Matthäus 18,3
1.
An diesem Wort ist schon viel gesündigt worden. Weniger von denen, die etwa darüber lachten oder sich trotzig dagegen auflehnten, daß wir wie die Kinder werden sollen, als vielmehr von denen, die diesem Wort allzuschnell ihren Beifall gaben, ohne zu bedenken, was man damit eigentlich tut. Man hat im Anschluß an dieses Wort erstaunlich viel Schönes über die Kinder gesagt, z. B. über die kindliche Unschuld, über die kindliche Einfalt, über die kindliche Liebe, über den kindlichen Glauben. Man hat gesagt: so müssen wir auch wieder werden, wir Großen, wir Erwachsenen, und hat es mit mehr oder weniger Glück versucht, sich diese Eigenschaften wieder anzueignen. Man übersieht dabei, daß diese Eigenschaften menschliche Eigenschaften sind. Denn auch die Kinder sind Menschen und keine Engelein, und wenn es noch so viel zarte Seelen gibt, die das etwa meinen, und ihre besten Eigenschaften sind menschliche Eigenschaften. Man dürfte, wenn man einmal von den kindlichen Eigenschaften reden will, mindestens nicht vergessen, daß es neben der kindlichen Unschuld eine mindestens ebenso deutliche kindliche Verdorbenheit gibt, von der niemand sagen kann, wo sie herkommt, neben der kindlichen Einfalt eine kindliche Schlauheit, neben der kindlichen Liebe eine sehr ausgeprägte kindliche Selbstsucht, neben dem kindlichen Glauben oder dem, was man so heißt, ein ganzes kleines Moor von kindlichem Unglauben und Aberglauben. Es hat schon seinen guten Grund, daß Jesus überhaupt kein Wort darüber gesagt hat, in was wir denn wie die Kinder werden sollen. Er hat gewußt, daß man darüber wohl dies und das sagen kann, aber dann muß man ehrlicherweise auch das Gegenteil dazu sagen, das eben auch wahr ist, bei den Kindern wie bei uns Großen, und dann hebt beides einander auf, und man ist soweit wie vorher. Er hat vielmehr etwas Unerklärliches gesehen in |148 den Kindern, etwas, dem man weder diesen noch jenen menschlichen Namen geben kann, etwas, mit dem man keinen Götzendienst treiben kann, wie es viele Eltern und Erzieher mit den schönen Eigenschaften der Kinder tun, mit dem man dann aber auch keine Enttäuschung erlebt, wenn die weniger schönen Eigenschaften an den Tag kommen, wenn es sich zeigt, daß das kleine Götzlein eben auch ein Mensch ist. Jesus hat das Göttliche gesehen in den Kindern, nicht in ihren Eigenschaften, sondern in den Kindern selbst, in der unerklärlichen Tatsache, daß die Kinder eben Kinder sind. Oder besser gesagt: Jesus hat in den Kindern, wie sie eben einfach Kinder sind und nichts sonst, einen Hinweis gesehen, eine Erinnerung, eine Erklärung, wie sich Gott zum Menschen verhält oder wie der Mensch ins Himmelreich kommt. Er hat es gesehen, wie er überhaupt in 100 gewöhnlichen Dingen mehr gesehen hat, als wir gewöhnlich zu sehen pflegen, und nun fragt er uns, ob wir es allenfalls auch sehen. Daß es etwas sehr Wichtiges ist, was er sieht, deutet er damit an, daß er sagt: So ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Es geht also um Leben oder Tod. |
Eben darum sollten wir uns nicht damit begnügen, leicht und bequem irgend etwas zu
sehen an den Kindern, was uns gerade gefällt.
Viel besser, wenn wir vielleicht zunächst gar nichts sehen als eben nur das
Unerklärliche, das Namenlose, das Rätselhafte, daß die Kinder Kinder sind: was für ein Widerspruch das eigentlich ist: die sorgenvolle, geschäftige Mutter oder
Großmutter und daneben das Kind, der ganz in seine Arbeit in der Werkstatt oder auf dem
Felde oder im Bureau oder hinter seinen Büchern vertiefte Mann und daneben das Kind, eine Trauerfamilie und mitten drin die Kinder,
der Pfarrer mit seinen biblischen Geschichten
von Abraham und
2.
