Brief Nr. 40 · 5. August 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebste Lollo!

Wahrhaftig, «es»1 treibt mich, dir heute, bevor ich schlafen gehe, schon wieder zu schreiben. Der Gedanke beunruhigt mich so, ich könnte dich gestern bedrängt haben wegen des Geplappers des Münchener Doktors, der doch von uns sagen mag, was er will. Dich aber möchte ich jetzt um keinen Preis bedrängen, sondern dir lauter Freude und Mut zusprechen zum Überstehen der letzten Wegstrecke. Sag mir schnell, daß dich mein Brief nicht betrübt hat. Du sollst nicht betrübt sein, sondern du sollst dich mit mir freuen auf die paar Tage, wo wir uns, vielleicht vielfach gestört, aber vielleicht manchmal auch ungestört noch einmal haben dürfen vor der langen Trennung. Es ist Alles so schön hier, wie wenn es wartete auf dich.|

Eben kommen wir von einer Radfahrt zurück: Rudi, Gerty, Georg, Erica Küppers2 und ich. Wir waren in Walchwil am Zugersee. Ich sah in Baar die Stelle, wo du verunglückt bist. Liebe Lollo, wir werden auch zusammen Rad fahren, wenn du da bist, aber sehr vorsichtig, damit so etwas nicht wieder geschieht. Die bessere Fußhaltung hast du ja nun erworben.3 |

Heute nachmittag machte ich einen langen Waldspaziergang mit Gerty. Sie ist die Erste und vielleicht die Einzige, die uns ganz ver|71steht. Du kannst sicher sein, daß sie dich mit großer Liebe erwartet und Alles tun wird, um das Unmögliche (unser Zusammensein hier!) möglich zu machen. Noch weiß ich gar nicht, wie sich eigentlich Nelly stellen will. Wir haben in den letzten Wochen in Münster nicht über dich geredet. Eine Aussprache zwischen dir und ihr könnte vielleicht auch nicht gut endigen. Die Gefahren dieser Zeit sehen wir vielleicht überhaupt noch nicht. Aber das Wundervolle dieser Zeit (und auch ihre Notwendigkeit) ist so groß, daß die Freude darauf doch viel größer ist als die Angst davor. Nur davor habe ich jetzt Angst, du könntest plötzlich nach München reisen und nicht zu mir kommen wollen. Gelt, gelt, du kommst?

Neben mir stehen deine beiden Bilder. Ich kenne bald jeden Zug und jeden Schatten und kann mich doch nicht satt sehen daran. Wie wird es sein, wenn du selbst, du selbst da bist!

Mit dem Arbeiten hier ist’s nicht wichtig. Georg erzählt und redet unermüdlich, und auch sonst gibt es allerlei wichtige [?] Hindernisse. Wie müssen wir uns alle schämen, wenn ich denke, wie du treppauf und -ab läufst und müder und immer müder wirst in dem öden Krefeld. Ob du dich aufs neue für diese Anstalt hast gewinnen lassen für nachher? Die Nähe zu Münster wäre ja ein gewichtiger Grund dafür; aber vor dem Frühjahr darfst du sicher nicht wieder arbeiten. Ich erschrecke, wenn ich daran denke, wie schmal deine Hände geworden sind, und möchte Alles tun, um dich wieder zu Kräften kommen zu sehen. Bitte, bitte, liebe, liebste Lollo, überspring das Mittagessen nicht, schlaf genügend usf., auch in diesen Tagen noch. Du darfst mir nicht krank werden und sterben. Wenn du wüßtest, was du für mich bist, du würdest mich nicht umsonst bitten lassen in dieser Hinsicht.4

Genug! Das ganze Bergli schläft. Rudi wird erstaunt sein, morgen früh schon wieder einen Brief von mir an dich draußen liegen zu sehen und mitnehmen zu müssen. Morgen kommt Nelly und vielleicht Eduard. In der Zeit, wo du hier bist, sollen dann weitere Besuche tunlichst ferngehalten werden. Gerty ist ein guter, guter Mensch.

Leb wohl, liebe kleine Lollo!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Vgl. oben das Postskriptum von Nr. 18, S. 30.↩
2
Erica Küppers (1891–1968) studierte Germanistik, Philosophie und Theologie u. a. in Göttingen. 1926 Studienrätin in Droyssig/Zeitz, 1930-1933 Studium bei Barth in Bonn; 1936 theologische Erwachsenenbildung in Frankfurt am Main; 1950 als eine der ersten hessischen Theologinnen ordiniert. Erica Küppers gehörte seit Göttingen zum Freundeskreis Barths und später von Kirschbaums. Vgl. M. Flesch-Thebesius, Blume der Steppe 📖 (s. unten S. 332, Anm. 4).↩
3
Siehe oben S. 55, Anm. 4.↩
4
Die letzten beiden Sätze sind von Barth am linken und rechten Rand mit senkrechten Strichen hervorgehoben.↩