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Wir kommen eben – Nelly, Fränzeli, Markus und ich – von einer längeren Radfahrt zurück, die wir zur Feier der
Wiedervereinigung der Familie veranstaltet haben. Nun möchte ich dir sofort
einen Gruß schicken, um dir zu sagen, wie froh ich bin, daß Nelly gestern bei
dir war und daß offenbar das Zusammensein ein gutes war. Ich erwartete es ja nicht anders und
war doch den ganzen Nachmittag etwas unruhig gewesen beim Gedanken an Krefeld. Es war ein Aufatmen, als
Nelly
erzählte, soweit da etwas zu erzählen war, und heute Nacht zeigte es sich in
einem Traum, den ich dir besser
einmal mündlich erzähle, wie friedlich sich die Sache in meinem
Unterbewußtsein schon darstellt. Es wird für uns alle noch oft
schwer werden, aber vorderhand wollen wir uns – nicht wahr? – des freundlichen
Ausblicks freuen. Du schreibst mir jetzt dann auch wieder einmal
mehr als |35 sieben Zeilen, gelt? Ich möchte
ja so Vieles wissen, bin z. B. auch nach Nellys Bericht noch immer in Sorge, ob und
wie du den angestrengten Betrieb dort eigentlich aushältst. Erzähl mir auch
wieder von deinen Kranken – und von deinen Zukunftsplänen – und ob du
tatsächlich mein braves altes Calvinkolleg1 liesest, von dem etliche sehr zu
meinem Befremden meinen, es sei mein schönstes Werk – und von Allem, was du
denkst und tust. Es wird mich sicher nichts langweilen, und du hast es sicher
nötig, ein bißchen abzuladen. Aber am Schlaf darfst du dir dabei nichts
abbrechen, das möchte ich auf keinen Fall.|
Eine dringende Bitte: in München
hörte ich von Georg, daß du
demnächst Besuch bekommst von deiner Freundin. Gelt, du wirst ihr nichts sagen
von mir, auch nicht im tiefsten Vertrauen? Daß Gerty es nun weiß, war für
Nelly gut;
sie hatten ein hilfreiches Gespräch zusammen. Die
anderen Freunde (Eduards,
Georgs) schienen in der
Hauptsache ahnungslos, und ich wollte, daß es dabei bliebe. Schon damit wir auf
dem Bergli ohne Harm zusammen sein
können. Aber vor Allem, damit sich unter keinen Umständen eine Lawine von Gerede
bildet, die dann allzu wahrscheinlich über den Kreis der Wohlwollenden
hinausgehen würde.|
Mit Georg hatte ich ein ganz
objektives Gespräch wegen deiner Zukunftsmöglichkeiten. Die St. Markus – Zwischen
den Zeiten –
-Stelle2 schaut mich vorläufig
wenig erfreulich an, weil du doch eigentlich zu gut bist für eine
solche subalterne Funktion. Aber das |36 Bedenken, ob deine
Gesundheit die Krankenpflege noch länger aushält, und die Unerfreulichkeit der
Rotkreuzverhältnisse sind natürlich starke Gründe für diesen Plan.
Übrigens möchte ich wohl deine Frau Mutter3 einmal kennen lernen. Georg verkündigte einmal beiläufig: «Wenn Lollo alt sein wird, wird
sie ganz gleich sein wie sie.» Wie? – ich fragte nicht weiter
nach!! Das Zusammensein mit Eduard in St. Gallen war sehr fein, ebenso das mit Georg, der sich aber lebhaft
gegen die Entfaltung der Dogmatik zu einem Buch aussprach.4 «Lollo ist natürlich
dafür», vernahm ich dabei. Hast du mit ihm über diese Frage
verhandelt? Ich schwanke ja wirklich selber. Aber Georg ist mir alleweil noch etwas zu jugendbewegungshaft in seinen
Anschauungen.|
In der Schweiz ist viel über die Organisation der diesjährigen Sommerferien geredet worden. Unsere
Kinder bekommen hier Ende Juli Ferienbeginn. So können wir zum ersten Mal
gemeinsam aufbrechen, da auch ich Ende Juli fertig werde. Sieh zu, daß für dich dasselbe der Fall sei.
Eventuell schließest du dich dann in Duisburg oder Köln an unsere nach Süden
ziehende Kolonne an. Das wäre «prunkhaft», wie Lempp sagt. Aber wenn du schon Ende Juni Schluß
machen kannst, so tu es ja, nur daß du dir den August für das Bergli reservierst. Ich habe mich
diesmal für den ganzen Monat dort angesagt (und Nelly auch oder wenigstens in der
Hauptsache). Sorge ja dafür, daß du nicht ausbleibst. Denk, ich bin Pate geworden bei dem Büblein von Hertha.5 Wir sahen sie in
München bei Georgs; sie hat die verständliche Absicht, sich von
ihrem allzu unnützen Mann wieder
scheiden zu lassen. Wie soll ich es auch machen, um mit Line Merz auf
einen grünen Zweig zu kommen? Sie hat irgend einen Groll gegen mich; du mußt
aber nicht davon reden.
So, das war nun ein richtiger Plauderbrief. Morgen fängt die Arbeit endlich
wieder ernsthaft an. Vieles wartet auf mich. Die Hollandreise
|37 findet in kleinerem Maßstab Ende Mai doch
statt.6
Vielleicht
werden Rudis dabei sein.7 In den nächsten Wochen sollte ich
unendlich viel lesen, verstehen und zu Papier bringen. Wenn ich einigermaßen gut dran bin,
will ich dir dann an der Semesterarbeit, so gut es geht, Anteil geben. Leb wohl,
kleine Lollo
(ich kann nicht anders als sehr lieb an dich denken), schone dich,
sei und bleibe tapfer und hoffend.
Ich lege dir einen Brief bei von einem ehemaligen Göttinger Studenten8, weil er
mich mehr freut als manches Ähnliche, das bei mir einläuft. Er wird dir auch
Freude und Mut machen.