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Ich sitze an einem seltsamen Ort, wo wir vielleicht binnen kurzem auch zusammen
sitzen werden: in einer richtigen alten Postkutsche ohne Räder, die Rudi als
eine Art Gartenhäuschen in einer entfernten Ecke seines Besitztums (wo früher das Sonnenbad war) hat aufrichten
lassen. Ja, nun trittst du morgen deine letzte Arbeitswoche an, und ich kann dir
nicht sagen, wie froh ich bin für dich, daß es so weit ist.
Freilich auch für mich, weil dann die wunderbaren Wochen kommen, wo
ich dich alle Tage sehen darf. Das Thema ist hier nun wirklich ausgiebig und
vielleicht endgültig besprochen worden, was dir insofern recht sein kann, als
bei deiner Ankunft – wenn nicht neue Störungen eintreten – eine verhältnismäßig
klare Lage vorhanden sein wird. Für mich ist das bisherige
Ergebnis all der geführten Gespräche merkwürdigerweise das: der Schatten von
Schuld und Leid und Verzicht, unter dem du und ich stehen, ist da und wird da sein, aber er ist
nicht das Einzige, was da ist, sondern es gibt ein freilich schwer zu
umschreibendes gewisses Recht, das wir aufeinander haben, und
dieses Rechtes dürfen und werden wir uns
freuen. Du sollst
also nicht nur mit «Angst» hieher kommen, sondern auch mit Freude.|
Liebste Lollo, es kann ja nicht einfach Teufelswerk sein, es muß ja
doch irgend einen Sinn und ein Lebensrecht haben, daß wir
uns – nein, ich will nur von mir reden: daß ich dich so lieb habe, so gar
keine Möglichkeit sehe, das zu lassen. Georg und Eduard werden nicht mehr hier sein, wenn du kommst, und – Nelly
wahrscheinlich auch nicht. Ich habe sehr schwere Tage und Stunden mit Nelly hinter mir,
von denen ich dir dann erzählen werde. Wir haben uns aber ehrlich auseinandergesetzt und
sind zu einem gewissen Abschluß gekommen: wir setzen unsere Ehe mit allem Ernst
fort unter
ebenso ernster Anerkennung der Tatsache, daß Lollo auch da ist und
daß ich sie nun einmal lieb habe und haben
werde. Gelt, du
nimmst es Nelly
nicht übel, daß es ihr so furchtbar schwer fällt, sich darein zu finden. Sie hat ja
wirklich alles Recht auf ihrer Seite und du nur das
«Elementarereig|73nis», das wir nicht leugnen und nicht
rückgängig machen können. Ein gewisses Doppelleben kann ich nun
einfach nicht vermeiden. Alles kommt darauf an, daß es nach beiden Seiten gut
ist, daß ich dir und Nelly soviel Leid als möglich erspare, soviel Liebe als möglich
gebe. Das möchte ich. Darum suche ich nun ein Zusammensein zu
dritt zu vermeiden und hoffe, es gelinge, Alles so
vorzubereiten, daß ich dich ruhigen Gewissens erwarten kann und
du – wirklich, Lollo, es könnte vielleicht sein, daß du diesen
Wochen als einem kleinen Fest entgegensehen darfst. Einsam bist du
genug gewesen in deinem Leben, ich möchte dir so gerne nun etwas Anderes zeigen
und schenken. Die Kürze der Zeit wird uns den Ernst des Lebens, der uns doch
schließlich zusammengeführt hat und zusammenhält, nicht vergessen lassen. Es ist
eigentlich Gerty, die mir die Sache in dieses neue Licht
gerückt hat. Jedes Licht kann ein Irrlicht sein. Es liegt an uns, uns nicht
letztlich irre führen zu lassen, wenn wir uns des bißchen
Lichtes freuen. Das ist’s, was ich dir heute schreiben wollte.
Denk, Georgs
eigentliche Gedanken sind mir etwas schleierhaft. Er ist mir gegenüber nicht
ganz offen in dem, was er meint und will. Vielleicht darum, weil er doch
mehr betrübt ist darüber, dich zu «verlieren», als er zeigen will. Das würde ich
ja verstehen, aber irgend etwas an seiner Haltung (auch in Bezug auf die zwei
Gross1?) gefällt mir nicht.
Daß mich das Mitwissen deiner Freundin nicht weiter anficht,
schrieb ich dir schon. Zu verzeihen habe ich dir nichts. Die Art, wie Georg mich an jenem Abend alarmierte, kam
mir schon am nächsten Morgen ungut vor.
Sonst ist’s wunderschön auf dem Bergli
wie nur je. Eduard ist
auch da. Gestern und heute wurde stramm geritten. Am Donnerstag fahren Eduard und ich mit Rudi nach Lugano2. Aber trotz Allem kommen mir die zehn Tage bis
zum 17. noch unendlich lang vor. Liebe Lollo,
schreibe mir, wann du in Basel ankommst und weiterfährst, wann in Zürich, wann du
hier eintriffst. Wer weiß, wie weit
ich dir entgegenkomme!! (Basel ist unwahrscheinlich, Zürich wahrscheinlich, wenn
ich es irgendwie einrichten kann.) In den ersten Tagen wird dann
Erica |74
Küppers noch hier sein, die
von nichts weiß. Nachher sind wir zwei wenigstens für eine Weile die einzigen
Gäste. Diese Aussicht ist fast zu schön, als daß ich bestimmt daran
zu glauben wage. Aber manchmal wird’s ja im Leben auch noch
schöner, als man es sich gedacht. Schreibe mir p. adr. Rudolf Pestalozzi, Münsterhof, Zürich. Es ist besser [so]3, je näher die Sache kommt.
Einen herzlichen Gruß sendet und viel, viel Gutes wünscht dir