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Mein
Lebensschwesterlein!
Wie lange hast du nun auf meine erste Nachricht warten müssen! Aber es ist
tatsächlich der erste ruhige Augenblick seit unserem Abschied, den ich eben zu
diesem Zweck erwische: ich sitze im Himmelreichgarten unter der Ulme im
Gebüsch. Es ist ein prächtiger warmer Herbstnachmittag, Alles von der Sonne so
freundlich vergoldet. Immer meine ich die Augen schließen zu müssen, um sie
wieder zu öffnen, um wie gewohnt am Tisch mit dir unter dem Birnbaum oder bei
unserem Häuslein zu sein. Aber das
liegt nun dahinten, Vergangenheit, der ganze «Sommer 1929»1. Wie war es schön! Und doch auch manchmal redlich schwer! Und nach der
Seite Rudi-Gerty mit einem letzten nicht ganz kleinen Nebel von Befremdung
bedeckt!
Aber ganz ohne Nebel nach deiner Seite und darum doch
eben: so schön, so schön. Und es ist irgendwie tröstlich, daß das Leben nun um
diese Erinnerung bereichert weitergehen darf.|
Aber du möchtest jetzt hören, wie es mir indessen ergangen ist. Als der Zug
weggefahren war2, da machten Gerty und ich auf einem
langen Spaziergang einen letzten Versuch, uns dennoch zu verstehen oder uns
wenigstens einige gute Worte zuzurufen. Ich denke nicht
[eb]en3 befriedigt daran zurück. Es ist sicher gut, wenn nun
eine lange Pause in dieser Beziehung eintritt und beiderseits ein
Stück weiter gelebt wird, bevor man es wieder miteinander versucht. Und dann kamen Nelly und Fränzeli, und ein neuer Akt fing an in Basel bei Eduards und an der Grenzacherstrasse4, wo Peters und Karis schon |105
eingetroffen waren und Heiner ein letztes Mal als Junggeselle zu sprechen [war]. Es
herrschte sofort eine freundlich-heitere Stimmung, die denn auch das Kennzeichen
der Hochzeit5 selbst und des Nach-Tages wurde.
So anders als man denkt, kann’s oft gehen: ich habe glaub noch nie
eine derartige Festlichkeit mitgemacht, bei der Alles so gelöst und schattenlos
sich abwickelte. Man konnte (bei allen Fragezeichen im Hintergrund) harmlos
vergnügt dabei sein. Vielleicht kam es davon her, daß der männliche
Freundeskreis in jeder Hinsicht das Feld beherrschte, besonders auch
bei den Tischreden und Produktionen, so daß das eigentlich Familiäre mit seiner
unvermeidlichen Spießigkeit
mindestens zurücktreten mußte. Schädelin redete in der Kirche gut und bei Tisch noch
besser. Peters
Schnitzelbank war über alles
Erwarten geistreich und kräftig zugleich. Der «Venerabilis barba
capucinorum»6 soll als Bild und
musikalisch gleich vortrefflich gewirkt haben. (Nur eine Schnitzelbank der Braut-Freundinnen fiel wegen
etwas schwach wirkender Fräulein-Haftigkeit und anderen unsympathischen
Eigenschaften merklich ab.) Zum Schluß saß der ganze Männerkreis (wirklich in
einem Kreis von Stühlen!) bei besten Gesprächen und kräftigen dunklen Zigarren in der Mitte des Saales, und
Alles war gut. Meine Mutter, die Eltern
Helbing, Onkel Fritz Sartorius7 und
alle waren und sind zufrieden. Warum sollte ich es nicht auch sein? Besonders
weil meine Mutter
sehr lieb zu mir war die ganzen Tage und sich in einem langen «Gespräch» am
Mittwoch abend (das allerdings nicht von dir, sondern von Nelly handelte!) offen und
verständnisvoll zeigte. Ich glaube – neue Kurven können natürlich kommen -, daß
in dieser Hinsicht zunächst freie Fahrt möglich ist. Wenn wir diesen Winter in
Bonn sind8, kommt sie vielleicht über die Weih|106nacht zu uns und wird dann – du wirst dann natürlich
nicht etwa dich abwesend machen!! – beginnen, sich an dich zu
gewöhnen und dich auch lieb zu haben. |
Der Schatten dieser Woche besteht für mich darin, daß ich doch
sehr Mühe habe, mich in Nellys
Art wieder zu finden. Es gab da einen Weg durch die Stadt zum Aussuchen
eines Hochzeitsgeschenkes, der durch ihre und meine auch technisch so ganz
andere Einstellung zum Leben recht schwierig gemacht wurde. Ich habe sie nun
gebeten, die Auswahl eines Hauses in Bonn mit Ausnahme einer letzten
Entscheidung ganz selber durchzuführen. Ja, da sehnt man sich nach
dem stillen, leichten (höchstens von einem gelegentlichen Saturnhalbstündchen9 getrübten) Zusammenleben im Törli. Das meine ich
halt. |
Es war am Mittwoch keine Möglichkeit, dir zu schreiben. Ein Zusammensein: mit
Eduard, mit K. Lindt, mit Schädelin, mit meiner Mutter
drängte auch da das andere. Und gestern war der Reisetag, ohne besondere
Ereignisse verlaufend und mit «glücklicher» Heimkehr endigend. Lydia10, das Thurgauer Mädchen, das seit Frühjahr hier ist, ist ein Wunder an
Exaktheit und Pflichteifer. Das ganze Haus glänzt förmlich von
Sauberkeit, und im Garten ist Alles abgestochen und geputzt wie auf einem
Eßtisch. Ich kann nicht leugnen, daß ich das und überhaupt das Umgebensein von
sicheren Ordnungen doch auch sehr
gerne mag. Du dürftest ja gewiß auch einige «Staubschichten» etc.
