Lukas 10,38–42
1.
Was ist das gute Teil, das
Jawohl, aus dem Schlaf, obwohl sie doch in vollem Bewußtsein, in
höchster Aufmerksamkeit hin- und hersprang und wahrscheinlich viel eher gedacht hat,
ihre Schwester Maria schlafe, als sie sie so ruhig immer noch dasitzen sah, wo doch so
viel zu tun war. Es war aber doch so: Die Maria war wach, und die Martha mußte geweckt
werden. Es geht uns Menschen oft so, daß wir gerade dann am tiefsten schlafen, wenn wir
die Augen am weitesten offen haben, daß wir gerade |166 dann am
schlimmsten am Leben vorbeileben, wenn wir am eifrigsten dabei sind, nützlich, gut,
fröhlich zu leben, daß wir gerade darum das Nötigste versäumen, weil uns das viele,
viele Nötige einfach keine Zeit und Ruhe dazu läßt. Es ist vielleicht mehr als ein Mensch hier in der Kirche, der zu Tode erschrecken würde, wenn er
sehen würde, wie sehr er eine solche Martha ist, die es vielleicht gerade jetzt bitter
nötig hätte, sich gerade das zurufen zu lassen: Halt!, du meinst es gut, aber so geht’s
nicht weiter! Du eilst ja beständig und
weißt gar nicht mehr, was Warten ist. Du willst so Vieles, du willst so stark, und
darüber entgeht dir das, was man nur durch Nicht-Wollen erreichen kann. Du willst dir
Alles nehmen, darum kann dir nichts mehr gegeben werden. Du redest ja fortwährend und
weißt gar nicht mehr, was Hören ist. Oder du hörst beständig nach allen Seiten, darum
kommst du zu gar keinem Nachdenken. Oder du denkst viel zu viel und über viel zu Vieles
nach, und darüber verstreicht das Leben. Aber was sage ich: Wir sind
alle Martha. Wir haben alle in irgend einer Beziehung einfach zuviel Eifer, zuviel Leidenschaft, zuviel Ernst, zuviel
Anlauf, zuviel Dampf oder Elektrizität, sausen dahin wie eine losgeschossene Kugel,
wohin? Ins Ziel, ins Schwarze meinen wir natürlich alle und ärgern uns laut oder leise
über jeden, der nicht mit uns saust, wie sich dort die Martha über Maria ärgerte. Es
wäre uns allen gut, sage ich, wenn uns auch einmal so zugerufen würde: Martha, Martha!
Es geht nicht so! Über all der Mühe und Sorge,
die du dir machst, verpassest du etwas. Über allem Gut-Meinen
entgeht dir etwas, was viel wichtiger ist als alles Gut-Meinen! Steh jetzt einmal einen
Augenblick still, vielleicht siehst du es dann.
Es ist ganz nahe bei dir. Du könntest es sofort ergreifen und haben! Aber innehalten
mußt du in deinem sausenden Lauf; dort, wohin du sausest, ist es nicht! Herr, man lobt
dich in der Stille zu Zion!2 heißt es, nicht in dem Lärm, den du machst, und wenn es ein noch so
notwendiger, noch so berechtigter, noch so nützlicher Lärm wäre. Maria hat das gute Teil erwählt! Warum? Darum, daß sie es fertig brachte,
auch einmal nichts zu wollen, nichts zu tun, nichts zu sagen, darum, daß sie sich
einfach setzte und zuhörte. Das fasse, wer’s fassen kann [
2.
