Brief Nr. 60 · 4. Oktober 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Du liebes Schwesterlein!

Nachdem heute morgen dein trauriger Brief eingetroffen ist und nachdem ich soeben die zwei beiliegenden feierlichen Briefe nach Bonn1 geschrieben habe, ist es nun so notwendig, dir schon wieder zu schreiben, daß ich es, was auch deine Mutter von so reichlicher Post denken mag, schon wieder tun muß.

Also es war richtig eine Depression (mit allem Zubehör von Gedanken über mein Anderen-Dingen-Zugewendetsein, von Einzelweg, Abwendung und kleiner Lieblosigkeit!), wie ich sie diesen Sommer, o so oft, an meinem Schwesterlein erlebt habe, aber dann jeweilen spätestens am Abend des betreffenden Saturn-Tages2 «irgendwie» beheben konnte. Und deshalb ließest du mich 8 (acht) Tage lang sehnlichst warten (ich erzähle dir dann mündlich, welche unruhige Vermutung mich gestern abend plötzlich überfiel: sie übersetzte sich des Nachts sofort in einen Traum: es sei endgültig und unwiderruflich wahr, daß ich einen Menschen getötet und irgendwo verscharrt habe, |115 und das könne und werde eines Tages ans Licht kommen) und hattest mich unterdessen tatsächlich (nein, widersprich nur [?] nicht, es ist so – ich kenne das!) ein bißchen weniger lieb. Gelt, du siehst ein, daß dies im Törli unfehlbar mit ein bis zwei ganz liebevollen, aber auch ganz energischen Kl. hätte endigen müssen. O pfui, pfui! Wirklich, das geht doch nicht: ich ganz von Herzen an dich denkend, fröhlich schon beim Gedanken, daß es eine Lollo gibt, und dort diese Lollo ganz kalt, bös und muderig3 und «kränkte ihren Karl sogar»4. Aber nein, ganz im Ernst gesagt: gelt, wir wollen uns doch nun gesagt sein lassen – nicht nur, daß wir uns darein finden müssen, daß Alles so ist, wie es ist (das wäre eine faule und unchristliche Weisheit), sondern daß wir leben und nicht sterben sollen an unserer Not, die doch wahrlich nicht ohne Verheißung und nicht einmal ohne menschlichen Trost ist. Und (zum wievielten Mal sag ich dir dies wohl?) wir wollen uns doch nicht so loslassen, wenn es uns dennoch traurig ums Herz ist, sondern dann erst recht zueinander laufen und beisammen sein. Lollo, liebste Lollo, so mußt du es dann gerade nicht machen, wenn du hier bist. Ach hab mich doch jetzt wieder von Herzen lieb wie ich dich (dein Brief befriedigt mich* nicht ganz, aber ich habe dich doch lieb, ganz unentwegt lieb!). Gelt, du «kommst» jetzt wieder? Ich warte wirklich auf dich, und du weißt doch, daß es immer gut kam, wenn du in solchen Fällen wirklich und gründlich «wieder da» warst. Wahrscheinlich ist ja das ganze Tosen auch «körperlich bedingt», wie du jeweilen so reizend altklug zu sagen pflegst. Ach du! Schau, du gefällst mir ja immer gut, und dennoch möchte ich, daß du jetzt wieder zu deinem lieben Karl kämest, statt ihm vorzuhalten, daß er «mit Bonn und vielen Dingen» beschäftigt sei. Zum Kuckuck, du, du, du, ich muß doch jetzt ein wenig mit Bonn beschäftigt sein, und Examen habe ich auch (morgen der letzte Tag!), daß mir der Kopf raucht, aber sei jetzt darum nicht häßlich5, sondern laß dich das alles auch ein bisserl angehen, wie es dich tatsächlich angeht. Wir gehören doch zusammen, Locherl, und es ist doch nicht wahr, einfach nicht wahr, daß du dort bist und ich hier.

116Noch will ich dir sagen, daß du die 100 Mark6 sicher haben sollst und daß dem bißchen Sparen, das dabei möglich ist, nichts im Wege stehen soll. Wenn nur dann auch dein Bruder begreift, daß er dich nicht als Pumpquelle (und erst noch à fonds perdu) benützen darf. Ich verstehe den Mann wirklich nicht, der das nun ein paarmal einfach so tun konnte. Es ist irgend etwas nicht sehr Adliges dabei, was ich nicht an ihm schätzen kann.

Warum willst du erst am 15. oder 16. hier ankommen? Am 15. ist die Rektoratsübergabe, und die freut mich nur halb, wenn du nicht wenigstens auch dabei bist. Montag 14. wäre ein ausgezeichneter Reisetag, oder am Sonntag (wo deine Freundin7 frei ist!!) bis Frankfurt, am Montag hieher! Ist’s so nicht viel besser?

Ich hatte heute abend neben der übrigen Vorbereitung auch noch ein Schock Klausurarbeiten zu korrigieren über «Luther und Zwingli in Marburg»8. Es sind kaum drei bis vier beachtliche Köpfe unter den 17 Kandidaten. Zwei von der zweiten Serie wurden heute bereits ausgeschieden, da sie durchgefallen wären .

Hier sind 50 Mark für die Reise. Gib Sorge, daß du sie in zehn Tagen noch hast! Denk, die Bücherkisten sind noch nicht da.

Du liebe Lollo, ist es nicht herrlich zu denken, daß du in 14 Tagen endgültig hier sein und vielleicht gerade irgendwie wo? sitzen wirst. Du mußt dir das ein bißchen vorstellen und in Allem möglichst ans + und nicht ans ­- denken. Gelt, du antwortest der Marguerite Thurneysen ein wenig freundlich.9 Sie meinen es ehrlich mit dir. Heute im Examen war übrigens u. a. auch von Nathanael, dem Jünger ohne Falsch [vgl. Joh. 1,47], die Rede, und ich konnte an dich denken.

So, nun Schluß – obwohl ich noch viel sagen könnte, aber es kommt Alles aufs selbe heraus.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Briefe an die Bonner Professoren H. E. Weber und O. Ritschl vom 4.10.1929 (KBA 9229.199 und KBA 9229.200).↩
2
Bezieht sich vermutlich auf ein für von Kirschbaum erstelltes Horoskop (ohne Jahresangabe, im Karl Barth-Archiv), nach dem sich der Saturn «doch als ein Bleigewicht geltend» macht, «das einen freien, leichten Aufschwung unterbindet» und von «daher auch eine verhaltene Schwermut» mit sich bringt, so daß es nie gelingen wird, «sich dem lähmenden, erkältenden Einfluss Saturns gänzlich zu entziehen».↩
3
= trüb, niedergeschlagen, in sich gekehrt.↩
4
Vgl. dazu oben S. 107, Anm. 17.↩
*
(trotz der Versicherung am Schluß!)↩
5
= schweizerdeutsch «hässig» = ärgerlich, wütend.↩
6
Vgl. oben S. 110f., Anm. 5.↩
7
Nicht ermittelt.↩
8
Das Marburger Religionsgespräch vom 1.-4.10.1529, das ohne Einigung in der Abendmahlslehre endete.↩
9
Briefe nicht erhalten.↩