Brief Nr. 31 · 25. Juni 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Am Ende eines Haufens mehr oder weniger langweiliger Briefe komme ich, erlöst atemschöpfend, noch zu dir. Heute vor acht Tagen kam dein letzter Brief, der so gut war, daß ich die Anklage, du könnest das nicht, beschämt zurücknehme. Du schreibst mir wirklich andauernd viel Besseres als ich dir. Ich weiß gar nicht, wie ich dazu kam, so etwas zu sagen, und du mußt es – verziehen – zu dem «infantilen Namen» und ähnlichen Bergli-Erinnerungen legen. Aber seither weiß ich nun wieder nichts von dir und kann nur hoffen, daß dir bei der vielen strengen Arbeit die Gesundheit und der Mut nicht zusammenbricht. Laß doch bald wieder von dir hören.

Konkreter Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir am 11. Juli zusammen die «Gesolei»1 in Augenschein nähmen? Warst du schon dort, so kannst du mir umso besser das Wichtigste zeigen. Im übrigen brauchen wir es dann mit dem Herumlaufen in der Ausstellung auch nicht zu steil zu nehmen, werden sie mehr als À propos behandeln, damit der Ruhetag für dich nicht ein Erschöpfungstag wird. Ich würde um 1045 in Düsseldorf ankommen – bis dahin könntest du wohl auch dort sein? – und müßte abends 841 wieder weg. Ich bin nach längerem Erwägen deines Aber! (das ich immerhin sehr wohl beachtete und auch empfand) zu dem Ergebnis gekommen, daß es sein dürfe.

Beiliegend schicke ich dir allerlei – meist Belustigendes aus meiner Korrespondenz aus Nähe und Ferne. Das Gruppenbild2 stellt die hochwürdige Fakultät Münster dar. Es sollte in eine Zeitung, wurde aber kassiert, weil Verschiedene ihren eigenen Anblick zu idiotisch fanden. Der Mann, der die Hände faltet, ist der Dekan3: «Spektabi|53lität» redet man ihn in der Sitzung an. Der Sinnreichste ist Wehrung4. Der menschlich Gutmütigste Hänel5, der nur als Vertreter der Nicht-Ordinarien in dieser hohen Gesellschaft sein darf. Von Stählin6 hörte ich nun schon zwei ganz unannehmbare Predigten. Er ist nämlich Professor für praktische Theologie und Universitätsprediger. Schmitz7 vertritt das Neue Testament, Herrmann das Alte Testament, Grützmacher8 die Kirchengeschichte, Wehrung Systematische Theologie, und ich bin für «Dogmatik und Neutestamentliche Exegese» da. Nun bist du «im Bilde», das du übrigens behalten kannst. Wenn übrigens die Sonntagsblatt-Beilage «Die Evangelische Welt» gewiß auch in eurem Spital irgendwo herumliegt, so versäume nicht, die Nr. 7, die Julinummer anzusehen! Du wirst gleich sehen, warum9, und mußt dann nur nicht zu sehr erschrecken. «Es» sieht sich nämlich ziemlich haarig an. Eine bessere Illustration hoffe ich dir dann am 11. Juli mitzubringen.

Bei der Antrittsvorlesung des Lic. Brandt10 dachte ich besonders lebhaft an dich. Ich hörte mit gespitzten Ohren zu und vernahm, daß |54 die bewußten «Berufsordnungen» letztlich damit zu begründen seien, daß die Diakonie eine «Gegebenheit» der «urchristlichen Gemeinde» sei. So geht es sicher nicht. Aber ganz absägen darf und kann man die Geschichte wohl nicht, und du wirst deinerseits wohl noch einmal zu einer umfassenden Darlegung deiner diesbezüglichen Gedanken (vielleicht in Zw. d. Z.!) schreiten müssen. Die anderen Beilagen erklären und beleuchten sich selbst.

Ein Stück Kolleg wird wohl nächstens wieder zum Absenden reif. Das Semester schreitet rüstig vorwärts, und der Gänsemarsch, in dem diese alten Theologen aufziehen, ist doch recht dramatisch und lehrreich, wenigstens für mich und die Studenten.