Aber wir müssen einen Schritt weitergehen. Jesus war es, der in
das Haus der beiden Frauen kam. Zu Jesu Füßen setzte sich Maria nieder, um ihm
zuzuhören. Jesus dienen wollte auch Martha in ihrem geschäftigen Eifer. Was bedeutet
das? Das bedeutet, daß die beiden Frauen, die in ihrer Art so weit auseinander sind, im
Recht die Eine, im Unrecht die Andere, verständig diese, unverständig jene, auch wieder
recht nahe beieinander sind. Es bedeutet,
daß das, was die beiden getan und nicht getan haben, an sich auch wieder nicht so
wichtig war, sondern nur das Gleichnis, nur der
Spiegel sozusagen für etwas viel Größeres. Wir müssen, um das zu verstehen, etwas
genauer auf die Worte achten, die Jesus geredet hat. Maria hat
das gute Teil erwählt!, sagt er zuletzt. Absitzen3 und Zuhören ist in diesem Fall wirklich besser als Herumlaufen und
Arbeiten. An Maria war jetzt das Bessere, das Gute zu sehen. Wie man etwa des Nachts bei
einem Gewitter an eine Stelle des Himmels zeigen und sagen könnte: Dort war jetzt soeben
ein Blitz zu sehen. War! Denn jetzt sieht man
wieder nichts Anderes als den dunklen Himmel auch dort. Maria ist also nur gleichsam die
Stelle, wo es blitzt; sie wird nicht gerühmt, sie bekommt kein gutes Zeugnis, es wird
nur festgestellt: sie hat das gute Teil erwählt. Martha auf der
anderen Seite wird nicht getadelt, nicht gescholten. Dort hat es eben nicht geblitzt. Du hast viel Sorge und Mühe!, sagt Jesus zu
ihr, aber auch das ganz ruhig, gerade wie wenn er sagen würde: dort ist’s dunkel
geblieben am Himmel. Eins ist not!, hat Jesus gesagt. Es ist zu
beachten, daß Jesus nicht gesagt hat: es ist nötig, zu sitzen und zuzuhören, nichts zu
tun, nichts zu wollen, nichts zu sagen, obwohl er sich doch gerade deswegen über Maria
gefreut und ihr recht gegeben hat. Er hat also nicht gesagt: Maria hat oder ist oder tut
dieses Eine. Und er hat nicht gesagt: Martha hat es oder ist es oder tut es nicht. Über
den beiden steht dieses: Eins ist not!, als etwas Eigenes, Neues, Besonderes, wie der
Blitz etwas Eigenes, Neues, Besonderes ist
gegenüber dem ganzen Himmel, obwohl er an der einen Stelle leuchtet und an der anderen
nicht. Eins ist not! Seht, gegenüber die|168sem Eins!
schrumpft der Unterschied der beiden Frauen zusammen, kommt es wirklich fast aufs Gleiche heraus, ob Maria zu seinen Füßen
saß oder Martha im Haus herumlief. Wie es etwa vom Mond aus gesehen auch fast aufs Gleiche herauskommt, ob Eines von uns auf dem
Montblanc steht oder auf d em Engelberg4. Der Montblanc bedeutet: ein paar tausend Meter höher als der
Engelberg, und für unsere Verhältnisse auf der
Erde ist er es auch, aber dem Mond gegenüber
kommt es wirklich fast auf dasselbe heraus.
So bedeutet die Maria mit ihrem Sitzen und Zuhören das bessere
Teil, Martha mit ihrem Herumlaufen und Arbeiten das weniger gute, aber wahrhaftig ihnen
beiden gegenüber heißt es in unendlicher Höhe: Eins ist not! Beide können eigentlich nur
abbilden, wie der Mensch Gott gegenüber dran
ist, die eine zu ihrem Vorteil, die andere zu ihrem Nachteil. Keine soll und kann der
anderen etwas vorhalten. Sie gehören zusammen wie Licht und Schatten. Wir wollen das wohl bedenken: auch wenn wir wirklich
tun, was Maria tat, können wir nur abbilden die viel größere Wahrheit, daß es nicht an
jemandes Wollen und Laufen liegt, sondern an
Gottes Erbarmen [
3.
Ich will das noch etwas zu erklären versuchen. Jesus! Was bedeutet dieses Wort? Es
bedeutet, daß wir vor Gott gestellt werden, daß wir gefragt
werden: Was tust du, Mensch? Wie füllst du deine Zeit aus? Was erstrebst und was
erreichst du? Tue Rechenschaft von deinem
Haushalt [vgl.
