26. August 2008

Vorwort

XIX

VORWORT

Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum, von dem hier der die Jahre 1925 bis 1935 umfassende erste Band vorgelegt wird, geht auf einen Entschluß der Kinder Karl und Nelly Barths zurück. Franziska Zellweger-Barth(1914–1994), Markus Barth (1915–1994) und Christoph Barth (1917–1986), die auch als Erben Charlotte von Kirschbaums eingesetzt waren, haben die Entscheidung im Jahr 1985 getroffen (Matthias Barth [1921-1941] undHans Jakob Barth [1925-1984] waren bereits verstorben). Franziska Zellweger-Barth und Markus Barth haben sie 1993 bekräftigt, indem sie einen Entwurf zu einem Vorwort für die Edition verfaßten, dessen Hauptabschnitte hier am Anfang stehen sollen:

«Als einzige noch lebende Kinder Karl Barths entschlossen wir uns nach langem Überlegen und auf das Drängen Näher- und Fernstehender zur Publikation dieser zum Teil sehr intimen Korrespondenz. Angesichts des seit Mitte der zwanziger Jahre umlaufenden Geschwätzes halten wir die Zeit für gekommen, die hellen und die trüben Seiten der ganz besonderen und einmaligen Liebe, welche unsern Vater mit unserer ‹Tante Lollo› verband, ans Licht zu bringen.

Unsere liebe Mutter, Nelly Barth, kommt leider in diesem Briefbande nicht zum Wort. Im ‹Lebenslauf› Karl Barths von Eberhard Busch wird gebührlich herausgehoben, wie schwer das Leben zu Dritt im selben Hause war: ‹Unzumutbar›, sagen wir Kinder im nachhinein. Und doch hat es unsere Mutter durchgehalten und trug somit ihren großen Teil an der Arbeit unseres Vaters bei. Wußte sie doch, wie unersetzlich Lollo von Kirschbaums theologische Assistenz und unaufhörliche Mithilfe für das Durchführen des großen Werkes war. Daß es auch menschlich zu keinem Bruch im Familienleben kam, war großmütig von unserer Mutter und wir sind ihr dafür von ganzem Herzen dankbar.»

Wenn Nelly Barth in diesem Band nicht selber zu Wort kommt, so bringt doch der Nachruf, den sie und ihre Kinder zur Bestattung von Kirschbaums verfaßten (Charlotte von Kirschbaum. Einige Angaben aus ihrem Leben), etwas von der Großmut zur Geltung, von der Franziska Zellweger-Barth und Markus Barth schreiben - er wird darum dem Briefwechsel vorangestellt. Er bietet auch einen ersten Umriß der Vita von Kirschbaums, den biographische Daten zu den Jahren 1899-1935 ergänzen.

XXIn dankbarem Respekt vor der Weise, in der die Kinder Karl und Nelly Barths ihre Verantwortung für das Erbe ihrer Eltern und Charlotte von Kirschbaums wahrgenommen haben, haben sich die Mitglieder der Karl Barth-Nachlaßkommission in der nächsten Generation den Editionsentschluß zu eigen gemacht und verdeutlichend ­festgelegt, daß die Korrespondenz innerhalb der Karl Barth-Gesamtausgabe und nach deren wissenschaftlichen Grundsätzen, d. h. ungekürzt und mit den Erläuterungen, die zu einem genaueren geschichtlichen Verständnis notwendig sind, herausgegeben werden soll.

Mit dieser Festlegung wurde hervorgehoben, daß dieser Briefwechsel zweifellos ein Dokument der Theologie-, der Kirchen- und der Zeitgeschichte von großem wissenschaftlichem Interesse darstellt – auch wenn er wohl zunächst einmal vor allem als ein bewegendes Dokument aus der Lebensgeschichte Karl Barths und Charlotte von Kirschbaums wahrgenommen wird: als eine große unerfüllt-erfüllte Liebesgeschichte. Es versteht sich von selbst, es wird aber auch in den vorliegenden Briefen immer wieder eindringlich deutlich, daß die beiden ihren so besonderen Weg stets auch geistlich zu sehen und unter Gottes Wort und Weisung zu gehen versucht haben. Insofern darf auch diese sehr persönliche Seite des Briefwechsels die Aufmerksamkeit eines eigentlich unzugehörigen Leserkreises finden - nur insofern, insofern aber tatsächlich.