Jesus sagt nicht, die Großen müßten Kinder werden. Sondern wie die Kinder. Das ist nicht ganz das Gleiche. Wir empfinden wohl alle, daß Jesus uns in diesem Worte etwas ganz Schönes und Großes zeigt. Aber doch wohl ebenso deutlich, daß dieses Schöne und Große uns irgendwie unzugänglich, unerreichbar ist. Wir sind nun einmal keine Kinder mehr, und wir werden es niemals mehr sein. Auch die Kinder, |150 aus deren Augen uns heute das Geheimnis des Lebens fragend und verheißungsvoll anblickt, werden in ein paar Jahren keine Kinder mehr sein. Auch sie sind und haben in ihrer Kindlichkeit etwas, was sie eigentlich nicht sind und haben, sondern was grüßend an ihnen vorüberschreitet, ein Licht, das über sie hinweggleitet. Sie sind ja schon jetzt nicht darum Kinder, weil sie fünf oder zehn oder fünfzehn Jahre alt sind, sondern weil es eine Kindheit gibt, an der sie Anteil haben wie die Ostseite unserer Häuser an der Morgensonne. Nachher tritt sie in den Schatten. Des Lebens Lenz blüht einmal [und] nicht wieder!3 Nachher gewöhnen sie sich an das, was die Menschen sagen und tun. Nachher werden sie selbst ernste, erfahrene, beschäftigte, sorgliche Menschen, wie wir alle sind. Nachher staunen sie nicht mehr, sondern reden, wie jedermann redet, und tun, was jedermann tut. Man kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Man kann das Rad der Zeit nicht rückwärts drehen. Es ist nicht gut, künstliche Versuche zu machen, um jung zu bleiben, äußerlich nicht und innerlich erst recht nicht. Und es ist grausam und verständnislos, einem Menschen, der unter der Not und Sorge und Arbeit, unter der namenlosen Schwierigkeit und Kompliziertheit des Lebens Mühe hat, seinen Weg zu finden und zu gehen, den Rat zu geben, er sollte doch etwas kindlicher sein. Wir alle sind keine Kinder mehr und diejenigen, die es etwa zu sein meinen, am allerwenigsten. Ich möchte sogar noch weiter gehen und sagen: wir alle wissen nicht einmal mehr, was das heißt, ein Kind sein. Wir alle befinden uns auf einer langen Wanderung an irgend einem bestimmten Punkt und müssen an diesem Punkt Schritt für Schritt tun, vorwärts, nicht zurück. Wir alle müssen uns damit abfinden, 30-, 50-, 70-jährig zu sein mit allem Innerlichen und Äußerlichen, was dazu gehört, und nichts Anderes. |
Es kann aber sein, daß wir werden wie die Kinder. Ich darf nicht zuviel darüber sagen. Wir wollen daran denken, daß das das Verhältnis Gottes zum Menschen ist und des Menschen Eintritt ins Himmelreich. Ihr müßt bedenken, daß das Menschliche, das ich darüber sagen kann, das Göttliche bedeutet, das niemand sagen kann. Frei und |151 fremd und erstaunt steht das Kind unserem Leben gegenüber, mit einer großen Frage und Erwartung. Und dann lernt es das Leben kennen und hört eben damit auf, ein Kind zu sein, denn nun ist das Staunen und Fragen vorbei. Aber halt, ist denn das wahr? Können wir denn das vergessen, daß wir alle einmal so gestaunt und gefragt haben? Können wir denn vergessen, daß die Rechnung des Lebens nie ganz aufgeht, sondern daß wir uns nur daran gewöhnt haben, daß sie nicht aufgeht? Können wir vergessen, wie fremd und seltsam uns eigentlich unser ganzes Leben, unser eigenes Reden und Tun ist und wie der Mensch, der Mensch selbst, eigentlich immer außerhalb seiner Sorge und Freude, seines Eifers und seines Ernstes steht – wie damals, als wir noch Kinder waren? Können wir vergessen, daß unser eigenes Tun und Treiben samt all dem, was sich eins4 [?] um uns her abspielt, uns eigentlich noch ebenso fabelhaft neu ist wie am ersten Tag, nur daß dieses Neue unterdessen ein bißchen älter geworden ist? Ich