Ja, aber auch Maria ist ein Mensch. Auch sie kann nur tun, was Menschen tun können. Was soll nun geschehen? Ist denn nun wirklich still sein besser als laut sein, schweigen besser als reden, warten besser als eilen, nichts tun besser als etwas tun, sich um nichts kümmern besser als sorgen? Es hat Menschen gegeben, und es gibt immer wieder solche, die meinten: Ja, das ist besser! Sie flohen in die Einsamkeit, in die Natur, sie stiegen auf eine alte Säule in der Wüste, oder sie hielten sich wenigstens sonst abseits, lebten so zurückgezogen als möglich, hielten sich die Ohren zu und legten wohl gar die Hände in den Schoß, um auf diese Weise ganz und gar Maria zu sein. Aber ist denn das nun wirklich besser, vor Gott besser? Hat Jesus das gemeint? Und wo ist denn etwa der Mensch, der wirklich ganz Maria ist, der nur noch still säße und hörte? Kann das ein Mensch überhaupt? Ist nicht gesorgt dafür, daß auch der grimmigste Einsiedler, die frömmste Seele essen und trinken und, wie es sich gehört, darum sorgen und also eine Martha sein muß? Und sind wir nicht vielleicht gerade dann am ärgsten |170 Martha, wenn wir am eifrigsten schweigen, still sein, nachdenken, warten, sitzen und hören wollen? Ist’s nicht am Ende so, daß auch das Marialeben eines Menschen nur eine Fortsetzung seines Marthalebens ist, gar nicht so anders als jenes? Müßte man es nicht laut hineinrufen in so manches vermeintliche Marialeben: Martha, Martha, du hast, auch du hast viel Sorge und Mühe, eins aber ist not! Ist es nicht am Ende so, daß wir alle erst dann aufhören, Martha zu sein, wenn wir im Grabe liegen? Aber dann sind wir ja nie Maria gewesen!
4.
Seht, nun sind wir auf der rechten Spur. Der ganze Mensch mit
all seinem eiligen Wollen, Tun und Reden, mit all seinem Dahinsausen, aber auch mit all
seinem Stillwerden, Nachdenken, Ruhe-und-Frieden-Liebhaben, der ganze Mensch von den
Fingernägeln bis zum andächtigsten Gedanken seines Herzens, der ganze Mensch ist Martha.
Und nun blitzt es an diesem dunklen Himmel, wenn
Jesus zu uns kommt: Eins ist not! Was ist not? Still werden? Ja, aber vor Gott still werden! Hören? Ja, aber Gott hören! Nichts
wollen? Ja, nichts als den Willen
Gottes! Nichts sagen? Ja, um Gott reden zu
lassen! Warten? Ja, auf Gott warten! Einsam sein? Ja, einsam mit Gott! Aber wie
wird uns, wenn Gott in diesem Marientun die Hauptsache ist? Wer kann dann sagen: ich
tue, was Maria tat? Ich glaube, erst dann verstehen wir, was die Hauptsache ist an
diesem Tun der Maria: daß es kein Tun des Menschen gibt, das vor
Gott gerechtfertigt ist, und auch das Umgekehrte, daß alles Tun
des Menschen vor Gott gerechtfertigt sein kann: das Schweigen und
das Reden, das Warten und das Eilen5, das
stille Lauschen und das rasche, geschäftige Leben [?]. Es hat Menschen gegeben, die mußten laut werden, weil sie vor Gott
schwiegen. Es hat Menschen gegeben, die mußten kräftig handeln, weil sie so Gott machen
[?] ließen. Es hat Menschen gegeben, die mußten kämpfen, weil sie so tiefen Frieden mit
Gott hatten. Es gibt ein Marienleben mitten in der Haushaltung, in voller Arbeit, im
lebhaftesten Gespräch. Und es hat andere Menschen gegeben, die
saßen und schwiegen und taten nichts, weil sie nicht vor Gott Maria waren, weil sie in
Wahrheit viel Sorge und Mühe hatten wie Martha.
Eins ist not! Was? Gott selber. Gott ist die Gnade. Gott ist das
Wunder. Gott ist das Erbarmen. Gott |171 ist Gott. Da hilft nichts. Da hilft nur Anbetung, da hilft nur tiefstes, letztes,
ehrfürchtiges, liebendes Begreifen: Meine Gedanken [sind nicht eure Gedanken, und eure
Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr; sondern soviel der Himmel höher ist denn
die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure
Gedanken (
- Nr. 25 «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz, Strophen 1.7.9 (RG [1998] 247,1.9.11; EG 331,1.9.11; jeweils mit
Textabweichungen in Str. 7)
- Nr. 241 «Ich will dich lieben, meine
Stärke» von J. Scheffler, Strophen 1.4.5 (RG [1998] 682,1.4.5; EG 400,1.4.5; jeweils
mit geringen Textabweichungen)