Brief Nr. 1 · 4. Oktober 1925

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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1

Liebe Lollo!

Ja, die Predigt1 kam von mir. Die Bezeichnung deines Krankenhauses2 war mir entgangen, und so sandte ich sie Georg Merz zum Weitergeben an dich. Mit der Zusendung der Dogmatikblätter3 kannst du dir alle Zeit lassen. Ich brauche sie diesen Winter sicher nicht, und vielleicht überhaupt nicht. Ob du etwas damit anfangen kannst? Als irgendwie erbauliche Lektüre ist ja die Sache wirklich nicht zu brauchen. Noch vor zehn Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich auch einmal vor der Aufgabe stehen werde, Dogmatik zu lesen, und daß ich es dann nach vielem, vielem Kopfzerbrechen gerade so werde anfassen müssen.4 Und wie sollte ich nicht immer noch unsicher sein, ob es nun so das Rechte ist. Du mußt auch bedenken, daß, was du vor dir hast, die Nachschrift eines Studenten ist. Die Studenten schreiben aber oft aus ihren eigenen Bedürfnissen heraus so nach, daß die Sache irgendwie ein anderes Gesicht bekommt. Nun, ich freue mich an dem Gedanken, daß du so von weitem an meinen Sorgen teilnimmst, obwohl es mir auch wieder fraglich ist, ob du in deinen wenigen Freistunden nach so langen Arbeitstagen nicht etwas Fruchtbareres treiben könntest. Ich werde es dir gar nicht übelnehmen, wenn du nach einiger Zeit erklärst, das Ding sei dir doch zu lebensfremd.

4 Von uns wäre viel Fröhliches zu berichten über die Kinder, die allesamt, besonders auch Nr. 5, der kleine Hansjoggeli, sehr gut gedeihen. Von mir ist zu sagen, daß ich die Ischias noch immer habe, wenn auch mit weniger Heftigkeit als in der Schweiz.5 Nächsten Mittwoch halte ich hier vor einer Pfarrerkonferenz einen Vortrag «Theologie und Kirche»6, den ich am 23. vormittags 9 Uhr in Elberfeld wieder halte*. Das ist nicht allzu weit von Krefeld. Es findet vom 20. – 23. eine «Reformierte Theologische Woche» dort statt, die ich als einer von den reformierten Häuptlingen mitmachen muß. Nachher geht es nach Münster7, vorläufig ich allein. Mitte November findet dann der Generalumzug statt von hier nach dort.8 Ich war samt meiner Frau dort und habe in der Tat ein Haus gekauft, Himmelreichallee 43. Das Kaufen und besonders hier das Verkaufen hat uns in alle möglichen Verlegenheiten gestürzt, die noch immer kein Ende nehmen wollen. Aber ich will dich verschonen mit dem Kram, nachdem ich Rudi letzthin einen langen Klagebrief über die Unerfreulichkeit dieser Angelegenheit geschrieben.

Du aber, liebe Schwester Annelotte9 von Kirschbaum, trage doch ja Sorge zu deiner Gesundheit. Das mit den 14½ Stunden Arbeitszeit gefällt mir gar nicht, und meiner Frau, die von einer Freundin, die |5 Diakonissin war, weiß, was das bedeutet, auch nicht. Ich weiß nicht, was man dagegen tun kann, aber tu, was du kannst.

Gestern hatten wir einen leibhaftigen Japaner zum Nachtessen, der uns von jener fernen Welt ein sehr eindrückliches Bild gab.10

Ich wünsche dir von Herzen guten Mut zu deiner Arbeit und den Blick auf den Horizont des Ganzen, den ich mir selber wünsche. Meine Frau grüßt dich unbekannterweise mit. Es wird sehr schön werden, wenn du uns in unserem bescheidenen Himmelreich einmal besuchst.

Damit für heute «Grüß Gott!», wie ihr in Bayern so freundlich sagt.
Dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Die zuletzt im Druck erschienene Predigt Barths war Der große Friede (Psalm 119,165), gehalten am 12.7.1925 in der Reformierten Kirche in Göttingen, in: BZ, Jg. 23 (1925), S. 225-232 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-35, S. 134–145 📖.↩
2
Von Kirschbaum arbeitete als Rotkreuz-Schwester im Städtischen Krankenhaus in Krefeld.↩
3
Eine studentische Nachschrift von Barths Kolleg im Sommersemester 1925 in Göttingen. Es handelt sich dabei um den dritten Teil des Vorlesungszyklus «Unterricht in der christlichen Religion» (s. Unterricht III 📖; vgl. unten S. 6, Anm. 2; vgl. zu diesen Kollegnachschriften auch Bw.Th. III, S. 72, Anm. 34 📖; Bw.B.2, S. 36, Anm. 1, S. 49, Anm. 3 📖).↩
4
Vgl. dazu die Bemerkungen im Rundbrief Barths vom 7.6.1925: Bw.Th. II, S. 328f. 📖 ↩
5
Barth erlitt im August 1925 auf dem Bergli eine Ischialgie (vgl. unten S. 23; zum Bergli s. unten S. 9, Anm. 7).↩
6
Barth hielt diesen Vortrag am 7.10.1925 in Göttingen und am 23.10.1925 in Wuppertal-Elberfeld: Kirche und Theologie, in: ZZ, Jg. 4 (1926), S. 18-40 📖; wieder abgedruckt in: V.u.kl.A. 1922-1925, S. 644–682 📖.↩
11
Erik Peterson (1890–1960), seit 1920 Privatdozent für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte in Göttingen, seit 1924 Professor in Bonn, 1930 Konversion zur katholischen Kirche. Zum Anlaß der Auseinandersetzung Barths mit Peterson s. V.u.kl.A. 1922-1925, S. 644–647 📖.↩
*
eine Auseinandersetzung mit Peterson11↩
7
Am 20.7.1925 war Barth vom Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung zum 1.10. als «persönlicher Ordinarius» auf eine «planmäßige außerordentliche Professur» an die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Münster berufen worden (s. Bw.Th. II, S. 359.361f. 📖).↩
8
Der Umzug nach Münster konnte schließlich erst am 4.3.1926 stattfinden.↩
9
Mit «S[chwester] Annelotte» hatte von Kirschbaum ihr Gelöbnis zur Aufnahme in den «Schwesternverband des Bayerischen Landesvereins vom Roten Kreuz» vom 14.4.1923 unterzeichnet (Original im Archiv der «Schwesternschaft München vom BRK e. V.»). Die Geburtsurkunde verzeichnet als Vornamen: Charlotte Emilie Henriette Eugenie. Möglicherweise wurde sie «Schwester Annelotte» genannt, um sie von einer anderen Charlotte in der Schwesternschaft zu unterscheiden.↩
10
Siehe zu diesem Besuch Bw.Th. II, S. 372f. 📖 ↩