Auf anrührende Weise hat Karl Barth diesen Aspekt und zugleich die Bedeutung, die er auch für die haben kann, die an Barths Werk und darum auch an seiner Person Anteil nehmen, in einem Brief vom 18. 3. 1947 an Pfarrer William Lachat in Neuchâtel (KBA 9247.76) zum Ausdruck gebracht:

«Le fait même qui constitue le plus grand bienfait terrestre que j’ai reçu dans ma vie constitue en même temps le plus sévère jugement contre mon existence terrestre. Me voilà devant les yeux de Dieu, ne pouvant lui échapper d’une manière ou de l’autre, essayant de le louer tel que je suis et d’après les possibilités qui me sont données ou restées. Pas de raison à se glorifier! Pourtant beaucoup de raison à être reconnaissant!

Il se peut bien, qu’il y a là dans ma théologie un élément d’expérience, je dirai plutôt: de vie vécue: il m’était défendu d’une manière très concrète de devenir le légaliste que j’aurais pu devenir en d’autres circonstances.»1

XXIIm gleichen Brief hat Barth auch beschrieben, inwiefern seine Existenz und sein Werk in der Öffentlichkeit ohne Charlotte von Kirschbaum nicht denkbar gewesen wäre, inwiefern also nicht nur er selber Grund zur Dankbarkeit für die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit von Kirschbaum hatte:

«Je connais Mlle v. K. depuis 22 ans. Elle vît et travaille auprès de moi, dans notre maison, depuis 18 ans. Elle est le meilleur ami que j’ai dans ce monde. Mon travail ne pourrait, sans elle, avoir l’étendue qu’il a: non seulement grâce à sa collaboration technique très multiple mais surtout grâce à la manière, dont elle m’accompagne. Ceux qui durant toutes ses années ont vécu dans une certaine intimité avec moi, ceux qui me connaissent de près et ma femme et Mlle v. K., ceux qui ont vu les choses, les hommes, les tâches, les relations qui constituent mon existence - ceux-là savent et respectent. Il n’y en a aucuns qui ne sentent pas, plus ou moins clairement et douloureusement, l’énigme de la situation. Il n’y en a aucuns qui ne soient pas du tout embarrassés. Mais il y en a aussi - et parmi eux de chrétiens sérieux - qui, comme moi-même, sont, malgré tout, reconnaissants du fait, que Mlle v. K. existe auprès de moi. Il y a beaucoup d’autres, qui ne savent pas - et qui n’ont pas besoin de savoir - quels services leur sont rendus (indirectement et souvent à leur insu directement) par ce fait-là.»2

XXII In gleichem Ernst hat Barth in diesem Zusammenhang auch die Last angesprochen, die ein strenges Glück für ihn, seine Frau und von Kirschbaum bedeutete, zugleich aber auch die Verantwortung, vor die er sich unausweichlich gestellt sah:

«Mlle v. K. et moi nous nous aimons dès le commencement, et, étant devenus un peu plus âgés, nous nous aimons encore.

Et certainement ce fait signifie - ce qui est plus grave que le fait lui-même - la révélation d’une crise très sérieuse et très profonde dans mon mariage. Tel que je suis je ne pouvais pas et je ne peux pas nier ni la réalité de mon mariage ni celle de mon amour. Il est vrai, que suis marié, père, grand-père. Il est aussi vrai, que j’aime. Et il est vrai, que ces deux faits ne coïncident pas. C’est à cause de cela, qu’on a résolu, après de certaines hésitations au commencement, de ne pas résoudre le problème par une séparation d’un côté ou de l’autre.

