Matthäus 6,34
1.
Wir Menschen suchen und haben noch nicht gefunden. Wir fragen und haben noch keine Antwort. Wir klopfen an, und uns ist noch nicht aufgetan [vgl. Mt. 7,7]. Über unserem ganzen Leben stehen geschrieben diese zwei Worte «Noch nicht». Wir denken nicht immer daran, daß es so ist. Es ist eine große Wohltat, daß wir manchmal einige Stunden oder Tage leben können, als ob es nicht so wäre. Aber gar nicht daran denken wollen, das geht auch nicht. Wenn wir es manchmal allzulange vergessen, so fällt es uns nachher um so schwerer auf die Seele. Uns Menschen der heutigen Zeit ist es vor kurzem [?] schwer auf die Seele gefallen. Wir gleichen einem Schwarm von Vögeln, der von einem Raubtier oder von einem Jäger von seinen Nist- und Brutstätten aufgescheucht worden ist. Die Zuversicht des Menschen zu dem, was er hat, weiß und kann, seine Zuversicht zu sich selbst ist in bedenklichster Weise erschüttert. Unser aller innerste Gedanken sind wie ein Stab [?], der irgendwo einen Bruch bekommen hat: man sieht es ihm nicht gleich an, man kann sich immer noch darauf stützen, aber nicht zu fest, nicht zu sicher, sonst geht er entzwei, und der sich darauf stützen will, stürzt. Diesem Eindruck von Unsicherheit kann sich kein Einzelner ganz entziehen, auch wenn nicht jeder Einzelne gleich klar sieht, wie groß sie ist. Wir sollen und wollen uns auch diesem Eindruck nicht entziehen. Im Gegenteil, je ehrlicher wir uns ihm öffnen, um so besser. Denn es ist nicht etwas Zufälliges und Vorübergehendes, was sich uns da offenbaren will. Sondern wie es mit dem Menschen überhaupt, immer und überall steht, was es heißt, ein Mensch zu sein, das ist’s, was sich heute an den |142 Tag drängt. Abgereist ist der Mensch, noch nicht angekommen. Er besinnt sich auf etwas und hat sich noch nicht erinnert. Er greift nach etwas und hat es noch nicht ergriffen. Diese Lage müssen wir begreifen und annehmen. Beunruhigung, Frage, Ungewißheit, Sorge, das ist unser menschliches Teil. Nimm’s und trag’s, dein Teil von diesem allgemein menschlichen Teil. Du hast keine andere Wahl. Du mußt. Vielleicht kannst du einmal begreifen, daß das bedeutet: du darfst!
2.
Denn zu den Menschen, die dieses Teil gewählt, genommen haben und tragen, sagt Jesus Christus: Sorget nicht für den andern Morgen! Was bedeutet das? Es bedeutet offenbar nicht etwa, daß die Beunruhigung und Sorge, in der der Mensch als Mensch sich befindet und befinden muß, etwa weggenommen, ausgewischt wird. Es bedeutet nicht einen Trost oder eine Beschwichtigung über die Sorge, die wir zu tragen haben. Es bedeutet nicht: Vergiß! Nimm’s leicht! Es ist nicht so schlimm. Im Gegenteil; man kann wohl sagen, wenn Jesus Christus uns das sagt und wenn wir das hören: Sorget nicht für den andern Morgen!, dann wird unsere Sorge erst recht groß, scharf und grausam. Wir lernen dann erst begreifen, um was es sich handelt, daß wir nicht ausweichen können, daß wir tragen müssen. Alles, was uns beunruhigt und Sorge macht, wird gleichsam gesammelt, vereinfacht, an einen einzigen Punkt zusammengedrängt, und nun steht es da in seiner ganzen Größe. Wir wissen nun, daß es Ernst gilt, daß wir zum Sorgen allen Grund haben. |
Sorget nicht für den andern Morgen! Das bedeutet: was euch beunruhigt und Sorge macht, was euch fehlt und wonach ihr euch sehnt, was ihr fürchtet und worauf ihr hofft, ihr aufgescheuchten, ihr erschrockenen Menschen, es wird nicht, es kommt nicht, es steht euch nicht bevor an dem morgigen Tag, und es wird nicht hinter euch liegen, wenn der morgige Tag einmal gestern sein wird, sondern es ist. Es ist! Das heißt: es gibt keine Verzögerung, aber auch kein Entrinnen, man kann nicht darauf warten, und man kann es nicht hinausschieben. Es ist! Das heißt: es ist nicht da und nicht dort, sondern es ist hier, wo du bist!, es ist nicht gestern und nicht morgen, sondern heute, jetzt, in diesem Augenblick. Der Augenblick ist wichtig, der Augenblick ist ernst, im Augenblick verborgen ist Alles, das Ziel, die Wahrheit, die Drohung, das Gericht, die Erlösung, die Hilfe, im Augenblick ver|143borgen ist das, was du leidvoll oder freudvoll ersorgst, im Augenblick verborgen ist die Ewigkeit! In welchem Augenblick? In einem