Brief Nr. 4 · 3. November 1925

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Am Abend eines arbeitsreichen Tages will ich mir, bevor noch einige unerfreuliche Briefe zu schreiben sind, die Freude leisten, dich rasch zu begrüßen. Die Nachfrage bei Georg Merz um ein Exemplar der «Prolegomena»1 war leider umsonst. Er hat selber keins, und im Augenblick wüßte ich gar nicht, wo etwa eines aufzutreiben wäre. Aber ich werde die Sache im Auge behalten. Du hast mir viele freundliche Sachen geschrieben, gipfelnd in dem lapidaren Wort, es sei doch gut, daß ich da sei. Ich habe umgekehrt oft den Wunsch, nicht da sein zu müssen, besonders in solchen Wochen, wo ich mich in einen neuen Stoff hineinarbeiten muß2 und dann zunächst alles schwarz vor den Augen sehe und nur sicher weiß, daß ich von Allem nichts weiß. Das ist dann immer ein sehr kläglicher Zustand, jetzt für einen «ordentlichen Professor», was ich ja nun bin3, noch ganz besonders. Dann pflegt die Maschine in Gang zu kommen, und es kommt nur darauf an, daß ich möglichst bei Tag und Nacht bei der Sache sein kann, so wird die Lage erträglicher. Ich rede dann drauflos, wie wenn ich etwas wüßte, und in diesem Zustand bin ich dann wohl ein ganz nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft. Aber im Grunde ist man doch immer der Reiter über dem Bodensee4 und denkt mit Schrecken daran, |8 daß man vielleicht noch lange zu leben hat und immer wieder aufgerufen sein wird, um es aufs neue zu wagen.|

Nun stehe ich also bereits in aller Form und Kraft in meinem Amt als Münsteraner Professor. Es läßt sich vorerst Alles sehr schön an. Die Menschen (ich meine vor Allem die Professoren) sind hier, wie es scheint, viel menschlicher als in Göttingen. Ich werde im Dozentenzimmer von allen Seiten, sogar von den katholisch-theologischen Kollegen, fast herzlich begrüßt. Die speziellen (evangelisch-theologischen) Kollegen sind auch sehr nett mit mir (vielleicht nur zu harmlos!), und Studenten und Studentinnen scheine ich auch so viele zu bekommen, wie ich nur wünschen kann. So werde ich hier, wenn es so weitergeht, sicher nicht in der Verbannung sein. Ich habe viermal in der Woche von 12­-1 Uhr Vorlesung über das Johannes-Evangelium5 und einmal nachmittags 4­-5 über Eschatologie (Lehre von den «letzten Dingen»). Dazu zwei Stunden Kolloquium, zu deutsch «Gespräch», wo ich mit den Studenten Calvin und reformierte Bekenntnisschriften lese und erkläre und wozu sie schriftliche Arbeiten zu liefern haben. Außer mir sind noch drei Basler als Professoren hier6, keiner als Theologe zwar, so daß ich auch nach Wunsch Schweizerdeutsch hören und reden kann.

Doch wozu erzähle ich dir alles das? Du mußt denken, daß ich ohne Nelly und ohne meine fünf kleinen Krabbeltierlein in Göttingen, die sonst um mich herumkollern, mich auf teilnehmendes Gedenken angewiesen fühle in meiner Einsamkeit. Ich wollte dich also ins Bild setzen von meiner Existenz, wie sie jetzt ist. Ob wir Mitte des Monats in unser Haus einziehen können, das ahnt kein Mensch. Und das Göttinger Haus ist fatalerweise auch immer noch nicht verkauft. So kommen Sorgen auch noch von dieser Art dazu.

