[Jesus hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach:
Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr hier
hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr hier weinet; denn ihr
werdet lachen. Selig seid ihr, so euch die Menschen hassen und euch absondern und
schelten euch und verwerfen euren Namen als einen bösen um des Menschensohnes
willen. Freuet euch alsdann und hüpfet; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel.
Desgleichen taten ihre Väter den Propheten auch. Aber dagegen weh euch Reichen!
denn ihr habt euren Trost dahin. Weh euch, die ihr voll seid! denn euch wird
hungern. Weh euch, die ihr hier lachet! denn ihr werdet weinen und heulen. Weh
euch, wenn euch jedermann wohlredet! Desgleichen taten ihre Väter den falschen
Propheten auch.]
1.
Unerhörte Dinge haben wir da gehört. Selig ihr Armen, Hungernden, Weinenden, Gehaßten!
Weh euch Reichen, Satten, Lachenden, Beliebten! Was soll man davon denken? Sollte man
sich nicht eher [?] entschuldigen, daß J[esus] so redet u. daß man es wage, an diese
s[eine] Worte zu erinnern? Wollen wir nicht sagen: Das steht auch in
d. Bibel, aber laßt uns etwas Anderes
hören. Warum gerade das hervorzerren? Antwort: nicht hervorgezerrt. In der Mitte d.
Bibel. Das ist d. Ev[an]g[elium]! Anfang d.
Bergpredigt. Was dann Chr[isten]t[um], wenn nicht das? Wollen wir sagen: Das ist Theorie, nicht Praxis, seelisch nicht äußerlich, Gedanke nicht Leben.
Aber arm u. reich sein, lachen u. weinen. Praktische Theorie. Lebensgedanken. J. macht
diesen Unterschied nicht. Wollen wir sagen: das bezieht sich auf d.
damalige Zeit: J. hatte bes. fromme Arme u. schlimme Reiche vor Augen, dazu
Verfolgungszeit; nun tröstet er die Betrübten mit s. Selig u. straft die Bösen mit s.
Wehe. Aber von dem allem ist nichts bekannt. Und wer feine Ohren hat, merkt hier den
absoluten Ton, der nicht nur Einige anging, sondern Alle. – Wir müssen also standhalten,
aufmerken, Antwort geben.
173
2.
Hier wird dem Menschen Halt geboten. Es tritt ihm Einer in den Weg. Ists ein Freund
od. Feind? Eine gewaltige Hand hält ihn fest. Eine mächtige Stimme sagt ihm etwas. Was
sagt sie? Es ist in d. Leben in Wahrheit Alles anders als du
denkst! So anders daß d. Seligkeit dort ist, wo du jammerst [,]
und dein Elend dort [,] wo du jubelst. So anders, daß du groß
bist, dort wo du klein bist und klein dort wo du groß bist. So anders, daß immer
die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sind [vgl.
Mk. 10,31 par.]. Denn d. Mensch denkt, Gott aber lenkt.2
Gott ist so anders. Es ist
d. GeheimnisGottes, das uns da in den Weg tritt.
Um Gott zu verstehen, um Gott zu glauben, Gott zu lieben, müssen
wir so ganz u. gar umkehren. Er ist ein
wunderlicher verborgener
Gott. Niemand wird mit ihm fertig. Niemand ist sicher vor ihm.
Niemandem giebt er eine Garantie, weder den Guten noch den Bösen.
Er will selber u. allein Gott sein. Darum ist die Wahrheit, die
Seligkeit, das R[eich] G[ottes] immer u. immer wieder dort, wo wir es nicht gesucht haben. Darum stößt er die Gewaltigen vom Stuhl u. erhöht die Niedrigen [Lk. 1,52]. Darum heißt es Selig! über alle die ein Weh haben u. Wehe! über alle
Seligen. Darum steht das Leben d. M[enschen] unter einer so großen Verheißung gerade dort [,] wo d. M. eine Finsternis sieht [,] u. unter einem so
schweren Gericht gerade dort wo d. Mensch Alles licht sieht. Jeder soll Gott gerade dort finden wo er ihn nicht erwartet hat. Und jeder muß ihn gerade so kennen lernen, wie er es nicht vermutet hat. Für Alle heißt es, wenn sie Gott kennen lernen:
Trotzdem! Dennoch! Für Alle ist Gott ein
Strich durch die Rechnung: Ein Tröster, Helfer, Erlöser, ein unerwarteter Freund für die [,] denen
es nicht gut geht in ihrer Traurigkeit. Ein Kritiker, Zweifler,
Gegner, ein unerwarteter Feind für die,
denen es gut geht [in] ihrer Zufriedenheit. Einfach darum, weil er für
Alle Gott sein will, weil er Allen als der Wunderbare, Geheimnisvolle, Große
erscheinen will, anders als ihre Gedanken, als der lebendige Gott. Und das ist das Evg. So redet Gott zu uns in J. X. [= Jesus Christus]. Darum
ist das Geheimnis dieses Heilandlebens dasKreuz, wo das was wir Leben nennen
in den Tod gegeben wurde – und dieAuferstehung, wo sich dort wo …3 Leben [?] |174 offenbart. So sucht und so findet uns Gott in J. X. So vergiebt er uns unsre …4 aus d. Gefangenschaft, in der
wir Alle stecken. So verkündigt er dasHimmelreich als die neue Welt, wo Gott
der Herr ist. So zeigt er uns den schmalen Weg u. die enge Pforte
[vgl. Mt. 7,14], die dorthin führen. Wir können daraus sehen, daß [es eine]5 große Sache [?] ist, Gott zu verstehen, wie er sich in X.
