Brief Nr. 19 · 1. März 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Ich habe das Bedürfnis, meinem gestrigen langen Brief noch ein Nachwort folgen zu lassen. Nicht um etwas zurückzunehmen, nur – |31 er kam dir vielleicht allzu sicher und klar vor – um dir ausdrücklich [zu] sagen, daß er das Ergebnis eines Kampfes mit mir selber ist, von dem ich weiß, daß er damit, daß man solche Entschlüsse faßt, nicht erledigt ist. Denke nicht, daß es mir leicht falle. Fasse besonders das, was ich von deiner und meiner Arbeit schrieb, nicht so auf, als sollten und wollten wir uns betäuben, indem wir etwas Anderes treiben. Ich glaube, es steht so, daß wir die Wunde zeitlebens spüren werden, und mit der jetzt gottlob erreichten Ehrlichkeit wollen wir auch in Zukunft dazu stehen, uns, wo wir uns begegnen, offen in die Augen sehen und – wissen, was wir wissen. Ich wollte wohl mit dir, immer deine Hand in der meinen, durch die Nacht wandern bis in den Morgen hinein, ja das wollte ich. Das ist auch kein schlechter Wunsch und kein zu unterdrückender Wunsch. Aber daß wir ihn nur als guten Wunsch («gut» in Angemessenheit unserer Lage) realisieren wollen dürfen, das wollte ich gestern mir (wirklich vor Allem mir selbst!) und dir vorrechnen, wie der Lehrer an der Wandtafel. Ich hätte dir wohl auch schreiben können, wie es im Liede heißt: «Ich kann dir die Ruh nicht geben, weil ich selber keine hab»1 – aber ich meinte, es sei besser, die Führung an mich zu nehmen und unsere gemeinsame Unruhe wenigstens unter ein Zeichen zu stellen, das uns darüber hinausweist. Nicht wahr, auch das hast du gut verstanden? Gerade weil in Zukunft das «toujours y penser, jamais en parler»2 – die Regel wenigstens sein muß zwischen uns, liegt mir so sehr viel daran, daß nach allen Seiten Eindeutigkeit und Einverständnis und Einmütigkeit herrscht zwischen uns.

Eben bekomme ich einen guten Brief von Nelly. Ich hielt es dann doch für besser, ihr vom letzten Mittwoch mehr zu schreiben, als ich ursprünglich wollte, und bereue es nicht. Wir wollen uns nicht zu früh |32 freuen, aber ich hoffe wirklich, wir drei werden nun einmal keine Strindberg-Gruppe3 bilden. Irgend einmal (es eilt aber nicht) müßt ihr euch dann noch untereinander aussprechen.

Auch heute morgen erwäge ich seltsamerweise wieder den unmöglichen Gedanken, zu dir nach Krefeld zu fahren. Aber nein, das soll nun eben nicht sein. Man wird im Spital ohnehin schon verwundert sein über diese fortwährende Post aus Münster, und die verdächtige Gestalt im Lodenmantel hat dort wirklich nichts zu suchen. Wahrscheinlich wird schon morgen Dienstag die ganze Karawane aus Göttingen hier eintreffen, am Donnerstag wird ausgeladen. Hier4, dieser Anblick ist dir vielleicht erfreulich und erbaulich.

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Vgl. die 3. Strophe des Volksliedes «Gib mir dein Herze» 🎵:
So gib mir deine Ruh’ und lege mich ins Grab.
«Meine Ruh’ kann ich dir nicht geben,
weil ich selber keine hab’!»
Das Lied wurde auch bekannt in einer Bearbeitung von Erkki Gustaf Melartin (1875–1937) (op. 73, Nr. 1).↩
2
Die Mahnung «Niemals davon sprechen, immer daran denken!» geht zurück auf eine Rede des französischen Präsidenten Léon Gambetta (1838–1882), die er am 16.11.1871 in St. Quentin hielt (s. Büchmann, S. 408 📖).↩
3
August Strindberg (1849–1912), schwedischer Schriftsteller. Um 1900 gaben die drei verunglückten Ehen Strindbergs viel zu reden. Nach Aussage von Fr. Zellweger-Barth war es auf dem Bergli zeitweilig Mode, Strindbergs Stücke mit ihren tragischen Beziehungskonflikten zu lesen.↩
4
Barth hat hier einen Pfeil zu einer aufgeklebten Photographie angebracht, die alle fünf Kinder Barths zeigt.↩