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Dein Hiersein – wie schön sind diese Maientage gewesen, gelt? – hat
auch bei uns viel innere Unruhe und
Bewegung hinterlassen und zu langen bekümmerten Gesprächen Anlaß gegeben, zu denen der
heutige Brief nur zu gut paßt. Es war ganz nahe dabei, daß ich mich
hinsetzte und dir mit zusammengebissenen Zähnen schrieb: ja, wählen wir
«Breslau»1 als das kleinste von den drohenden Übeln. Aber das schreibe ich dir nun nicht und bitte
auch dich, mit dieser Entscheidung mindestens noch zu warten. Nicht
nur weil ich es im Augenblick einfach nicht übers Herz bringe, sondern auch weil
mir immer noch nicht gewiß ist, daß der Wille Gottes und also der Gehorsam für uns
notwendig dieser ist. Ich sehe wohl, wieviel dafür sprechen würde, aber das ist
mir auch klar, daß dieses Opfer nur, wenn es auf Einsicht und
Freiheit beruhte, gesegnet sein könnte. Haben wir die? Hast
du die? Aus deinem Briefe sehe ich wohl, wieviel bereiter du
bist als ich, du Gute; aber gerade über das entscheidende Warum? und Wozu? weißt
du auch nicht mehr als ich. Andererseits habe ich Momente – du nicht auch? –, wo
ich Alles wie in einen großen Frieden eingetaucht sehe: sollte es
nicht möglich sein und erlaubt, daß ich Nelly als meine Frau und dich nun
eben, da diese Stelle nur einmal zu besetzen ist, als meine liebe
unentbehrliche Kameradin Lollo liebhabe, jedes in ganz anderer Beziehung und
unter ganz anderen Ordnungen, ohne daß es zu Konflikten kommen muß? Ist der
Blumhardtsche Weg2, alles Einzelne
vorbehalten, grundsätzlich kein
Weg? Oder ist das nun
der Rat der Schlange mit ihrem: «Sollte Gott gesagt haben …?» [Gen. 3,1]?
Liebe Lollo, gelt, darin sind wir einig: wenn wir uns klar würden,
daß überhaupt nichts mehr zwischen uns sein darf, dann würden wir
beide |46 auch die Kraft und den Mut und die Härte gegen uns
selbst finden, nichts mehr zwischen uns sein zu lassen und also
«Breslau» zu wählen. Ich danke dir für deinen Brief, der mir darum
eine Hilfe ist, weil ich gleich viel Ernst und Liebe darin finde, und weil er so
genau in die gleichen Erwägungen eingreift, in denen ich mich auch befinde. – Es
war vielleicht nicht gut, daß Nelly und du euch noch nie
gründlich ausgesprochen habt. Was Nelly bedrückt, ist der Gedanke,
daß ich überhaupt darauf verfallen konnte, einen Ersatz für etwas
in unserer Ehe Fehlendes bei einem Dritten zu suchen, statt in einer
Verbesserung unserer Ehe. Worauf ich ihr sage, daß ich keinen Ersatz
gesucht, sondern, wirklich ohne zu suchen, dich
gefunden habe und daß daran erst ein bei uns Fehlendes mir zum
Bewußtsein kam. Sie sieht auch ein, daß mit der Beseitigung dieses «Ersatzes»,
also mit «Breslau», an sich nichts getan wäre und daß es für mich schwer ist,
dieses Gefundenhaben rückgängig zu machen. Mehr will ich darüber nicht sagen.
Wir haben es wirklich alle drei schwer und werden es
schwer haben, wie wir uns auch die Sache zurechtlegen mögen.
Laß dir noch sagen, daß ich wirklich nicht nur um deinetwillen vor «Breslau» so zurückscheue, sondern weil du (vielleicht noch mehr als
ich für dich) zu meinem Leben gehörst, so daß es wirklich ein Augenausreißen
[vgl. Mt. 5,29; 18,9]
wäre, wenn ich dich bitten wollte, aus meinem Leben zu verschwinden. Ob solches
Augenausreißen nötig und gefordert ist, das darf man sich vorher
genau überlegen. Wie lieb bist du mir in der
letzten Woche wieder geworden! Verzeih mir nur Alles, womit ich dir – – nicht geholfen habe. Aber du weißt nicht, was für ein ganzer
Strom in mir dir entgegengeht, wie mühsam ich die Dämme halten muß.
Genug, ich will nicht weiterfahren.
Hier hast du das Kollegheft3 und einige Korrespondenzen. Willst du das Kollegheft
(nachdem du es ruhig gelesen) dem wissensdurstigen Georg weiterschicken? Wenn du’s lieber nicht tust*,
dann an mich zurück, auf alle Fälle gut verpackt und spediert.
47 Ich bin mitten im Amsterdamer Vortrag.4 Am Freitag reisen
wir und kommen erst am folgenden Freitag zurück.5 Laß dir’s
unterdessen nicht allzu schlecht gehen unter euren fragwürdigen Medizinern etc. und fall nicht
allzu oft auf den Erdboden6.
Wie hätte ich letzten Freitag deinen davonfahrenden D-Zug aufhalten mögen! Warum
gibt es solche unaufhaltsam abfahrende D-Züge? Was soll das?
In Nummer 141 vom 22. Mai der Münchner Neuesten Nachrichten steht ein Pfingst-Aufsatz von mir7, den ich leider nicht mitschicken kann.