Brief Nr. 39 · 4. August 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Ich hab’s nun insofern gut, als ich die Ferien, die ich dir so gerne gönnte, schon habe. Es ist ganz das Bild vom vorigen Jahr: der See, die Berge, der Garten, der Grasweg, der Wald, der Tisch mit Blumen und Früchten, Gerty und die Kinder. Nur du fehlst noch. Ich stand an den bewußten Stellen: oben an der Straße, unten beim Birnbaum und dachte darüber nach, wie Alles gekommen ist, und wie es sein wird, wenn du da bist. Ich habe mit Georg lange, lange Gespräche gehabt, auch mit Rudi. Das ist nun so und war kaum zu vermeiden, daß die Freunde sich alle ihre Gedanken über uns machen, und ich war sogar froh darüber, einmal mit jemand anders als mit Nelly und dir offen reden zu können. Helfen kann uns freilich niemand. Mit Eduard, auf den mir hier Alles ankommt, habe ich mich noch nicht ausgesprochen. Manchmal wünsche ich freilich auch, niemand wüßte davon. Durch die Mitteilung an Georg ist eben der Stein unheimlich ins Rollen gekommen. Eduard war gerade in München, als mein Brief dort eintraf. Aber schließlich sind das alles liebe und zum Mittragen bereite Freunde. Etwas erschrocken bin ich, als Georg mir sagte, der Dr. Gross1 in München wisse durch seine Frau von der Sache (ohne mich übrigens zu kennen). Mußte das sein? Und wird die Frau, deine Freundin, wohl noch weiteren Gebrauch davon machen?|

Liebe Lollo, rege dich nicht auf wegen dieser Fragen. Ich weiß ja, wie müde und erschöpft du jetzt sicher bist, und erwarte also sicher keine ausführlichen Erklärungen, und auch nach München mußt du nichts schreiben, was dort noch Öl ins Feuer gießen könnte. Aber gelt, du verstehst, daß ich von Weitem und in Unkenntnis dieser Leute etwas besorgt bin. [Deine Freundin darf ihrem Mann unter keinen Umständen Vorwürfe machen wegen dieses Weitersagens; es geschah im seelsorgerlichen Gespräch mit Georg, und dieser hat es mir nur |69 zögernd und sehr verlegen mitgeteilt.]2 Es steht so viel auf dem Spiel, daß keine Wolke von Geschwätz um uns her entsteht. Doch ich schreibe dir wirklich nicht wegen dieser Sache, von der ich erst vor einer halben Stunde hörte, sondern einfach um dich zu grüßen und dir für diese 14 Tage noch alles Gute zu wünschen. Heute in 14 Tagen sollst du schon hier sein. Gelt, du lässest das mit der Fahrt nach München vorher. Du leidest selber genug, um dich jetzt nicht auch noch in diese Not anderer (die Situation muß ja sehr kompliziert sein!) zu stürzen, sondern mußt nun Ruhe haben. Hoffentlich (die Tinte geht mir aus3) bekommst du hier wirklich Ruhe trotz der vielen Unruhe, die wir alle dann in uns tragen und bewältigen müssen. Wir stecken wirklich in einer großen Not, das wurde mir bei den Gesprächen hier klarer als je. Und die Not ist so groß, weil es sich um etwas so unerhört Schönes und Großes handelt, das uns nun ein so finsteres Gesicht zukehrt, ohne daß wir (ich kann es nicht) einen Augenblick vergessen können, wie schön und groß es ist. Aber rechtfertigen können wir uns gar nicht, das merke ich, wenn ich mit Rudi rede, der mir in einer Weise recht gibt, die ich ehrlicherweise unmöglich annehmen kann. Es wird Alles darauf ankommen, daß Nelly und du in irgend ein klares Verhältnis kommt zueinander. Und gelt, gelt: jetzt und wenn du hier bist keine abrupten intuitiven Entschlüsse! Laß uns miteinander sorgen und tragen, es ist auch so noch schwer genug.

Die Reise am Samstag ging nicht über Düsseldorf, sondern über Siegen – Gießen. In Basel blieben wir zwei Tage bei meiner Mutter. Nelly ist augenblicklich noch in Stäfa bei ihrer Mutter4. Morgen oder übermorgen kommt sie herüber. Gestern besuchten wir sie auf den Rädern. Die zwei Kleinsten werden die Zeit dort zubringen, Fränzeli ist in Pany (Graubünden), die zwei großen Buben auf dem Beatenberg.

Wenn doch die Zeit schneller umginge bis zum 17., um dann – stillzustehen. Aber eben, das wird sie nicht tun, auch diesmal nicht. Alle hier sind so lieb mit mir und werden es auch mit dir sein.

70Leb wohl, kleine Lollo, Gott behüte dich und mich und uns alle und lenke Alles zum Besten [vgl. Römer 8,28].

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Hermann Gross, Dr. med., praktischer Arzt, verheiratet mit Jeannette Gross, geb. Becker.↩
2
Eckige Klammern im Original.↩
3
Von diesem Satz an ist der Brief mit Bleistift geschrieben.↩
4
Anna Elisabeth HoffmannLocher, geb. Hugentobler, verw. (1854–1934), wohnte in Stäfa am Zürichsee.↩