Brief Nr. 32 · 2. Juli 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

55

32

Liebe kleine Lollo!

Wie traurig, daß ich deinen Geburtstag am 25. Juni nicht bewußt mitfeiern konnte und wie gut, daß ich dann doch, offenbar zur selben späten Stunde wie du, noch zur Feder gegriffen. Daß ich dir alles Gute wünsche zu dem neuen Lebensjahr, brauche ich dir nicht besonders zu sagen, gelt? Als du geboren wurdest, da stand ich als 13jähriger Bub gerade mitten in der lebhaftesten Produktion von – – Dramen und Trauerspielen aller Art, teils in Prosa, teils in richtigen Jamben frei nach Schiller.1 Ich habe dieses Fach aufgegeben seither, offenbar in der Ahnung, daß das Leben selber dramatisch genug sei. 27 Jahre später tratst du dann also auf meinen Weg oder ich auf deinen oder wie man’s nehmen will. Daß du mich in der nötigen Arbeit nicht störst – ich glaube im Gegenteil -, siehst du an dem unentwegten Fortgang der Vorlesung, von der ich dir hier wieder ein Stück schicke.2 Dav. Fr. Strauß3 wird leider erst am Montag fertig, so daß ich ihn noch nicht beilegen kann. Über die Nachricht, daß du in verbesserter Fußhaltung vier Stunden gefahren und nicht zur Erde gefallen bist, habe ich mich sehr gefreut, weil damit wenigstens ein positiver Gewinn aus unserer Begegnung für dich gesichert ist, nicht wahr?4 Was nun auch komme, du wirst meiner wenigstens in dieser Beziehung freundlich gedenken. Aber nicht wahr, liebe Lollo, du wirst in Wirklichkeit keinen «blödsinnigen Mediziner» heiraten? Diese Stelle in deinem Brief hat mich doch sehr erschreckt. Laß dich nicht müde machen und irre machen. |56 Das wird nun von mir dumm sein, dir so zusprechen zu wollen, da du es sicher nicht nötig hast. Weißt du, ich bringe es eigentlich gar nicht mehr fertig, dich wie bisher aufrichtig an irgend einen «Zukünftigen» freizugeben. Da wir ehrlich sein wollen, muß ich dir das sagen. Aber genug davon.|

Ja Lempp!!5 Er ist halt unverbesserlicher Verleger. Die sind alle so. Wegen des Bildes sägt er schon seit Jahren an mir herum. Wegen der Bibelstunden drängt nun auch Georg.6 In Amsterdam7 ist von einem begabten Jüngling ein Bild von mir gemacht worden8 (ich hoffe es dir am 11. mitbringen zu können), das habe ich nun Lempp als Abschlagszahlung zugesagt. Aber wenn du mich sehr warnst vor diesem Kompromiß, so kann ich es immer noch rückgängig machen. Ich dachte, die bisher geübte Askese in dieser Hinsicht habe ja doch nur relativen Wert, und da die Sache Lempp so wichtig ist, wollte ich ihm den Gefallen tun.

Alles sieht so aus, als ob es am 11. sein könne und dürfe. Wie freue ich mich! Übrigens habe ich gefunden, daß ich abends erst 959 von Düsseldorf abfahren muß. Es kann und darf wahrscheinlich sogar nicht nur, sondern es muß sein wegen des nachträglich zu feiernden Geburtstages.

Es grüßt dich von Herzen
Dein
Karl

Die Predigt in Groningen – übrigens über Psalm 37,5, ich besann mich dann anders – wird zuerst holländisch und dann deutsch gedruckt erscheinen.9 Natürlich bekommst du sie dann!

Sachfußnoten

1
Vgl. Busch, S. 38f. 📖 ↩
2
Die Paragraphen über Tholuck, Menken und Feuerbach (vgl. unten S. 64, Anm. 11, spätere Fassung: Pr.Th., S. 459-489 📖).↩
3
Spätere Fassung: K. Barth, David Friedrich Strauß als Theologe. 1839-1939 (ThSt 6), Zollikon 1939 📖; Pr.Th., S. 490-515 📖.↩
4
Nach Aussage von Fr. Zellweger-Barth unternahmen ihr Vater und von Kirschbaum gerne kleine Fahrradtouren zusammen. Offensichtlich hatte Barth nach einem Fahrradunfall von Kirschbaums mit ihr während ihres letzten Besuches Radfahrübungen unternommen. Vgl. dazu auch unten S. 70.↩
5
In einem per Eilpost abgesandten Brief vom 22.6.1926 (KBA 9326.258) hatte sich A. Lempp bitter bei Barth beklagt, weil ihm zu Ohren gekommen war, daß dieser bereit sei, eine seiner Schriften im Furche-Verlag statt bei Chr. Kaiser erscheinen zu lassen. Es handelt sich um die dann doch bei Chr. Kaiser erschienenen zwei Bibelstunden über Röm. 12,1f.: Vom christlichen Leben, München 1926 📖. Außerdem hatte Lempp Barth dringend um die Erlaubnis gebeten, ein Photo von ihm in einem Verlagsprospekt abdrucken zu dürfen.↩
6
Postkarte von G. Merz vom 26.6.1926 (KBA 9326.263).↩
7
Siehe oben S. 40, Anm. 4.↩
8
Vermutlich das oben S. XLIX abgebildete Photo vom 2.6.1926.↩
9
K. Barth, Ik ben de Heere. (Academie-preek Ps. 37,5, gehouden in de Pepergasthuiskerk te Groningen op den 30en Mei 1926), in: Onder eigen Vaandel, Jg. 1 (1926), S. 189-196 📖; deutsch: Ich bin der Herr, in: Biblische Zeugnisse, Jg. 24 (1926), S. 193-199 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 152–159 📖.↩