Es könnte natürlich sein, daß vor dem 11. Juli noch etwas dazwischen kommt, äußerlich oder innerlich, was die Sache «unmöglich» (du kannst dieses Wort so schön aussprechen: mit zwei u und zwei ö, ich höre jetzt immer dich, wenn ich es ausspreche, was ja öfters vorkommen muß!) macht. Vorläufig wollen wir uns freuen, und wenn’s dann nicht sein soll, so war die Vorfreude auch etwas.

Leb wohl für diesmal, liebe kleine Lollo. Es ist spät in der Nacht. Ich könnte dir noch lange und viel schreiben. Genug.

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Große Ausstellung in Düsseldorf 1926 für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen. Die Messe zählte zwischen dem 8.5. und dem 15.10.1926 über 7,5 Millionen Besucher.↩
2
Siehe oben S. XLIX.↩
3
Johannes Herrmann (1880–1960), seit 1922 Professor für Altes Testament in Münster, 1925/26 Dekan (vgl. Neuser, S. 8.23 📖).↩
4
Georg Wehrung (1880–1959), 1920-1927 Professor für Systematische Theologie in Münster, danach in Halle, ab 1931 in Tübingen.↩
5
Johannes Hänel (1887–1956), seit 1925 apl. Professor für Altes Testament in Münster, ab 1937 Pfarrer in Berlin.↩
6
Wilhelm Stählin (1883–1975), von 1926 bis 1945 Professor für praktische Theologie in Münster, von 1945 bis 1952 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg.↩
7
Otto Schmitz (1883–1957), 1916-1934 o. Professor für Neues Testament in Münster; 1934 zwangspensioniert, ab 1934 Dozent an der Theologischen Schule in Bethel, ab 1938 Direktor der Evangelistenschule Johanneum und ab 1945 Dozent an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal.↩
8
Georg Grützmacher (1866–1939), seit 1914 o. Professor für Kirchengeschichte in Münster.↩
9
Die Evangelische Welt. Monatliches Beiblatt zu westfälischen Gemeindeblättern, Jg. 3, Nr. 7 vom Juli 1926 📖, brachte mit einem Photo von Barth, das er offenbar weniger gelungen fand, einen Bericht über denkontinentalen Kongreß für Innere Mission in Amsterdam (vgl. oben S. 40, Anm. 4).↩
10
Dokumente zur Antrittsvorlesung von Wilhelm Brandt (1894–1973, Lic. theol. 1921) am 19.6.1926 als Dozent für Diakonie, Innere Mission und praktische Bibelauslegung an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Münster sind in den Archiven nicht erhalten. Nach den Bemerkungen im folgenden ist jedoch deutlich, daß Brandt, der später in Bethel als Dozent und als Vorsteher der dortigen Diakonissenanstalt Sarepta wirkte, in seiner Vorlesung einen Aspekt der «Berufsordnungen» der Diakonissen behandelt hat – ein Thema, das ihn um 1926/1927 intensiv beschäftigt hat, wie seine Aufsätze in der «Zeitschrift für weibliche Diakonie» «Die Diakonisse» zeigen, besonders: Die Grundgedanken unserer Berufsordnungen und ihre praktische Bedeutung für die Gegenwart, Jg. 1 (1926), S. 397-403, und Jg. 2 (1927), S. 5-10 📖. Hier finden sich im zweiten Teil Erwägungen zur «konkreten Gegebenheit» des «Amt[es] der Diakonie in der Gemeinde», das man insofern auch schon im Zusammenhang der «Urgemeinde» finden könne, als es «eine mit der Stiftung der Gemeinde gegebene konkrete Tatsache und Aufgabe» sei (a.a.O., S. 6f.). In der «Tatsache der Gegebenheit des Amtes der Diakonie» liege die Antwort auf die Frage «nach dem inneren Recht und inneren Sinn der Berufsordnungen in unseren Mutterhäusern» (a.a.O., S. 9).↩