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Barth an v.K. auf dem
Bergli
Ich habe ja gewußt, daß es schwer werde in diesen Wochen, aber daß sich nun
Alles so bitter und hoffnungslos gestaltet, das ahnte ich doch nicht. Wir haben
gestern fast den ganzen Tag zu weiteren Gesprächen verwenden müssen, und sie brachten
nichts Anderes als die runde, volle, ausdrückliche Bestätigung dessen, was ich
dir vorgestern geschrieben. Ich habe Nelly gebeten, nun wenigstens ganz
klar und offen und
ohne alle verschleiernde und täuschende Rücksichtnahme auf Gesichtspunkte, die
ihr ja doch nicht entscheidend seien (meine Arbeit, deine Situation etc.), sich
zu dem zu bekennen, was ihre eigentliche wohlüberlegte Meinung und Stellung sei.
Und nun wurde und wird es [es hat hier soeben ein weiteres langes Morgengespräch das
Schreiben unterbrochen!]1 immer aufs Neue ganz klar, daß Nelly eigentlich und letztlich die
entstandene Lage (das «Dreieck», bei dem es gelten würde, in strenger Gemeinsamkeit zu
denken und zu handeln) nicht verstehen und nicht annehmen kann, sondern, wie sie
sich ausdrückt, einen «anderen Glauben»
hat. Was konkret
bedeutet, daß |101 sie mir gegenüber beim Geltendmachen ihres
ersten und tiefsten Anspruchs und dir gegenüber bei der anklagenden Frage stehen
bleiben muß. Sie sieht nun sehr genau, was die Trennung für uns, d. h. besonders
für mich, bedeutet, aber dieses «Mitleid», wie sie gestern in
einem guten Augenblick sagte, ist in jenen «Glauben» nicht mit aufgenommen, sondern steht
als etwas entschieden Sekundäres daneben. Es bedeutet für sie eine ernsthafte
Anfechtung und Bekümmerung, zu
sehen, wie ich dran bin bei der Aussicht auf die Zukunft, aber
nicht eine Anfechtung und Bekümmerung in jenem «Glauben». Aus diesem Mitleid heraus
bzw. aus dieser Anfechtung heraus erklärte sie und erklärt sie immer wieder ihre
Bereitschaft, den Plan deines Kommens
doch zu realisieren: weil sie sehe, was es bei mir für Folgen habe,
wenn wir es anders machten. Ich meine nun aber bestimmt, daß das kein
tragfähiger Grund für dieses folgenschwere Unternehmen ist. Zu
unmißverständlich, eindeutig und ausdrücklich kam es heraus, daß Nelly zum Mittragen
des Ganzen nicht in der Lage ist, als daß ich ihr das Mittragen
dieser außerordentlichen Einzelmöglichkeit
verantwortlicherweise zumuten könnte. Auf Grund jener sekundären Einsichten und
auf dem Hintergrund jenes unerschütterten «Glaubens» könnte sie ein dauerndes Zusammensein
zu dritt weder innerlich,
noch den Kindern, noch Anderen
gegenüber in guter Weise aushalten und durchführen, und wir könnten es ohne sie
(und im Grunde gegen sie) auch nicht. Ich halte es darum für geboten, daß wir
diesen Plan fallen lassen. Es gehörten
drei dazu, und
zwar drei für das Ganze (ohne unerschütterte Hintergründe) bereite
Menschen. Wir sind aber nur zwei, die Mehrheit kann hier nicht entscheiden, und
darum müssen und wollen wir (ich weiß mich deiner Übereinstimmung zum vornherein
sicher) zurücktreten. Ich beklage es, daß es nicht möglich war und ist, diesen
negativen Entschluß wenigstens einmütig, aus wirklich gemeinsamer Einsicht in
die wirklich gemeinsame Not zu fassen. Aber Nelly hat nun einmal die
Voraussetzung dazu nicht und steht ihrerseits nur vor dem auch schwer genug auf
ihr lastenden Dilemma: entweder unseren wenigstens
in der Linie ihrer eigentlichen Meinung liegenden Verzicht mit
allen etwa drohenden (sekundären) Folgen anzunehmen oder gegen ihre
eigentliche Meinung ihrerseits zu verzichten und damit uns unter die Drohung der
allfälligen Folgen zu stellen. Sie weiß, daß auch die erste
Möglichkeit, die nun gewählt ist, |102 keineswegs ein
Erreichen von dem bedeutet, was im Grunde ihrer Meinung entspricht; es steht
darum bei ihr auf der Waage, ob sie uns nicht doch lieber noch einmal die zweite
