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Was du mir schreibst, ist insofern doch ein gutes Wort,
als es weitere Klarheit und Einfachheit in die Lage bringt. Ich bin sogar, trotz
allem Ernsten und Bitteren, das nun kommt, froh darüber. Nicht nur aus dem
naheliegendsten Grund: weil … ja nun, heraus damit, es hilft ja doch nichts,
es ist einfach so: weil ich dich eben auch liebhabe, «lieber, als ich es zu
denken vermag». Sondern auch darum, weil ich mich nun in meiner Not nicht
allein weiß und ganz offen zu dir reden kann über die Art, wie wir uns nun gegenseitig
helfen oder vielmehr beide helfen lassen
müssen.
Nur zur Vervollständigung des Bildes will ich dir zunächst sagen, daß ich schon
am letzten Abend, da du auf dem Bergli
warst1, die Gefahr gesehen habe. Du erinnerst dich vielleicht noch, wie ihr mich,
Hertha List2 links und du rechts, ischiaskrank den Berg
hinunterführtet und wie wir nachher, wiederum zu dritt, in umgekehrter Anordnung
unter dem Birnbaum saßen und wie Hertha dann
arglos konstatierte, wie sie meinen heftigen Herzschlag gespürt habe, und wie
das dann mitleidig auf die Ischias geschoben wurde. Es war nicht
die Ischias.
Bis zum letzten Mittwoch meinte ich (obwohl längst mehr sehend als du, über
jedes zutrauliche Wort, das du mir sagtest oder schriebest, erschreckend, indem
ich mich freute), Alles im Rahmen einer schönen Freundschaft sich abwickeln
lassen zu können. Als es sich dann in unserem Gespräch wieder so
deutlich zeigte, wie unheimlich gut und |24
selbstverständlich wir uns ineinander fügen, da kam mir die Situation auf einmal
so unaufrichtig vor, daß ich andeuten mußte, was ich sah. Und nun
siehst du es eben auch. Es war mir in den letzten Tagen und Nächten, in denen
ich an unserem Rätsel herumbuchstabierte, neben der großen
Unruhe eine kleine
Nebenunruhe, wie es nur komme, daß du nicht auch
gesehen habest. Nun ist wenigstens das in Ordnung.
Aber nun müssen wir an die Gegenwart und an die Zukunft denken. Wären wir beide
ledige Leute, so wäre die Entdeckung, die nun unwiderruflich gemacht ist, einer
von jenen Augenblicken von Frühling, Freude und Leben, mit denen Gott uns
törichte, verkehrte Menschenkinder mitten in unserer Finsternis manchmal segnet.
So wie die Dinge stehen, ist dieselbe Entdeckung ein Augenblick des Leides und der Entsagung,
über deren Notwendigkeit wir uns, wiederum im Glauben an Gottes Gerechtigkeit, so wenig
wundern dürfen, wie wir das Andere als selbstverständlich hinnehmen dürften.
Daß wir sie wirklich von da aus und wie wir sie
von da aus betrachten müssen, darüber müssen wir zusammen nachdenken. Ich fragte
mich einen Augenblick, ob ich mich nicht in die Bahn setzen und zu dir kommen
solle, um Alles mündlich zu besprechen. Aber die Qual wäre größer und der Gewinn
wahrscheinlich nicht größer gewesen, als wenn wir es nun so
machen.
Vor Allem Eines: du wirst dir mit mir klar sein darüber, daß die entdeckte
Wirklichkeit in erster Linie hart und schwer ist für meine liebe, treue, tapfere
Nelly
. Du hast unser Familienleben gesehen. Die Geschichte unserer Ehe war bis jetzt
bei allen Schwierigkeiten eine glückliche Geschichte. Wir wußten, daß es keine
«fugenlosen» Ehen gibt. Aber wir waren auf einen solchen Zwischenfall nicht
gefaßt. Wie er möglich wurde (ich meine, von unserer Ehe aus gesehen), das meine
ich, wenigstens zu einem kleinen Teil, zu verstehen. Du wirst es begreifen, daß
ich zu dir nicht darüber rede. Ich möchte nur, daß du mit mir daran denkst, daß
es eine von Dreien, wenn auch in ganz verschiedener Weise, zu
tragende Traurigkeit ist, die nun auf alle Fälle kommt. Denn auf alle Fälle
bedeutet das, was nun eben – wie man sich auch damit auseinandersetze –
ist, für Nelly eine unerhörte Störung und
Bedrückung und für
mich, aber auch für dich, in erster Linie eine Schuld
ihr gegenüber. Ich kann ja an meine lieben fünf Kinder gar nicht denken, ohne mich
anzuklagen, daß ich
nicht mit ganzem Her|25zen bei ihrer Mutter und
nur bei ihrer Mutter bin. Dieses
Schwere bitte ich dich vor
Allem mit mir zu tragen. Aber hier den rechten Weg zu finden und zu gehen, das
wird ja vor Allem meine Sache sein.
