Brief Nr. 24 · 25. April 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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24

Liebe Lollo!

Ich muß dir wieder einmal schreiben (und du mir auch!). Mein letzter Brief (mit der Übersetzung aus dem Finnischen) hat dich doch erreicht? Ich lasse gleichzeitig einige Drucksachen an dich abgehen, die dich auch interessieren werden. Daß du Holländisch verstehst, ist nicht anzunehmen, sonst könnte ich dir gleich zwei Bücher von ziemlichem Umfang zuschicken, in den letzten 14 Tagen erschienen, beide ausschließlich und ausführlich von mir handelnd.1 Das Inhaltsverzeichnis des einen ist so schön, daß ich es dir übersetzt mitteilen will2:

1. Karl Barth als Offenbarungszeuge [o weh, o weh!]
2. Die Theologie von K. B.
3. K. B. als Kind seiner Zeit [hier wird eine richtige Biographie entwickelt!]
4. Geistesverwandte von K. B. [leider wirst du nicht erwähnt, sondern nur Eduard, Gogarten und Emil Brunner, letzterer mit ganz einsichtigen Vorbehalten3!]
5. K. B. und seine Kritiker
6. K. B. und die Theologie in den Niederlanden

Es ist mir katzangst, wie ich nach solcher Einführung zu Pfingsten in Holland würdig bestehen soll.

40Die letzten Wochen wurden ausgiebig am Schreibtisch zugebracht zur Vorbereitung des Semesters. Für den Vortrag in Amsterdam sind wenigstens die beiliegenden Thesen entstanden4, aus denen du ungefähr sehen kannst, was ich sagen will. Eben bin ich am Niederschreiben der ersten Vorlesung.5 Am Montag 3. Mai fange ich an, morgens 7 Uhr, also zu der Zeit, wo du hoffentlich jeweilen zur Ruhe kommst. Ich hoffe, es gelingt mir, das fatale 19. Jahrhundert mit größter Milde und Teilnahme zu betrachten, gerade nicht im Stil von E. Brunner6, der ja ein bißchen mein eigener früherer Stil7 ist. Daß man bei aller Entschiedenheit der eigenen Stellungnahme einander nicht so richten darf, wie es unter Theologen üblich ist, ist mir deutlicher als früher.8 Würde es dir Freude machen, wenn ich dir die Vorlesungen vielleicht alle paar Wochen zuschickte, damit du nicht immer nur Altes zu lesen brauchst? Aber nur wenn du Zeit und Lust hast.

41 Inzwischen habe ich an Gerty geschrieben und eine gute ausführliche Antwort von ihr erhalten9. Ich zeige sie dir dann lieber einmal persönlich, weil Einiges darin besser mündlich erklärt wird. Ich habe sie gefragt: Wer hat dir was gesagt? und erfuhr, daß Line Merz («wohl mehr aus intuitiver Ahnung») in Cademario10 den Spruch getan habe: «Lollo steht Karl näher, als ihr alle meint.» Was kann man da machen, wenn die Leute schon Intuitionen haben?

Wie geht’s dir? Was erlebst du? Was hast du vor? Ich bin so besorgt, daß du dich bei deiner Arbeit (innerlich wohl noch mehr als äußerlich) aufreibst, und möchte dir immer sagen, du sollest dich doch schonen, wie du kannst. Und daß du so allein dastehen und Alles verarbeiten mußt! – – –

Übernächste Woche bekommen wir Besuch von meiner Mutter und meiner Schwester, die jetzt Pfarrfrau in Bern ist (nicht mehr auf dem Beatenberg11).

Wenn ich irgend etwas tun kann für dich oder irgend etwas unterlassen soll, um es dir leichter zu machen, so sagst du es mir, gelt! Es ist seit dem 24. Februar12 wirklich nicht leicht, das verhältnismäßig Rechte zu tun. Ich möchte es so gerne tun und tappe wohl links und rechts immer wieder daneben.

Sei herzlich gegrüßt
von Deinem
Karl B.

