31. Juli 1921

Markus 14,38

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Markus 14,38
[Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.]

1.

In Versuchung fallen können wir nur, weil wir bei Gott stehen. Die Versuchung ist der Schatten des großen Lichtes, das über dem Menschen und seinem Leben leuchtet. Daß ein Mensch in Versuchung kommt, ist ein Anzeichen, allerdings ein schmerzliches, schreckliches Anzeichen davon, daß er ein von Gott berufener und erwählter Mensch ist, ein Erbe und Anteilhaber des ewigen Lebens. Abraham wird versucht [Gen. 22,1]. Saul und David werden versucht [1.Sam. 15,9; 2. Sam. 11,2]. Hiob wird versucht [Hiob 1,12;2,6ff.]. Das ganze Volk Israel ist in seiner langen, dunklen Geschichte immer wieder in Versuchung. An Christus tritt der Versucher heran, dreimal zuerst [Mt. 4,1­-11 par.] und dann unablässig immer wieder [Mk. 8,11 u. ö.]. Wären wir nicht Gottes geliebte Kinder, wir könnten und würden nicht versucht werden. Wir wollen uns das heute vor Allem gesagt sein lassen. Wir sind alle in Versuchung. Du bist in Versuchung und ich bin es. Wir sind es jetzt, heute, morgen, wir werden es sein, bis wir den letzten Seufzer getan haben. Wenn man jung ist, meint man, die Versuchung sei etwas Gelegentliches, sie werde nach und nach schwächer werden und aufhören. Wenn man einmal einige Krümmungen des Lebensweges hinter sich hat und merkt, was es mit diesem Weg ist, woher er kommt, wohin er geht und wie steil und schwierig er ist, dann sieht man, daß die Versuchung nicht schwächer wird, nicht aufhört. Sie wechselt ihre Form, sie tritt in anderer Gestalt auf, aber sie wird immer größer, immer stärker, immer unheimlicher. Es ist beschämend, wehtuend [?], beängstigend, daß es so ist. Aber es ist so. Wir müssen damit rechnen. Wir dürfen und wollen aber auch damit rechnen, daß die Versuchung mit der Liebe Gottes zusammenhängt wie der Donner mit dem Blitz. Je näher, je stärker die Versuchung, um so näher und stärker die Liebe Gottes. Je deutlicher wir sehen müssen, daß wir in Versuchung sind, desto deutlicher können wir sehen, daß wir von Gott geliebt sind. Das ist nicht ein Trost, nicht eine Beruhi|160gung, nicht eine Erleichterung für uns – der Kampf muß in seiner ganzen Bitterkeit gekämpft sein -, wohl aber die Klarheit von oben, die wir in diesem Kampf brauchen und haben können, die Hoffnung, die nicht zu Schanden werden läßt [vgl. Röm. 5,5].

2.

Daß wir in Versuchung fallen, ist darum möglich, weil es wahr ist und immer aufs neue wahr werden soll, daß wir Gottes Kinder sind. Wie kann das wahr sein und wahr werden, wo wir alle uns doch so gar nicht als Gottes Kinder fühlen können bei unserer ganzen Art, bei unserer so tief eingewurzelten Torheit und Bosheit, bei dem ganzen Knäuel von Schwachheit, Not und Schmerz, in den wir verwickelt sind und der unser Leben frißt, es wäre denn, wir würden uns etwas einbilden, was uns aber selten, wenigen [?] gelingt – wo man uns allen doch auch von außen so gar nichts ansieht von Gotteskindern, sondern an uns allen ein so ganz menschliches Gesicht, einen menschlichen Charakter, eine sehr menschliche Handlungs-­ und Lebeweise, es wäre denn, die Anderen würden sich einfach täuschen über uns, was sie aber in den meisten Fällen nicht tun – wo wir doch an Gott gar nicht denken können, ohne sofort an den unendlichen Unterschied zwischen ihm und uns1 denken zu müssen und daß wir, diese Menschen, die wir sind, mit unserem ganzen Sack und Pack von Kleinlichkeit, Eitelkeit und Beschränktheit vor ihm doch nichts anderes als Staub und Asche sein können [vgl. Hiob 42,6]. Es ist offenbar: daß wir Gottes Kinder sind, das kann nicht von uns, sondern nur von Gott aus wahr sein und werden. Nur von Gott aus, das will sagen: Es ist ein ganz unbegreifliches Erbarmen, es ist ganz und gar nur Gnade, wenn das wahr ist und wahr wird. Es muß jeden Tag und fortwährend ein |161 Wunder geschehen, damit das wahr ist und wahr wird. Es muß wie am Anfang, als Gott die Welt schuf aus Nichts, eine Schöpfung geschehen, damit das wahr ist und wahr wird. Anders geht’s nicht, anders als von Gott aus ist’s und wird’s nicht wahr, daß wir seine Kinder sind. Seht, darum ist’s möglich, daß wir in Versuchung fallen. Die Möglichkeit der Versuchung ist der aufgehobene Finger, der uns sagt: Nicht du – Gott! Magst du Gott so nahe sein, als du kannst und willst, magst du dich fühlen als sein Kind und angesehen werden dafür, wenn das möglich ist, magst du es sein, ja wirklich sein – nicht du bist, Gott ist, nicht du bist Gott nahe, sondern er dir, nicht du machst dich, sondern Gott macht dich zu seinem Kind. Glaubst du’s nicht, daß es lauter Erbarmen, Gnade, Wunder und Schöpfung ist, wenn du bist, was du bist, oder glaubst du’s nur mit deinem Munde, denkst du im Grunde: Darum ist’s wahr und wird’s wahr, daß ich Gottes Kind bin, weil ich mich bekehrt, weil ich etwas erlebt habe, weil ich etwas weiß von Gott, etwas fühle von ihm, etwas tue für ihn, dann sieh deine Versuchung an. Wer bist du, was hast du, was kannst du, wenn die Versuchung kommt? Lohnt es sich etwa, in der Versuchung auch nur zu denken an das, was der Mensch ist, hat und kann? Oder vielmehr: Kommt es nicht in der Versuchung an den Tag, was der Mensch ist, daß der Mensch als Mensch, auch der fromme, der ernste, der starke Mensch nur – fallen kann? Die Versuchung erinnert uns daran, daß es nur von Gott aus wahr ist und wahr werden kann, daß wir Gottes Kinder sind. Und weil das wahr ist und wahr wird, darum ist die Versuchung möglich und der bittere Kampf dagegen, den wir kämpfen müssen. Ringet danach, daß ihr selig werdet mit Furcht und Zittern ­- denn Gott ist’s, der in euch wirkt das Wollen und das Vollbringen [Phil. 2,12f.].

