Matthäus 12,46–50
1.
Was sollen wir sagen zu diesen Worten Jesu? Wir fühlen wohl alle, daß da auf jeden Fall etwas sehr Ungewohntes,
Fremdartiges zu uns redet. Man müßte schon ein sehr leichtfertiger Mensch sein oder aber
ein Mensch, der auf Grund schwerer Erfahrungen schon sehr tief ins Leben hineingesehen
hat, wenn man da ohne weiteres zustimmen und sich zufrieden geben könnte. Wer weiß, wenn
diese Worte nicht in der Bibel stünden und sogar
Worte Jesu wären, wir würden sie vielmehr
ohne weiteres mißbilligen und zurückweisen. Wer ist meine Mutter, und wer sind meine
Brüder?, fragt Jesus und läßt sie, die ihn aufgesucht haben, draußen stehen und warten.
Diese Frage und diese Haltung hat etwas Beklemmendes, Beunruhigendes. Wenn es irgendwo
keine solche Frage, keinen solchen kühlen Abstand geben dürfte, dann zwischen Sohn und
Mutter, Bruder und Bruder. Es kann ja sein, daß es auch unter uns vorkommt, daß ein Sohn
und Bruder sich so oder ähnlich zu den Seinigen stellt, aber dann haben wir nicht mit
Unrecht die Empfindung, daß da eine der natürlichsten, grundlegendsten Lebensordnungen erschüttert ist, und wenden uns
mit Bedauern ab von einem solchen Vorgang. Wenn es zwischen Sohn und Mutter, Bruder und
Bruder eine solche Frage, ein solches Halt!, eine solche Entfernung und innere Lösung
geben kann, wo dann nicht? Wenn man fragen kann: Wer sind die Meinigen? Wer ist meine
Familie?, dann kann man offenbar auch weiterfragen: Wer sind meine Freunde? Welches ist
meine Heimat, mein Vaterland? Was ist mein Beruf, meine |154
Pflicht? Was ist das Rechte im Kampf der Meinungen und Parteien? Was ist Erziehung? Was
ist Kirche? Könnte man, wenn man einmal anfängt
zu fragen: Wer ist meine Mutter?, nicht gleich weiterfahren bis zu der Frage: Wer ist
Gott? Denn wenn jenes nicht sicher ist, wie
sollte es dieses sein? Ist es uns nicht, als ob wir hier aus dem Munde Jesu die Frage
des Zweiflers
2.
Wir wollen vor Allem das Eine feststellen, daß Jesus gegenüber all den Ordnungen und Verhältnissen, in denen wir
Menschen leben, gegenüber all dem, was wir sicher zu wissen, sicher zu haben, sicher zu
sein meinen, nicht mehr gesagt hat als eben: Es fragt sich! Er hat also nicht gesagt: Es ist nichts damit! Hätte ihm Einer das
gesagt: Es ist nichts damit!, so würde er ihm geantwortet haben: Woher nimmst du deine
Sicherheit? Es fragt sich, es fragt sich auch
das, ob es nichts damit ist! Jesus hat nicht gesagt: Die da draußen sind nicht meine
Mutter, nicht meine Brüder! Er hat das Gebot: Ehre Vater und Mutter! [
Jesus selbst ist nie eigentlich
losgebrochen: weder gegen den Staat noch gegen
die Kirche. Er hat niemand geheißen, seine Familie nicht liebzuhaben, seinen Beruf nicht ernst
zu nehmen, kein Weib zu nehmen und keine Kinder zu haben, das Geld nicht anzurühren, was er als recht erkannt, nicht zu tun. Er
ist so wenig losgebrochen gegen das, was unter uns Menschen steht und gilt, daß er nicht
einmal Vorschläge gebracht hat, wie man dies und das besser machen könnte, obwohl er
doch sicher nicht blind war gegen all das Verkehrte, das unserem menschlichen Tun und
Treiben anhaftet. Er hat vielmehr dieses ganze menschliche Tun und Treiben mit einer
ganz merkwürdigen Ruhe angesehen, als ob das alles auch von Gott aus gesehen ungefähr so
sein und geschehen müsse. Er hat in seinen
Gleichnissen von allem Möglichen, was die
Menschen tun, gesagt: Das Himmelreich sei dem gleich, gleich einem Bauern, der sein Land
besät [
3.
