Brief Nr. 56 · 27. September 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Mein Lebensschwesterlein!

Wie lange hast du nun auf meine erste Nachricht warten müssen! Aber es ist tatsächlich der erste ruhige Augenblick seit unserem Abschied, den ich eben zu diesem Zweck erwische: ich sitze im Himmelreichgarten unter der Ulme im Gebüsch. Es ist ein prächtiger warmer Herbstnachmittag, Alles von der Sonne so freundlich vergoldet. Immer meine ich die Augen schließen zu müssen, um sie wieder zu öffnen, um wie gewohnt am Tisch mit dir unter dem Birnbaum oder bei unserem Häuslein zu sein. Aber das liegt nun dahinten, Vergangenheit, der ganze «Sommer 1929»1. Wie war es schön! Und doch auch manchmal redlich schwer! Und nach der Seite Rudi-Gerty mit einem letzten nicht ganz kleinen Nebel von Befremdung bedeckt! Aber ganz ohne Nebel nach deiner Seite und darum doch eben: so schön, so schön. Und es ist irgendwie tröstlich, daß das Leben nun um diese Erinnerung bereichert weitergehen darf.|

Aber du möchtest jetzt hören, wie es mir indessen ergangen ist. Als der Zug weggefahren war2, da machten Gerty und ich auf einem langen Spaziergang einen letzten Versuch, uns dennoch zu verstehen oder uns wenigstens einige gute Worte zuzurufen. Ich denke nicht [eb]en3 befriedigt daran zurück. Es ist sicher gut, wenn nun eine lange Pause in dieser Beziehung eintritt und beiderseits ein Stück weiter gelebt wird, bevor man es wieder miteinander versucht. Und dann kamen Nelly und Fränzeli, und ein neuer Akt fing an in Basel bei Eduards und an der Grenzacherstrasse4, wo Peters und Karis schon |105 eingetroffen waren und Heiner ein letztes Mal als Junggeselle zu sprechen [war]. Es herrschte sofort eine freundlich-heitere Stimmung, die denn auch das Kennzeichen der Hochzeit5 selbst und des Nach-Tages wurde. So anders als man denkt, kann’s oft gehen: ich habe glaub noch nie eine derartige Festlichkeit mitgemacht, bei der Alles so gelöst und schattenlos sich abwickelte. Man konnte (bei allen Fragezeichen im Hintergrund) harmlos vergnügt dabei sein. Vielleicht kam es davon her, daß der männliche Freundeskreis in jeder Hinsicht das Feld beherrschte, besonders auch bei den Tischreden und Produktionen, so daß das eigentlich Familiäre mit seiner unvermeidlichen Spießigkeit mindestens zurücktreten mußte. Schädelin redete in der Kirche gut und bei Tisch noch besser. Peters Schnitzelbank war über alles Erwarten geistreich und kräftig zugleich. Der «Venerabilis barba capucinorum»6 soll als Bild und musikalisch gleich vortrefflich gewirkt haben. (Nur eine Schnitzelbank der Braut-Freundinnen fiel wegen etwas schwach wirkender Fräulein-Haftigkeit und anderen unsympathischen Eigenschaften merklich ab.) Zum Schluß saß der ganze Männerkreis (wirklich in einem Kreis von Stühlen!) bei besten Gesprächen und kräftigen dunklen Zigarren in der Mitte des Saales, und Alles war gut. Meine Mutter, die Eltern Helbing, Onkel Fritz Sartorius7 und alle waren und sind zufrieden. Warum sollte ich es nicht auch sein? Besonders weil meine Mutter sehr lieb zu mir war die ganzen Tage und sich in einem langen «Gespräch» am Mittwoch abend (das allerdings nicht von dir, sondern von Nelly handelte!) offen und verständnisvoll zeigte. Ich glaube – neue Kurven können natürlich kommen -, daß in dieser Hinsicht zunächst freie Fahrt möglich ist. Wenn wir diesen Winter in Bonn sind8, kommt sie vielleicht über die Weih|106nacht zu uns und wird dann – du wirst dann natürlich nicht etwa dich abwesend machen!! – beginnen, sich an dich zu gewöhnen und dich auch lieb zu haben. |

Der Schatten dieser Woche besteht für mich darin, daß ich doch sehr Mühe habe, mich in Nellys Art wieder zu finden. Es gab da einen Weg durch die Stadt zum Aussuchen eines Hochzeitsgeschenkes, der durch ihre und meine auch technisch so ganz andere Einstellung zum Leben recht schwierig gemacht wurde. Ich habe sie nun gebeten, die Auswahl eines Hauses in Bonn mit Ausnahme einer letzten Entscheidung ganz selber durchzuführen. Ja, da sehnt man sich nach dem stillen, leichten (höchstens von einem gelegentlichen Saturnhalbstündchen9 getrübten) Zusammenleben im Törli. Das meine ich halt. |

