hat. Werdet Kinder! Das kann man nicht verlangen, nur schenken. Nicht Tun, nur Sein. Anbeten u. Buße tun. Wie groß Gott, wie anders wir.

Zweiter Eindruck: sich wundern, daß das gefordert ist. Was heißt ihr mich Herr … [Lk. 6,46]. Es geht uns an. Es ist die Wirklichkeit. |181 Das wäre die Lösung: Lieben, Vergeben, Vorangehen. In uns Allen etwas bereit. Aber ein Bruch ist da notwendig.

Dies die Einladung. Auffordern? Nein. Das ist d. Glaube. Der Ort, wo d. Gl. entstehen müßte. Ich glaube … [vgl. Mk. 9,24]

[2. Version]

J. X. die Einladung Gottes. Etwas Neues. Spüren wir: Neues nötig? Entscheidung: An guten M. glauben oder an Gott! Gründlich genug enttäuscht? Aber genug sehen: Will d. Gute, tun das Böse? Dann reif für J. X. Zeit reif für J. X. Schwer: Umdenken, Preisgeben, am Schwersten für d. Guten.

Auch J. X. ein Mensch, ein guter M. Das Merkwürdige: Das tritt zurück, verschwindet. Er will nicht das sein. Er weicht zurück vor einem unsichtbaren Höhern, zuletzt unter Zöllnern, Übeltätern! Ob er wohl in göttl. Gestalt war … Darum hat G. ihn erhöht … Warum? Weil bei ihm das nicht geschah, was bei den g. M. geschieht. Hier wird nicht Etwas vertreten, Er ist kein Ankläger, Er will kein Recht haben. Hier ist nur Gott, der z. M. sagt: Komm: Jeder! Freudig! Zwang!

Einige Worte z. Text, nur wenig. Sie reden. Fast nicht möglich mißverstehen.

Erster Eindruck: D. Unmögliche, Unerhörte verlangt. Sprengt alle Ordnungen. Übersteigt alle Kräfte. Die Erklärung: Eine Freiheit, die kein M. hat. Da wird verlangt, was man nicht verlangen kann: Werdet! Da springt d. Bogen u. soll springen. Anbeten, Buße tun, Sich wundern! Wie groß ist Gott.

Zweiter Eindruck: wird gefordert. Was heißt ihr mich Herr … Das ist die Wirklichkeit. Das müßte ich tun. Das wäre die Lösung, die Antwort. In uns Allen ist etwas bereit. Aber das fordert wieder einen Bruch: die Erkenntnis Gottes.

Dies die Einladung. Nicht auffordern dazu. Denn das ist d. Glaube. Der Ort wo d. Gl. entstehen müßte

Sachfußnoten

1
An den vorangehenden Sonntagen 28. August, 4. September und 11. September predigten Bewerber um die Nachfolge im Safenwiler Pfarramt. In der Nacht zum 18. September, um 1 Uhr, beendete Barth einen kurzen Brief an Thurneysen mit dem Satz: "Ich muß schlafen gehen, um morgen frisch zu sein für meine letzte (!) Bettagspredigt, Luk. 6,27-38." (Bw.Th. I, S. 518 📖)↩
2
Vgl. E. Beyreuther, Art. "Stille im Lande", in: RGG3 VI, Sp. 380f., dort Sp. 380: "Reformbewegungen, welchen der Erfolg versagt blieb, pflegen sich in ihren Resten in eine abseitige Verborgenheit zurückzuziehen, nicht ohne sich dabei zu wandeln.» »Die S.n i.L. (der Ausdruck ist Ps. 35,20 entnommen) sind eine typische Erscheinung der deutschen K[irchen-]G[eschichte], denn in Holland, England und Nordamerika geschah bereits im 17. Jh. der Durchbruch zur Toleranz und ersparte neuen religiösen Gruppen diesen Rückzug." Vgl. auch Chr. Peters, Art. «Stille im Lande», in: RGG4 7, Sp. 1738.↩
3
Könnte auch als «Stachliches» (für «Stachliges») zu entziffern sein.↩
4
Das Manuskript bricht hier ab. Liedangaben fehlen.↩
5
Auf zwei beiliegenden Viertelblättern finden sich zwei Stichwortkonzepte zur Predigt, die erste Version in lateinischer, die zweite in deutscher Schrift. Angesichts des ausformulierten Textes vernachlässigen wir die Stichworte zum ersten Teil und geben die beiden Entwürfe zum zweiten Teil der Predigt buchstabengetreu wieder.↩