Brief Nr. 29 · 7. Juni 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

48

29

Liebe Lollo!

Die beiliegenden Bildlein geben mir erwünschten Anlaß, dir für deinen lieben Brief zu danken, der mich am Morgen nach unserer Rückkehr aus Holland hier begrüßte. Über Holland wäre viel zu berichten. Ich werde Eduard veranlassen, dir eine Kopie des Rundbriefs1, den ich über diese Reise schrieb, zu schicken, und lege überdies zwei holländische Zeitungen2 bei, deren Berichte du vielleicht entziffern kannst. Bitte im «Telegraaf» besonders auch die eindrucksvolle Personalbeschreibung3 zu beachten. Ich bin dort andauernd |49 photographiert worden und werde mich wohl in noch mehr Blättern in dieser Weise erblicken müssen neben allerlei Indiern4 etc. Alles in Allem: es war eine sehr gute, lohnende Reise. Wir haben in Groningen und Amsterdam liebe, offene Menschen gefunden, voll von einer Art Bewegtheit, der ich mich, auch wenn sie anders ist als unsere deutsche, nicht verschließen kann. Der Kongreß für Innere Mission5 war das Unbedeutendste, umso besser die Pfarrer und Studenten, mit denen ich zu tun hatte, und Nelly hat auch an den Frauen Freude gehabt. Wahrscheinlich ist das nur der Anfang zu sehr regen Beziehungen nach dort. Näheres dann also im Rundbrief. Du zürnst mir nicht, gelt, wegen dieser Abkürzung. Aber ich bin nun wieder in der Arbeit und müßte viele Seiten füllen, um dir Alles zu erzählen.

Was du von dem Zusammenbruch deiner Kollegin erzählst, macht mir doch ernstlich Sorge, ob du bei dem dortigen Betrieb nicht schließlich auch noch «in bejammernswertem Zustand» in deine Heimat transportiert werden mußt. Wehre dich rechtzeitig, gelt, wenn es dir zu viel wird?? Du darfst dich nicht kaputtmachen.

Nelly denkt auch oft daran, dir zu schreiben, und unterläßt es aus denselben Gründen, natürlich in etwas anderer Motivierung. Es wird das Beste sein, wenn ihr es zunächst beide unterlaßt. Die Lage ist ja wirklich sehr dunkel und kann zunächst sicher nur von uns allen gesehen werden, wie sie ist. Wir wollen alle nichts Unrechtes tun, aber dann gibt es auch etwas Unmögliches, und das besteht für mich darin, dich etwa nur ein bißchen weniger gern zu haben, als ich dich eben habe – und hätte, auch wenn du nach Breslau gingest oder sonst etwas Unerhörtes tätest. Nein, ich denke vorläufig gar nicht daran, das Bergli zu vermeiden, im Gegenteil, ich freue mich in wahrscheinlich schon wieder unzulässiger Weise darauf. Sag du also Rudi nur auf alle |50 Fälle zu. Wir wollen uns dann alle Mühe geben, Vernunft und Aufrichtigkeit miteinander zu verbinden. Nachher wird es uns sehr leid tun, daß man dann eben wieder auseinandergeht, aber das ist nun so. Nelly und du und ich müssen uns jedes in seiner Weise Mühe geben und die Zähne zusammenbeißen, tragen, was da ungewollt aus der rätselhaft-schuldvollen Tiefe des Menschlichen über uns gekommen ist. Ich weiß im Augenblick nichts Anderes. Alles kreist nun immer wieder um die zwei Punkte: der eine die Heiligkeit des Gebots, der andere, daß du und ich (ich weiß nicht auf welcher Ebene) zusammen sind. Streichen kann man weder dieses noch jenes.

Ich lege noch eine Nummer der Münchener Neuesten Nachrichten6 bei für den Fall, daß du sie noch nicht hast oder jemandem schicken willst.

Ob ich nicht im Juli doch noch einmal an einem Sonntag zu dir nach Krefeld komme? Es geht vielleicht wegen der Arbeit nicht (deiner und meiner), aber schon der Gedanke vergnügt mich im Stillen, weil es bis zum 15. August7 noch so sehr lange geht. Liebe Lollo, nicht wahr, wie bin ich so unverbesserlich! Aber über Allem denke ich, es müsse Alles gut werden, und das denkst du mit mir. Laß uns, im Dunkeln tappend, daran festhalten.

Herzlichst
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Siehe Bw.Th. II, S. 413–421 📖.↩
2
Bei einem der beiden Berichte handelt es sich um den ungezeichneten Artikel Karl Barth in ons land. Een voordracht van den beroemden theoloog, in: De Telegraaf vom 1.6.1926, Avondblad 📖 (KBA 2078).↩
3
In dem genannten Artikel vom 1.6.1926 wird der Einzug der Professoren in das Groninger Universitätsgebäude eindrucksvoll geschildert. Der Berichterstatter habe Barth unter den Professoren zunächst nicht entdecken können. Doch dann fährt er fort (hier aus dem Holländischen übersetzt): «Plötzlich steht da [scil. hinter dem Katheder], schüchtern und bescheiden, eine blasse, schmale, schlanke Gestalt, ein wenig nonchalant in Kleidung und Haltung, leicht nach links gebeugt, in abwartender Haltung: Professor Karl Barth aus Münster. […] Er hat, ganz ohne das zu wollen, etwas Prophetisches über sich, nichts Extravagantes, nichts Imponierendes, nichts Hastiges, wohl aber etwas Gewaltiges; gewaltig ist er in seiner Einfachheit, in seiner Sachlichkeit, in seiner großen Lebhaftigkeit des Stils und Ausdrucks, in der Einfachheit seiner Dialektik.»↩
4
So ist im «Telegraaf» auf der gleichen Seite neben Barth auch der «Hindu-Philosoph» B. C. Dherar abgebildet.↩
5
Siehe oben S. 40, Anm. 4.↩
6
Siehe oben S. 47, Anm. 7.↩
7
Offensichtlich wurde von Kirschbaum für den 15.8.1926 von Barth auf dem Bergli erwartet; vgl. unten Nr. 30.↩