Aber du, kleine Schwester Lollo, bist in deinem Spitalbetrieb gewiß auch oft einsam und zu stillem Trübsal-Blasen geneigt und hast dann nicht einmal wie ich die Aussicht, daß es bald ein Ende nimmt. Geht es |9 Sonntag für Sonntag so fort mit übeln Predigten? Was macht der kranke Kommunist? Und kommst du mit deinen Mädchen ein bißchen weiter? Ich denke mir Alles sehr schwer und bewundere es sehr, wie du dich in diese Sache hineingibst. Irgendwo zuhinterst in ihrem Wesen sind alle Menschen irgendwie traurig (ich auch und du glaub auch), und dann kommt Alles darauf an, daß man sich dort mit ihnen findet. Draußen heult der Wind gewaltig, es kommt mir vor, es sei Tag und Nacht ein gewaltiges Rauschen über diesen weiten, weiten Ebenen, die mir so fremd sind und denen ich nun doch auf Gedeih und Verderben gehöre. Wie weit weg liegt das Bergli und der Sonnenschein über dem Zürchersee und die guten Tage, die wir dort hatten.7

In bestem Gedenken grüßt dich und wünscht dir guten Mut
Dein
Karl Barth

Haben dir an dem Morgen, da wir nach Münster fuhren, die Ohren nicht geläutet? Es wurden damals zwischen Nelly und mir armsdicke Worte der Freude über dein Wesen ausgetauscht.8 Sobald wir soweit sind, dich anständig zu empfangen, mußt du uns schleunigst besuchen.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 6, Anm. 2.↩
2
Aktuell in den Stoff der später in diesem Brief erwähnten Vorlesungen zum «Johannes-Evangelium» und zur «Eschatologie». Die einstündige «Eschatologie»-Vorlesung vom Wintersemester 1925/26 bildete den Abschluß des Göttinger Dogmatik-Zyklus (s. Unterricht III, S. 378–493 📖). Vgl. dazu oben S. 3, Anm. 3.↩
3
Barth war in Göttingen Inhaber einer Honorarprofessur für Reformierte Theologie. In Münster übernahm er als «persönlicher Ordinarius» eine «planmäßige außerordentliche Professur» (s. oben S. 4, Anm. 7).↩
4
Vgl. die Ballade von G. Schwab «Der Reiter und der Bodensee» (1826) 📖. In seiner Einleitung zu den Prolegomena der Göttinger Vorlesung schreibt Barth: «Jeder Dogmatiker ist ein Reiter auf dem Bodensee, und weil jeder Theologe, ob er es will oder nicht, Dogmatiker sein muß, auch jeder Theologe.» (s. Unterricht I, S. 7 📖; vgl. auch CD, S. 24 📖).↩
5
K. Barth, Erklärung des Johannes-Evangeliums (Kapitel 1-8). Vorlesung in Münster, Wintersemester 1925/26, wiederholt in Bonn, Sommersemester 1933, hrsg. von W. Fürst (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1976 📖.↩
6
Martin Wackernagel (1881–1962), Professor für Kunstgeschichte; Rudolf His (1870–1938), Professor für deutsches Recht; Arnold von Salis (1881–1958), Professor für klassische Archäologie (vgl. Bw.Th. II, S. 401, Anm. 5–7 📖).↩
7
Das von Rudolf Pestalozzi im Sommer 1920 erbaute Holzhaus am Waldrand von Oberrieden (Kt. Zürich) zwischen Thalwil und Horgen, das «Bergli», wurde vor allem während der Ferienzeit zu einem wichtigen Begegnungsort des Mitarbeiterkreises von «Zwischen den Zeiten». Für Barth war es seit 1921 ein beliebter Aufenthaltsort, den er mindestens einmal im Jahr – bis 1952 laut Gästebuch des Ehepaares Pestalozzi insgesamt 98 Mal – für «fast alle seine Ferien und Urlaube» aufsuchte (vgl. Ein Leben, S. 415 📖). Während seines Aufenthaltes im Sommer 1925 war von Kirschbaum gleichzeitig Gast auf dem Bergli (vgl. unten S. 23, Anm. 1; Busch, S. 158.177 📖).↩
8
Nelly Barth, die ihren Mann zu dem Elberfelder Vortrag und am 24.10.1925 weiter nach Münster begleitet hatte, war von Kirschbaum während des Tages in Wuppertal-Elberfeld begegnet.↩