Brief Nr. 21 · 20. März 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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21

Liebe Lollo!

Es ist wohl sehr töricht von mir; aber ich bin so beunruhigt, seit bald drei Wochen nichts mehr von dir zu wissen. Mir geht’s nicht sehr gut. Ich mußte die holländischen Vorträge1 dann doch absagen, weil ich mehr, als ich damals merkte, am Ende meiner Kräfte war und bin und an dem, was mir ohnehin obliegt, gerade genug habe. Hier hatte ich, besonders bei Anlaß eines ausgezeichneten Vortrags von Eduard, sehr deprimierende Eindrücke vom geistigen Zustand meiner Heimat2 und fahre nun gerne weiter nach Zürich3 und St. Gallen4. Vom Montag abend an werde ich dort sein, vermutlich nicht länger als bis |34 Freitag. Dann holt mich Nelly dort ab, und wir fahren noch nach München zu Lempps5 und Georgs. Wenn du kannst und willst, so schreib mir nach St. Gallen oder München oder Münster ein paar Worte, aus denen ich sehen kann, wie du dran bist und was du tust. Mir wird Alles, Alles (und das Eine besonders) so schwer, und ich wollte, ich säße schon wieder in der Zange an meinem Schreibtisch.

Neulich hielt Eduard meiner Mutter und meinem Bruder hier eine kleine Rede über dich, die ich aufmerksam anhörte und in passender Weise ergänzte. Versäume nicht, wenigstens am Tag richtig zu schlafen!

Gruß!
Dein
K. Barth

Sachfußnoten

1
In seinem Rundbrief vom 17.1.1926 hatte Barth seinen Freunden mitgeteilt: «In der ersten Hälfte Mai soll es nun endlich (nach vielen Absagen) zu einer Expedition nach Holland kommen (Utrecht, Groningen, Leiden, Amsterdam).» (Bw.Th. II, S. 400 📖) Die Holland-Reise fand schließlich «in kleinerem Maßstab» nur nach Groningen und Amsterdam vom 28.5.-3.6.1926 statt. Vgl. dazu unten S. 36 und den ausführlichen Reisebericht Barths in Bw.Th. II, S. 413–421.↩
2
Thurneysens Vortrag bei der Basler «Vereinigung unabhängiger Kirchgenossen» am 15.3.1926 ist in erweiterter Form im Druck erschienen: E. Thurneysen, Vom Wesen der Kirche, Zeitwende, Jg. 3 (1927), 1. Hälfte, S. 304-321 📖; wieder abgedruckt in: E. Thurneysen, Das Wort Gottes und die Kirche, München 1927, S. 64-88 📖. Von E. St[aehelin]-K[utter] erschien unter der Überschrift «Vom Wesen der Kirche» ein Bericht in den Basler Nachrichten, 82. Jg., Nr. 80 vom 22.3.1926, 1. Beilage, S. 2 📖, in dem es von der Diskussion heißt, daß in ihr «das tiefe Anliegen des Vortragenden in ein neues, wertvolles Licht gerückt wurde». Näheren Aufschluß über das, was Barth wohl so deprimierte, gibt der Bericht auf S. 1 der Beilage zur National-Zeitung (Basel), Jg. 84, Nr. 130 vom 18.3.1926: ue., Das Problem der Kirche 📖. Danach machte in der «lebhaften Diskussion unter Theologen» Professor J. Wendland geltend, «daß ein Verzicht auf persönliche Auffassungen des Pfarrers praktisch nicht möglich sei, denn als Verkünder des Gotteswortes müsse er dieses doch in Verbindung bringen mit den Problemen des Tages und der Zeit, entsprechend seiner bestimmten subjektiven Einstellung».↩
3
Zu dem Ehepaar Pestalozzi.↩
4
Zu dem Ehepaar Thurneysen (vgl. Bw.Th. II, S. 407 📖).↩
5
Das Ehepaar Albert und Maria Lempp. Albert Lempp (1884–1943), Inhaber des Chr. Kaiser Verlages in München. Bis zum Verbot durch das nationalsozialistische Regime betreute er die Schriften Barths und seiner Freunde verlegerisch unter großem persönlichen Einsatz.↩