Brief Nr. 55 · 9. August 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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M. l.L.!

Ich habe ja gewußt, daß es schwer werde in diesen Wochen, aber daß sich nun Alles so bitter und hoffnungslos gestaltet, das ahnte ich doch nicht. Wir haben gestern fast den ganzen Tag zu weiteren Gesprächen verwenden müssen, und sie brachten nichts Anderes als die runde, volle, ausdrückliche Bestätigung dessen, was ich dir vorgestern geschrieben. Ich habe Nelly gebeten, nun wenigstens ganz klar und offen und ohne alle verschleiernde und täuschende Rücksichtnahme auf Gesichtspunkte, die ihr ja doch nicht entscheidend seien (meine Arbeit, deine Situation etc.), sich zu dem zu bekennen, was ihre eigentliche wohlüberlegte Meinung und Stellung sei. Und nun wurde und wird es [es hat hier soeben ein weiteres langes Morgengespräch das Schreiben unterbrochen!]1 immer aufs Neue ganz klar, daß Nelly eigentlich und letztlich die entstandene Lage (das «Dreieck», bei dem es gelten würde, in strenger Gemeinsamkeit zu denken und zu handeln) nicht verstehen und nicht annehmen kann, sondern, wie sie sich ausdrückt, einen «anderen Glauben» hat. Was konkret bedeutet, daß |101 sie mir gegenüber beim Geltendmachen ihres ersten und tiefsten Anspruchs und dir gegenüber bei der anklagenden Frage stehen bleiben muß. Sie sieht nun sehr genau, was die Trennung für uns, d. h. besonders für mich, bedeutet, aber dieses «Mitleid», wie sie gestern in einem guten Augenblick sagte, ist in jenen «Glauben» nicht mit aufgenommen, sondern steht als etwas entschieden Sekundäres daneben. Es bedeutet für sie eine ernsthafte Anfechtung und Bekümmerung, zu sehen, wie ich dran bin bei der Aussicht auf die Zukunft, aber nicht eine Anfechtung und Bekümmerung in jenem «Glauben». Aus diesem Mitleid heraus bzw. aus dieser Anfechtung heraus erklärte sie und erklärt sie immer wieder ihre Bereitschaft, den Plan deines Kommens doch zu realisieren: weil sie sehe, was es bei mir für Folgen habe, wenn wir es anders machten. Ich meine nun aber bestimmt, daß das kein tragfähiger Grund für dieses folgenschwere Unternehmen ist. Zu unmißverständlich, eindeutig und ausdrücklich kam es heraus, daß Nelly zum Mittragen des Ganzen nicht in der Lage ist, als daß ich ihr das Mittragen dieser außerordentlichen Einzelmöglichkeit verantwortlicherweise zumuten könnte. Auf Grund jener sekundären Einsichten und auf dem Hintergrund jenes unerschütterten «Glaubens» könnte sie ein dauerndes Zusammensein zu dritt weder innerlich, noch den Kindern, noch Anderen gegenüber in guter Weise aushalten und durchführen, und wir könnten es ohne sie (und im Grunde gegen sie) auch nicht. Ich halte es darum für geboten, daß wir diesen Plan fallen lassen. Es gehörten drei dazu, und zwar drei für das Ganze (ohne unerschütterte Hintergründe) bereite Menschen. Wir sind aber nur zwei, die Mehrheit kann hier nicht entscheiden, und darum müssen und wollen wir (ich weiß mich deiner Übereinstimmung zum vornherein sicher) zurücktreten. Ich beklage es, daß es nicht möglich war und ist, diesen negativen Entschluß wenigstens einmütig, aus wirklich gemeinsamer Einsicht in die wirklich gemeinsame Not zu fassen. Aber Nelly hat nun einmal die Voraussetzung dazu nicht und steht ihrerseits nur vor dem auch schwer genug auf ihr lastenden Dilemma: entweder unseren wenigstens in der Linie ihrer eigentlichen Meinung liegenden Verzicht mit allen etwa drohenden (sekundären) Folgen anzunehmen oder gegen ihre eigentliche Meinung ihrerseits zu verzichten und damit uns unter die Drohung der allfälligen Folgen zu stellen. Sie weiß, daß auch die erste Möglichkeit, die nun gewählt ist, |102 keineswegs ein Erreichen von dem bedeutet, was im Grunde ihrer Meinung entspricht; es steht darum bei ihr auf der Waage, ob sie uns nicht doch lieber noch einmal die zweite antragen soll. Für uns aber kommt nach meiner bestimmten Überzeugung nur die erste in Betracht. Wir könnten die zweite nur annehmen, wenn Nelly ernstlich und letztlich bei der Sache wäre. Das ist nicht der Fall, und nun ist es leider so, daß wir die zweite, unseren Verzicht, in einem ganz anderen Sinn anbieten und durchführen, als er von Nelly angenommen wird. Gut an der ganzen Situation ist nur das, daß auch dieses Letzte zwischen Nelly und mir ganz offen eingesehen und ausgesprochen ist. Es bleibt für uns nur übrig, diese negative Lösung, von der wir ja auch für Nelly nichts Gutes, sondern höchstens weniger akut Schlimmes erwarten können, mit Ruhe und Würde in die Tat umzusetzen, d. h. uns mit dem bitter Wenigen, was uns nun noch übrigbleibt, zufrieden zu geben. Nelly hat mich mehr als einmal gefragt, warum ich ihr letztliches Nein erst jetzt gehört, ob ich denn nie gemerkt habe, daß sie im Grunde allen unseren Unternehmungen, von der ersten an, ebenso ablehnend gegenübergestanden sei wie jetzt dieser. Ich habe ihr geantwortet, daß ich ihre Abwehr bei Anlaß jener verhältnismäßig geringfügigeren Fragen (Wernigerode, Weihnacht, Bergli etc.)2 in der Tat so ernst nicht nehmen zu müssen meinte, daß aber jetzt der Moment gekommen sei, genau und aufrichtig zu reden und zu hören, und daß dieser Entscheid auf keinen Fall gegen ihre eigentliche Meinung auf Grund ihrer sekundären Zustimmungsgründe zustande kommen werde. In Bezug auf die übrig bleibenden Möglichkeiten für uns halte ich mich für frei. Ich werde demnächst wieder zu dir aufs Bergli kommen (und zwar vermutlich nun schon vor dem 20.). Wir werden uns weiter schreiben. Wir werden uns auch in weiterer Zukunft die wenigen Male, wo es möglich sein wird, sehen. Ich muß es dann eben auf mich nehmen und verantworten , diese kleineren Fragen in unserem Sinn und im Widerspruch zu Nellys eigentlicher Meinung zu lösen. Das braucht ja dann auch nicht zu bedeuten, daß es nicht in relativem |103 Frieden zwischen Nelly und mir geschehen kann, wie ich meinerseits mir jetzt Mühe geben möchte, die durch Nellys Haltung diktierte Entscheidung so friedlich als möglich hinzunehmen (oh, es fällt mir schwer genug, und ich mache es nicht gut!). Die uns jetzt beschäftigende Frage aber, die deines Kommens nach Münster, kann sicher im Blick auf Nellys Haltung nur so gelöst werden.