Die Drucksachen bitte gelegentlich zurück, hat aber keine Eile.

Sachfußnoten

1
Th. L. Haitjema, Karl Barth, Wageningen 1926 📖 (deutsch: Karl Barths «kritische» Theologie, übersetzt von P. Schumacher, Wageningen 1926) 📖, bzw. D. Tromp / Ph. Kohnstamm / O. Noordmans, Nieuwe theologie (De school van Barth), Baarn 1926 📖.↩
2
Dasjenige von Haitjema. Barth gibt im Folgenden in eigener Übersetzung die sechs Kapitelüberschriften – abgesehen von «Inleiding» und «Naschrift» – wieder. Eckige Klammern jeweils im Original. – Th. L. Haitjema (1888–1972), seit 1923 Professor für Dogmatik, niederländische Kirchengeschichte und Kirchenrecht in Groningen (vgl. zu Barths Eindruck von Haitjema Bw.Th. II, S. 415 📖).↩
3
a.a.O., S. 103–106 📖; deutsche Übersetzung a.a.O., S. 107–110 📖.↩
4
Barths Vortrag am Kongreß des kontinentalen Verbandes für innere Mission am 1.6.1926 in Amsterdam: Die Kirche und die Kultur, in: ZZ, Jg. 4 (1926), S. 363-384 📖, wieder abgedruckt in: V.u.kl.A. 1925-1930, S. 6–40 📖. Die Thesen sind den jeweiligen Abschnitten vorangestellt.↩
5
Siehe oben S. 26, Anm. 7.↩
6
Vgl. K. Barth, Brunners, in: ZZ, Jg. 1924, Heft 8, S. 49-64 📖, wieder abgedruckt in: V.u.kl.A. 1922-1925, S. 401–425 📖. Barth wendet gegen E. Brunner, Die Mystik und das Wort. Der Gegensatz zwischen moderner Religionsauffassung und christlichem Glauben dargestellt an der Theologie Schleiermachers, Tübingen 1924 📖, grundsätzlich ein, daß Brunner seiner Darlegung den «Charakter der Rede eines scharfsinnigen, alles genau wissenden und alles bestimmt sagen könnenden Staatsanwalts gegeben» habe (S. 411); doch «bei einem kritischen Buch gerade mit diesem sachlichen Hintergrund müßte überall eine offene Tür sichtbar werden, eine an den Autor selbst sich richtende Frage übrig bleiben» (S. 413).↩
7
Vgl. etwa Barths Kritik am Religionsbegriff des jungen Schleiermacher: «Es entsteht das typisch ‹religiöse› Leben (als etwas Besonderes im Gegensatz zum Leben überhaupt), dem in seiner romantischen Unglaubwürdigkeit durch keine Reden an seine Verächter zu helfen ist.» (Römerbrief 2, S. 35 📖) Noch schärfer kritisierte Barth, a.a.O., S. 207, den Versuch, aus der «Heilsbotschaft von Christus» eine Religion zu machen: «Dieser Versuch, bewußter als je zuvor unternommen von der protestantischen Theologie seit Schleiermacher, ist der Verrat an Christus.»↩
8
So konnte später Barth über Schleiermacher erklären: «wer ihm nie erlegen wäre, der mag in Ehren andere und vielleicht bessere Wege gehen, er sollte es aber unterlassen, gegen diesen Mann auch nur den Finger aufzuheben. Wer hier nie geliebt hat […], der darf hier nicht hassen.» (Pr.Th., S. 380f. 📖)↩
9
 Nicht erhalten.↩
10
In Cademario (Kt. Tessin) waren G. Pestalozzi und L. Merz bis zum 11.3.1926 zu einem dreiwöchigen Kuraufenthalt (vgl. Ein Leben, S. 266 📖).↩
11
Karl Lindt (1893–1948), Barths Schwager, 1922-1926 Pfarrer in Beatenberg (Kt. Bern), war 1926-1948 Pfarrer der Heiliggeistgemeinde in Bern.↩
12
Vgl. oben S. 22, Anm. 1.↩