Augenblick, der heute nachmittag oder morgen oder in zehn Jahren oder wenn du gestorben bist, sein wird? Nein, sondern in eben dem Augenblick, in dem du dich anschickst zu denken: Dann einmal! Dort drüben! In der Zukunft! In der Nähe oder in der Ferne!; in eben dem Augenblick, in dem du dich anschickst, lächelnd oder seufzend in die Zukunft hinein zu sorgen. Kehre um und sorge in der Gegenwart! Weißt du, warum du in die Zukunft hinein sorgst? für den andern Tag? Weil du die Sorge loswerden möchtest! Weil du der Ewigkeit entrinnen möchtest. Morgen ist Morgen. Morgen ist Zeit. Morgen ist nicht ganz ernst, nicht ganz wichtig. Morgen heißt: es kommt, es eilt noch nicht, ich kann noch viel Nebensächliches, Eigenes, Menschliches denken und tun, ich kann lachend oder weinend immer noch fortfahren, mich selbst2 zu sein; meine Sorge, meine Angst, meine Hoffnung ist, und wenn sie bergehoch wäre, doch noch immer nicht himmelhoch; ich kann sie noch wälzen, ich kann mich noch damit abgeben, ich kann noch dies und das dagegen tun, sie ist noch immer meine Sorge, mein Schoßtier, das ich verhätscheln, oder mein Prügelknabe, auf den ich Alles abwälzen, dem ich an Allem Schuld geben kann. |
Im Heute aber, im Augenblick, in der Gegenwart verborgen ist die Ewigkeit. Heute heißt: Jetzt! Heute heißt: keine Zeit! Heute heißt: Das Ersorgte, das Gehoffte, das Gefürchtete ist da, es gilt, es will gelebt sein. Heute heißt: man kann das Leben nicht mit Vorbereitungen und Zurüstungen zubringen. Es ist in diesem Augenblick ganz und gar das Leben oder es ist Tod. Was mich heute nicht freut, wird mich nie freuen. Was mich heute nicht drückt, wird mich nie drücken. Was heute nicht ernst ist, wird es nie werden. Was ich heute nicht tue, werde ich nie tun. Was ich heute nicht bin, werde ich nie sein. Seltsame Frage so manches jungen Menschen: was soll ich werden? Was bist du denn jetzt?, so muß die Frage lauten. Seltsamer Kummer so vieler Eltern: was können wir für die Zukunft unserer Kinder tun? Was tut ihr denn für ihre Gegenwart? Das allein kann doch wirklich Kummer machen. Seltsame Freude Unzähliger auf eine Freude, die heute nach|144mittag oder morgen sein wird. Hast du nicht jetzt und heute Freude, so freust du dich vergeblich auf das, worauf du dich freust! Seltsame Angst und seltsame Hoffnung der Menschen vor kommenden Ereignissen, Menschheitsereignissen, Weltereignissen. Jetzt, jetzt ereignet sich alles, was sich je ereignen wird: Glück und Unglück, Heil und Schicksal der Völker, Revolution und Weltuntergang – siehst du nicht, daß du deine Angst oder deine Hoffnung, deine ganze Sorge sammeln mußt auf das, was sich jetzt ereignet? Wenn wir umkehren vom Morgen ins Heute, von der Zukunft in die Gegenwart, dann erst wird die Sorge wirklich Sorge, dann wird sie himmelhoch, dann wird uns klar, daß wir mit der Sorge nicht spielen, nichts für sie und nichts gegen sie unternehmen, daß wir sie weder hätscheln noch verabscheuen können. Dann sehen wir, daß die Sorge, die uns gegenübersteht, das, was uns fehlt, und das, wonach wir uns sehnen, das, was uns freut, und das, was uns bedrückt, das, dem wir entgegenjubeln, und das, vor dem wir uns unter die Erde verkriechen möchten, nicht dies und das ist, keine Sache, kein Ding, kein Übel oder Gut, dem wir einen Namen geben könnten, sondern Gott. |
Also von Gott redet Jesus Christus zu denen, die Beunruhigung und Sorge auf sich genommen haben in der Einsicht, daß es nicht anders sein darf. Er macht uns unsere Sorge groß, damit uns Gott groß werde. Er verhindert uns, unsere Sorge loszuwerden, damit wir nicht Gott loswerden. Er wirft uns zurück aus der Zukunft in die Gegenwart, in den Augenblick, weil immer gerade der Augenblick der Ort ist, wo Gott zu finden ist. Also so erklärt uns Jesus Christus das «Noch nicht», das über unserem Leben geschrieben steht. Es ist das «Noch nicht», in dem das Nicht gegen das Noch streitet. Wir warten auf den, der nicht warten kann. Wir sind unterwegs dorthin, von woher wir kommen. Wir fürchten den, der uns schon gerichtet hat. Wir hoffen auf den, der uns schon begnadigt hat. Und das heißt beunruhigt und besorgt sein: auf Gott geworfen, an Gott gebunden sein, von Gott nicht mehr loskommen.
