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Barth an v.K. auf dem
Bergli
Ich habe dir gestern zu früh geschrieben, daß Alles gut gehe und daß du fröhlich
kommen könnest und sollest.1 Wir verbrachten den heutigen Tag auf einer Alp, und da forderte mich Nelly zu einem Weg
mit ihr auf, auf dem es zu einem denkbar unguten Gespräch kam. Alles, was ich in diesen Tagen hier,
teilweise mit einigem Aufgebot an gutem Willen, in der
Hauptsache aber doch spontan und kunstlos rechtzumachen meinte, war in ihren
Augen nun doch bloß «Kälte» und «eine Rolle spielen» gewesen und ist mir nun
kurzerhand aus der Hand geschlagen. Es ist aber auch sonst und im Ganzen so, daß
sie mehr als je nur sich selbst und ihre Not sieht und auf Wegen und Umwegen immer nur
aufs Neue an das Ziel ihrer Wünsche denken kann. Was darüber ist, ist ein
gelegentliches Mitleid mit uns, aus dem heraus sie wohl etwa zu gewissen heroischen
Gedanken und Entschlüssen kommen kann. Aber nicht wahr, daß sie mir heute von
«Scheidung» reden
konnte, zeigt doch wohl vorläufig endgültig, daß wir mit ihr
gemeinsam eben nicht beraten und noch weniger
handeln können. Sie versteht nicht, sie kann nicht, sie
will nicht, was wir meinen oder bis jetzt gemeint haben. Das
kam heute so unzweideutig klar heraus, daß ich vorläufig und für lange und
vielleicht für immer jeden weiteren Versuch einer Verständigung aufgebe.
Mit Nelly
zusammen, in einem guten klaren Verhältnis, können wir den Plan
deines Kommens zu uns2
weder ausführen noch fallen lassen. |99 Ich könnte es wohl erreichen, daß sie auf meinen Wunsch
hin und in einer von jenen Regungen – nicht von Verständnis, aber von Mitleid zustimmte.
Aber ich sehe nun ein, daß du recht hattest mit deiner Furcht vor einer «Luft,
in der du nicht atmen könnest».
Auch ich sehe jetzt von Nelly her eine Situation entstehen, die deiner und unser aller nicht
würdig wäre. Nelly wäre wohl im Blick auf mich, auf das Dekanatsjahr etc. und wiederum aus Mitleid dir
gegenüber bereit, die Sache zu machen und sich nach außen dazu zu bekennen. Was
die innere Seite betrifft, so bleibt sie dabei, an das
zu denken, was dabei für sie schmerzlich wäre. Alles Andere existiert eben nicht. Und
im Hintergrund macht sie den Vorbehalt der Scheidung. Nein, so können
wir es eben nicht wagen, und weil es so steht, darum wollen wir es lassen. Ich
dachte zuerst immer noch, daß auch dieser Entscheid wenigstens aus
einer guten gemeinsamen Einsicht gefaßt werden könnte. Aber auch
das geht nicht: sie redete auch darüber durchaus unfreundlich: wir würden uns ja
doch auch so auf dem Bergli wieder
treffen wollen usf. Ich konnte schließlich nur traurig abbrechen und heimgehen.
Ich sagte ihr, daß ich dir und was ich dir schreiben
werde, und sie ließ mich ziehen. Was sie sich bei dem allem denkt? Warum sie
nicht merkt, wie schwer sie es mir macht, fernerhin zu ihr zu
halten und auch nur harmlos und gut fernerhin dabei zu sein? Warum sie nicht
sieht und begreift, daß sie so den Knoten nur noch mehr verwickelt? Ich kann es
dir nicht sagen, weil ich es selber nicht weiß. Ich stehe vor einem
schmerzlichen Rätsel, aber ich kann mir bei allem Glauben und aller Hoffnung
nicht denken, daß es sich nächste Woche öffnen werde, und darum ist’s besser –
auch das habe ich Nelly gegenüber schon ausgesprochen, und es schien ihr recht zu sein
-, wenn du deinen Besuch hier unterlässest.3 Fruchtbar würde diese Zeit nicht werden, nicht einmal ehrlich
und darum sicher – für dich am allerwenigsten – auch nicht erfreulich. Ich
komme dann programmäßig am 20. wieder zu dir, und dann haben wir noch unsere
letzten fünf Wochen. Ich wage vorläufig nicht zu denken an das Nachher, und ich
weiß, wie auch dich dieser Brief treffen wird trotz Allem, was du von dir aus
gegen «Münster» hattest
. Vielleicht wartest du noch mit definitiven
Abmachungen für deine Zukunft, bis ich auch wieder mitreden kann. |100 Wenn du deinen beabsichtigten Besuch bei meiner Schwester
doch ausführen wolltest, so wäre mir das irgendwie lieb und
tröstlich. Aber es sei dir überlassen. Ich brauche dir nicht zu sagen,
wie traurig ich dran bin, wie ich mich der guten Kinder wegen zusammennehmen muß und
wie ich mich nach dir sehne. Warum kann nicht
Alles wenigstens ein wenig anders sein? Liebe Lollo!
Warum habe ich nur diesen unglücklichen Vorschlag gemacht am 1. Januar und
damit nur noch mehr Unruhe und Enttäuschung in dein Leben gebracht? Du mußt mir nun auch
das verzeihen.