24. Juli 1921

Matthäus 12,46­–50

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Matthäus 12,46­–50
[Da er noch also zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder, Schwester und Mutter.]

1.

Was sollen wir sagen zu diesen Worten Jesu? Wir fühlen wohl alle, daß da auf jeden Fall etwas sehr Ungewohntes, Fremdartiges zu uns redet. Man müßte schon ein sehr leichtfertiger Mensch sein oder aber ein Mensch, der auf Grund schwerer Erfahrungen schon sehr tief ins Leben hineingesehen hat, wenn man da ohne weiteres zustimmen und sich zufrieden geben könnte. Wer weiß, wenn diese Worte nicht in der Bibel stünden und sogar Worte Jesu wären, wir würden sie vielmehr ohne weiteres mißbilligen und zurückweisen. Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?, fragt Jesus und läßt sie, die ihn aufgesucht haben, draußen stehen und warten. Diese Frage und diese Haltung hat etwas Beklemmendes, Beunruhigendes. Wenn es irgendwo keine solche Frage, keinen solchen kühlen Abstand geben dürfte, dann zwischen Sohn und Mutter, Bruder und Bruder. Es kann ja sein, daß es auch unter uns vorkommt, daß ein Sohn und Bruder sich so oder ähnlich zu den Seinigen stellt, aber dann haben wir nicht mit Unrecht die Empfindung, daß da eine der natürlichsten, grundlegendsten Lebensordnungen erschüttert ist, und wenden uns mit Bedauern ab von einem solchen Vorgang. Wenn es zwischen Sohn und Mutter, Bruder und Bruder eine solche Frage, ein solches Halt!, eine solche Entfernung und innere Lösung geben kann, wo dann nicht? Wenn man fragen kann: Wer sind die Meinigen? Wer ist meine Familie?, dann kann man offenbar auch weiterfragen: Wer sind meine Freunde? Welches ist meine Heimat, mein Vaterland? Was ist mein Beruf, meine |154 Pflicht? Was ist das Rechte im Kampf der Meinungen und Parteien? Was ist Erziehung? Was ist Kirche? Könnte man, wenn man einmal anfängt zu fragen: Wer ist meine Mutter?, nicht gleich weiterfahren bis zu der Frage: Wer ist Gott? Denn wenn jenes nicht sicher ist, wie sollte es dieses sein? Ist es uns nicht, als ob wir hier aus dem Munde Jesu die Frage des Zweiflers Pilatus hörten: Was ist Wahrheit? [Joh. 18,38]. Das ist sicher, daß wir in dieser Frage etwas hören von dem unterirdischen Rollen und Grollen eines nahenden Erdbebens. Es fragt sich, ob auch das Sicherste und Festeste, das wir kennen, im nächsten Augenblick noch stehen wird. Es fragt sich, ob wir auch das Eigenste und Gewisseste, das wir besitzen, im nächsten Augenblick noch unser nennen können. Es fragt sich, ob wir auch unser Liebstes, unser Wertvollstes, unser Heiligstes im nächsten Augenblick noch aufrecht erhalten können. Es ist an dieser Frage etwas wie ein Wirbel in einem Fluß, der alles, was in seine Nähe kommt, und das ist in diesem Fall alles, was steht und gilt und geordnet ist unter uns Menschen, erfassen und in sich hineinziehen will. Es fragt sich! Und nun ist es kein Zweifler, Pröbler2, kein menschlicher Nörgler, Unruhestifter und Aufrührer, mit dem wir fertig werden könnten, wie man eben mit solchen Menschen fertig wird, sondern Jesus, der Sohn Gottes, der so redet. Was sollen wir dazu sagen?

2.

Wir wollen vor Allem das Eine feststellen, daß Jesus gegenüber all den Ordnungen und Verhältnissen, in denen wir Menschen leben, gegenüber all dem, was wir sicher zu wissen, sicher zu haben, sicher zu sein meinen, nicht mehr gesagt hat als eben: Es fragt sich! Er hat also nicht gesagt: Es ist nichts damit! Hätte ihm Einer das gesagt: Es ist nichts damit!, so würde er ihm geantwortet haben: Woher nimmst du deine Sicherheit? Es fragt sich, es fragt sich auch das, ob es nichts damit ist! Jesus hat nicht gesagt: Die da draußen sind nicht meine Mutter, nicht meine Brüder! Er hat das Gebot: Ehre Vater und Mutter! [Ex. 20,12; Dtn. 5,16] nicht aufgehoben und nicht verletzt! 3Er hat nur gesagt: Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? und darauf selber die Antwort gegeben: Die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Auch die da draußen können ihn tun. Jesus hat sie nicht |155 ausgeschlossen, er hat nicht an ihnen gezweifelt, er hat nicht Nein zu ihnen gesagt, er hat nicht revoluzzt gegen seine Familie. Er hat nur gefragt: Wer ist meine Familie?3 Jesus ist nicht bei den Zweiflern, den Neinsagern, den Revoluzzern. Er ist vielleicht bei ihnen, solange einfach die Frage in ihnen steckt gegenüber diesem oder jenem, wo man eben wirklich fragen muß: z. B. wer sind meine Feinde? was ist Recht? was ist meine Heimat?, vielleicht dann auch einmal: wer ist eigentlich meine Familie? wer sind meine Nächsten?, und zuletzt und zuhöchst vielleicht sogar einmal: wer ist eigentlich Gott? Er ist wegen dieser Fragen vielleicht immer noch bei ihnen. Aber nur wegen dieser Fragen, nicht aber deswegen, weil sie nun wahrscheinlich bald losbrechen, die Neinsager, und dort Krach schlagen und hier sich trennen und hier einen Angriff machen. Bei diesen Losbrechern, die wir so sehr lieben, ist Jesus nicht dabei, sondern tritt einen Schritt zurück und läßt uns allein, und wenn wir noch so recht haben. Die Reihe, gefragt zu werden, kommt dann sofort an uns: wer bist denn du, du Losbrecher, du Neinsager? |