Encore: certainement cette solution est très visiblement imparfaite. Je me trouve dans une situation, où il ne peut avoir que de solutions imparfaites. Je ne doute pas un moment, que le septième commandement dans son interprétation chrétienne implique la monogamie et l’inséparabilité du lien conjugal. Pour sauvegarder ma responsabilité vis-à-vis de ce commandement je n’avais et je n’ai que le choix de la solution la moins imparfaite : au lieu d’une séparation d’un côté ou de l’autre la crise permanente qui, je vous assure, est bien difficile à supporter pour toutes les trois personnes concernées. Je dois supporter aussi ceci, que c’est difficile même pour mes amis de voir et de comprendre qu’avec cette décision j’essaie de vivre non pas dans le désordre mais dans l’ordre.»3

XXIII Karl Barth hat später in Gesprächen mit seiner Schwester Gertrud, verh. Lindt, öfter geäußert, daß er ohne die einschneidende Erfahrung von Schuld und Urteil, Vergebung und Weisung das, was Gnade heißt, nicht so zu verstehen und zu entfalten vermocht hätte, wie es in der Kirchlichen Dogmatik geschehen ist. Barths Neffe Pfarrer i. R. Thomas Lindt, der sich daran lebhaft erinnert, hat die Veröffentlichung dieses Briefwechsels auch darum nachdrücklich befürwortet und durch mancherlei Hilfe unterstützt.

So gewichtig also die Edition unter diesem Gesichtspunkt ist, sie wird ohne Zweifel auch unter anderen Aspekten Interesse finden. Unter ihnen ist zuerst hervorzuheben, daß in den Briefen Barths und im Echo der Briefe von Kirschbaums fast wie in einem Tagebuch die individuellen Anlässe, Motive und Beweggründe zu einer Reihe theologisch-kirchlicher und politischer Urteile Barths ans Licht treten. In keiner anderen Korrespondenz hat Barth so rückhaltlos und auch so rücksichtslos über seine Eindrücke von Personen und Ereignissen, von Texten und Entscheidungen gesprochen. Insbesondere aber tritt er selber in seinem Selbstverständnis als Theologe und in seiner Wahrnehmung der theologischen Verantwortung in konkreter Anschaulichkeit vor Augen. Daß und wie zur theologischen Existenz grundlegend Verwunderung, Betroffenheit und Verpflichtung, aber auch Einsamkeit, Zweifel und Anfechtung gehören, das ist hier in actu exercito zu beobachten.

Daneben ist es nicht weniger bedeutungsvoll, die Verwandlung von Kirschbaums aus einem an Theologie lebhaft interessierten Gemeindeglied in eine selbständig mitsorgende - durchaus studierte, wenn auch nicht examinierte - Theologin zu verfolgen. Die immer wieder gestellte Frage, wie der «unermeßbare Anteil» an «Entstehung und Fortgang» der Kirchlichen Dogmatik genauer aussah, von dem Barth im Vorwort zum letzten von ihm in Druck gegebenen, ausdrücklich «Meiner Frau Nelly Barth in großer Dankbarkeit» gewidmeten Band spricht (KD IV/4, S. VIII 📖), erfährt in den Briefen eine höchst anschauliche Antwort. Es wird eindrucksvoll klar, was in konkreter |XXIV Alltäglichkeit - und in biblischer Tiefe - gemeint ist, wenn Barth in einem anderen Vorwort von Kirschbaum emphatisch seine «Hilfe» nennt (KD III/3, S. VII 📖).

Die historisch-wissenschaftliche Bedeutung der vorliegenden Edition liegt mithin einerseits darin, daß wir über die Arbeiten Karl Barths, über die Facetten seines akademischen und kirchlichen Engagements unmittelbaren Aufschluß bekommen - und über die besondere Rolle, die Charlotte von Kirschbaum mit ihren vielfältigen praktischen Fähigkeiten, vor allem aber mit ihrer sehr besonderen, für Barth so unersetzlichen wie unentbehrlichen Gabe, ihn auf seinem verwegenen Denkweg mit Einfühlung, Verständnis, Ermutigung und Kritik zu begleiten, für Barths Werk in während dieser Jahre stetig zunehmendem Maße spielte. Diese Bedeutung der genau darin «Unentbehrlichen» (s. unten S. 461) kommt in besonders berührender Weise schon 1926 zum Ausdruck: «Nur ich weiß, wie sehr Alles auf des Messers Schneide steht, wo zwischen Sinn und Unsinn die Grenze ist. Es ist so nahe beieinander. Da würde ich dir so oft gerne in die Augen sehen und mich verstanden wissen in meiner ganzen Hilflosigkeit und doch auch wieder Freudigkeit.» (S. 66, vgl. S. 118).

