Vorwort
VORWORT
Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen
«Als einzige noch lebende Kinder Karl Barths entschlossen wir uns nach langem Überlegen und auf das Drängen Näher- und Fernstehender zur Publikation dieser zum Teil sehr intimen Korrespondenz. Angesichts des seit Mitte der zwanziger Jahre umlaufenden Geschwätzes halten wir die Zeit für gekommen, die hellen und die trüben Seiten der ganz besonderen und einmaligen Liebe, welche unsern Vater mit unserer ‹Tante Lollo› verband, ans Licht zu bringen.
Unsere liebe Mutter, Nelly Barth, kommt leider in diesem Briefbande nicht zum Wort. Im
‹Lebenslauf› Karl Barths von
Wenn Nelly Barth in diesem Band nicht selber zu Wort kommt, so bringt doch der Nachruf, den sie und ihre Kinder zur Bestattung von Kirschbaums verfaßten (Charlotte von Kirschbaum. Einige Angaben aus ihrem Leben), etwas von der Großmut zur Geltung, von der Franziska Zellweger-Barth und Markus Barth schreiben - er wird darum dem Briefwechsel vorangestellt. Er bietet auch einen ersten Umriß der Vita von Kirschbaums, den biographische Daten zu den Jahren 1899-1935 ergänzen.
XXIn dankbarem Respekt vor der Weise, in der die Kinder
Mit dieser Festlegung wurde hervorgehoben, daß dieser Briefwechsel zweifellos ein Dokument der Theologie-, der Kirchen- und der Zeitgeschichte von großem wissenschaftlichem Interesse darstellt – auch wenn er wohl zunächst einmal vor allem als ein bewegendes Dokument aus der Lebensgeschichte Karl Barths und Charlotte von Kirschbaums wahrgenommen wird: als eine große unerfüllt-erfüllte Liebesgeschichte. Es versteht sich von selbst, es wird aber auch in den vorliegenden Briefen immer wieder eindringlich deutlich, daß die beiden ihren so besonderen Weg stets auch geistlich zu sehen und unter Gottes Wort und Weisung zu gehen versucht haben. Insofern darf auch diese sehr persönliche Seite des Briefwechsels die Aufmerksamkeit eines eigentlich unzugehörigen Leserkreises finden - nur insofern, insofern aber tatsächlich.
Auf anrührende Weise hat Karl Barth diesen Aspekt und zugleich die Bedeutung, die er
auch für die haben kann, die an Barths Werk und darum auch an seiner Person Anteil
nehmen, in einem Brief vom 18. 3. 1947 an Pfarrer
«Le fait même qui constitue le plus grand bienfait terrestre que j’ai reçu dans ma vie constitue en même temps le plus sévère jugement contre mon existence terrestre. Me voilà devant les yeux de Dieu, ne pouvant lui échapper d’une manière ou de l’autre, essayant de le louer tel que je suis et d’après les possibilités qui me sont données ou restées. Pas de raison à se glorifier! Pourtant beaucoup de raison à être reconnaissant!
Il se peut bien, qu’il y a là dans ma théologie un élément d’expérience, je dirai plutôt: de vie vécue: il m’était défendu d’une manière très concrète de devenir le légaliste que j’aurais pu devenir en d’autres circonstances.»1
XXIIm gleichen Brief hat
«Je connais Mlle v. K. depuis 22 ans. Elle vît et travaille auprès de moi, dans notre maison, depuis 18 ans. Elle est le meilleur ami que j’ai dans ce monde. Mon travail ne pourrait, sans elle, avoir l’étendue qu’il a: non seulement grâce à sa collaboration technique très multiple mais surtout grâce à la manière, dont elle m’accompagne. Ceux qui durant toutes ses années ont vécu dans une certaine intimité avec moi, ceux qui me connaissent de près et ma femme et Mlle v. K., ceux qui ont vu les choses, les hommes, les tâches, les relations qui constituent mon existence - ceux-là savent et respectent. Il n’y en a aucuns qui ne sentent pas, plus ou moins clairement et douloureusement, l’énigme de la situation. Il n’y en a aucuns qui ne soient pas du tout embarrassés. Mais il y en a aussi - et parmi eux de chrétiens sérieux - qui, comme moi-même, sont, malgré tout, reconnaissants du fait, que Mlle v. K. existe auprès de moi. Il y a beaucoup d’autres, qui ne savent pas - et qui n’ont pas besoin de savoir - quels services leur sont rendus (indirectement et souvent à leur insu directement) par ce fait-là.»2
XXII In gleichem Ernst hat
«Mlle v. K. et moi nous nous aimons dès le commencement, et, étant devenus un peu plus âgés, nous nous aimons encore.