uns offenbart. Er tritt uns gerade da als das größte
Geheimnis entgegen. Gerade da heißt es: Der
Glaube ist nicht jedermanns Ding [2.Thess. 3,2].
3.
Wir müssen aber beachten, daß alle diese Worte zu allen M. gesagt
sind. Es findet hier keine Einteilung statt der Menschen
in 2 Gruppen. Es braucht sich von dem Selig! das wir da hören, niemand ausgeschlossen zu fühlen. Es soll aber auch niemand denken, daß ihn etwa das
Wehe! nicht treffe. Also nicht denken: ich
bin nicht arm! Aber du weinst, du bist unbeliebt. Dort ist deine
Seligkeit [,] wo dein schwacher Punkt ist. Irgendwie stehst du
hoffentlich auch in der Reihe wo es heißt: G[ott] erhöht die
Niedrigen, wo Gott dir als der unerwartete Freund begegnen und dir so sagen kann, daß er
Gott ist. Und nicht
denken: ich bin nicht reich! Du bist ein Lachender,
Satter, Beliebter. Dort ist dein Wehe! wo du dich festhältst.
Irgendwie bist du auch in der Reihe, wo es heißt: Er stößt die
Gewaltigen vom Stuhl! wo G. dein unerwarteter Feind ist und dir so als G. begegnet. – Das macht diese
Worte, das macht das Evg. so herrlich,
aber auch so ernst, daß von allen M. auf allen Stufen keiner ihm ausweichen kann. Alle sind durch das Selig! gesegnet u.
alle durch das Wehe! betroffen. Alles geht Alle an.
4.
Es geht aber nicht nur Alle an, sondern wir hören es auch alle.
Es ist so, wie wir schon im AT lesen V Mose 30,11. Es braucht keine Künste, keine
Erlebnisse, keine schwierige Untersuchung. Wir müssen nur das gelten lassen, was als
tiefste [?] Wahrheit unseres Lebens ohnehin
gilt. Wir wissen alle ganz gut, daß Reichtum u. Armut, Jubel u. Traurigkeit, Kraft u.
Schwachheit eine Grenze
haben. Was dem Reichsten niemand geben u. dem Ärmsten niemand nehmen kann, das Recht des |175
Gehaßtesten u. das Unrecht des Beliebtesten, die Wehmut im Lachen u. das Entzücken im
Weinen, das Sterben im Leben u. d. Leben
im Sterben. Das ist die Wahrheit im Leben. Diese Stimme hören wir. Nur nicht übertäuben. Nur nicht
vergessen. Nur immer stark6 daran denken. Dann hören wir das Evg., dann hören wir Gott.
5.
Dort ist der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft [Phil. 4,7]. Das Leben geht s. Gang mit Höhen u. Tiefen, aber das Schaukelspiel
reißt uns nicht ganz mit. Wir sind dies u. das, aber noch mehr
als das. Wir sind verschieden [,] aber im Letzten einig. Wir sind
nie direkt bei Gott, aber immer unter s. Gnade. Wir sind auf der Erde [,] aber immer
in Hoffnung. Wer auf ihn hofft, der wird nicht zu Schanden [vgl.
Röm. 5,5].
Denn7 d. Gebot das ich dir heute gebiete ist dir nicht verborgen noch zu
ferne. Es ist nicht im Himmel, daß du möchtest sagen: Wer will uns in den Himmel fahren
u. es uns holen daß wirs hören u. tun? Es ist auch nicht jenseit des Meers, daß du
möchtest sagen: Wer will uns über d. Meer fahren u. es uns holen, daß wirs hören u. tun?
Denn es ist d. Wort gar nahe bei dir, in deinem Munde u. in deinem Herzen, daß du es
tust [Dtn. 30,11-14].