Von ebenso weitreichendem Interesse ist andererseits gewiß das, was wir über Barths Stellung zu den Bewegungen und Veränderungen der Zeitgeschichte erfahren: etwa seine Reaktion auf das durch von Hindenburg gestützte autoritäre Regime von Papens und auf den immer größere Schatten werfenden Nationalsozialismus. Auf die nach der sogenannten «Machtergreifung» Zug um Zug durchgeführte «Gleichschaltung» und den sich dagegen bildenden Widerstand in den evangelischen Kirchen fallen bemerkenswerte Streiflichter. Vor allem aber werden wir in einer Reihe von Mitteilungen Barths auf Schauplätze des deutschen Kirchenkampfes geführt, auf denen Barth einen entscheidenden Beitrag zu leisten hatte und von denen er von Kirschbaum wichtige Ereignisse und Entwicklungen in lebendiger Unmittelbarkeit berichtet.

Die Edition umfaßt alle Korrespondenzstücke vom 4. 10. 1925 bis zum 12. 7. 1935, von denen wir Kenntnis haben: 162 Briefe und andere Schriftstücke Barths und 70 Briefe und andere Schriftstücke von Kirschbaums. Das Ungleichgewicht ergibt sich vor allem daraus, daß bis zum März 1933 nur ein Brief von Kirschbaums aus dem Februar |XXV 1926 und drei Briefe aus dem März 1932 vorliegen. Erst vom 6. 3. 1933 an liegt der briefliche Austausch von beiden Seiten fast vollständig vor – soweit aus den vorliegenden Briefen zu erschließen, fehlen von da an nur wenige, einzelne Dokumente (sie sind in den Anmerkungen notiert). Die Briefe von Barths Seite scheinen bis August 1926 vollständig erhalten zu sein. Dann folgen aber bis März 1929 nur ein Gedicht vom 28.12.1926, eine Postkarte vom 17.11.1927 und ein Telegramm vom 29. 5. 1928. In diesem Zeitraum ist also mit größeren Verlusten auch von Briefen Barths zu rechnen. Mit den Ausblicken auf den gemeinsamen Aufenthalt auf dem Bergli während Barths Forschungssemester, d. h. vom 29. 3. 1929 an, scheinen Barths Briefe wieder vollzählig oder fast vollzählig vorzuliegen.

Zugleich ändert sich nun freilich die Struktur des Briefwechsels: «In Zukunft sind hoffentlich überhaupt nicht mehr viel Briefe zwischen uns nötig, sondern wir erzählen uns alles Nötige.» (S. 93) Das gilt erst recht vom 15.10.1929 an, denn nach dem Einzug von Kirschbaums in Barths Haus setzt der schriftliche Austausch, ergänzt durch gelegentliche Telephonate, jeweils dann ein, wenn Barth und von Kirschbaum sich an unterschiedlichen Orten aufhalten - z. B. Barth bei seiner Mutter in Bern oder von Kirschbaum bei ihrer Mutter in München. Naturgemäß liegen nun die Schwerpunkte des Briefwechsels in der vorlesungsfreien Zeit im Frühjahr und im Sommer und Frühherbst. Im Kirchenkampf kommen die Reisen Barths z. B. zu den Bekenntnissynoden in Barmen und Dahlem und zu Sitzungen der leitenden Gremien der Bekennenden Kirche hinzu, von denen er von Kirschbaum - auch zur Weitergabe an die Freunde - unmittelbar Bericht gibt.