Laß uns bedenken, was nun zwischen dir und mir ist und sein soll. Ich will davon
ausgehen, daß du mich, bevor ich dich kannte oder beachtete, durch meine Bücher
kennenlerntest. Du weißt, um was es sich in diesen Büchern handelt. Du hast mir
quasi ganz unpersönlich Vertrauen geschenkt auf das hin, was ich sagte oder wie
ich es sagte. (N. B.: so war es vor 15 Jahren auch bei Nelly, die zu meiner ersten
Konfirmandenklasse gehörte, die meine ersten Predigten hörte. «Um deines
Glaubens willen habe ich dich liebgewonnen», schrieb sie mir noch dieser Tage.)
Das beschämt mich tief, euch Beiden gegenüber, weil ich
zu gut weiß um das Mißverhältnis zwischen dem, was ich sage,
und dem, was ich bin. Aber trotzdem: es ist mir ernst mit dem, was ich sage, ich
sage es trotz allem Bewußtsein meiner Torheit und Unwürdigkeit, nicht in meinem eigenen
Namen, sondern gleichsam (oder vielmehr nicht gleichsam, sondern
wirklich:) verpflichtet. Ich bin nicht mein eigener Herr. Wäre
es noch nötig gewesen, so bin ich nun durch meinen fatalen «Erfolg» (Vorwort
📖5
!)3
darüber belehrt, was ich [zu] tun habe. Das bedeutet nun aber, daß ich jenes
Mißverhältnis zwischen Person und Sache jedenfalls nicht bestätigen oder auch
nur auf sich beruhen lassen wollen darf, sondern (es ist gesorgt
dafür, daß es immer wieder da sein wird!) dagegen streiten muß.
Nicht um der Moral willen, sondern um
der aufgetragenen und übernommenen Sache willen, der ich innerlich und äußerlich
nicht schaden wollen, die ich nicht kompromittieren
wollen darf. Und nun steht es für dich so, daß du, auf
diesem Wege zu mir gekommen, an dieser Sache
beteiligt, es auch nicht wollen kannst, daß ich willentlich
versage. [Ich weiß, daß du das nicht willst, aber es «hilft» dir vielleicht,
wenn ich dir Alles so vollständig vor Augen stelle, wie ich es mir selbst
tue.]4
Jeder Schritt weiter auf dem Weg des nun zwischen uns Eingestandenen wäre aber
ein Versagen von mir, eine Untreue viel schwerer als die gegen Nelly. |26 Ganz gleichgültig, ob die Welt davon erfährt oder nicht.