übriglassen, aber da du es nun nicht bist, ziehe ich doch eine gewisse Blankheit
aller gegenständlichen Verhältnisse sehr günstig in Betracht.
Ich fand hier einen großen Berg von Briefen und Drucksachen, mit dem
ich mich nun in diesen Tagen auseinandersetzen muß. Am Sonntag nachts 1223 fahre ich im Schlafwagen nach Berlin11, wo K.
L. Schmidt12 und Hölscher mich erwarten. Auf 5
Uhr nachmittags |107 habe ich mich bei G. Dehn13 angekündigt. Um 11
Uhr fahre ich wieder ab und bin Dienstag früh 7 Uhr wieder hier. Am 2., 3., 4.
und 5. habe ich Examen. Am 7. ist
die Putsch-Hochzeit in
Cronenberg14 (von Herrn Putsch stammen diese wunderbaren
Briefbogen – er hat für Bonn bereits einen Stempel zugesagt, um die Adresse zu verbessern!).
Am 8. redet Heiner, am 9. ich selber.15 Bis dahin hat
dann Nelly ihre
Vor-Untersuchungen in Bonn angestellt, und ich fahre eventuell ein zweites Mal
mit ihr dorthin zum Vollzug der bewußten Entscheidung. Aber
noch ist es ja nicht gewiß, ob wir jetzt schon dorthin gehen. Unser Häuschen hier ist jetzt
so nett, daß es einen ganz reuen kann, wegzugehen. Gerade auch dein
Zimmer sieht sehr glaubwürdig aus in Erwartung der Bewohnerin, die nun
wahrscheinlich nicht da wohnen wird. Stählin ist in Litauen; ich kann also nicht
mehr mit ihm reden, bevor ich nach Berlin fahre. Man schien in Münster anzunehmen, daß ich absagen
werde.
Wie mag es denn dir weiter gegangen sein und gehen? Ich hoffe doch
sehr, daß sie alle fernerhin lieb mit dir sind. Wie freut mich das, daß das
D.’lein wieder funktioniert. Solltest du nicht dennoch und nun gerade
mit Bectella16 weiterfahren?! Weißt du: zur
Erziehung des bewußten Organs? «Er stampfte mit dem Fuß
sogar!»17, weißt du |108 noch? Gelt, du siehst doch ein, daß du nun weiterhin
bewußt und energisch etwas tun mußt zur Vermeidung künftiger Krisen-Zeiten
dieser Art und damit du mir nicht plötzlich krank wirst und stirbst.
O du, wie bin ich jetzt wieder
allein. Obwohl Alles gut geht und Nelly sich alle
Mühe gibt und die Kinder mir so
lieb und nahe sind wie nur je. Wie gut, daß jetzt
keine große Trennung bevorsteht. Weißt, ich bin dir
so dankbar, daß du zu mir kommen willst, und überhaupt:
so dankbar. Ich hab dich ja auch noch viel lieber
als im April. Je genauer ich dich kennen lerne, umso lieber wirst du mir. Umso mehr
fehlst du mir, wenn du nicht da bist.
Denk, ich hatte auf der Heimfahrt ein langes Gespräch mit Fränzeli über … die Liebe. Aus Anlaß einiger kleiner Erfahrungen, die sie mit ihr
huldigenden Jünglingen bereits hinter sich hat!! Sie hat sehr nett und
vertrauensvoll geredet und zugehört, und ich kann den Augenblick nicht
so fürchten, wo sie einmal um «uns» wissen wird.
Wann schreibe ich dir wieder? Vielleicht auf der Nacht-Fahrt von Montag auf
Dienstag. Oder schon vorher? Ach du, Schreiben ist jetzt nicht mehr
das Richtige. Und daß du mir die Maschine nicht erlaubst, ist auch ein gewisses
Hindernis. Ich krakle wirklich nur noch ungern mit der Feder.
Denk, dummerweise muß ich vielleicht in Bonn mit Dogmatik
II anfangen. Das bedeutete eine rechte Störung. Ich will sie noch
abzuwenden suchen.18
Du liebe Lollo, gelt, es ist nicht das Richtige, 800 km auseinander
zu sein. Nicht einmal für so lange. Alles in mir ruft nach dem
Schwesterlein
und findet es nicht. Aber wir wollen nun dankbar, zufrieden und hoffnungsvoll
sein. Du Liebe du!