Die Edition des Briefwechsels erfolgt nach den Grundsätzen der Karl Barth-Gesamtausgabe, von denen hier die wichtigsten Punkte zu nennen sind: Die Datumsangaben im Briefkopf werden vereinheitlicht. Die Orthographie und die Interpunktion werden behutsam unter Wahrung der persönlichen Eigenheiten angeglichen. Die Formen der älteren Grammatik wie auch die vor der Reform von 1996 bzw. 2006 gültige Rechtschreibung bleiben unverändert. Abkürzungen werden, wo sie nicht zu Begriffen geworden sind oder ein Stilelement bilden, aufgelöst - in diesem Band sind jedoch solche Abkürzungen von der Regel ausgenommen, die zu den Fragmenten einer Sprache |XXVI der Liebe gehören. Barths Schrift, an der die Leute verständlicherweise immer wieder «stolpern» (S. 473), gelegentlich aber auch die Hand von Kirschbaums, ist nicht leicht zu entziffern - Unsicherheiten sind durch ein [?] hinter dem betreffenden Wort markiert. Buchstaben oder Worte, die zu ergänzen waren, sind in eckige Klammern [ ] gesetzt. Gelegentlich sind der Übersichtlichkeit halber zusätzliche Absätze eingeführt worden, die durch einen senkrechten Strich | gekennzeichnet sind.

Die Anmerkungen geben zunächst einmal editorische Rechenschaft, indem sie z. B. über Korrekturen am Text oder über den Fundort der erwähnten Dokumente informieren. Da die meisten der in Frage kommenden Briefe von Nelly Barth und der übrigen Familie, aber auch viele der Briefe von Karl Barth an Pestalozzis und von Pestalozzis an Karl und Nelly Barth und an Charlotte von Kirschbaum nicht erhalten sind, stehen in diesen Fällen entsprechende Hinweise nur dort, wo sie aus besonderen Gründen notwendig erscheinen. Im übrigen sollen die Anmerkungen die Voraussetzungen und die Hintergründe der Briefe und ihres Sprachstils so verständlich machen, daß ihr Bedeutungsgehalt sich dem heutigen Leser möglichst weitgehend erschließt. Es versteht sich dabei wohl von selbst, daß bei den Angaben zur Vita der auftretenden Personen nicht an Vollständigkeit gedacht ist. Insbesondere in den Fällen, wo die allgemein verfügbaren Quellen keine Auskunft bieten, mögen die knappen Hinweise doch dazu nützlich sein, dem Kreis der Schüler, der Freunde und der Gegner Barths nach Herkunft, Stand und Verantwortungsbereich etwas Kontur zu geben. Bei den sprachlichen Erläuterungen ist natürlich weniger an die Leser in den deutschsprachigen Ländern als vielmehr an die Freunde der Karl Barth-Gesamtausgabe z. B. in Amerika, in Australien, Japan und Korea gedacht. Die Aufgabe der Kommentierung ist bei Briefen und erst recht bei den Briefen einander so nahe stehender Personen besonders schwierig. Manches läßt sich nur vermutungsweise erklären, bei manchen Anspielungen und Bezugnahmen muß es trotz vieler Bemühungen schließlich doch beim «non liquet» bleiben.

Als die Nachkommen Karl und Nelly Barths die Edition dieser Briefe 1985 Pfarrer Rolf-Joachim Erler in Zürich-Seebach übertrugen, war kaum zu ahnen, welch umfangreiche Aufgaben schon die |XXVII Transkription, die chronologische Ordnung und die orthographische Vereinheitlichung der Briefe, dazu aber erst recht die notwendigen Personen- und Sachanmerkungen und die literarischen und sprachlichen Erläuterungen stellten. Pfarrer Erler, der in einer Reihe von Aufsätzen4 seine besondere Beteiligung an den aktuellen Fragen der Barth-Rezeption dokumentiert und in dem zusammen mit Reiner Marquard herausgegebenen Barth-Lesebuch Mit dem Anfang anfangen (Zürich 1985) eine schöne Hinführung zur Barth-Lektüre vorgelegt hatte, hat sich der ihm übertragenen Aufgabe mit unbedingtem Engagement und großem Einsatz gestellt. Dafür gebührt ihm aufrichtige Anerkennung und herzlicher Dank.