antragen soll. Für uns aber kommt nach meiner bestimmten
Überzeugung nur die erste in Betracht. Wir könnten die zweite nur
annehmen, wenn Nelly ernstlich und letztlich bei der Sache wäre. Das ist nicht der
Fall, und nun ist es leider so, daß wir die zweite, unseren Verzicht, in einem
ganz anderen Sinn anbieten und durchführen, als er von Nelly angenommen wird. Gut an der
ganzen Situation ist nur das, daß auch dieses Letzte zwischen Nelly und mir ganz
offen eingesehen
und ausgesprochen ist. Es bleibt für uns nur übrig, diese negative Lösung, von
der wir ja auch für Nelly nichts Gutes, sondern höchstens weniger akut Schlimmes
erwarten können, mit Ruhe und Würde in die Tat umzusetzen, d. h. uns mit dem
bitter Wenigen, was uns nun noch übrigbleibt, zufrieden zu geben. Nelly hat mich mehr
als einmal gefragt, warum ich ihr letztliches Nein erst jetzt gehört, ob
ich denn nie gemerkt habe, daß sie im Grunde allen unseren Unternehmungen, von
der ersten an, ebenso ablehnend gegenübergestanden sei wie jetzt dieser. Ich
habe ihr geantwortet, daß ich ihre Abwehr bei Anlaß jener verhältnismäßig
geringfügigeren Fragen (Wernigerode, Weihnacht, Bergli etc.)2 in der Tat so ernst nicht
nehmen zu müssen meinte, daß aber jetzt der Moment gekommen sei, genau und
aufrichtig zu reden und zu hören, und daß dieser Entscheid auf
keinen Fall gegen ihre eigentliche Meinung auf Grund ihrer
sekundären Zustimmungsgründe zustande kommen werde. In Bezug auf die
übrig bleibenden Möglichkeiten für uns halte ich mich für frei. Ich
werde demnächst wieder zu dir aufs Bergli kommen (und zwar vermutlich nun schon
vor dem 20.). Wir werden uns weiter schreiben. Wir
werden uns auch in weiterer Zukunft die wenigen Male, wo es
möglich sein wird, sehen. Ich muß es dann eben auf mich nehmen und
verantworten
, diese kleineren Fragen in unserem Sinn und im Widerspruch zu Nellys eigentlicher
Meinung zu lösen. Das braucht ja dann auch nicht zu bedeuten, daß es nicht in
relativem |103 Frieden zwischen Nelly und mir geschehen kann, wie
ich meinerseits mir jetzt Mühe geben möchte, die durch Nellys Haltung diktierte
Entscheidung so friedlich als möglich hinzunehmen (oh, es
fällt mir schwer genug, und ich mache es nicht
gut!).
Die uns jetzt beschäftigende Frage aber, die deines Kommens nach
Münster, kann sicher im Blick auf Nellys Haltung nur so
gelöst werden.
Nelly ist vorhin
auch darauf noch einmal zurückgekommen, ob du nun nicht doch noch hieher kommen möchtest. Ich dachte
wiederum im Einverständnis mit dir zu sein, wenn ich abwehrte. Ich weiß, wie
ungern du bei Sachen dabei bist, die offener und freundlicher aussehen, als sie
gemeint sind, und eine solche Sache wäre nach meiner Einsicht dein Hiersein.
Nelly möchte
dich dann im September noch irgendwo sprechen. Vielleicht schreibt sie dir
auch noch, und das wird zu dem Zweck, Alles auch noch von ihr selber, in ihrer
eigenen Sprache zu hören, völlig genügen. Hier könnten wir uns zu
dritt (und in der Einsicht der Unmöglichkeit dieses «zu dritt») nur noch mehr
quälen, als wir es ohnehin sind3.
Ich dachte einen Augenblick daran, noch heute oder morgen aufs Bergli zurückzukehren. Aber nicht wahr,
das wäre keine Tat guten Willens
Nelly gegenüber,
und ich mag es auch den guten Kindern nicht antun, die nun ohnehin einen reichlich stillen und
betrübten Papa an mir haben.
Was das Verrinnen der Tage nun bedeutet, weiß ich wohl. Aber warte noch ein
wenig. Ich komme dann vielleicht plötzlich, wenn die Wolken hier ein wenig
weniger tief hängen und wenn es keine Tat der Auflehnung mehr sein wird.
Alles Liebe! Das Papier ist nur das Papier.
Nelly hat
diesen Brief
gelesen. Eben kam dein zweiter
Brief. Ja, das ist nun alles überholt – und ich werde morgen nicht zum
Bahnhof gehen.4 Dank für deine zwei lieben Briefe. Ich bin
so froh, daß wenigstens du eine gute Zeit hattest. Grüße
Alle von mir!