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Barth an v.K. auf dem
Bergli
Gelt, wie wird einem die Zeit lang, und wie unbefriedigend ist das bloße
Schreiben. Aber du denkst gewiß oft besorgt hieher und hast gerne einige
Nachrichten. Nun, es ist nicht viel zu erzählen und zum |96
Glück bis jetzt nur Gutes. Das Zusammentreffen ging programmäßig vor sich, nur
daß der Basler Zug eine Stunde später in Olten eintraf, als mein zarter Liebling mir angegeben hatte. Ich fand Alle gesund und vergnügt und
erfreut, mich zu sehen. Und nun ist es hier ein ruhiges Familienleben, in das du
dich ohne Aussicht auf Mühe und Kram einfügen wirst, wenn du erst da bist. Ich
spiele viel Punta2, Schach, «Teekessel» u. a. mit
den Kindern, mache diesen und
jenen «Weg», studiere das Missale Romanum3, schlafe
allein im unteren Zimmer (was viel zur Entspannung beiträgt!),
rauche meine Pfeife und Rudis
Brissagos4 wie gewohnt und bin bis auf Weiteres
zufrieden. Da der Samstag bald da sein wird, habe ich ja auch allen Anlaß dazu.
Mach auf alle Fälle, daß du am Samstag da bist. Der hiesige Pfarrer Rupp5 ist auf jeden Fall ein bewegter und gedankenreicher Prediger,
was Steilheit betrifft, vielleicht etwas auf der Linie von Ott6, aber nachdenklicher als dieser. Ich hatte
von seiner Predigt ehrlich
gestanden mehr als von der Eduards acht Tage zuvor. Es gab am Samstag Begegnungen: mit Frau Prof. Schädelin7, mit Oberrichter Bäschlin8 (der vor 30 Jahren im Kadettencorps mein Instruktor war),
mit Carstens9 aus Bremen, deren Gediegenheit auch
in den Alpen eine leuchtende ist. Die
vielen Theologen sind uns bis jetzt noch nicht sichtbar geworden. Die Luft ist
hier schon noch etwas frischer als auf dem Bergli und wird dir auch |97 wohl tun. Überhaupt:
ich glaube, daß du gern da sein wirst. Die «wohlerzogenen Kinder» weiden auf Wiesen und Bächen, machen keine
Mühe, fallen nicht lästig durch Krakeel und sind mir alle zutraulich zugetan.
Auf dein Kommen freuen sie sich alle. Aber gerade Fränzeli hat den dringenden Wunsch, auch einmal einen Tag aufs Bergli kommen zu dürfen, Ruth10 zu sehen und das Grammophon zu hören, und wahrscheinlich wollen dann die Buben (von
Zürich aus in der zweiten Hälfte September) auch mit!! Das Begehren wird
schwerlich ganz abzuschlagen sein. Aber wir werden sehen und weise
entscheiden.
Das bedeutsamste Ereignis bisher war das Eintreffen des beiliegenden Briefes11 aus Bonn. Fränzeli hat in Abwesenheit meiner Sekretärin die Kopie meiner Antwort besorgt,
die ich mit beilege.12 Du kannst Alles
auch Rudis zeigen. Ich kann nicht leugnen, daß mich die Sache (schon
wegen des Gegenkandidaten Hirsch13!!) jetzt interessanter anschaut
als früher, glaube aber nicht, daß man mich wählen wird in Berlin14.
Ach du, die «lieben» Sachen schreibe ich nicht gern aufs Papier. Du weißt ja auch
Alles. Es ist so selbstverständlich geworden diesen Sommer. Ich
merke es hier auch fast besser, als wenn ich bei dir bin. |98
Schreibst du mir auch einmal? Was mag dort Alles geschehen? Denkst du auch
gelegentlich an mich? Grüße Alle, Alle! Dir aber … ach nein, du weißt
schon!