Brief Nr. 41 · 8. August 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Meine Liebe Lollo!

Ich sitze an einem seltsamen Ort, wo wir vielleicht binnen kurzem auch zusammen sitzen werden: in einer richtigen alten Postkutsche ohne Räder, die Rudi als eine Art Gartenhäuschen in einer entfernten Ecke seines Besitztums (wo früher das Sonnenbad war) hat aufrichten lassen. Ja, nun trittst du morgen deine letzte Arbeitswoche an, und ich kann dir nicht sagen, wie froh ich bin für dich, daß es so weit ist. Freilich auch für mich, weil dann die wunderbaren Wochen kommen, wo ich dich alle Tage sehen darf. Das Thema ist hier nun wirklich ausgiebig und vielleicht endgültig besprochen worden, was dir insofern recht sein kann, als bei deiner Ankunft – wenn nicht neue Störungen eintreten – eine verhältnismäßig klare Lage vorhanden sein wird. Für mich ist das bisherige Ergebnis all der geführten Gespräche merkwürdigerweise das: der Schatten von Schuld und Leid und Verzicht, unter dem du und ich stehen, ist da und wird da sein, aber er ist nicht das Einzige, was da ist, sondern es gibt ein freilich schwer zu umschreibendes gewisses Recht, das wir aufeinander haben, und dieses Rechtes dürfen und werden wir uns freuen. Du sollst also nicht nur mit «Angst» hieher kommen, sondern auch mit Freude.|

Liebste Lollo, es kann ja nicht einfach Teufelswerk sein, es muß ja doch irgend einen Sinn und ein Lebensrecht haben, daß wir uns – nein, ich will nur von mir reden: daß ich dich so lieb habe, so gar keine Möglichkeit sehe, das zu lassen. Georg und Eduard werden nicht mehr hier sein, wenn du kommst, und – Nelly wahrscheinlich auch nicht. Ich habe sehr schwere Tage und Stunden mit Nelly hinter mir, von denen ich dir dann erzählen werde. Wir haben uns aber ehrlich auseinandergesetzt und sind zu einem gewissen Abschluß gekommen: wir setzen unsere Ehe mit allem Ernst fort unter ebenso ernster Anerkennung der Tatsache, daß Lollo auch da ist und daß ich sie nun einmal lieb habe und haben werde. Gelt, du nimmst es Nelly nicht übel, daß es ihr so furchtbar schwer fällt, sich darein zu finden. Sie hat ja wirklich alles Recht auf ihrer Seite und du nur das «Elementarereig|73nis», das wir nicht leugnen und nicht rückgängig machen können. Ein gewisses Doppelleben kann ich nun einfach nicht vermeiden. Alles kommt darauf an, daß es nach beiden Seiten gut ist, daß ich dir und Nelly soviel Leid als möglich erspare, soviel Liebe als möglich gebe. Das möchte ich. Darum suche ich nun ein Zusammensein zu dritt zu vermeiden und hoffe, es gelinge, Alles so vorzubereiten, daß ich dich ruhigen Gewissens erwarten kann und du – wirklich, Lollo, es könnte vielleicht sein, daß du diesen Wochen als einem kleinen Fest entgegensehen darfst. Einsam bist du genug gewesen in deinem Leben, ich möchte dir so gerne nun etwas Anderes zeigen und schenken. Die Kürze der Zeit wird uns den Ernst des Lebens, der uns doch schließlich zusammengeführt hat und zusammenhält, nicht vergessen lassen. Es ist eigentlich Gerty, die mir die Sache in dieses neue Licht gerückt hat. Jedes Licht kann ein Irrlicht sein. Es liegt an uns, uns nicht letztlich irre führen zu lassen, wenn wir uns des bißchen Lichtes freuen. Das ist’s, was ich dir heute schreiben wollte.

Denk, Georgs eigentliche Gedanken sind mir etwas schleierhaft. Er ist mir gegenüber nicht ganz offen in dem, was er meint und will. Vielleicht darum, weil er doch mehr betrübt ist darüber, dich zu «verlieren», als er zeigen will. Das würde ich ja verstehen, aber irgend etwas an seiner Haltung (auch in Bezug auf die zwei Gross1?) gefällt mir nicht. Daß mich das Mitwissen deiner Freundin nicht weiter anficht, schrieb ich dir schon. Zu verzeihen habe ich dir nichts. Die Art, wie Georg mich an jenem Abend alarmierte, kam mir schon am nächsten Morgen ungut vor.

Sonst ist’s wunderschön auf dem Bergli wie nur je. Eduard ist auch da. Gestern und heute wurde stramm geritten. Am Donnerstag fahren Eduard und ich mit Rudi nach Lugano2. Aber trotz Allem kommen mir die zehn Tage bis zum 17. noch unendlich lang vor. Liebe Lollo, schreibe mir, wann du in Basel ankommst und weiterfährst, wann in Zürich, wann du hier eintriffst. Wer weiß, wie weit ich dir entgegenkomme!! (Basel ist unwahrscheinlich, Zürich wahrscheinlich, wenn ich es irgendwie einrichten kann.) In den ersten Tagen wird dann Erica |74 Küppers noch hier sein, die von nichts weiß. Nachher sind wir zwei wenigstens für eine Weile die einzigen Gäste. Diese Aussicht ist fast zu schön, als daß ich bestimmt daran zu glauben wage. Aber manchmal wird’s ja im Leben auch noch schöner, als man es sich gedacht. Schreibe mir p. adr. Rudolf Pestalozzi, Münsterhof, Zürich. Es ist besser [so]3, je näher die Sache kommt. Einen herzlichen Gruß sendet und viel, viel Gutes wünscht dir

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 68, Anm. 1.↩
2
In Lugano (Kt. Tessin) befand sich eine Filiale der Eisenwarenhandlung R. Pestalozzis (s. Bw.Th. II, S. 453 📖).↩
3
Wort durch Lochung ausgefallen.↩