3.

Wir sind Kinder Gottes, nicht so, wie wir etwa krank oder gesund oder reich oder arm oder gebildet oder glücklich sind. Denn bei dem allem könnten wir ja auch immer etwas Anderes sein: gerade das Gegenteil vielleicht. Kinder Gottes sind wir, weil uns nichts Anderes übrig bleibt. Das Geheimnis des Menschenlebens ist viel zu groß, als daß wir etwas Anderes sein könnten. Das ist uns vielleicht nicht sofort verständlich, und uns allen ist es nicht immer deutlich, daß es so ist. Aber vielleicht sehen wir’s; in gewissen einzelnen Augenblicken un|162seres Lebens sehen wir’s jedenfalls, daß uns alle anderen Auswege abgeschnitten sind. Was soll ich denken von mir in dem Augenblick, wo ich mich selbst sehe, wie ich bin, wo ich mir ganz klar bin darüber, wie bedenklich, wie fraglich meine Gedanken, mein Tun, die ganze Art, wie ich meine Zeit ausfülle, ist, wie wenig das eigentlich geht, wie wenig das irgendwie zu rechtfertigen ist und zu retten? Was bleibt mir übrig, wenn mir nichts mehr übrig bleibt, als daß ich Gottes Kind bin, das sein Vater in seiner ganzen Art und Unart erträgt und liebhat, wie eben ein Vater sein Kind erträgt und liebhat, weil es sein Kind ist? Was sollen wir denken in gewissen Augenblicken, wo wir es an einem Anderen sehen, was der Mensch eigentlich ist, was für ein Lügner, was für ein Schwächling, was für ein wildes Tier, wo wir sehen, wie nichts übrig bleibt, was bleibt dann übrig, als daß auch er wie ich ein Kind Gottes ist, er, nur er sein Führer und Hüter? Was bleibt übrig, wenn wir an die Tausende denken, die in Spitälern, Irrenhäusern, Gefängnissen ein ganz hoffnungsloses Dasein leben, an die Millionen von Mitmenschen, Zeitgenossen und Menschen aller Zeiten, über deren Leben und Schicksal wir wirklich nur erschrecken können, indem wir davon erfahren – gibt es eine Antwort als die, daß der Mensch das Kind Gottes ist? Wir könnten auch Alles kurz zusammenfassen in der Frage, was übrig bleibt, wenn wir und alle Menschen sterben müssen; denn da sehen wir am deutlichsten, daß uns nichts übrig bleibt. Was dann, wenn uns nichts übrig bleibt, wenn Alles aufhört? Dann sind wir Kinder Gottes. Sind wir's? Nein, Gott selbst sagt es uns, daß wir's sind, und nur durch ihn sind wir's. So groß ist das Erbarmen, die Gnade, das Wunder, die Schöpfung, durch die wir Kinder Gottes sind und werden, aber auch so verborgen, so unbegreiflich, so gegen alles unser Meinen und Vermuten. Wenn mein Sinnen, mein Vermögen …2. So sind wir Gottes Kinder.

4.