Die umfassende Überarbeitung des Textes wie der Anmerkungen, die sich gleichwohl als notwendig erwies, hätte ich in der gesetzten Frist ohne vielfältige Hilfe nicht leisten können. Reto Frey, Lars Cleary und Martin Schmidlin haben nacheinander die Arbeit nicht nur durch die Übertragung vieler Korrekturen und Ergänzungen in die Computerdatei, sondern auch durch allerlei Hinweise unterstützt, die zu sprachlichen und sachlichen Verbesserungen beitrugen. Mathias Marquard M. A., Regensburg, hat die heiklen Codierungen für die unentbehrlichen bandinternen Verweise und dazu einen Teil des Personen- und des Schriftenregisters besorgt. Vor allem aber hat Pfarrer Marcel Wittwer, Aarau, das umfangreiche, sorgfältig differenzierte Begriffsregister und den größeren Teil des Personen- und des Schriftenregisters erarbeitet. Für diese wichtigen Beiträge bin ich sehr dankbar. Zu danken ist jedoch auch den zahlreichen freundlichen Auskunftgebern, unter denen besonders Pfarrer Dr. Gottfried Abrath, Iserlohn, Peter Aerne, Neuchâtel, Bärbel Alles vom Archiv der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland in Leer, Prof. Dr. Christoph Burger, Amsterdam, Pfarrer Dr. Konrad Fischer, Bretten, Pfarrerin i. R. Marlies Flesch-Thebesius, Frankfurt am Main, Blanca Frey, Veltheim, Christian George vom Universitätsarchiv Bonn, Thorsten Harms, Emden, Ilse von Kirschbaum, Kiefersfelden, Pfarrer Uwe Löttgen-Tangermann, Bad Honnef, Irmtrud Meyer vom |XXVIII Stadtarchiv Bonn, Prof. Dr. Dieter Schellong, Münster, Pfarrerin i. R. Lore Schlomka, Essen, Mirjam Stritt, Basel, Pfarrer Hans-Georg Ulrichs, Karlsruhe-Durlach, genannt seien.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber auch einmal ausdrücklich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitätsbibliothek Basel einen aufrichtigen Dank sagen, die nun seit vielen Jahren für die Arbeit an den Bänden der Gesamtausgabe unentbehrliche Hilfe leisten und die in diesem Falle eine besonders stattliche Reihe von Quellen bereitzustellen hatten. Ebenso soll diesmal auch eigens den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der pagina GmbH in Tübingen, besonders Volker Mehnert und Hannelore Ott, und des Theologischen Verlages Zürich, allen voran dessen kundig-tatkräftiger Leiterin Marianne Stauffacher, herzlich gedankt sein, ohne deren Einsatz und Mühewaltung die Bände der Karl Barth-Gesamtausgabe nicht erscheinen könnten.

Der nach so vielen Jahren als Frucht der Arbeit so vieler vorliegende Band nimmt in hoffentlich erhellender Weise den Wunsch auf, den Barth am 16. 3. 1953 in einem Brief an Georg Merz (KBA 9253.45)5 äußerte, in dem er auf «die entscheidende Mitwirkung von Lollo» am Entstehen der Kirchlichen Dogmatik hinwies: «du ahnst nicht, was sie - Ministerium des Innern und des Äußern in einer Person - Alles wirkt, unübertrefflich, unersetzlich. Wenn die spätere Literatur sich nur nicht zu dumm anstellen, sondern das ruhig, sachlich und umsichtig ans Licht bringen wird!»

Hans-Anton Drewes

Sachfußnoten

1

«Gerade die Tatsache, welche die größte irdische Wohltat ist, die mir in meinem Leben geschenkt wurde, ist zugleich das strengste Urteil wider mein irdisches Leben. So stehe ich vor Gottes Augen, ohne daß ich ihm auf die eine oder andere Weise entkommen könnte; ich versuche ihn zu loben, so wie ich bin und nach den Möglichkeiten, die mir geschenkt sind oder die mir noch bleiben. Es gibt dabei keinen Grund sich zu brüsten, wohl aber viele Gründe dankbar zu sein!