Jesus selbst ist nie eigentlich losgebrochen: weder gegen den Staat noch gegen die Kirche. Er hat niemand geheißen, seine Familie nicht liebzuhaben, seinen Beruf nicht ernst zu nehmen, kein Weib zu nehmen und keine Kinder zu haben, das Geld nicht anzurühren, was er als recht erkannt, nicht zu tun. Er ist so wenig losgebrochen gegen das, was unter uns Menschen steht und gilt, daß er nicht einmal Vorschläge gebracht hat, wie man dies und das besser machen könnte, obwohl er doch sicher nicht blind war gegen all das Verkehrte, das unserem menschlichen Tun und Treiben anhaftet. Er hat vielmehr dieses ganze menschliche Tun und Treiben mit einer ganz merkwürdigen Ruhe angesehen, als ob das alles auch von Gott aus gesehen ungefähr so sein und geschehen müsse. Er hat in seinen Gleichnissen von allem Möglichen, was die Menschen tun, gesagt: Das Himmelreich sei dem gleich, gleich einem Bauern, der sein Land besät [Mk. 4,3 par.], gleich einem Weib, das einen Teig macht [Mt. 13,33], gleich einem Vater und seinen zwei Söhnen [Lk. 15,11], gleich einem Kaufmann, der Perlen sucht [Mt. 13,45f.], als ob er nicht gesehen hätte, wie ungleich das alles dem Himmelreich ist. Er sieht also das ganze Menschenleben sich |156 ausbreiten und bewegen in seinen Licht-­ und Schattenseiten und sieht, indem er überall fragt (nur fragt!), Gott dahinterstehen mit seinem Leben, mit seiner Ordnung, mit seinem Reich. Hätte ihm jemand sagen wollen: aber da und da steht doch nicht Gott dahinter, zu sehr betrübt, ärgert und empört mich das, zu deutlich sehe ich da ein Unrecht, Irren [?] und Verbohrtheit [?], er würde ihm geantwortet haben: Warum nicht? Woher weißt du das so sicher? Könnte das Menschenleben nicht auch da durchsichtig sein wie Glas? Könnte nicht auch da zu sehen sein, was dahinter steht? Wo der Wille meines Vaters im Himmel getan wird, da ist meine Mutter, da sind meine Brüder, da ist mein Beruf, da ist meine Heimat. Woher weißt du, daß er nicht gerade da getan wird, getan werden kann, vielleicht gerade von denen, gerade an der Stelle, wo du jetzt losbrechen und Nein sagen möchtest? Also wir dürfen das Erdbeben, das wir in der Frage Jesu hören, nicht verwechseln mit den kleinen Stürmen und Revolutionen, die wir etwa gegen die Ordnungen des Lebens zu veranstalten pflegen, weder mit den berechtigten noch mit den unberechtigten. Jesus zerbricht sie nicht, er fragt ja nur, wie es mit diesen Ordnungen eigentlich stehe.

3.