Aber er fragt. Es bleibt dabei. Und vor seiner Frage ist in der Tat nichts sicher. Als seine Mutter und seine Brüder ihn aufsuchten, da hat er in der Tat nicht gesagt: Ach ja, willkommen, natürlich gehöre ich sowieso zu euch und ihr zu mir; denn der Mensch gehört doch vor allem in seine Familie, und wer sollte mir näher stehen als ihr? Sondern er hat gesagt: Wer tut den Willen meines Vaters im Himmel?, er hat zum Zeichen, daß das nichts Selbstverständliches sei, seine Hand ausgestreckt über seine Jünger und gesagt: Dies ist meine Mutter und meine Brüder! Jesus ist auch nicht bei den Ruhigen, den Jasagern, bei denen, die einfach das Bestehende pflegen und erhalten, das, was die Menschen ohnehin sind und tun, bestätigen und rechtfertigen wollen, und wenn es das Schönste wäre. Er ist vielleicht auch bei ihnen, solange sie dabei auch eine Frage in sich tragen, solange sie wissen, daß alles, was wir Menschen sind, haben und tun, nur Bild und Gleichnis ist, nur ein durchsichtiges Glas, und dahinter muß Gott stehen, muß sein Wille getan werden, und da gibt es nichts Schönes, Gutes und Wahres, das etwa schön, gut und wahr wäre, ohne daß Gott dahinter steht. Im Augenblick, wo sie das vergessen, wo etwa die Familie oder |157 der Beruf oder das Vaterland oder auch hohe Dinge schön, gut und wahr sein wollen an sich selber und ohne Gott, tritt Jesus auch von ihnen einen Schritt zurück und läßt sie allein. In dem Augenblick, wo wir das Fragen vergessen, wo wir nicht mehr daran denken, daß auf das Tun des Willens Gottes Alles ankommt, müssen wir es uns gefallen lassen, daß er uns fragt: Ja, wer bist du denn? Was hast du denn? Was tust du denn? Sind sie denn so wunderbar, die Dinge, die dir so lieb und wichtig sind? Siehst du nicht, wie bedenklich das alles ist, wenn man es für sich nimmt: eine Familie z. B. mit ihrem Zusammenhalten, mit ihrer Eitelkeit, mit ihrer gemeinsamen Selbstsucht, mit all der Kleinlichkeit und Beschränktheit, die es in jedem Familienleben gibt? Oder eine Freundschaft mit ihrer Ausschließlichkeit, mit der gegenseitigen Täuschung der Menschen, die da immer stattfindet, mit dem Schaden, den man sich selber und dem anderen zufügt, wenn man so aneinander glaubt, wie Freunde es gewöhnlich tun? Oder das, was du für Recht hältst, mit dem Irrtum und der Übertreibung, die da ganz sicher mit unterlaufen? Oder die Heimat, die eben doch auch ein Winkel ist, und jede Heimat, auch die schönste, ist ein solcher Winkel? Oder der Staat mit seiner Gewalt oder das Geld, mit dem sich der Mensch notwendig betrügt, oder die Kirche mit ihrem Anspruch, das Wort Gottes zu haben, das doch kein Mensch haben kann, oder die Parteien, die schon darum unrecht haben, weil sie Parteien sind? Meine Mutter, meine Brüder, nimm, was du willst, nimm das Größte und Beste von dem, was Menschen sind und tun und denken können – was von Allem ist denn wirklich groß und gut, wenn nicht der Wille Gottes getan wird? Was kannst du denn halten und verteidigen und rechtfertigen an deinem, an unserem ganzen Tun und Wesen, wenn es nicht durchsichtig ist, wenn Gott nicht dahinter steht, wenn er es nicht hält und rechtfertigt? Wenn das aber geschieht, dann geschieht es aus Gnade. Jesus ist nicht dazu da, die Ordnungen unseres Lebens zu erhalten. Er fragt vielmehr, er fragt sehr eindringlich, wie es denn eigentlich mit ihnen stehe.
4.
Jesus, der Sohn Gottes fragt. Er sagt nicht Nein, und er sagt nicht Ja. Er zerbricht nicht, und er erhält nicht. Er greift uns Menschen nicht an, und er läßt uns nicht gelten. Er fragt. Wir können das wunderlich finden. Wir können daran vorübergehen und fortfahren, ent|158weder loszubrechen oder es uns wohl sein zu lassen, Nein zu sagen oder Ja zu sagen. Aber eines werden wir uns nicht verhehlen können, daß Jesus uns gerade die Frage stellt, die einmal in unserem Leben, nämlich im Augenblick unseres Sterbens an uns gerichtet sein wird. Wer ist jetzt meine Mutter und meine Brüder, wer mein Freund, was mein Besitz, was meine Überzeugung, mein Recht, mein Gott, meine Heimat – wird es dann auch heißen. Wir werden dann froh sein, wenn wir uns an diese Frage gewöhnt, wenn wir uns nirgends verbissen und angeklammert und angeklebt haben, wenn wir frei sind, frei, das Große und Gute dort und nur dort zu sehen, wo Gottes Wille getan wird. Der Wille Gottes kann dann auch in unserem Sterben getan werden, das sonst nur eine Frage ist und nichts als das. Das Sterben ist dann Leben. Darin zeigt es sich, daß Jesus der Sohn Gottes ist, daß er uns das fragt, was nun die letzte, entscheidende Frage ist für uns.
- Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz, Strophen 1-3 (RG
[1998] 240,1-3; EG 326,1-3; jeweils mit Textabweichungen in Str. 2)
- Nr. 251 «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» von Nikolaus Kaiser
(1734-1808), Strophen 1-3