Brief Nr. 23 · 7. April 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Wenn ich dich recht verstehe, so meinst du offenbar, daß Nelly oder ich Gerty etwas gesagt hätten. Ich möchte dir nur rasch mitteilen, daß dies nicht der Fall ist. Gerty redete Nelly von sich aus darauf an. Woher weiß sie was? Auch ich hatte aus deinen Zeilen nach St. Gallen1 den Eindruck, du selbst habest Gerty darüber geschrieben. Wenn dem nicht so ist, so mußt du bedenken, daß wir beide wahrscheinlich schon im Herbst in unseren Briefen in die Schweiz etwas aufsehenerregende |38 Reden führten. Ich weiß von mir, daß ich dich 1­-2 Mal sehr lobend erwähnt habe, und von dir soll ein Brief über Elberfeld2 existieren, über dessen «verklärten» Inhalt Eduard neckische Bemerkungen an mich richtete. O Lollo, es ist doch ein Glück und vielleicht etwas wie ein Zeichen von der verzeihenden Güte Gottes, daß Alles, was uns jetzt so bewegt und so traurig macht, auch noch diese humoristische Seite hat! Was für ein Netz von tragischen Verwicklungen, wenn nun auch noch Georg eine ernsthafte Figur ist in dieser Sache. Ich verstehe nicht recht, was er dabei soll, aber es ist wohl das Beste, du schreibst ein paar Worte an Gerty.* Die geraden, offenen Wege sind sicher auf alle Fälle die besten. Und selbstverständlich mußt du in Allem nach deinem Empfinden für das Notwendige und Rechte deine Entscheidungen treffen.

Die Beilage ist eine Übersetzung aus einer finnischen Zeitung3. Ich schicke sie dir, weil ich denke, daß dir der erste biographische Teil Vergnügen bereiten wird. Die allzu hohen Töne mußt du eben überhören. Der Verfasser ist Pfarrer und war letzten Sommer in Göttingen.

Es grüßt dich
Dein
Karl B.

Hansjoggeli gedeiht überaus prächtig (gestern 1 Jahr alt; er fiel zur Feier des Tages aus seinem Wagen, tat sich aber kein Leid). Matthisli durfte gestern für einige Wochen nach Emden4.

Sachfußnoten

1
D. h. für Barth an die Adresse des Ehepaares Thurneysen; s. oben S. 33, Anm. 4.↩
2
Vgl. oben S. 6.↩
*
Ich glaube zwar, daß sie ohnehin vorsichtig ist gegenüber München.↩
3
Wahrscheinlich der zweiteilige Artikel Karl Barth von Aapel E. Jokipii. Auf dem ersten der beiden vorhandenen Zeitungsausschnitte ist als Quelle handschriftlich notiert: «Rotimaa Nr. 52 1925» (KBA 2012 und KBA 2013). Die handschriftliche Übersetzung (KBA 15780) stammt vermutlich vom Verfasser.↩
4
Vielleicht zu der mit der Familie Barth bekannten Familie Ernst Kochs.↩