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Gelt, ich darf dir diesmal mit der Maschine schreiben, weil es mir so so viel
flinker und freudiger von der Hand geht. Ich möchte dir ja noch einmal
schreiben, bevor die große Angelegenheit von Elberfeld1
ihren Anfang nimmt, während der ich wohl ganz sicher nicht zum
Schreiben komme.
Gestern abend kam dein Brief und hat mich ein wenig getröstet. Ach ja, gelt wir
wollen dann einander helfen und nicht beschweren. Die gewisse Gelöstheit, in der
Nelly jetzt
lebt, wird ja, wenn du erst da bist, sicher wieder einer gewissen, hoffentlich
nicht allzu schweren Spannung Platz machen, und dann werde ich es so bitter
nötig haben, daß ich deiner, auch wenn ich dir momentan den Rücken kehre,
unbedingt sicher bin. Gelt, du wirst mich dann nicht jedesmal mit einer Traurigkeit
bestrafen, wenn ich vorübergehend das Bild eines Mannes der Ordnung etc. biete
und dir damit veranschauliche, daß wir das im Verhältnis zu dem, was wir
möchten, freilich ganz, ganz, ganz andere Leben gemeinsam beschlossen und
angetreten haben und nun jede Stunde ganz verantwortlich dazu stehen müssen.
Und gelt, du bist dann in dem ganz bestimmten Sinn m. Schw., daß du mit mir
einig bist, in der Liebe
zu bleiben, auch wenn ich dir auf weiteste Strecken nicht das sagen
und sein kann wie auf dem Bergli. Ach
du, mir ist ja bei deinen beiden letzten Briefen noch einmal die ganze Schwere
unseres Wagnisses aufs Herz gefallen, und fast hätte ich dich, da dir eben das
Bleiben so schwer fällt, da dir
die unvermeidlichsten und harmlosesten Seiten des Aspektes, den ich dir in
meiner merkwürdigen Stellung bieten muß, so zu schaffen geben, noch einmal, in
dieser elften Stunde, wo alles Äußere schon in Ordnung ist, noch einmal gefragt,
ob wir’s nicht lieber unterlassen wollen, weil die immer erneute Möglichkeit
solcher Unterbrechungen zu qualvolle Situationen in Aussicht stellt. Aber
ich will diese Frage nicht stellen, weil ich doch sehe und weiß, daß du im Grund
und in |118 Wahrheit mit mir einig bist, und weil ich denke,
daß eben die ganze Drohung, unter der wir stehen, uns nun auch in dieser
Zwischenzeit (ich habe dir im Sommer vielleicht gar nicht genügend offen gesagt,
wie sehr mir jede von deinen Depressionen ein aufgehobener Finger war) noch einmal klar bewußt
werden mußte. Aber wir müssen uns bewußt sein, was wir tun, wenn wir diese nicht
ganz guten acht Tage nicht als Warnung, sondern eben als Mahnung verstehen, und
müssen, da wir nicht meinen, uns warnen lassen zu müssen, jedenfalls ernstlich
gemahnt weitergehen. Was unser wartet, ist vielleicht die schwerste Probe in
unser beider Leben, und es darf nicht sein, daß wir versagen. Es
darf nicht sein, daß es dann an den Tag kommt, daß unsere Zusammengehörigkeit
nur an der Sonne des Bergli allenfalls
gedeihen und sich bewähren konnte. Die unvermeidliche, aber auch von uns selbst
geschaffene Not darf uns
nicht undankbar und unfreudig und untüchtig machen. Das Leben ist einfach zu
kurz dazu, daß wir immer wieder darauf zurückkommen, immer wieder darin hängen
bleiben, daß und warum es wohl der liebe Gott nicht ganz anders mit uns gemacht
habe. |
Ach du, denk doch nun nicht, ich sei hart und unbeteiligt und ein Ordnungsmann
und irgendwie (das fürchte ich am meisten) anders dran als du. Schau, ich
glaube, es ist nun der Augenblick da, wo du alle solche Vorbehalte gänzlich
fallen lassen, mir einfach glauben, zu mir und mit mir kommen solltest, wie du
es doch im Grunde selber auch meinst und willst. Ich mag ja die
Lollo, die sagt: Ich mag nicht, Karl! wirklich auch gern, und sie darf und soll
wirklich auch kommen, aber eben wirklich kommen unter gänzlichem
Verbot, abzuspringen und anderwärts als ganz bei der Sache zu sein. Geht das
nicht? Doch, das geht freilich, und du weißt schon, wie ich das alles meine, und
wirst mir keinen neuen kleinen Strick daraus drehen, daß ich dir in diesem
vermutlich vorletzten Brief noch einmal so eindringlich gepredigt habe. Bitte,
bitte, bitte, hör auf diese Predigt, habe mich nicht nur lieb,
sondern sei jetzt auch so lieb, wie du es in Wahrheit bist und
jeden Augenblick sein kannst, wenn du dazu «aufgerufen» bist. Du bist jetzt dazu
aufgerufen, und ich bin ja so froh, daß ich dich habe, einen Menschen, den ich
aus solcher Nähe und in solcher Gewißheit, verstanden zu werden, aufrufen
kann.
Die Examina liegen nun hinter
mir. Denk, am letzten Tage, gestern, geschah das Unglück, daß ich mich des
Morgens (nachdem ich bis |119 nachts 1 Uhr an … dich
geschrieben – hast du den eingeschriebenen Brief mit den 50 Mark bekommen?)
einfach verschlief und noch
schlief, als vom Konsistorium ein Telephon kam, ob man mich nicht erwarten
dürfe!! Eine Viertelstunde später war ich mittelst Auto schon dort
und legte los!|
Am Abend war Fakultätssitzung. Es liegen schon dicke Spannungen in der Luft,
wegen der Nachfolgefrage. Stählin will Gogarten durchaus nicht wegen des Persönlichen. Der unglückliche
Schmidt2 meint, daß er mein planmäßiges Ordinariat bekomme,
und bekommt es sicher nicht, sollte auch als Dekan umgangen werden. Gegen mich
schwebte die Angst, ich möchte als Dekan3 in der Nachfolgefrage vielleicht doch
nicht in der geeigneten Weise wirken. Schließlich entschlossen sie sich doch
(ich ging samt Schmidt weislich auf eine Viertelstunde hinaus!), mich zu bitten,
nicht zurückzutreten, d. h. das Dekanat diesen Winter zu führen. Es war viel
Verwirrung, Hin und Her und Unausgesprochenes im Spiel, von dem ich dir dann
erzählen werde. Den späteren Abend verbrachte ich bei Rosenmöllers. Du findest Einiges darüber
in dem Briefe an Eduard.4
Schluß für diesmal. Ich habe meine Hochzeitspredigt5 noch
gar nicht für morgen, und auch am Vortrag6 sollte noch dies
und das korrigiert sein. Magst du mir nicht einmal schreiben diese Woche? Ich
bin bis Donnerstags früh erreichbar bei Herrn H. Putsch, Kohlfurterbrücke,
Rheinland und würde mich so sehr über ein Lebenszeichen von dir freuen.
Grüße Georg und teile ihm alles
Wissenswerte mit. Ich komme nicht mehr dazu, ihm selber zu schreiben.
Ach du ….