Brief Nr. 22 · 2. April 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Wir kommen eben – Nelly, Fränzeli, Markus und ich – von einer längeren Radfahrt zurück, die wir zur Feier der Wiedervereinigung der Familie veranstaltet haben. Nun möchte ich dir sofort einen Gruß schicken, um dir zu sagen, wie froh ich bin, daß Nelly gestern bei dir war und daß offenbar das Zusammensein ein gutes war. Ich erwartete es ja nicht anders und war doch den ganzen Nachmittag etwas unruhig gewesen beim Gedanken an Krefeld. Es war ein Aufatmen, als Nelly erzählte, soweit da etwas zu erzählen war, und heute Nacht zeigte es sich in einem Traum, den ich dir besser einmal mündlich erzähle, wie friedlich sich die Sache in meinem Unterbewußtsein schon darstellt. Es wird für uns alle noch oft schwer werden, aber vorderhand wollen wir uns – nicht wahr? – des freundlichen Ausblicks freuen. Du schreibst mir jetzt dann auch wieder einmal mehr als |35 sieben Zeilen, gelt? Ich möchte ja so Vieles wissen, bin z. B. auch nach Nellys Bericht noch immer in Sorge, ob und wie du den angestrengten Betrieb dort eigentlich aushältst. Erzähl mir auch wieder von deinen Kranken – und von deinen Zukunftsplänen – und ob du tatsächlich mein braves altes Calvinkolleg1 liesest, von dem etliche sehr zu meinem Befremden meinen, es sei mein schönstes Werk – und von Allem, was du denkst und tust. Es wird mich sicher nichts langweilen, und du hast es sicher nötig, ein bißchen abzuladen. Aber am Schlaf darfst du dir dabei nichts abbrechen, das möchte ich auf keinen Fall.|

Eine dringende Bitte: in München hörte ich von Georg, daß du demnächst Besuch bekommst von deiner Freundin. Gelt, du wirst ihr nichts sagen von mir, auch nicht im tiefsten Vertrauen? Daß Gerty es nun weiß, war für Nelly gut; sie hatten ein hilfreiches Gespräch zusammen. Die anderen Freunde (Eduards, Georgs) schienen in der Hauptsache ahnungslos, und ich wollte, daß es dabei bliebe. Schon damit wir auf dem Bergli ohne Harm zusammen sein können. Aber vor Allem, damit sich unter keinen Umständen eine Lawine von Gerede bildet, die dann allzu wahrscheinlich über den Kreis der Wohlwollenden hinausgehen würde.|

Mit Georg hatte ich ein ganz objektives Gespräch wegen deiner Zukunftsmöglichkeiten. Die St. Markus – Zwischen den Zeiten – -Stelle2 schaut mich vorläufig wenig erfreulich an, weil du doch eigentlich zu gut bist für eine solche subalterne Funktion. Aber das |36 Bedenken, ob deine Gesundheit die Krankenpflege noch länger aushält, und die Unerfreulichkeit der Rotkreuzverhältnisse sind natürlich starke Gründe für diesen Plan. Übrigens möchte ich wohl deine Frau Mutter3 einmal kennen lernen. Georg verkündigte einmal beiläufig: «Wenn Lollo alt sein wird, wird sie ganz gleich sein wie sie.» Wie? – ich fragte nicht weiter nach!! Das Zusammensein mit Eduard in St. Gallen war sehr fein, ebenso das mit Georg, der sich aber lebhaft gegen die Entfaltung der Dogmatik zu einem Buch aussprach.4 «Lollo ist natürlich dafür», vernahm ich dabei. Hast du mit ihm über diese Frage verhandelt? Ich schwanke ja wirklich selber. Aber Georg ist mir alleweil noch etwas zu jugendbewegungshaft in seinen Anschauungen.|

In der Schweiz ist viel über die Organisation der diesjährigen Sommerferien geredet worden. Unsere Kinder bekommen hier Ende Juli Ferienbeginn. So können wir zum ersten Mal gemeinsam aufbrechen, da auch ich Ende Juli fertig werde. Sieh zu, daß für dich dasselbe der Fall sei. Eventuell schließest du dich dann in Duisburg oder Köln an unsere nach Süden ziehende Kolonne an. Das wäre «prunkhaft», wie Lempp sagt. Aber wenn du schon Ende Juni Schluß machen kannst, so tu es ja, nur daß du dir den August für das Bergli reservierst. Ich habe mich diesmal für den ganzen Monat dort angesagt (und Nelly auch oder wenigstens in der Hauptsache). Sorge ja dafür, daß du nicht ausbleibst. Denk, ich bin Pate geworden bei dem Büblein von Hertha.5 Wir sahen sie in München bei Georgs; sie hat die verständliche Absicht, sich von ihrem allzu unnützen Mann wieder scheiden zu lassen. Wie soll ich es auch machen, um mit Line Merz auf einen grünen Zweig zu kommen? Sie hat irgend einen Groll gegen mich; du mußt aber nicht davon reden.