Moral habe ich zwar nie
gepredigt5, wohl aber Disziplin als Kehrseite des Glaubens und der Hoffnung6. Was
ich gesagt habe, hat für Viele nicht mit Unrecht einen sehr harten Klang gehabt; ich habe
Vielen Vieles (und zwar Schönes und Liebes und Hohes!) genommen mit meinem
Hinweis auf die Frage, auf den Anspruch, die an den Menschen gerichtet sind, auf
das Gericht, dem er unterworfen ist und sich unterwerfen muß. Ich
denke wohl, daß ich vielfach zu scharf, zu sicher geredet habe, zu wenig konkret selber dabei opfern
mußte [eine merkwürdige Folge unseres «Erlebnisses» wird die sein, daß mein
Kolleg im Sommer über die neuere Theologiegeschichte7 sicher viel milder, barmherziger, zurückhaltender ausfallen
wird, als dies sonst der Fall gewesen wäre!]8, ich müßte aber verstummen, ich hätte
das schnöde Gefühl, Unzählige, die ich in die «Wüste» geführt, daselbst im Stich
zu lassen, wenn ich es mir nun etwa leisten wollte – jetzt, wo ich die Wunde am
eigenen Leibe trage, doch zu einer der Lösungen zu greifen, wie sie
wohl in der «Jugendbewegung»
in solchen Fällen üblich sind, um von den Möglichkeiten der Maupassant-Bücher (die auf
dem Bergli vielleicht allzu reichlich
herumstehen und gelesen werden) |27 nicht zu reden. Es kommt
heute, menschlich geredet, Alles darauf an, daß nicht etwa nur der
Chr. Kaiser Verlag
floriert und seine Autoren berühmte Leute werden und unser Freund Georg den jungen Luther der Welt
bekanntgeben9 und die Welt damit beleuchten kann, sondern daß ein
paar Menschen nun wirklich wachen und beten [vgl. Mt. 26,41 par.] und ihr
Erstgeburtsrecht nicht um ein Linsengericht verkaufen [vgl. Gen. 25,29–34].
Solche Menschen wollen wir sein, meine liebe Lollo, oder vielmehr eben wachen
und beten, daß wir es sein und bleiben
dürfen, denn daß man es sich nicht nehmen kann, das haben wir
nun erfahren, und mit bloßem Wollen werden wir die Anfechtung nicht überwinden. Sind wir darin einig?
Ja, wir sind es, ich weiß es zum vornherein. Sonst würdest du mich nicht
liebhaben und ich dich nicht. Wir würden uns nicht liebhaben, wenn wir nicht einsehen würden,
daß eben das Liebhaben zwischen uns (wir können und wollen seine Wirklichkeit
nicht leugnen und nicht kleiner machen) eine Sache ist, die wir nur als eine
zwar wahre, zwar gegebene, nicht wieder zu beseitigende, aber auch
keiner weiteren Entfaltung fähige Möglichkeit betrachten und
behandeln.
Aber es wird dir recht sein, wenn ich nun gleich noch etwas konkreter werde.
Also, es steht fest, daß ich nicht anders bin und daß du auch nicht anders bist,
als wir alle sind, daß wir die gemeinsame Erfahrung gemacht haben: daß das 7.
Gebot (im
lutherischen Katechismus das 6.) uns in einer Weise «an-geht» (= gegen uns
herangeht!), wie wir es uns, da wir es lernten, und später nicht träumen ließen,
daß wir aber die Absicht haben, es zu respektieren, weil für uns
alles Andere unmöglich ist. Und nun? Eine «geistliche Minne», wie sie Heinrich
Seuse mit der Elsbeth
Stagel10 oder noch neulich der jüngere
Blumhardt;11 (davon |28 steht in Eduards Buch12 nichts!) mit der Anna von Sprewitz13
gepflogen hat? «Wie die Engel» [vgl. Mt. 22,30], sagten die begeisterten Anhänger im letzteren Fall. Ich
muß bei allem Ernst lachen. Das ist nichts für uns. Wir wollen gesund bleiben
und uns eingestehen, daß es sich durchaus um die menschliche irdische Liebe
handelt zwischen uns, die
uns unter anderen Umständen als Mann und Frau zusammengeführt hätte. Eine andere
Möglichkeit wäre die, uns mit finsterem Gesicht Lebewohl zu sagen, nicht mehr zu
schreiben und nicht mehr zu begegnen, was ja, da die Welt groß ist, technisch
sehr leicht durchzuführen wäre. Aber auch das wäre krampfhaft und unser nicht
recht würdig. Zeigt es sich, daß wir nicht stark genug sind, es anders zu