Et certainement ce fait signifie - ce qui est plus grave que le fait lui-même - la révélation d’une crise très sérieuse et très profonde dans mon mariage. Tel que je suis je ne pouvais pas et je ne peux pas nier ni la réalité de mon mariage ni celle de mon amour. Il est vrai, que suis marié, père, grand-père. Il est aussi vrai, que j’aime. Et il est vrai, que ces deux faits ne coïncident pas. C’est à cause de cela, qu’on a résolu, après de certaines hésitations au commencement, de ne pas résoudre le problème par une séparation d’un côté ou de l’autre.
Encore: certainement cette solution est très visiblement imparfaite. Je me trouve dans une situation, où il ne peut avoir que de solutions imparfaites. Je ne doute pas un moment, que le septième commandement dans son interprétation chrétienne implique la monogamie et l’inséparabilité du lien conjugal. Pour sauvegarder ma responsabilité vis-à-vis de ce commandement je n’avais et je n’ai que le choix de la solution la moins imparfaite : au lieu d’une séparation d’un côté ou de l’autre la crise permanente qui, je vous assure, est bien difficile à supporter pour toutes les trois personnes concernées. Je dois supporter aussi ceci, que c’est difficile même pour mes amis de voir et de comprendre qu’avec cette décision j’essaie de vivre non pas dans le désordre mais dans l’ordre.»3
XXIII
So gewichtig also die Edition unter diesem Gesichtspunkt ist, sie wird ohne Zweifel
auch unter anderen Aspekten Interesse finden. Unter ihnen ist zuerst hervorzuheben,
daß in den Briefen Barths und im Echo der Briefe
Daneben ist es nicht weniger bedeutungsvoll, die Verwandlung von Kirschbaums aus
einem an Theologie lebhaft interessierten Gemeindeglied in eine selbständig
mitsorgende - durchaus studierte, wenn auch nicht examinierte - Theologin zu
verfolgen. Die immer wieder gestellte Frage, wie der «unermeßbare
Anteil» an «Entstehung und Fortgang» der Kirchlichen Dogmatik
genauer aussah, von dem Barth im Vorwort zum letzten von ihm in Druck gegebenen,
ausdrücklich «Meiner Frau
Die historisch-wissenschaftliche Bedeutung der vorliegenden Edition liegt mithin einerseits darin, daß wir über die Arbeiten Karl Barths, über die Facetten seines akademischen und kirchlichen Engagements unmittelbaren Aufschluß bekommen - und über die besondere Rolle, die Charlotte von Kirschbaum mit ihren vielfältigen praktischen Fähigkeiten, vor allem aber mit ihrer sehr besonderen, für Barth so unersetzlichen wie unentbehrlichen Gabe, ihn auf seinem verwegenen Denkweg mit Einfühlung, Verständnis, Ermutigung und Kritik zu begleiten, für Barths Werk in während dieser Jahre stetig zunehmendem Maße spielte. Diese Bedeutung der genau darin «Unentbehrlichen» (s. unten S. 461) kommt in besonders berührender Weise schon 1926 zum Ausdruck: «Nur ich weiß, wie sehr Alles auf des Messers Schneide steht, wo zwischen Sinn und Unsinn die Grenze ist. Es ist so nahe beieinander. Da würde ich dir so oft gerne in die Augen sehen und mich verstanden wissen in meiner ganzen Hilflosigkeit und doch auch wieder Freudigkeit.» (S. 66, vgl. S. 118).
Von ebenso weitreichendem Interesse ist andererseits gewiß das, was wir über Barths
Stellung zu den Bewegungen und Veränderungen der Zeitgeschichte erfahren: etwa seine
Reaktion auf das durch von
Die Edition umfaßt alle Korrespondenzstücke vom 4. 10. 1925 bis zum
12. 7. 1935, von denen wir Kenntnis haben: 162 Briefe und andere
Schriftstücke Barths und 70 Briefe und andere Schriftstücke von Kirschbaums. Das
Ungleichgewicht ergibt sich vor allem daraus, daß bis zum März 1933 nur ein Brief
von Kirschbaums aus dem Februar |XXV 1926 und drei Briefe aus dem
März 1932 vorliegen. Erst vom 6. 3. 1933 an liegt der briefliche
Austausch von beiden Seiten fast vollständig vor – soweit aus den vorliegenden
Briefen zu erschließen, fehlen von da an nur wenige, einzelne Dokumente (sie sind in
den Anmerkungen notiert). Die Briefe von
Zugleich ändert sich nun freilich die Struktur des Briefwechsels: «In Zukunft
sind hoffentlich überhaupt nicht mehr viel Briefe zwischen uns nötig, sondern wir
erzählen uns alles Nötige.» (S. 93) Das gilt erst
recht vom 15.10.1929 an, denn nach dem Einzug
Die Edition des Briefwechsels erfolgt nach den Grundsätzen der Karl
Barth-Gesamtausgabe, von denen hier die wichtigsten Punkte zu nennen sind: Die
Datumsangaben im Briefkopf werden vereinheitlicht. Die Orthographie und die
Interpunktion werden behutsam unter Wahrung der persönlichen Eigenheiten
angeglichen. Die Formen der älteren Grammatik wie auch die vor der Reform von 1996
bzw. 2006 gültige Rechtschreibung bleiben unverändert. Abkürzungen werden, wo sie
nicht zu Begriffen geworden sind oder ein Stilelement bilden, aufgelöst - in diesem
Band sind jedoch solche Abkürzungen von der Regel ausgenommen, die zu den Fragmenten
einer Sprache |XXVI der Liebe gehören.