So, das war nun ein richtiger Plauderbrief. Morgen fängt die Arbeit endlich wieder ernsthaft an. Vieles wartet auf mich. Die Hollandreise |37 findet in kleinerem Maßstab Ende Mai doch statt.6 Vielleicht werden Rudis dabei sein.7 In den nächsten Wochen sollte ich unendlich viel lesen, verstehen und zu Papier bringen. Wenn ich einigermaßen gut dran bin, will ich dir dann an der Semesterarbeit, so gut es geht, Anteil geben. Leb wohl, kleine Lollo (ich kann nicht anders als sehr lieb an dich denken), schone dich, sei und bleibe tapfer und hoffend.

Dein
Karl

Ich lege dir einen Brief bei von einem ehemaligen Göttinger Studenten8, weil er mich mehr freut als manches Ähnliche, das bei mir einläuft. Er wird dir auch Freude und Mut machen.

Sachfußnoten

1
In seinem zweiten Semester, dem Göttinger Sommersemester 1922, hatte Barth vierstündig über Calvin gelesen. Von Kirschbaum las vermutlich einen «Durchschlag einer zeitgenössischen Maschinen[ab]schrift» (s. K. Barth, Die Theologie Calvins. 1922, hrsg. von H. Scholl [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 1993, S. Xf. 📖).↩
2
Merz, seit 1923 Schriftleiter von «Zwischen den Zeiten», wurde «zum 1.9.1926 in das neugeschaffene Amt des evangelischen Studentenpfarrers berufen, das zugleich verbunden war mit der Stelle des dritten Pfarrers an der Münchener Dekanskirche St. Markus» (Lichtenfeld, S. 147 📖). Vermutlich gab es hier die Überlegung, von Kirschbaum als Sekretärin von St. Markus und «Zwischen den Zeiten« anzustellen. Ein Hinweis zu dieser «Zukunftsmöglichkeit» für von Kirschbaum findet sich in dem Schreiben E. Thurneysens an Barth vom 31.8.1925: «Eigentlich sollte ihm [scil. G. Merz] Lempp Frl. v. Kirschbaum als Sekretärin zur Seite stellen; sie könnte ihm viel Korrespondenzen und Verhandlungen mit Autoren und dergleichen abnehmen und wäre sicher so gut an ihrem Platz wie als Krankenschwester.» (Bw.Th. II, S. 366f. 📖)↩
3
Siehe oben S. 10, Anm. 3.↩
4
Es handelt sich hierbei um die mehrfach von Barth erwogene Frage, ob die Göttinger Dogmatik-Vorlesung veröffentlicht werden solle; vgl. z. B. Bw.Th. II, S. 280 📖. Die Vorlesung ist im Rahmen der Karl Barth-Gesamtausgabe erschienen: Unterricht I-III.α↩
5
Tobias List (geb. am 28.10.1925 auf dem Bergli), Sohn von Hertha List, (s. oben S. 23, Anm. 2).↩
6
Barth reiste vom 28.5.-3.6.1926 mit seiner Frau Nelly, 13 Studenten und 3 Studentinnen nach Groningen und Amsterdam. Siehe dazu den «Rundbrief» Barths vom 4.6.1926 in: Bw.Th. II, S. 413–421 📖.↩
7
Das Ehepaar Pestalozzi reiste nicht mit.↩
8
Brief von David Wieser vom 27.3.1926 (KBA 9326.124). Vor dem Eintritt in das Pfarramt schildert er in dem vierseitigen Brief, inwiefern er Barth den Mut zu diesem zunächst hinausgeschobenen Schritt verdankt. ­- D. Wieser (1901–1992), 1926-1933 Pfarrer in Opfertshofen (Kt. Schaffhausen), 1933-1943 in Uznach (Kt. St. Gallen), danach an den kantonalen Anstalten Liestal (Kt. Basel-Landschaft).↩