machen, so können wir immer noch zu dieser Radikalkur greifen.|
Ich schlage also vor: Äußerlich keine wesentliche Änderung gegen bisher. Strenge
Sorgfalt, daß die Sache zwischen Nelly, dir und mir unter Verschluß
bleibt (nicht nur, weil sie nur uns angeht, sondern weil erfahrungsgemäß das
Bereden eine solche Frage nicht leichter macht, so sehr man danach
verlangt). Briefe und persönliche Begegnungen vielleicht in etwas
größerem Abstand als bisher.* Besondere
Behutsamkeit bei allfälligem Zusammensein auf dem Bergli (dies nicht
|29 absichtlich zu vermeiden!). Alles Weitere läßt sich nicht
im Voraus regeln. Viel wichtiger ist das Positive: Wir müssen uns
beiderseits mit neuer und ganzer Kraft in unsere Arbeit
stürzen. Ich werde nun
z. B. meine vielen Vorträge, die ich, ermüdet und überdrüssig des Treibens, noch gestern
abzusagen gedachte, nicht absagen14 und überhaupt einen
neuen Anlauf nehmen, meine Sache mit den Studenten und in der Theologie überhaupt in
den paar Jahren der Kraft, die ich noch vor mir habe (ich werde 40 dies Jahr!),
so gut als möglich zu machen. Daß das Bedürfnis da ist, ist keine Frage. Wie
weit es ein Gelingen gibt, ist keine von mir zu beantwortende
Frage. Schlage ich mich dann als ein braver Soldat, so werde ich, auch wenn du
es mir nie wieder sagst, von Zeit zu Zeit daran denken, daß die kleine
Generalstochter mich gerade so lieb hat, und das muß dann eben genügen. Und du
halte dich an deine Kranken. Tu ihnen, ohne
Überlegen (was dabei herauskommt?), alles Liebe, Trost- und Hilfreiche, was du
kannst, das ist sicher das Beste, was du tun kannst unter der Sonne [vgl. Pred. 1,3]. Wenn ich es sagen
darf, so würde ich mich eigentlich mehr freuen, wenn du, bei aller
Fragwürdigkeit, in einem solchen öffentlichen Krankenhaus bleiben, als wenn
du von einer Privatpflege zur anderen ziehen würdest, und auch die
Schwesternarbeit im Zusammenhang mit der Kirche (also die Münchener Möglichkeit15) scheint mir eigentlich noch fragwürdiger als
die rein zivile, die du jetzt hast. Aber da mußt du selbst entscheiden.
Jedenfalls kannst und sollst du dir denken, daß du gerade so, in einem solchen
Dienst um der Liebe willen, über alle Trennung weg auch an meiner Seite bist. Und
selbstverständlich sollst du dich durch das, was du mir
geschrieben hast, nicht in dem Sinn gebunden fühlen, daß du nicht, unseren
Verzicht in dieser Weise realisierend, wenn es sein soll, einem
anderen Mann dein Herz schenkst. Ich werde dann die Wunde wieder stärker fühlen,
und für dich würde es ja wohl ähnlich sein, aber es würde nichts zwischen uns
ändern.
So, genug für heute. Du findest es vielleicht trivial, aber der Vers des alten
Spötters Heine will mir nicht
aus dem Kopf: «Mir ist, als ob ich die Hände aufs Haupt dir legen sollt, betend,
daß Gott dich er|30halte …»16 Wie ist doch Alles so wunderlich und traurig und groß in
unserem Leben, meine kleine Lollo,
wenn man so überdenkt: wie wir nun miteinander dran sind und was uns nun
auferlegt ist und wie wir uns nun in unserer Hilflosigkeit helfen sollten. Ich habe mir mit
diesem Brief (ein merkwürdiges Dokument der «Barthschen Theologie», völlig einzig in seiner Art)
meine eigene Not ein bißchen vom Herzen geschrieben. Wie gerne wollte ich, es
wäre dir auch ein wenig damit geholfen. Wenn du mir noch (als letztes
schriftliches Wort diesen Inhalts) darauf antworten willst, so tue
es möglichst rasch, solange ich noch allein hier bin. Vom Donnerstag 4. März ab
ist dann die Adresse Himmelreichallee 43. Ich wäre schon froh, noch ein
bestätigendes Echo zu haben, daß wir uns verstanden haben und verstehen werden.
Mit dem gegenseitigen «Sich-Verstehen» fing ja das Unheil an zwischen uns (oder
vielmehr: darin zeigte es sich). Nun soll es sich auch zu unserem Heil darin
zeigen, daß wir uns wirklich
verstehen.