Brief Nr. 30 · 15. Juni 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Hier erhältst du die Fortsetzung des Kollegs.1 Wegscheider, de Wette und Marheineke2 bilden eine Gruppe zusammen bei allen Ver|51schiedenheiten. Du wirst von Allen noch nicht viel gehört haben und dich mit mir selbst wundern über das eigenartig bewegte Geistesleben von vor hundert Jahren. Marheineke ist natürlich der Merkwürdigste von den Dreien. Laß dir nur Zeit mit Lesen, bevor du diese drei Eidgenossen an Georg weiterschickst. Ich lege ferner bei einen guten Brief von Eduard und eine Predigt von ihm3, die ganz vortrefflich ist und die du als sehr viel erbaulicher noch vor dem Kolleg lesen mußt.

Wie geht es dir? Heute hatte ich eigentlich – ich weiß nicht wieso – einen Brief von dir erwartet. Vergiß nur ja nicht, daß ich eigentlich fortwährend an dich denke und «lange Zeit» nach dir habe4, wie wir in der Schweiz sagen – immer in der Verbindung von Freude und Traurigkeit, die nun hier unvermeidlich ist. Eigentlich sollte ich ja dir und mir sagen: Vergiß, vergiß, vergiß! Aber das kann ich doch nicht. Ich freue mich wirklich auf den Anbruch des 15. August, an dem man dann die Zeit ein bißchen abstellen sollte wie eine Uhr.

Nicht wahr, das ist das Fatale an meinen Briefen, daß «das Meiste» bei mir nicht ungeschrieben bleibt, sondern viel zu weit hervorguckt, als daß ich dir helfen würde, wie ich doch will? Sei mir nur nicht böse darum.

Leb wohl, liebe Lollo, liebe schlimme Unruhe in meinem Leben!, hilf vorsichtig und in Ehren weitertragen an dem Schweren, das nun wirklich für uns zu tragen ist. Es kann sein, daß wir durch die Übung mit der Zeit stärker werden. Jetzt bin ich’s nicht.

Es grüßt dich
Dein
Karl

Zu viel geschrieben, denke ich nochmals beim Durchlesen. Ja, immer zu viel. Sei du klug für uns beide, wenn ich’s nicht bin.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 26, Anm. 7.↩
2
Vgl. die spätere Fassung: Pr.Th., S. 425-449 📖.↩
3
E. Thurneysens Brief vom 10.6.1926: Bw.Th. II, S. 421f. 📖 Die Predigt (auch in Barths Antwortbrief erwähnt: Bw.Th. II, S. 425) ist nicht zu identifizieren.↩
4
= Sehnsucht nach dir habe.↩