Brief Nr. 26 · 10. Mai 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Zu deiner Beruhigung will ich dir mitteilen, daß der «einfache Weg» darin besteht, daß du im Nachbarhaus ohne Schwierigkeit eine Stätte finden wirst. Du sollst also nicht am Abend wieder wegfahren, sondern dich wirklich für mindestens drei Tage frei machen. Am 16.? Gut – in der Annahme, du kommest an diesem Tag und bleibest dann Montag und Dienstag (am Dienstag ist «offener Abend»1, bei dem du auch noch dabei sein solltest). Am 16. selbst werden Prof. Siebecks2 aus Bonn, die du ja kennst, auch da sein, was dich wiederum nicht abhalten soll, doch soll dieser Tag für dich nur halb zählen. Also, |44 mach’s gut mit deinen Vereinbarungen dort; du hast Ruhe nun wirklich verdient und sollst sie hier tunlichst haben.

Dem Pfarrer Homann3 würde ich an deiner Stelle den Sachverhalt4 ruhig eröffnen. Ich habe, als er selbst mir die Blätter schickte, auch mit ihm korrespondiert5, und er ist wohl auch ein etwas einsamer Kämpfer, dessen Wunsch «psychologisch» wohl zu begreifen ist.

Liebe Lollo, die Sache wegen des August betrübt mich nun wirklich, und du mußt dich schon darauf gefaßt machen, daß ich an diesem Beschluß noch zu rütteln versuchen werde: 1. selbstlos, im Hinblick darauf, daß es mir eine Ungeheuerlichkeit zu sein scheint, daß du auf diese Weise mehr als ein Jahr ohne Ferien sein sollst. Willst du dich denn mit Gewalt ums Leben bringen? Das geht doch einfach nicht, wirklich nicht. 2. selbstsüchtig (oder hätte ich das ehrlicherweise als 1. numerieren sollen??), weil mich das ganze Bergli nicht recht freuen wird, wenn du nicht auch wieder dabei bist. – Nein, das kann nicht sein, das ist kein letztes Wort. Laß dir dringend sagen, daß dies nicht geht so.

Heute bin ich 40 Jahre alt geworden. Die Studenten und Studentinnenhaben uns mit feinem Gesang geweckt, und nachher im Kolleg gab es nochmals eine kleine Begrüßung. Damit du nachträglich etwas mitfeiern kannst, lege ich dir Eduards und eines jungen bayrischen «Schülers» Briefe6 bei. Dem ersten kannst du entnehmen, daß ich jüngst ein Gedicht7 gemacht habe. – Sei herzlich gegrüßt und melde beizeiten deine Ankunft!

Dein
Karl B.

Sachfußnoten

1
Die «Offenen Abende» für Studenten und Gäste, bereits in Göttingen eingeführt, fanden im Hause Barths statt. An ihnen wurden z. B. Predigten gelesen, oder es wurde über gerade erschienene Bücher oder über aktuelle Themen diskutiert (s. Bw.Th. II, S. 179liegt online noch nicht vor.441f. 📖).↩
2
Richard Siebeck und seine Ehefrau Marie. – Richard Siebeck (1883–1965), seit 1920 mit Barth befreundet, seit 1924 o. Professor für Innere Medizin und Direktor der medizinischen Poliklinik in Bonn.↩
3
Pastor Rudolf Homann in Dortmund. Sein Brief an von Kirschbaum ist nicht erhalten.↩
4
Nicht ermittelt.↩
5
Bei den Barth zugesandten Blättern handelt es sich vermutlich um einen Vortrag Homanns, der in Dortmund einer Ortsgruppe des «Bundes der Bekenner des biblischen Evangeliums» angehörte (s. dazu Bw.Th. II, S. 409f., bes. Anm. 2 📖): Die Theologie des Gerichts (Prof. D. Karl Barth-Münster), in: Das alte Evangelium. Christliches Sonntagsblatt für alle Stände, hrsg. von der Ortsgruppe Dortmund des Bundes der Bekenner des biblischen Evangeliums, Jg. 22 (1926), Nr. 11 vom 14.3.1926, S. 6; Nr. 12 vom 21.3.1926, S. 1-3; Nr. 13 vom 28.3.1926, S. 3-5; Nr. 14 vom 4.4.1926, S. 3-5; Nr. 15 vom 11.4.1926, S. 2-4 📖. Barths Briefe an Homann sind nicht erhalten.↩
6
Briefe zu Barths 40. Geburtstag von E. Thurneysen (Bw.Th. II, S. 412f. 📖) und W. Trillhaas (KBA 9326.175), beide mit Datum vom 7.5.1926.↩
7
Bw.Th. II, S. 412 📖.↩