Aber er fragt. Es bleibt dabei. Und vor seiner Frage ist in der Tat nichts sicher. Als seine Mutter und seine Brüder ihn aufsuchten, da hat er in der Tat nicht gesagt: Ach ja, willkommen, natürlich gehöre ich sowieso zu euch und ihr zu mir; denn der Mensch gehört doch vor allem in seine Familie, und wer sollte mir näher stehen als ihr? Sondern er hat gesagt: Wer tut den Willen meines Vaters im Himmel?, er hat zum Zeichen, daß das nichts Selbstverständliches sei, seine Hand ausgestreckt über seine Jünger und gesagt: Dies ist meine Mutter und meine Brüder! Jesus ist auch nicht bei den Ruhigen, den Jasagern, bei denen, die einfach das Bestehende pflegen und erhalten, das, was die Menschen ohnehin sind und tun, bestätigen und rechtfertigen wollen, und wenn es das Schönste wäre. Er ist vielleicht auch bei ihnen, solange sie dabei auch eine Frage in sich tragen, solange sie wissen, daß alles, was wir Menschen sind, haben und tun, nur Bild und Gleichnis ist, nur ein durchsichtiges Glas, und dahinter muß Gott stehen, muß sein Wille getan werden, und da gibt es nichts Schönes, Gutes und Wahres, das etwa schön, gut und wahr wäre, ohne daß Gott dahinter steht. Im Augenblick, wo sie das vergessen, wo etwa die Familie oder |157 der Beruf oder das Vaterland oder auch hohe Dinge schön, gut und wahr sein wollen an sich selber und ohne Gott, tritt Jesus auch von ihnen einen Schritt zurück und läßt sie allein. In dem Augenblick, wo wir das Fragen vergessen, wo wir nicht mehr daran denken, daß auf das Tun des Willens Gottes Alles ankommt, müssen wir es uns gefallen lassen, daß er uns fragt: Ja, wer bist du denn? Was hast du denn? Was tust du denn? Sind sie denn so wunderbar, die Dinge, die dir so lieb und wichtig sind? Siehst du nicht, wie bedenklich das alles ist, wenn man es für sich nimmt: eine Familie z. B. mit ihrem Zusammenhalten, mit ihrer Eitelkeit, mit ihrer gemeinsamen Selbstsucht, mit all der Kleinlichkeit und Beschränktheit, die es in jedem Familienleben gibt? Oder eine Freundschaft mit ihrer Ausschließlichkeit, mit der gegenseitigen Täuschung der Menschen, die da immer stattfindet, mit dem Schaden, den man sich selber und dem anderen zufügt, wenn man so aneinander glaubt, wie Freunde es gewöhnlich tun? Oder das, was du für Recht hältst, mit dem Irrtum und der Übertreibung, die da ganz sicher mit unterlaufen? Oder die Heimat, die eben doch auch ein Winkel ist, und jede Heimat, auch die schönste, ist ein solcher Winkel? Oder der Staat mit seiner Gewalt oder das Geld, mit dem sich der Mensch notwendig betrügt, oder die Kirche mit ihrem Anspruch, das Wort Gottes zu haben, das doch kein Mensch haben kann, oder die Parteien, die schon darum unrecht haben, weil sie Parteien sind? Meine Mutter, meine Brüder, nimm, was du willst, nimm das Größte und Beste von dem, was Menschen sind und tun und denken können – was von Allem ist denn wirklich groß und gut, wenn nicht der Wille Gottes getan wird? Was kannst du denn halten und verteidigen und rechtfertigen an deinem, an unserem ganzen Tun und Wesen, wenn es nicht durchsichtig ist, wenn Gott nicht dahinter steht, wenn er es nicht hält und rechtfertigt? Wenn das aber geschieht, dann geschieht es aus Gnade. Jesus ist nicht dazu da, die Ordnungen unseres Lebens zu erhalten. Er fragt vielmehr, er fragt sehr eindringlich, wie es denn eigentlich mit ihnen stehe.

4.

Jesus, der Sohn Gottes fragt. Er sagt nicht Nein, und er sagt nicht Ja. Er zerbricht nicht, und er erhält nicht. Er greift uns Menschen nicht an, und er läßt uns nicht gelten. Er fragt. Wir können das wunderlich finden. Wir können daran vorübergehen und fortfahren, ent|158weder loszubrechen oder es uns wohl sein zu lassen, Nein zu sagen oder Ja zu sagen. Aber eines werden wir uns nicht verhehlen können, daß Jesus uns gerade die Frage stellt, die einmal in unserem Leben, nämlich im Augenblick unseres Sterbens an uns gerichtet sein wird. Wer ist jetzt meine Mutter und meine Brüder, wer mein Freund, was mein Besitz, was meine Überzeugung, mein Recht, mein Gott, meine Heimat – wird es dann auch heißen. Wir werden dann froh sein, wenn wir uns an diese Frage gewöhnt, wenn wir uns nirgends verbissen und angeklammert und angeklebt haben, wenn wir frei sind, frei, das Große und Gute dort und nur dort zu sehen, wo Gottes Wille getan wird. Der Wille Gottes kann dann auch in unserem Sterben getan werden, das sonst nur eine Frage ist und nichts als das. Das Sterben ist dann Leben. Darin zeigt es sich, daß Jesus der Sohn Gottes ist, daß er uns das fragt, was nun die letzte, entscheidende Frage ist für uns.

Lieder:
  • Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 1­-3 (RG [1998] 240,1­-3; EG 326,1­-3; jeweils mit Textabweichungen in Str. 2) 🎵
  • Nr. 251 «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» von Nikolaus Kaiser (1734­-1808), Strophen 1­-3 🎵

Sachfußnoten

1
In der Woche vom 11.-16. Juli war Barth in Begleitung von R. Pestalozzi in Göttingen zum Kennenlernen der künftigen Kollegen und zum Hauskauf. Wer am 17. Juli in Safenwil predigte, ist nicht bekannt.↩
2
= einer, der sich nicht leicht zufrieden gibt.↩
3
-­3Ein Einschub, durch * an diese Stelle verwiesen.↩