Brief Nr. 61 · 6. Oktober 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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M. Schw.!

Gelt, ich darf dir diesmal mit der Maschine schreiben, weil es mir so so viel flinker und freudiger von der Hand geht. Ich möchte dir ja noch einmal schreiben, bevor die große Angelegenheit von Elberfeld1 ihren Anfang nimmt, während der ich wohl ganz sicher nicht zum Schreiben komme.

Gestern abend kam dein Brief und hat mich ein wenig getröstet. Ach ja, gelt wir wollen dann einander helfen und nicht beschweren. Die gewisse Gelöstheit, in der Nelly jetzt lebt, wird ja, wenn du erst da bist, sicher wieder einer gewissen, hoffentlich nicht allzu schweren Spannung Platz machen, und dann werde ich es so bitter nötig haben, daß ich deiner, auch wenn ich dir momentan den Rücken kehre, unbedingt sicher bin. Gelt, du wirst mich dann nicht jedesmal mit einer Traurigkeit bestrafen, wenn ich vorübergehend das Bild eines Mannes der Ordnung etc. biete und dir damit veranschauliche, daß wir das im Verhältnis zu dem, was wir möchten, freilich ganz, ganz, ganz andere Leben gemeinsam beschlossen und angetreten haben und nun jede Stunde ganz verantwortlich dazu stehen müssen. Und gelt, du bist dann in dem ganz bestimmten Sinn m. Schw., daß du mit mir einig bist, in der Liebe zu bleiben, auch wenn ich dir auf weiteste Strecken nicht das sagen und sein kann wie auf dem Bergli. Ach du, mir ist ja bei deinen beiden letzten Briefen noch einmal die ganze Schwere unseres Wagnisses aufs Herz gefallen, und fast hätte ich dich, da dir eben das Bleiben so schwer fällt, da dir die unvermeidlichsten und harmlosesten Seiten des Aspektes, den ich dir in meiner merkwürdigen Stellung bieten muß, so zu schaffen geben, noch einmal, in dieser elften Stunde, wo alles Äußere schon in Ordnung ist, noch einmal gefragt, ob wir’s nicht lieber unterlassen wollen, weil die immer erneute Möglichkeit solcher Unterbrechungen zu qualvolle Situationen in Aussicht stellt. Aber ich will diese Frage nicht stellen, weil ich doch sehe und weiß, daß du im Grund und in |118 Wahrheit mit mir einig bist, und weil ich denke, daß eben die ganze Drohung, unter der wir stehen, uns nun auch in dieser Zwischenzeit (ich habe dir im Sommer vielleicht gar nicht genügend offen gesagt, wie sehr mir jede von deinen Depressionen ein aufgehobener Finger war) noch einmal klar bewußt werden mußte. Aber wir müssen uns bewußt sein, was wir tun, wenn wir diese nicht ganz guten acht Tage nicht als Warnung, sondern eben als Mahnung verstehen, und müssen, da wir nicht meinen, uns warnen lassen zu müssen, jedenfalls ernstlich gemahnt weitergehen. Was unser wartet, ist vielleicht die schwerste Probe in unser beider Leben, und es darf nicht sein, daß wir versagen. Es darf nicht sein, daß es dann an den Tag kommt, daß unsere Zusammengehörigkeit nur an der Sonne des Bergli allenfalls gedeihen und sich bewähren konnte. Die unvermeidliche, aber auch von uns selbst geschaffene Not darf uns nicht undankbar und unfreudig und untüchtig machen. Das Leben ist einfach zu kurz dazu, daß wir immer wieder darauf zurückkommen, immer wieder darin hängen bleiben, daß und warum es wohl der liebe Gott nicht ganz anders mit uns gemacht habe. |