Die Anmerkungen geben zunächst einmal editorische Rechenschaft, indem sie
z. B. über Korrekturen am Text oder über den Fundort der erwähnten Dokumente
informieren. Da die meisten der in Frage kommenden Briefe von
Als die Nachkommen Karl und Nelly Barths die Edition dieser Briefe 1985 Pfarrer Rolf-Joachim Erler in Zürich-Seebach übertrugen, war kaum zu ahnen, welch umfangreiche Aufgaben schon die |XXVII Transkription, die chronologische Ordnung und die orthographische Vereinheitlichung der Briefe, dazu aber erst recht die notwendigen Personen- und Sachanmerkungen und die literarischen und sprachlichen Erläuterungen stellten. Pfarrer Erler, der in einer Reihe von Aufsätzen4 seine besondere Beteiligung an den aktuellen Fragen der Barth-Rezeption dokumentiert und in dem zusammen mit Reiner Marquard herausgegebenen Barth-Lesebuch Mit dem Anfang anfangen (Zürich 1985) eine schöne Hinführung zur Barth-Lektüre vorgelegt hatte, hat sich der ihm übertragenen Aufgabe mit unbedingtem Engagement und großem Einsatz gestellt. Dafür gebührt ihm aufrichtige Anerkennung und herzlicher Dank.
Die umfassende Überarbeitung des Textes wie der Anmerkungen, die sich gleichwohl als notwendig erwies, hätte ich in der gesetzten Frist ohne vielfältige Hilfe nicht leisten können. Reto Frey, Lars Cleary und Martin Schmidlin haben nacheinander die Arbeit nicht nur durch die Übertragung vieler Korrekturen und Ergänzungen in die Computerdatei, sondern auch durch allerlei Hinweise unterstützt, die zu sprachlichen und sachlichen Verbesserungen beitrugen. Mathias Marquard M. A., Regensburg, hat die heiklen Codierungen für die unentbehrlichen bandinternen Verweise und dazu einen Teil des Personen- und des Schriftenregisters besorgt. Vor allem aber hat Pfarrer Marcel Wittwer, Aarau, das umfangreiche, sorgfältig differenzierte Begriffsregister und den größeren Teil des Personen- und des Schriftenregisters erarbeitet. Für diese wichtigen Beiträge bin ich sehr dankbar. Zu danken ist jedoch auch den zahlreichen freundlichen Auskunftgebern, unter denen besonders Pfarrer Dr. Gottfried Abrath, Iserlohn, Peter Aerne, Neuchâtel, Bärbel Alles vom Archiv der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland in Leer, Prof. Dr. Christoph Burger, Amsterdam, Pfarrer Dr. Konrad Fischer, Bretten, Pfarrerin i. R. Marlies Flesch-Thebesius, Frankfurt am Main, Blanca Frey, Veltheim, Christian George vom Universitätsarchiv Bonn, Thorsten Harms, Emden, Ilse von Kirschbaum, Kiefersfelden, Pfarrer Uwe Löttgen-Tangermann, Bad Honnef, Irmtrud Meyer vom |XXVIII Stadtarchiv Bonn, Prof. Dr. Dieter Schellong, Münster, Pfarrerin i. R. Lore Schlomka, Essen, Mirjam Stritt, Basel, Pfarrer Hans-Georg Ulrichs, Karlsruhe-Durlach, genannt seien.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber auch einmal ausdrücklich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitätsbibliothek Basel einen aufrichtigen Dank sagen, die nun seit vielen Jahren für die Arbeit an den Bänden der Gesamtausgabe unentbehrliche Hilfe leisten und die in diesem Falle eine besonders stattliche Reihe von Quellen bereitzustellen hatten. Ebenso soll diesmal auch eigens den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der pagina GmbH in Tübingen, besonders Volker Mehnert und Hannelore Ott, und des Theologischen Verlages Zürich, allen voran dessen kundig-tatkräftiger Leiterin Marianne Stauffacher, herzlich gedankt sein, ohne deren Einsatz und Mühewaltung die Bände der Karl Barth-Gesamtausgabe nicht erscheinen könnten.
Der nach so vielen Jahren als Frucht der Arbeit so vieler vorliegende Band nimmt in
hoffentlich erhellender Weise den Wunsch auf, den