Es war am Mittwoch keine Möglichkeit, dir zu schreiben. Ein Zusammensein: mit Eduard, mit K. Lindt, mit Schädelin, mit meiner Mutter drängte auch da das andere. Und gestern war der Reisetag, ohne besondere Ereignisse verlaufend und mit «glücklicher» Heimkehr endigend. Lydia10, das Thurgauer Mädchen, das seit Frühjahr hier ist, ist ein Wunder an Exaktheit und Pflichteifer. Das ganze Haus glänzt förmlich von Sauberkeit, und im Garten ist Alles abgestochen und geputzt wie auf einem Eßtisch. Ich kann nicht leugnen, daß ich das und überhaupt das Umgebensein von sicheren Ordnungen doch auch sehr gerne mag. Du dürftest ja gewiß auch einige «Staubschichten» etc. übriglassen, aber da du es nun nicht bist, ziehe ich doch eine gewisse Blankheit aller gegenständlichen Verhältnisse sehr günstig in Betracht.

Ich fand hier einen großen Berg von Briefen und Drucksachen, mit dem ich mich nun in diesen Tagen auseinandersetzen muß. Am Sonntag nachts 1223 fahre ich im Schlafwagen nach Berlin11, wo K. L. Schmidt12 und Hölscher mich erwarten. Auf 5 Uhr nachmittags |107 habe ich mich bei G. Dehn13 angekündigt. Um 11 Uhr fahre ich wieder ab und bin Dienstag früh 7 Uhr wieder hier. Am 2., 3., 4. und 5. habe ich Examen. Am 7. ist die Putsch-Hochzeit in Cronenberg14 (von Herrn Putsch stammen diese wunderbaren Briefbogen – er hat für Bonn bereits einen Stempel zugesagt, um die Adresse zu verbessern!). Am 8. redet Heiner, am 9. ich selber.15 Bis dahin hat dann Nelly ihre Vor-Untersuchungen in Bonn angestellt, und ich fahre eventuell ein zweites Mal mit ihr dorthin zum Vollzug der bewußten Entscheidung. Aber noch ist es ja nicht gewiß, ob wir jetzt schon dorthin gehen. Unser Häuschen hier ist jetzt so nett, daß es einen ganz reuen kann, wegzugehen. Gerade auch dein Zimmer sieht sehr glaubwürdig aus in Erwartung der Bewohnerin, die nun wahrscheinlich nicht da wohnen wird. Stählin ist in Litauen; ich kann also nicht mehr mit ihm reden, bevor ich nach Berlin fahre. Man schien in Münster anzunehmen, daß ich absagen werde.

Wie mag es denn dir weiter gegangen sein und gehen? Ich hoffe doch sehr, daß sie alle fernerhin lieb mit dir sind. Wie freut mich das, daß das D.’lein wieder funktioniert. Solltest du nicht dennoch und nun gerade mit Bectella16 weiterfahren?! Weißt du: zur Erziehung des bewußten Organs? «Er stampfte mit dem Fuß sogar!»17, weißt du |108 noch? Gelt, du siehst doch ein, daß du nun weiterhin bewußt und energisch etwas tun mußt zur Vermeidung künftiger Krisen-Zeiten dieser Art und damit du mir nicht plötzlich krank wirst und stirbst.

O du, wie bin ich jetzt wieder allein. Obwohl Alles gut geht und Nelly sich alle Mühe gibt und die Kinder mir so lieb und nahe sind wie nur je. Wie gut, daß jetzt keine große Trennung bevorsteht. Weißt, ich bin dir so dankbar, daß du zu mir kommen willst, und überhaupt: so dankbar. Ich hab dich ja auch noch viel lieber als im April. Je genauer ich dich kennen lerne, umso lieber wirst du mir. Umso mehr fehlst du mir, wenn du nicht da bist.

Denk, ich hatte auf der Heimfahrt ein langes Gespräch mit Fränzeli über … die Liebe. Aus Anlaß einiger kleiner Erfahrungen, die sie mit ihr huldigenden Jünglingen bereits hinter sich hat!! Sie hat sehr nett und vertrauensvoll geredet und zugehört, und ich kann den Augenblick nicht so fürchten, wo sie einmal um «uns» wissen wird.

Wann schreibe ich dir wieder? Vielleicht auf der Nacht-Fahrt von Montag auf Dienstag. Oder schon vorher? Ach du, Schreiben ist jetzt nicht mehr das Richtige. Und daß du mir die Maschine nicht erlaubst, ist auch ein gewisses Hindernis. Ich krakle wirklich nur noch ungern mit der Feder.

Denk, dummerweise muß ich vielleicht in Bonn mit Dogmatik II anfangen. Das bedeutete eine rechte Störung. Ich will sie noch abzuwenden suchen.18

Du liebe Lollo, gelt, es ist nicht das Richtige, 800 km auseinander zu sein. Nicht einmal für so lange. Alles in mir ruft nach dem Schwesterlein und findet es nicht. Aber wir wollen nun dankbar, zufrieden und hoffnungsvoll sein. Du Liebe du!