3.
Aber das alles kann eben nur Jesus Christus uns sagen, und nur von ihm können wir es
hören. Es ist das alles keine Lebensweisheit, und wir können das alles nicht verstehen,
nicht erleben, nicht erfahren, es muß sich offenbaren. Denn nicht wahr, verborgen ist ja
die Ewigkeit
|145 im Augenblick, in
der Gegenwart, im Heute. Wir wissen nur dann von dem Schatz, der in dem Boden vergraben
ist, auf dem wir gerade jetzt stehen [vgl.
O es ist wohl begreiflich, daß wir immer wieder sorgen auf den andern Morgen, immer wieder jene seltsamen Zukunftsfragen stellen und bewegen, immer wieder auf dies und das uns freuen, vor diesem und jenem uns fürchten und nicht begreifen, daß Gott allein, Gott selbst unsere Sorge ist, daß wir uns darum sorgen, weil wir Gottes Kinder sind. Verborgen ist uns die Ewigkeit, verborgen die himmelhohe Sorge, verborgen Gott im Augenblick. Gott muß sich uns offenbaren im Augenblick. Der Augenblick muß sich spalten gleichsam, damit die Ewigkeit hervorbreche, damit es blitzhell leuchte durch unser ganzes Wesen! Heute! Heute! Heute! Nicht gestern und nicht morgen, sondern Heute! Der morgende Tag wird für das Seine sorgen, wie der gestrige für das Seine gesorgt hat, aber was geht mich das an? Heute ist Gott Gott, und wenn er es heute nicht ist, so ist er es nie. |
Dieses Heute! ist Jesus Christus. Heute! im Gegensatz zu allem Gestern und Morgen, im Gegensatz zu aller Zeit. Heute! so daß es uns durch Mark und Bein geht: das bedeutet niemals und immer, denn es bedeutet ewig. Der uns hineinreißt [?] aus der Zeit in die Ewigkeit, der uns die Zeit unmöglich macht, indem er uns zeigt, daß es in der Zeit keine Erfüllung gibt, kein Ziel, keine Wahrheit, keinen Frieden, keine Antwort, kein Auftun der verschlossenen Tür, und uns also nur die Ewigkeit übrig läßt, der zu uns sagt: Es ist genug, daß jeglicher Tag seine eigene Plage habe, so daß wir auf keinen Tag mehr warten können als auf den Tag Gottes, an dem Gott abwischen wird alle Tränen von ihren Augen [Apk. 7,17; 21,4], stillen allen Hunger und Durst, auferwecken alle Toten! Der das zu uns sagt, so sagt, daß wir es hören, das ist Jesus Christus. Wo bleibt unsere Unruhe, unsere Sorge, unser Noch nicht!, wenn er die Grenze zieht mit seinem: Es ist genug!, wenn er uns über die Grenze führt ins Jetzt!, wenn er uns das Morgen verleidet und das Heute lieb macht? wenn er unsere Sorge himmelhoch macht und sie damit uns abnimmt?
146 Wir wollen auseinandergehen mit der großen Antwort, die uns gegeben ist: daß er uns das wirklich sagt. Und mit der großen Frage: ob wir das eben [?] gehört haben?
- Nr. 171 «Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören» von T.
Clausnitzer, Strophen 1-3 (RG [1998] 159,1-3; EG 161; mit Textabweichungen jeweils
in Str. 2)
- Nr. 345 «Ermuntert euch, ihr Frommen» von L. Lorenzen, Strophen 1.4.9 (GERS [1952]
381,1.-.8; EG 151,1.4.8)