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Am Abend eines arbeitsreichen Tages will ich mir, bevor noch einige
unerfreuliche Briefe
zu schreiben sind, die Freude leisten, dich rasch zu begrüßen. Die
Nachfrage bei Georg Merz um ein
Exemplar der «Prolegomena»1 war leider umsonst.
Er hat selber keins, und im Augenblick wüßte ich gar nicht, wo etwa eines
aufzutreiben wäre. Aber ich werde die Sache im Auge behalten. Du hast mir viele
freundliche Sachen geschrieben, gipfelnd in dem lapidaren Wort, es sei doch gut,
daß ich da sei. Ich habe umgekehrt oft den Wunsch, nicht da sein zu müssen,
besonders in solchen Wochen, wo ich mich in einen neuen Stoff hineinarbeiten
muß2 und dann zunächst
alles schwarz vor den Augen sehe und nur sicher weiß, daß ich von Allem nichts
weiß. Das ist dann immer ein sehr kläglicher Zustand, jetzt für einen
«ordentlichen Professor», was ich ja nun bin3, noch ganz besonders. Dann pflegt die Maschine in Gang zu
kommen, und es kommt nur darauf an, daß ich möglichst bei Tag und Nacht bei der
Sache sein kann, so wird die Lage erträglicher. Ich rede dann drauflos, wie wenn
ich etwas wüßte, und in diesem Zustand bin ich dann wohl ein ganz nützliches
Glied der menschlichen Gesellschaft. Aber im Grunde ist man doch immer der
Reiter über dem Bodensee4
und denkt mit Schrecken daran, |8 daß man vielleicht noch lange zu leben hat und immer
wieder aufgerufen sein wird, um es aufs neue zu wagen.|
Nun stehe ich also bereits in aller Form und Kraft in meinem Amt als Münsteraner
Professor. Es läßt sich vorerst Alles sehr schön an. Die Menschen (ich meine vor
Allem die Professoren) sind hier, wie es scheint, viel menschlicher als in
Göttingen. Ich werde im Dozentenzimmer von allen Seiten, sogar von den
katholisch-theologischen Kollegen, fast herzlich begrüßt. Die speziellen
(evangelisch-theologischen) Kollegen sind auch sehr nett mit mir (vielleicht nur
zu harmlos!), und Studenten und Studentinnen scheine ich auch so viele zu bekommen, wie ich nur
wünschen kann. So werde ich hier, wenn es so weitergeht, sicher nicht in der
Verbannung sein. Ich habe viermal in der Woche von 12-1 Uhr Vorlesung über das
Johannes-Evangelium5 und einmal nachmittags 4-5 über Eschatologie (Lehre von den «letzten Dingen»). Dazu zwei Stunden
Kolloquium, zu deutsch «Gespräch», wo ich mit
den Studenten Calvin und
reformierte Bekenntnisschriften lese und erkläre und wozu sie schriftliche
Arbeiten zu liefern haben. Außer mir sind noch
drei Basler als Professoren hier6, keiner als Theologe zwar, so daß ich auch nach Wunsch
Schweizerdeutsch hören und reden kann.
Doch wozu erzähle ich dir alles das? Du mußt denken, daß ich ohne Nelly und ohne
meine fünf kleinen Krabbeltierlein in Göttingen, die sonst um mich herumkollern, mich
auf teilnehmendes Gedenken angewiesen fühle in meiner Einsamkeit. Ich wollte dich also ins Bild
setzen von meiner Existenz, wie sie jetzt ist. Ob wir Mitte des Monats in unser
Haus einziehen können, das ahnt kein Mensch. Und das Göttinger Haus ist
fatalerweise auch immer noch nicht verkauft. So kommen Sorgen auch noch von
dieser Art dazu.
Aber du, kleine Schwester Lollo, bist in deinem Spitalbetrieb gewiß auch oft
einsam und zu stillem Trübsal-Blasen geneigt und hast dann nicht einmal wie ich die
Aussicht, daß es bald ein Ende nimmt. Geht es |9 Sonntag für
Sonntag so fort mit übeln Predigten? Was macht der kranke Kommunist? Und kommst du mit deinen
Mädchen ein bißchen weiter? Ich denke mir Alles sehr schwer und bewundere es sehr, wie
du dich in diese Sache hineingibst. Irgendwo zuhinterst in ihrem Wesen sind alle Menschen
irgendwie traurig (ich auch und du glaub auch), und dann kommt
Alles darauf an, daß man sich dort mit ihnen findet. Draußen heult der Wind
gewaltig, es kommt mir vor, es sei Tag und Nacht ein gewaltiges Rauschen über
diesen weiten, weiten Ebenen, die mir so fremd sind und denen ich nun doch auf
Gedeih und Verderben gehöre. Wie weit weg liegt das Bergli und der Sonnenschein über dem Zürchersee und die
guten Tage, die wir dort hatten.7
In bestem Gedenken grüßt dich und wünscht dir guten Mut
Haben dir an dem Morgen, da wir nach Münster fuhren, die Ohren nicht
geläutet? Es wurden damals zwischen Nelly und mir armsdicke Worte
der Freude über dein Wesen ausgetauscht.8 Sobald wir soweit sind,
dich anständig zu empfangen, mußt du uns schleunigst besuchen.