Und nun ist das die Versuchung, daß wir diesen Halt verlieren. Ihr seht ohne weiteres, wie leicht das geschehen kann. Wer kann denn etwa sagen: ich habe diesen Halt und bewahre ihn? Du diesen Halt? |163 Hältst du es denn aus dort, wo nur Gott uns halten kann, in dieser dünnen, kalten Luft, wo nur noch Gott uns übrig bleibt? Möchten wir nicht alle schreien dagegen: «Halt, es muß noch etwas Anderes übrig bleiben!»? Noch jemand Anderes muß mir’s sagen, daß ich Gottes Kind bin! Noch jemand Anderes oder etwas Anderes muß mich dazu machen! Nicht nur Gott! Das ist die Stimme des Versuchers. So sagt er zu Abraham: Nicht nur Gott, da ist dein lieber Sohn Isaak, behalte ihn, laß dir ihn nicht nehmen, trotze dem Gott, der dieses Opfer von dir fordert! [vgl. Gen. 22,1ff.]. So sagt er zu Hiob: Nicht nur Gott!, sieh da dein zerstörtes, vernichtetes Leben, wirf dich der Verzweiflung in die Arme, so bleibt dir doch das übrig, denn Verzweiflung ist auch etwas. So sagt er zu Christus: Nicht nur Gott! Schaffe Brot für dich und das Volk! Spring von der Zinne des Tempels! Bete mich an und nimm alle Königreiche der Erde! Das alles ist doch etwas und nicht nichts! [vgl. Mt. 4,1-11]. So sagt der Versucher zu Einem: Nicht nur Gott, beruhige dich damit, daß du ein guter Mensch bist und deine Sache recht machst, das bleibt dir übrig, das laß dir nicht nehmen. Und zum Anderen: Nicht nur Gott! Du hast deine Leidenschaft, deine Lust, gib ihr nur Raum, wälze dich nur im Schmutz bei den Säuen [?], auch das ist etwas und nicht nichts! Und zum Dritten: Nicht nur Gott! Daneben dein Schmerz, die grübelnden Gedanken, mit denen du dich mit dir selbst beschäftigst, nur fortgefahren [?], so bleibt dir doch das übrig! Und zum Vierten: Nicht nur Gott! Daneben deine Gerechtigkeit, deine Absichten, deine Pläne, deine Art, an der du die anderen missest und von der aus du sie verwirfst: Das bleibt dir, das behalte! Ist’s nicht in tausend Formen immer dasselbe? Und was liegt näher, als dieser lockenden Stimme zu folgen? Folgen wir ihr nicht alle? Und dann verlieren wir den Halt, wie eben ein Kind, das sich von der Hand seines Vaters losreißt und seine Wege läuft. Und dann müssen wir es haben, wie wir es haben wollen. Wir dürfen uns dann nicht wundern, wenn Alles so ganz anders ist und geht, als es bei Kindern Gottes sein und gehen dürfte.

5.3

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!, hat Jesus gesagt. Das ist eine Warnung. Die Warnung, es mit der Versuchung nicht |164 leicht zu nehmen. Wer wollte nicht sein, was wir ja sind, Kinder Gottes? Das ist der willige Geist. Aber wir sind Menschen. Das ist das schwache Fleisch.

6.

Wachet und betet! Wachen: die Augen offen haben, merken, um was es geht. Beten: zu Gott rufen, daß er rede und handle. Das Geheimnis Christi.

Lieder:
  • Nr. 41 «Wach auf, mein Herz, und singe» von P. Gerhardt, Strophen 1­-4.8 (RG [1998] 568,1­-4.8; EG 446,1­-4.8; jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 298 «Mache dich, mein Geist, bereit» von J. B. Freystein, Strophen 1.3.7 (GERS [1952] 302,1.3.6; EG 387,1.-.4; jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. S. Kierkegaard, Einübung im Christentum, übers. von H. Gottsched, Gesammelte Werke, Bd. 9, Jena 1912, S. 126 📖: "Nimm aber die Möglichkeit des Ärgernisses weg, […] dann ist das ganze Christentum abgeschafft, es ist ein leichtes, oberflächliches Etwas geworden, das weder tief genug verwundet noch heilt, die unwahre Erfindung des bloß menschlichen Mitleids, die den unendlich qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch vergißt." Vgl. Barths Erklärung im Vorwort zu Römerbrief 2, S. XII (bzw. S. XIII): "Wenn ich ein ‹System› habe, so besteht es darin, daß ich das, was Kierkegaard den ‹unendlichen qualitativen Unterschied› von Zeit und Ewigkeit genannt hat, in seiner negativen und positiven Bedeutung möglichst beharrlich im Auge behalte." Vgl. auch Römerbrief 2, S. 75.184.317.343 (bzw. S. 73.182.315.341).↩
2
Anspielung auf Strophe 5 des Liedes Nr. 3 (RG [1998] 724; EG 325) «Sollt' ich meinem Gott nicht singen?» von P. Gerhardt 🎵:
… Wenn mein Können, mein Vermögen
Nichts vermag, nichts helfen kann,
Kommt mein Gott und hebt mir an
Sein Vermögen beizulegen.
↩
3
Die Abschnitte 5 und 6 sind nicht mehr ausformuliert.↩