Brief Nr. 53 · 5. August 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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D. L.!

Gelt, wie wird einem die Zeit lang, und wie unbefriedigend ist das bloße Schreiben. Aber du denkst gewiß oft besorgt hieher und hast gerne einige Nachrichten. Nun, es ist nicht viel zu erzählen und zum |96 Glück bis jetzt nur Gutes. Das Zusammentreffen ging programmäßig vor sich, nur daß der Basler Zug eine Stunde später in Olten eintraf, als mein zarter Liebling mir angegeben hatte. Ich fand Alle gesund und vergnügt und erfreut, mich zu sehen. Und nun ist es hier ein ruhiges Familienleben, in das du dich ohne Aussicht auf Mühe und Kram einfügen wirst, wenn du erst da bist. Ich spiele viel Punta2, Schach, «Teekessel» u. a. mit den Kindern, mache diesen und jenen «Weg», studiere das Missale Romanum3, schlafe allein im unteren Zimmer (was viel zur Entspannung beiträgt!), rauche meine Pfeife und Rudis Brissagos4 wie gewohnt und bin bis auf Weiteres zufrieden. Da der Samstag bald da sein wird, habe ich ja auch allen Anlaß dazu. Mach auf alle Fälle, daß du am Samstag da bist. Der hiesige Pfarrer Rupp5 ist auf jeden Fall ein bewegter und gedankenreicher Prediger, was Steilheit betrifft, vielleicht etwas auf der Linie von Ott6, aber nachdenklicher als dieser. Ich hatte von seiner Predigt ehrlich gestanden mehr als von der Eduards acht Tage zuvor. Es gab am Samstag Begegnungen: mit Frau Prof. Schädelin7, mit Oberrichter Bäschlin8 (der vor 30 Jahren im Kadettencorps mein Instruktor war), mit Carstens9 aus Bremen, deren Gediegenheit auch in den Alpen eine leuchtende ist. Die vielen Theologen sind uns bis jetzt noch nicht sichtbar geworden. Die Luft ist hier schon noch etwas frischer als auf dem Bergli und wird dir auch |97 wohl tun. Überhaupt: ich glaube, daß du gern da sein wirst. Die «wohlerzogenen Kinder» weiden auf Wiesen und Bächen, machen keine Mühe, fallen nicht lästig durch Krakeel und sind mir alle zutraulich zugetan. Auf dein Kommen freuen sie sich alle. Aber gerade Fränzeli hat den dringenden Wunsch, auch einmal einen Tag aufs Bergli kommen zu dürfen, Ruth10 zu sehen und das Grammophon zu hören, und wahrscheinlich wollen dann die Buben (von Zürich aus in der zweiten Hälfte September) auch mit!! Das Begehren wird schwerlich ganz abzuschlagen sein. Aber wir werden sehen und weise entscheiden.

Das bedeutsamste Ereignis bisher war das Eintreffen des beiliegenden Briefes11 aus Bonn. Fränzeli hat in Abwesenheit meiner Sekretärin die Kopie meiner Antwort besorgt, die ich mit beilege.12 Du kannst Alles auch Rudis zeigen. Ich kann nicht leugnen, daß mich die Sache (schon wegen des Gegenkandidaten Hirsch13!!) jetzt interessanter anschaut als früher, glaube aber nicht, daß man mich wählen wird in Berlin14.

Ach du, die «lieben» Sachen schreibe ich nicht gern aufs Papier. Du weißt ja auch Alles. Es ist so selbstverständlich geworden diesen Sommer. Ich merke es hier auch fast besser, als wenn ich bei dir bin. |98 Schreibst du mir auch einmal? Was mag dort Alles geschehen? Denkst du auch gelegentlich an mich? Grüße Alle, Alle! Dir aber … ach nein, du weißt schon!

D.
K.

Sachfußnoten

1
Auf dem Beatenberg (Kt. Bern) befand sich das von der Familie Lindt-Barth und weiteren Verwandten von 1927-1933 als Feriendomizil genutzte Chalet «Schmockli». Das Chalet war gemietet. Von 1922-1926 war Karl Lindt Pfarrer in Beatenberg gewesen.↩
2
Ein Schweizer Spiel mit Karten und Würfeln.↩
3
Das «Römische Meßbuch» für die Eucharistiefeier. Barths Lektüre schlug sich u. a. in KD I/1, S. 67f.389. 435.445.492.496.512 📖 nieder.↩
4
Lange, dünne in Brissago (Kt. Tessin) hergestellte Zigarren.↩
5
Friedrich Franz Rupp (1891–1942), 1926-1942 Nachfolger von Karl Lindt als Pfarrer in Beatenberg (Kt. Bern).↩
6
Ernst Ott (1903–1984), Pfarrer in Safenwil (Kt. Aargau) von 1927-1932. Vgl. zum Inhalt und Stil seines Predigens die Beschreibung von E. Thurneysen in Bw.Th. II, S. 665–667 📖.↩
7
Stephanie Schädelin, geb. Rogg (1880–1967), bis zur Heirat (1909) mit A. Schädelin Krankenpflegerin im Inselspital Bern. – Albert Schädelin (1879–1961), 1911-1952 Pfarrer am Berner Münster, 1928-1951 zugleich Professor für Praktische Theologie an der Universität Bern.↩
8
Hans Bäschlin (1873–1957), Oberrichter in Bern; Bruder von Conrad Bäschlin (s. unten S. 387, Anm. 12).↩
9
Richter Dr. Wilhelm Carstens (1885–1945) und seine Ehefrau Luggi, geb. Zurlinden (1888–1959), eine gebürtige Bernerin und seit ihrer Jugend mit Barth bekannt.↩
10
Tochter von Gerty und Rudolf Pestalozzi (geb. 1915).↩
11
Brief von Prof. Dr. Gustav Hölscher aus Bonn vom 1.8.1929 mit der Mitteilung, eine Gruppe von Bonner Professoren habe in der Fakultätssitzung vom 31.7.1929 Barth auf Platz 1 einer Berufungsliste für die dortige Professur für Systematische Theologie gesetzt; den ersten Platz auf der Gegenliste einer anderen Professorengruppe nehme Emanuel Hirsch (s. unten Anm. 13) ein. - G. Hölscher (1877–1955) war nach Professuren in Halle, Gießen und Marburg seit 1929 o. Professor für Altes Testament in Bonn.↩
12
Handschriftliche Abschrift von Barths Antwortbrief vom 5.8.1929, in dem er Zweifel daran äußert, ob er tatsächlich mit einer Berufung rechnen könne. Barth erklärt sich bereit, gegebenenfalls «das, was Sie und jene anderen Herren Kollegen zur Aufstellung dieser Liste bestimmt hat, mit Ihnen in sorgfältigste Überlegung zu ziehen» (KBA 9229.143).↩
13
Emanuel Hirsch (1888–1972), 1915 Privatdozent in Bonn, seit 1921 o. Professor für Kirchengeschichte und von 1936-1945 für Systematische Theologie in Göttingen.↩
14
In Berlin hatte das preußische Kultusministerium über Barths mögliche Berufung auf einen Lehrstuhl nach Bonn zu entscheiden, da das Rheinland zu Preußen gehörte. Siehe dazu unten S. 110–112.↩