Es ist durchaus möglich, daß sich daher in meiner Theologie ein Element der Erfahrung findet, oder besser gesagt: ein Element von gelebtem Leben. Es wurde mir auf eine sehr konkrete Art verboten, der Legalist zu werden, der ich unter anderen Umständen hätte werden können.» (Für die Übersetzungen danke ich Marie-Claire Barth sehr herzlich.)↩

2
«Ich kenne Frl. von Kirschbaum seit 22 Jahren. Seit 18 Jahren lebt und arbeitet sie bei mir in unserem Haus. Sie ist der beste Freund, den ich in dieser Welt habe. Mein Werk könnte ohne sie nicht das Ausmaß haben, das es nun erreicht hat; es geht aber nicht nur um ihre vielfältige technische Mitarbeit, sondern vornehmlich um die Art und Weise, in der sie mich begleitet. Alle Menschen, die im Lauf dieser Jahre in meiner Nähe gelebt haben, alle, die mich und meine Frau und Frl. von Kirschbaum aus der Nähe kennen, alle, die die Fakten und Menschen, Aufgaben und Beziehungen, die meine Existenz bestimmen, gesehen haben, wissen dies und respektieren es. Es gibt niemanden, der das Rätselhafte der Situation nicht mehr oder wenig deutlich und schmerzhaft empfindet. Es gibt niemanden, der nicht befangen reagierte. Jedoch gibt es auch solche - und unter diesen ernsthafte Christen - , die so wie ich selbst trotz allem dankbar sind, daß Frl. von Kirschbaum neben mir steht. Es gibt viele andere, die nicht wissen - und auch nicht zu wissen brauchen -, welche Dienste ihnen durch diese Tatsache zugute kommen (indirekt und oft geradezu ohne ihr Wissen).»↩
3

«Frl. von Kirschbaum und ich lieben uns von Anfang an, und da wir ein bißchen älter geworden sind, lieben wir uns immer noch.

Diese Tatsache weist aber - und das ist gewichtiger als die Tatsache selbst - auf eine sehr ernste und tiefe Krise in meiner Ehe hin. So wie ich bin, konnte ich und kann ich immer noch weder die Realität meiner Ehe noch die meiner Liebe leugnen. Es ist wahr, daß ich verheiratet bin, daß ich Vater und Großvater bin. Es ist auch wahr, daß ich liebe. Und es ist wahr, daß diese beiden Tatsachen nicht übereinstimmen. Deswegen haben wir uns nach gewissem anfänglichem Zögern entschlossen, das Problem nicht durch die Trennung nach der einen oder der anderen Seite zu lösen.

Sicher ist diese Lösung offenkundig unvollkommen. Ich befinde mich in einer Situation, in der es nur unvollkommene Lösungen gibt. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß das siebte Gebot in seiner christlichen Auslegung die Monogamie und die Unlöslichkeit des ehelichen Bandes impliziert. Um meine Verantwortung diesem Gebot gegenüber zu wahren, hatte und habe ich nur die Wahl, die am wenigsten unvollkommene Lösung zu wählen: an Stelle einer Trennung nach der einen oder der anderen Seite die ständige Krise, die - das versichere ich Ihnen - für alle drei Betroffenen sehr schwer zu ertragen ist. Ich muß es auch ertragen, daß es sogar für meine Freunde schwierig ist, wahrzunehmen und zu verstehen, daß ich mit dieser Entscheidung mich bemühe, nicht in Unordnung, sondern in der Ordnung zu leben.»↩

4
Vgl. besonders den Franziska Zellweger zum 70. Geburtstag am 13. 4. 1984 gewidmeten Versuch einer autobiographischen Standortbestimmung als eine Auseinandersetzung mit Karl Barth: Theologische Existenz zwischen Ost und West (EvTh, Jg. 44 [1984], S. 178-192) 📖.↩
5
Vgl. Lichtenfeld, S. 170f., Anm. 65 📖.↩