meine, wir können es nicht vergessen, sondern das Leben selbst ist eigentlich ganz dazu angetan, es uns jeden Tag wieder in Erinnerung zu rufen. Nein, der Anteil an der Kindheit, den wir Alten haben, erlischt nicht damit, daß wir älter werden, wie man sagt. Im Gegenteil: Nimm’s nur ganz ernst mit dem Älterwerden, geh nur ganz gründlich hinein in die Erfahrung, in die Arbeit, ins Nachdenken, sei du nur ganz bewußt ein solcher erwachsener Mensch, der einfach Schritt für Schritt seinen Weg geht, gerade dann merkst du immer deutlicher, viel deutlicher noch, als du es als Kind merktest, wie fremd uns eigentlich dieses Ganze des Lebens ist, wie sehr wir eigentlich anderswoher kommen, wie sehr der Mensch eigentlich in dem allem drin und doch drüber steht. Du bist der Alternde [?], der Müde, Geplagte, Irrende, Fehlende oder auch der Ernste, Förmliche [?], Geschäftige, Mächtige, Triumphierende - aber nein, du bist ja eben das alles nicht, oder siehst du nicht, wie dir das alles immer wieder aus den Händen fällt, wie du immer wieder nicht weißt: Was bin ich? Was tue ich? Was wird daraus? wie du immer wieder dich selbst nicht verstehst? Das Kind steht daneben, sieht zu, staunt und fragt. Halt dich daran: Das Kind hat recht. Das Kind, das staunende, fragende Kind ist die Wahrheit des ganzen Lebens, auch wenn du längst kein Kind mehr bist und auch keines |152 mehr sein sollst. Das Kind, das recht hat, ist sogar sehr oft dann da, wenn du selbst der Erwachsene, der Große bist, dem das Kind zusieht.
3.
Also ein Leben in der Freiheit, in der Erinnerung, im Fragen und Staunen, immer auf der anderen Seite von sich selbst, immer vom Berg herabsteigend in die Niederung – das wäre das Leben wie die Kinder, von dem Jesus redet. Und dieses Leben wie die Kinder wäre das Leben in der Gemeinschaft Gottes. Aber wir wollen keinen Augenblick übersehen, daß Jesus nicht gesagt hat: Werdet wie die Kinder!, sondern: so ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!, und das ist noch einmal nicht ganz das Gleiche. Der Unterschied besteht darin, daß Jesus niemandem befohlen, niemandem auch nur geraten hat: Werde du wie ein Kind! Er hat dieses «Werden wie die Kinder» nicht dargestellt als ein Werk, das der Mensch tun kann, gleichsam als den letzten höchsten Flug, den der Mensch nehmen müsse. Befehlen und raten kann man dem Menschen immer nur das Unkindliche: Gib dir Mühe! Sei tapfer! Nimm das Leben, wie es ist! Vertiefe dich ganz in die Fragen, die dir gestellt sind, und nimm’s ganz ernst mit der Aufgabe, die du vor dir hast! Wer als Erwachsener bloß spielen will mit dem Leben, der wird nicht wie ein Kind. Aber freilich: wer nicht umkehrt und wird wie ein Kind, der kommt nicht ins Himmelreich. Wie dieses Umkehren geschieht, das ist das Wunder Gottes. Viele Menschen sehen es schon in ihrer Jugend, andere müssen sehr alt werden, um wie die Kinder zu werden. Wieder bei Anderen wird nie etwas davon bemerkbar. Das Werden wie die Kinder ist das große Rätsel und auch die große Offenbarung, die direkt zwischen Gott und den Menschen geschieht. Es geschieht aber. Irgendwo muß jeder Mensch so ernst, so eifrig werden, so schwer leiden oder so tiefe Freude erfahren, daß er um die Ecke sieht. Die Ecke ist das Kreuz Christi. Dort wird’s deutlich, daß unser Leben das Alte ist und daß das Neue anfängt.
- Nr. 39 «Aus meines Herzens Grunde» von G. Niege, Strophen 1-3 (RG [1998]
564,1.2.4; EG 443,1.2.6; jeweils mit Textabweichungen)
- Nr. 327 «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4 («Kommt,
Kinder …»: GERS [1952] 325,1.2.4; EG 393, 1.2.6; jeweils mit Textabweichung)