Nelly ist vorhin auch darauf noch einmal zurückgekommen, ob du nun nicht doch noch hieher kommen möchtest. Ich dachte wiederum im Einverständnis mit dir zu sein, wenn ich abwehrte. Ich weiß, wie ungern du bei Sachen dabei bist, die offener und freundlicher aussehen, als sie gemeint sind, und eine solche Sache wäre nach meiner Einsicht dein Hiersein. Nelly möchte dich dann im September noch irgendwo sprechen. Vielleicht schreibt sie dir auch noch, und das wird zu dem Zweck, Alles auch noch von ihr selber, in ihrer eigenen Sprache zu hören, völlig genügen. Hier könnten wir uns zu dritt (und in der Einsicht der Unmöglichkeit dieses «zu dritt») nur noch mehr quälen, als wir es ohnehin sind3.

Ich dachte einen Augenblick daran, noch heute oder morgen aufs Bergli zurückzukehren. Aber nicht wahr, das wäre keine Tat guten Willens Nelly gegenüber, und ich mag es auch den guten Kindern nicht antun, die nun ohnehin einen reichlich stillen und betrübten Papa an mir haben. Was das Verrinnen der Tage nun bedeutet, weiß ich wohl. Aber warte noch ein wenig. Ich komme dann vielleicht plötzlich, wenn die Wolken hier ein wenig weniger tief hängen und wenn es keine Tat der Auflehnung mehr sein wird.

Alles Liebe! Das Papier ist nur das Papier.
Dein
K.

Nelly hat diesen Brief gelesen. Eben kam dein zweiter Brief. Ja, das ist nun alles überholt – und ich werde morgen nicht zum Bahnhof gehen.4 Dank für deine zwei lieben Briefe. Ich bin so froh, daß wenigstens du eine gute Zeit hattest. Grüße Alle von mir!

Sachfußnoten

1
Eckige Klammern im Original.↩
2
«Wernigerode» bezieht sich auf die Sommerferien der Familie Barth 1927 im Harz, an denen auch von Kirschbaum teilgenommen hatte (vgl. oben S. 78, Anm. 5); «Weihnacht» bezeichnet den Besuch von Kirschbaums im Hause Barths in Münster über Weihnacht/Neujahr 1928/29; «Bergli« meint den gemeinsamen Aufenthalt von Barth und von Kirschbaum vom Sommer 1929.↩
3
= als wir ohnehin gequält sind.↩
4
Am 10.8.1929 fuhr von Kirschbaum dennoch mit R. Pestalozzi vom Bergli aus auf den Beatenberg (Eintrag in ihrem Taschenkalender).↩