Brief Nr. 27 · 25. Mai 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Dein Hiersein – wie schön sind diese Maientage gewesen, gelt? – hat auch bei uns viel innere Unruhe und Bewegung hinterlassen und zu langen bekümmerten Gesprächen Anlaß gegeben, zu denen der heutige Brief nur zu gut paßt. Es war ganz nahe dabei, daß ich mich hinsetzte und dir mit zusammengebissenen Zähnen schrieb: ja, wählen wir «Breslau»1 als das kleinste von den drohenden Übeln. Aber das schreibe ich dir nun nicht und bitte auch dich, mit dieser Entscheidung mindestens noch zu warten. Nicht nur weil ich es im Augenblick einfach nicht übers Herz bringe, sondern auch weil mir immer noch nicht gewiß ist, daß der Wille Gottes und also der Gehorsam für uns notwendig dieser ist. Ich sehe wohl, wieviel dafür sprechen würde, aber das ist mir auch klar, daß dieses Opfer nur, wenn es auf Einsicht und Freiheit beruhte, gesegnet sein könnte. Haben wir die? Hast du die? Aus deinem Briefe sehe ich wohl, wieviel bereiter du bist als ich, du Gute; aber gerade über das entscheidende Warum? und Wozu? weißt du auch nicht mehr als ich. Andererseits habe ich Momente – du nicht auch? –, wo ich Alles wie in einen großen Frieden eingetaucht sehe: sollte es nicht möglich sein und erlaubt, daß ich Nelly als meine Frau und dich nun eben, da diese Stelle nur einmal zu besetzen ist, als meine liebe unentbehrliche Kameradin Lollo liebhabe, jedes in ganz anderer Beziehung und unter ganz anderen Ordnungen, ohne daß es zu Konflikten kommen muß? Ist der Blumhardtsche Weg2, alles Einzelne vorbehalten, grundsätzlich kein Weg? Oder ist das nun der Rat der Schlange mit ihrem: «Sollte Gott gesagt haben …?» [Gen. 3,1]? Liebe Lollo, gelt, darin sind wir einig: wenn wir uns klar würden, daß überhaupt nichts mehr zwischen uns sein darf, dann würden wir beide |46 auch die Kraft und den Mut und die Härte gegen uns selbst finden, nichts mehr zwischen uns sein zu lassen und also «Breslau» zu wählen. Ich danke dir für deinen Brief, der mir darum eine Hilfe ist, weil ich gleich viel Ernst und Liebe darin finde, und weil er so genau in die gleichen Erwägungen eingreift, in denen ich mich auch befinde. – Es war vielleicht nicht gut, daß Nelly und du euch noch nie gründlich ausgesprochen habt. Was Nelly bedrückt, ist der Gedanke, daß ich überhaupt darauf verfallen konnte, einen Ersatz für etwas in unserer Ehe Fehlendes bei einem Dritten zu suchen, statt in einer Verbesserung unserer Ehe. Worauf ich ihr sage, daß ich keinen Ersatz gesucht, sondern, wirklich ohne zu suchen, dich gefunden habe und daß daran erst ein bei uns Fehlendes mir zum Bewußtsein kam. Sie sieht auch ein, daß mit der Beseitigung dieses «Ersatzes», also mit «Breslau», an sich nichts getan wäre und daß es für mich schwer ist, dieses Gefundenhaben rückgängig zu machen. Mehr will ich darüber nicht sagen. Wir haben es wirklich alle drei schwer und werden es schwer haben, wie wir uns auch die Sache zurechtlegen mögen.

Laß dir noch sagen, daß ich wirklich nicht nur um deinetwillen vor «Breslau» so zurückscheue, sondern weil du (vielleicht noch mehr als ich für dich) zu meinem Leben gehörst, so daß es wirklich ein Augenausreißen [vgl. Mt. 5,29; 18,9] wäre, wenn ich dich bitten wollte, aus meinem Leben zu verschwinden. Ob solches Augenausreißen nötig und gefordert ist, das darf man sich vorher genau überlegen. Wie lieb bist du mir in der letzten Woche wieder geworden! Verzeih mir nur Alles, womit ich dir – – nicht geholfen habe. Aber du weißt nicht, was für ein ganzer Strom in mir dir entgegengeht, wie mühsam ich die Dämme halten muß. Genug, ich will nicht weiterfahren.

Hier hast du das Kollegheft3 und einige Korrespondenzen. Willst du das Kollegheft (nachdem du es ruhig gelesen) dem wissensdurstigen Georg weiterschicken? Wenn du’s lieber nicht tust*, dann an mich zurück, auf alle Fälle gut verpackt und spediert.

47 Ich bin mitten im Amsterdamer Vortrag.4 Am Freitag reisen wir und kommen erst am folgenden Freitag zurück.5 Laß dir’s unterdessen nicht allzu schlecht gehen unter euren fragwürdigen Medizinern etc. und fall nicht allzu oft auf den Erdboden6.

Wie hätte ich letzten Freitag deinen davonfahrenden D-Zug aufhalten mögen! Warum gibt es solche unaufhaltsam abfahrende D-Züge? Was soll das?

Dein
Karl

In Nummer 141 vom 22. Mai der Münchner Neuesten Nachrichten steht ein Pfingst-Aufsatz von mir7, den ich leider nicht mitschicken kann.

Sachfußnoten

1
Kennwort für eine totale Distanznahme zwischen von Kirschbaum und Barth. Ob es Pläne hinsichtlich eines Wegzugs von Kirschbaums konkret nach Breslau gab, ist nicht bekannt.↩
2
Vgl. oben S. 28, Anm. 13.↩
3
Bei dem «Kollegheft» handelt es sich um die losen Manuskriptblätter der Vorlesung «Geschichte der protestant[ischen] Theologie seit Schleiermacher Münster, SS 1926» (KBA 1680.3). Barth schickte die Blätter 1 bis 43, d. h. das Manuskript der Vorlesungen vom 3.5.-21.5.1926, die in drei Paragraphen unter den Überschriften «Über die Möglichkeit einer Geschichte der neuern Theologie», «Chronik» und «Schleiermacher» standen.↩
8
Neben den Daten «20. V. 26» und «21. V. 26» stand ursprünglich – wie unter den Radierspuren noch wahrzunehmen ist ­- in Erinnerung an ihre Anwesenheit «L. v. K.».↩
*
Wenn du’s tust, so kannst du drei verdächtige Buchstaben, die die beiden letzten Vorlesungstage auszeichnen, vorher – ausradieren.8↩
4
Siehe oben S. 40, Anm. 4.↩
5
28.5.-3.6.1926 (s. Bw.Th. II, S. 413 📖).↩
6
Vgl. unten S. 55, Anm. 4.↩
7
Vom heiligen Geist. Eine Pfingstbetrachtung 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 538–543 📖.↩