Markus 14,38
1.
In Versuchung fallen können wir nur, weil wir
bei Gott stehen. Die Versuchung ist der Schatten des großen Lichtes, das über dem Menschen und seinem Leben leuchtet. Daß
ein Mensch in Versuchung kommt, ist ein
Anzeichen, allerdings ein schmerzliches, schreckliches Anzeichen davon, daß er ein von
Gott berufener und erwählter Mensch ist, ein Erbe
und Anteilhaber des ewigen Lebens. Abraham wird
versucht [
2.
Daß wir in Versuchung fallen, ist darum
möglich, weil es wahr ist und immer aufs neue wahr werden soll, daß wir Gottes Kinder sind. Wie kann das wahr sein und wahr
werden, wo wir alle uns doch so gar nicht als Gottes Kinder
fühlen können bei unserer ganzen Art, bei unserer so tief
eingewurzelten Torheit und Bosheit, bei dem ganzen Knäuel von Schwachheit, Not und
Schmerz, in den wir verwickelt sind und der unser Leben frißt, es wäre denn, wir würden
uns etwas einbilden, was uns aber selten, wenigen [?] gelingt – wo man uns allen doch
auch von außen so gar nichts ansieht von Gotteskindern, sondern an uns allen ein so ganz menschliches
Gesicht, einen menschlichen Charakter, eine sehr menschliche Handlungs- und Lebeweise,
es wäre denn, die Anderen würden sich einfach täuschen über uns, was sie aber in den
meisten Fällen nicht tun – wo wir doch an Gott gar nicht denken können, ohne sofort an
den unendlichen Unterschied zwischen ihm und uns1 denken zu müssen und daß wir, diese
Menschen, die wir sind, mit unserem ganzen Sack und Pack von Kleinlichkeit, Eitelkeit
und Beschränktheit vor ihm doch nichts anderes als Staub und Asche sein können [vgl.
3.
Wir sind Kinder Gottes, nicht so, wie wir etwa krank oder gesund oder reich oder arm oder gebildet oder glücklich sind. Denn bei dem allem könnten wir ja auch immer etwas Anderes sein: gerade das Gegenteil vielleicht. Kinder Gottes sind wir, weil uns nichts Anderes übrig bleibt. Das Geheimnis des Menschenlebens ist viel zu groß, als daß wir etwas Anderes sein könnten. Das ist uns vielleicht nicht sofort verständlich, und uns allen ist es nicht immer deutlich, daß es so ist. Aber vielleicht sehen wir’s; in gewissen einzelnen Augenblicken un|162seres Lebens sehen wir’s jedenfalls, daß uns alle anderen Auswege abgeschnitten sind. Was soll ich denken von mir in dem Augenblick, wo ich mich selbst sehe, wie ich bin, wo ich mir ganz klar bin darüber, wie bedenklich, wie fraglich meine Gedanken, mein Tun, die ganze Art, wie ich meine Zeit ausfülle, ist, wie wenig das eigentlich geht, wie wenig das irgendwie zu rechtfertigen ist und zu retten? Was bleibt mir übrig, wenn mir nichts mehr übrig bleibt, als daß ich Gottes Kind bin, das sein Vater in seiner ganzen Art und Unart erträgt und liebhat, wie eben ein Vater sein Kind erträgt und liebhat, weil es sein Kind ist? Was sollen wir denken in gewissen Augenblicken, wo wir es an einem Anderen sehen, was der Mensch eigentlich ist, was für ein Lügner, was für ein Schwächling, was für ein wildes Tier, wo wir sehen, wie nichts übrig bleibt, was bleibt dann übrig, als daß auch er wie ich ein Kind Gottes ist, er, nur er sein Führer und Hüter? Was bleibt übrig, wenn wir an die Tausende denken, die in Spitälern, Irrenhäusern, Gefängnissen ein ganz hoffnungsloses Dasein leben, an die Millionen von Mitmenschen, Zeitgenossen und Menschen aller Zeiten, über deren Leben und Schicksal wir wirklich nur erschrecken können, indem wir davon erfahren – gibt es eine Antwort als die, daß der Mensch das Kind Gottes ist? Wir könnten auch Alles kurz zusammenfassen in der Frage, was übrig bleibt, wenn wir und alle Menschen sterben müssen; denn da sehen wir am deutlichsten, daß uns nichts übrig bleibt. Was dann, wenn uns nichts übrig bleibt, wenn Alles aufhört? Dann sind wir Kinder Gottes. Sind wir's? Nein, Gott selbst sagt es uns, daß wir's sind, und nur durch ihn sind wir's. So groß ist das Erbarmen, die Gnade, das Wunder, die Schöpfung, durch die wir Kinder Gottes sind und werden, aber auch so verborgen, so unbegreiflich, so gegen alles unser Meinen und Vermuten. Wenn mein Sinnen, mein Vermögen …2. So sind wir Gottes Kinder.
4.
Und nun ist das die Versuchung, daß wir diesen Halt verlieren. Ihr seht ohne weiteres, wie leicht
das geschehen kann. Wer kann denn etwa sagen: ich habe diesen Halt und bewahre ihn? Du
diesen Halt? |163 Hältst du es denn aus dort, wo nur Gott uns
halten kann, in dieser dünnen, kalten Luft, wo nur noch Gott uns übrig bleibt? Möchten
wir nicht alle schreien dagegen: «Halt, es muß noch etwas Anderes übrig bleiben!»? Noch
jemand Anderes muß mir’s sagen, daß ich Gottes Kind bin! Noch jemand Anderes oder etwas
Anderes muß mich dazu machen! Nicht nur Gott! Das ist die Stimme des Versuchers. So sagt er zu Abraham: Nicht nur Gott, da ist dein lieber Sohn Isaak, behalte ihn, laß dir ihn nicht nehmen, trotze
dem Gott, der dieses Opfer von dir fordert!
[vgl.
5.3
Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!, hat Jesus gesagt. Das ist eine Warnung. Die Warnung, es mit der Versuchung nicht |164 leicht zu nehmen. Wer wollte nicht sein, was wir ja sind, Kinder Gottes? Das ist der willige Geist. Aber wir sind Menschen. Das ist das schwache Fleisch.
6.
Wachet und betet! Wachen: die Augen offen haben, merken, um was es geht. Beten: zu Gott rufen, daß er rede und handle. Das Geheimnis Christi.
- Nr. 41 «Wach auf, mein Herz, und singe» von
P. Gerhardt , Strophen 1-4.8 (RG [1998] 568,1-4.8; EG 446,1-4.8; jeweils mit Textabweichungen) - Nr. 298 «Mache dich, mein Geist, bereit» von
J. B. Freystein , Strophen 1.3.7 (GERS [1952] 302,1.3.6; EG 387,1.-.4; jeweils mit Textabweichungen)