Brief Nr. 54 · 7. August 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

98

54

Liebste Lollo!

Ich habe dir gestern zu früh geschrieben, daß Alles gut gehe und daß du fröhlich kommen könnest und sollest.1 Wir verbrachten den heutigen Tag auf einer Alp, und da forderte mich Nelly zu einem Weg mit ihr auf, auf dem es zu einem denkbar unguten Gespräch kam. Alles, was ich in diesen Tagen hier, teilweise mit einigem Aufgebot an gutem Willen, in der Hauptsache aber doch spontan und kunstlos rechtzumachen meinte, war in ihren Augen nun doch bloß «Kälte» und «eine Rolle spielen» gewesen und ist mir nun kurzerhand aus der Hand geschlagen. Es ist aber auch sonst und im Ganzen so, daß sie mehr als je nur sich selbst und ihre Not sieht und auf Wegen und Umwegen immer nur aufs Neue an das Ziel ihrer Wünsche denken kann. Was darüber ist, ist ein gelegentliches Mitleid mit uns, aus dem heraus sie wohl etwa zu gewissen heroischen Gedanken und Entschlüssen kommen kann. Aber nicht wahr, daß sie mir heute von «Scheidung» reden konnte, zeigt doch wohl vorläufig endgültig, daß wir mit ihr gemeinsam eben nicht beraten und noch weniger handeln können. Sie versteht nicht, sie kann nicht, sie will nicht, was wir meinen oder bis jetzt gemeint haben. Das kam heute so unzweideutig klar heraus, daß ich vorläufig und für lange und vielleicht für immer jeden weiteren Versuch einer Verständigung aufgebe.

Mit Nelly zusammen, in einem guten klaren Verhältnis, können wir den Plan deines Kommens zu uns2 weder ausführen noch fallen lassen. |99 Ich könnte es wohl erreichen, daß sie auf meinen Wunsch hin und in einer von jenen Regungen – nicht von Verständnis, aber von Mitleid zustimmte. Aber ich sehe nun ein, daß du recht hattest mit deiner Furcht vor einer «Luft, in der du nicht atmen könnest». Auch ich sehe jetzt von Nelly her eine Situation entstehen, die deiner und unser aller nicht würdig wäre. Nelly wäre wohl im Blick auf mich, auf das Dekanatsjahr etc. und wiederum aus Mitleid dir gegenüber bereit, die Sache zu machen und sich nach außen dazu zu bekennen. Was die innere Seite betrifft, so bleibt sie dabei, an das zu denken, was dabei für sie schmerzlich wäre. Alles Andere existiert eben nicht. Und im Hintergrund macht sie den Vorbehalt der Scheidung. Nein, so können wir es eben nicht wagen, und weil es so steht, darum wollen wir es lassen. Ich dachte zuerst immer noch, daß auch dieser Entscheid wenigstens aus einer guten gemeinsamen Einsicht gefaßt werden könnte. Aber auch das geht nicht: sie redete auch darüber durchaus unfreundlich: wir würden uns ja doch auch so auf dem Bergli wieder treffen wollen usf. Ich konnte schließlich nur traurig abbrechen und heimgehen. Ich sagte ihr, daß ich dir und was ich dir schreiben werde, und sie ließ mich ziehen. Was sie sich bei dem allem denkt? Warum sie nicht merkt, wie schwer sie es mir macht, fernerhin zu ihr zu halten und auch nur harmlos und gut fernerhin dabei zu sein? Warum sie nicht sieht und begreift, daß sie so den Knoten nur noch mehr verwickelt? Ich kann es dir nicht sagen, weil ich es selber nicht weiß. Ich stehe vor einem schmerzlichen Rätsel, aber ich kann mir bei allem Glauben und aller Hoffnung nicht denken, daß es sich nächste Woche öffnen werde, und darum ist’s besser – auch das habe ich Nelly gegenüber schon ausgesprochen, und es schien ihr recht zu sein -, wenn du deinen Besuch hier unterlässest.3 Fruchtbar würde diese Zeit nicht werden, nicht einmal ehrlich und darum sicher – für dich am allerwenigsten – auch nicht erfreulich. Ich komme dann programmäßig am 20. wieder zu dir, und dann haben wir noch unsere letzten fünf Wochen. Ich wage vorläufig nicht zu denken an das Nachher, und ich weiß, wie auch dich dieser Brief treffen wird trotz Allem, was du von dir aus gegen «Münster» hattest . Vielleicht wartest du noch mit definitiven Abmachungen für deine Zukunft, bis ich auch wieder mitreden kann. |100 Wenn du deinen beabsichtigten Besuch bei meiner Schwester doch ausführen wolltest, so wäre mir das irgendwie lieb und tröstlich. Aber es sei dir überlassen. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie traurig ich dran bin, wie ich mich der guten Kinder wegen zusammennehmen muß und wie ich mich nach dir sehne. Warum kann nicht Alles wenigstens ein wenig anders sein? Liebe Lollo!

Dein
K.

Warum habe ich nur diesen unglücklichen Vorschlag gemacht am 1. Januar und damit nur noch mehr Unruhe und Enttäuschung in dein Leben gebracht? Du mußt mir nun auch das verzeihen.

Sachfußnoten

1
Wahrscheinlich ist der Brief vom 5.8.1929 gemeint. Vom 6.8.1929 ist kein Brief vorhanden.↩
2
Die Realisierung des am 1.1.1929 während von Kirschbaums Besuch in Münster gefaßten Beschlusses, daß sie in das Haus Barths einziehen solle.↩
3
Der Besuch erfolgte trotzdem, s. unten S. 103, Anm. 4.↩