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Wahrhaftig, «es»1 treibt mich, dir heute,
bevor ich schlafen gehe, schon wieder zu schreiben. Der Gedanke beunruhigt mich
so, ich könnte dich gestern bedrängt haben wegen des Geplappers des Münchener
Doktors, der doch von uns
sagen mag, was er will. Dich aber möchte ich jetzt um keinen Preis bedrängen,
sondern dir lauter Freude und Mut zusprechen zum Überstehen der letzten
Wegstrecke. Sag mir schnell, daß dich mein Brief nicht betrübt hat. Du sollst
nicht betrübt sein, sondern du sollst dich mit mir freuen auf die paar Tage, wo
wir uns, vielleicht vielfach gestört, aber vielleicht manchmal auch ungestört
noch einmal haben dürfen vor der langen Trennung. Es ist Alles so schön hier,
wie wenn es wartete auf dich.|
Eben kommen wir von einer Radfahrt zurück: Rudi, Gerty, Georg, Erica Küppers2 und ich.
Wir waren in Walchwil am Zugersee. Ich sah in Baar die Stelle, wo du verunglückt bist. Liebe Lollo,
wir werden auch zusammen Rad fahren, wenn du da bist, aber sehr vorsichtig, damit so etwas nicht
wieder geschieht. Die bessere Fußhaltung hast du ja nun erworben.3
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Heute nachmittag machte ich einen langen Waldspaziergang mit Gerty. Sie ist die Erste und vielleicht die Einzige, die uns
ganz ver|71steht. Du kannst sicher sein,
daß sie dich mit großer Liebe erwartet und Alles tun
wird, um das Unmögliche (unser Zusammensein hier!) möglich zu machen. Noch weiß
ich gar nicht, wie sich eigentlich Nelly stellen will. Wir haben in
den letzten Wochen in Münster nicht über dich geredet. Eine Aussprache
zwischen dir und ihr könnte vielleicht auch nicht gut endigen. Die Gefahren
dieser Zeit sehen wir vielleicht überhaupt noch nicht. Aber das Wundervolle
dieser Zeit (und auch ihre Notwendigkeit) ist so groß, daß die
Freude darauf doch viel größer ist als die Angst davor. Nur davor habe ich jetzt
Angst, du könntest plötzlich nach München reisen und nicht zu mir kommen wollen. Gelt, gelt, du
kommst?
Neben mir stehen deine beiden Bilder. Ich kenne bald jeden Zug und jeden Schatten und kann mich
doch nicht satt sehen daran. Wie wird es sein, wenn du selbst, du selbst da
bist!
Mit dem Arbeiten hier ist’s nicht wichtig. Georg erzählt und redet unermüdlich, und auch sonst
gibt es allerlei wichtige [?] Hindernisse. Wie müssen wir uns alle schämen, wenn
ich denke, wie du treppauf und -ab läufst und müder und immer müder wirst in dem
öden Krefeld. Ob du dich aufs neue für diese Anstalt hast gewinnen lassen für
nachher? Die Nähe zu Münster wäre ja ein gewichtiger Grund dafür;
aber vor dem Frühjahr darfst du sicher nicht wieder arbeiten. Ich
erschrecke, wenn ich daran denke, wie schmal deine Hände geworden sind, und
möchte Alles tun, um dich wieder zu Kräften kommen zu sehen. Bitte, bitte,
liebe, liebste Lollo, überspring das Mittagessen nicht, schlaf genügend usf.,
auch in diesen Tagen noch. Du darfst mir nicht krank werden und
sterben.
Wenn du wüßtest, was du für mich bist, du würdest mich nicht umsonst bitten
lassen in dieser Hinsicht.4
Genug! Das ganze Bergli schläft. Rudi wird
erstaunt sein, morgen früh schon wieder einen Brief von mir an dich draußen
liegen zu sehen und mitnehmen zu müssen. Morgen kommt Nelly und
vielleicht Eduard. In der
Zeit, wo du hier bist, sollen dann weitere Besuche tunlichst
ferngehalten werden. Gerty ist ein guter,
guter Mensch.
Leb wohl, liebe kleine Lollo!