Ach du, denk doch nun nicht, ich sei hart und unbeteiligt und ein Ordnungsmann und irgendwie (das fürchte ich am meisten) anders dran als du. Schau, ich glaube, es ist nun der Augenblick da, wo du alle solche Vorbehalte gänzlich fallen lassen, mir einfach glauben, zu mir und mit mir kommen solltest, wie du es doch im Grunde selber auch meinst und willst. Ich mag ja die Lollo, die sagt: Ich mag nicht, Karl! wirklich auch gern, und sie darf und soll wirklich auch kommen, aber eben wirklich kommen unter gänzlichem Verbot, abzuspringen und anderwärts als ganz bei der Sache zu sein. Geht das nicht? Doch, das geht freilich, und du weißt schon, wie ich das alles meine, und wirst mir keinen neuen kleinen Strick daraus drehen, daß ich dir in diesem vermutlich vorletzten Brief noch einmal so eindringlich gepredigt habe. Bitte, bitte, bitte, hör auf diese Predigt, habe mich nicht nur lieb, sondern sei jetzt auch so lieb, wie du es in Wahrheit bist und jeden Augenblick sein kannst, wenn du dazu «aufgerufen» bist. Du bist jetzt dazu aufgerufen, und ich bin ja so froh, daß ich dich habe, einen Menschen, den ich aus solcher Nähe und in solcher Gewißheit, verstanden zu werden, aufrufen kann.

Die Examina liegen nun hinter mir. Denk, am letzten Tage, gestern, geschah das Unglück, daß ich mich des Morgens (nachdem ich bis |119 nachts 1 Uhr an … dich geschrieben – hast du den eingeschriebenen Brief mit den 50 Mark bekommen?) einfach verschlief und noch schlief, als vom Konsistorium ein Telephon kam, ob man mich nicht erwarten dürfe!! Eine Viertelstunde später war ich mittelst Auto schon dort und legte los!|

Am Abend war Fakultätssitzung. Es liegen schon dicke Spannungen in der Luft, wegen der Nachfolgefrage. Stählin will Gogarten durchaus nicht wegen des Persönlichen. Der unglückliche Schmidt2 meint, daß er mein planmäßiges Ordinariat bekomme, und bekommt es sicher nicht, sollte auch als Dekan umgangen werden. Gegen mich schwebte die Angst, ich möchte als Dekan3 in der Nachfolgefrage vielleicht doch nicht in der geeigneten Weise wirken. Schließlich entschlossen sie sich doch (ich ging samt Schmidt weislich auf eine Viertelstunde hinaus!), mich zu bitten, nicht zurückzutreten, d. h. das Dekanat diesen Winter zu führen. Es war viel Verwirrung, Hin und Her und Unausgesprochenes im Spiel, von dem ich dir dann erzählen werde. Den späteren Abend verbrachte ich bei Rosenmöllers. Du findest Einiges darüber in dem Briefe an Eduard.4

Schluß für diesmal. Ich habe meine Hochzeitspredigt5 noch gar nicht für morgen, und auch am Vortrag6 sollte noch dies und das korrigiert sein. Magst du mir nicht einmal schreiben diese Woche? Ich bin bis Donnerstags früh erreichbar bei Herrn H. Putsch, Kohlfurterbrücke, Rheinland und würde mich so sehr über ein Lebenszeichen von dir freuen.

Grüße Georg und teile ihm alles Wissenswerte mit. Ich komme nicht mehr dazu, ihm selber zu schreiben.

Ach du ….

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 107, Anm. 15.↩
2
Friedrich Wilhelm Schmidt (1893–1945), seit 1920 Privatdozent, 1926 a. o. Professor für Systematische Theologie in Halle, seit 1927 in Münster, ab 1934 o. Professor für Dogmatik in Münster, ab 1939 in Berlin.↩
3
Barth war im Wintersemester 1929/30 Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät in Münster. Er gab dieses Amt offiziell am 15.4.1930 an Fr. W. Schmidt ab.↩
4
Vgl. Bw.Th. II, S. 677–680 📖.↩
5
Siehe unten S. 120, Anm. 1.↩
6
Siehe oben S. 107, Anm. 15.↩