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Am 23.9.1929 hatten Barth und von Kirschbaum ihren Bergli-Aufenthalt beendet. Sie hielten sich mit einigen Unterbrechungen gemeinsam vom 13.4.-23.9.1929 auf dem Bergli auf. Eine Reiseunterbrechung war ihre touristische Exkursion mit dem Ehepaar Pestalozzi vom 8.6.-26.6.1929 nach Italien (vgl. Busch, S. 200 📖). Am 23.9. brach von Kirschbaum nach München auf, am 26.9. kehrte Barth von Basel aus nach Münster zurück (s. Bw.Th. II, S. 675 📖).↩
2
Bei der Abreise von Kirschbaums.↩
3
Durch Lochung teilweise unleserlich.↩
4
Wohnsitz von Heinrich Barth.↩
5
Trauung von Heinrich Barth mit Gertrud Helbing (1901–1968) am 24.9.1929 in Basel.↩
6
Lied (W. A. Mozart zugeschrieben [vgl. KV6 C 9.07 🎵]) aus dem Liederbuch für die schweizerische Studenten-Verbindung Zofingia (deutsche Sektionen), Bern 19035, 2. Teil, S. 168-173 📖. Es wurde – nach Erinnerung von Sebastian Barth – von den beiden Brüdern Karl und Peter sowie von den Söhnen Peter Barths Ueli und Sebastian Barth – mit Vorführung von Photos aus dem Leben des jungen Heinrich Barth ­- vorgetragen.↩
7
Friedrich Adolf Sartorius (1862–1935), Bruder von Barths Mutter.↩
8
Zur Berufung Barths nach Bonn s. oben S. 97, Anm. 11. Wie weiter unten im Brief ersichtlich wird, war es zu diesem Zeitpunkt noch unklar, wann genau Barth nach Bonn übersiedeln würde. Ein sofortiger Wechsel scheint die wahrscheinlichste Option gewesen zu sein (s. auch unten Nr. 57 und 58).↩
9
 Siehe dazu unten S. 114.↩
10
Lydia Beck, Haushaltshilfe der Familie Barth.↩
11
Nämlich zu Verhandlungen im preußischen Kultusministerium wegen Barths Berufung nach Bonn. Zu den Ergebnissen der Verhandlungen s. unten Nr. 57 und Nr. 58.↩
12
Karl Ludwig Schmidt (1891–1956), 1921 o. Professor für Neues Testament in Gießen, 1925 in Jena, seit 1929 in Bonn, 1933 Dienstentlassung, 1933/35 Aufenthalt mit Pfarrverwesertätigkeiten in der Schweiz (Zürich-Seebach, Lichtensteig), 1935-1953 o. Professor für Neues Testament in Basel, 1922-1937 Schriftleiter der «Theologischen Blätter», seit 1945 Schriftleiter der «Theologischen Zeitschrift».↩
13
Günther Dehn (1882–1970), 1911-1930 Pfarrer in Berlin; 1919 Gründer des «Bundes sozialistischer Kirchenfreunde» (später «Bund religiöser Sozialisten»), 1931/32 o. Professor für Praktische Theologie in Halle, 1932 beurlaubt, 1933 Dienstentlassung, 1934 Tätigkeit in der BK in Berlin, 1936-1941 Lehrauftrag für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Berlin, 1941/42 wegen verbotener Lehrtätigkeit Haft in Berlin, 1942 Pfarrverweser in Ravensburg, 1946-1954 o. Professor für Praktische Theologie in Bonn.↩
14
Siehe unten S. 120, Anm. 1.↩
15
Auf der dritten theologischen Woche in Wuppertal-Elberfeld vom 7.-10.10.1928. Dort referierte am 8.10. Heinrich Barth und am 9.10. Karl Barth. Siehe dazu unten S. 121, Anm. 7, und S. 121, Anm. 10.↩
16
Vermutlich «Barellas Magenpulver» (s. Gehes Codex der Bezeichnungen von Arzneimitteln, kosmetischen Präparaten und wichtigen technischen Produkten, hrsg. von der Wissenschaftlichen Abteilung der GEHE & CO., A. G., Dresden 19295, S. 158 📖).↩
17
Wahrscheinlich eine Zitatvermischung aus Heinrich Hoffmanns «Geschichte vom bösen Friedrich» («Er peitschte seine Gretchen gar») und der «Geschichte vom Suppen-Kaspar», der in der Illustration mit dem Fuß aufstampft, weil er seine Suppe nicht essen will, und «am fünften Tage tot» ist (Der Struwwelpeter oder lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3-6 Jahren, erstmals Frankfurt/M. 1845 📖).↩
18
Barth las weder in seinem ersten noch in seinem zweiten Bonner Semester Dogmatik (s. oben S. 85, Anm. 2), sondern wiederholte die zweisemestrige Ethikvorlesung von Münster (Ethik I. Vorlesung Münster Wintersemester 1928, wiederholt in Bonn, Sommersemester 1930, hrsg. von D. Braun [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 1973 📖; Ethik II. Vorlesung Münster Wintersemester 1928/29, wiederholt in Bonn, Wintersemester 1930/31, hrsg. von D. Braun [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 1978) 📖.↩