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Ich hab’s nun insofern gut, als ich die Ferien, die ich dir so gerne gönnte, schon habe. Es ist
ganz das Bild vom vorigen Jahr: der
See, die Berge, der Garten, der Grasweg, der Wald, der Tisch mit Blumen und
Früchten, Gerty und die Kinder. Nur du fehlst noch. Ich stand an den bewußten
Stellen: oben an der Straße, unten beim Birnbaum und dachte darüber nach, wie
Alles gekommen ist, und wie es sein wird, wenn du da bist. Ich habe mit Georg lange, lange Gespräche gehabt, auch mit
Rudi. Das ist nun so und war kaum zu vermeiden, daß die Freunde sich alle
ihre Gedanken über uns machen, und ich war sogar froh darüber, einmal mit jemand
anders als mit Nelly und dir offen reden zu können. Helfen kann uns freilich niemand. Mit Eduard, auf den mir hier
Alles ankommt, habe ich mich noch nicht ausgesprochen. Manchmal wünsche ich
freilich auch, niemand wüßte davon. Durch die Mitteilung an Georg ist eben der Stein unheimlich
ins Rollen gekommen. Eduard war gerade in München, als mein Brief dort eintraf. Aber schließlich sind das
alles liebe und zum Mittragen bereite Freunde. Etwas erschrocken bin ich, als
Georg mir sagte, der Dr.
Gross1 in München wisse durch seine Frau von der Sache
(ohne mich übrigens zu kennen). Mußte das sein? Und wird die Frau,
deine Freundin, wohl noch weiteren Gebrauch davon machen?|
Liebe Lollo, rege dich nicht auf wegen dieser Fragen. Ich weiß ja, wie müde und
erschöpft du jetzt sicher bist, und erwarte also sicher keine
ausführlichen Erklärungen, und auch nach München mußt du nichts schreiben, was dort noch Öl ins Feuer gießen
könnte. Aber gelt, du verstehst, daß ich von Weitem und in Unkenntnis dieser
Leute etwas besorgt bin. [Deine Freundin darf ihrem Mann unter keinen Umständen
Vorwürfe machen wegen dieses Weitersagens; es geschah im seelsorgerlichen
Gespräch mit Georg, und dieser
hat es mir nur |69 zögernd und sehr verlegen
mitgeteilt.]2 Es steht so viel auf dem Spiel, daß keine
Wolke von Geschwätz um uns her entsteht. Doch ich schreibe dir wirklich nicht
wegen dieser Sache, von der ich erst vor einer halben Stunde hörte, sondern
einfach um dich zu grüßen und dir für diese 14 Tage noch alles Gute zu wünschen.
Heute in 14 Tagen sollst du schon hier sein. Gelt, du lässest das
mit der Fahrt nach München
vorher. Du leidest selber genug, um dich jetzt nicht auch noch in diese Not
anderer (die Situation muß ja sehr kompliziert sein!) zu stürzen, sondern mußt
nun Ruhe haben. Hoffentlich
(die Tinte geht mir aus3) bekommst du hier wirklich Ruhe
trotz der vielen Unruhe, die wir alle
dann in uns tragen und bewältigen müssen. Wir stecken wirklich in einer
großen Not, das wurde mir bei den Gesprächen hier klarer als
je. Und
die Not ist so groß, weil es sich um etwas so unerhört Schönes und Großes
handelt, das uns nun ein so finsteres Gesicht zukehrt, ohne daß wir (ich kann es
nicht) einen Augenblick vergessen können, wie schön und groß es ist. Aber
rechtfertigen können wir uns gar nicht, das merke ich, wenn
ich mit Rudi
rede,
der mir in einer Weise recht gibt, die ich ehrlicherweise unmöglich annehmen
kann. Es wird Alles darauf ankommen, daß Nelly und du in irgend ein klares
Verhältnis kommt zueinander. Und gelt, gelt: jetzt und wenn du hier bist keine
abrupten intuitiven Entschlüsse! Laß uns miteinander sorgen und
tragen, es ist auch so noch schwer genug.
Die Reise am Samstag ging nicht über Düsseldorf, sondern über Siegen – Gießen. In Basel blieben wir zwei Tage bei meiner Mutter.
Nelly ist
augenblicklich noch in Stäfa bei ihrer
Mutter4. Morgen oder übermorgen kommt sie herüber. Gestern
besuchten wir sie auf den Rädern.
Die zwei Kleinsten
werden die Zeit dort zubringen, Fränzeli ist in Pany (Graubünden), die zwei großen Buben
auf dem Beatenberg.
Wenn doch die Zeit schneller umginge bis zum 17., um dann – stillzustehen. Aber
eben, das wird sie nicht tun, auch diesmal nicht. Alle hier sind so
lieb mit mir und werden es auch mit dir sein.
70Leb wohl, kleine Lollo, Gott behüte dich und mich und uns alle und lenke Alles
zum Besten [vgl. Römer 8,28].