Brief Nr. 62 · 12. Oktober 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Mein Schwesterlein!

Nun schreibe ich dir hoffentlich für lange, lange, den letzten Brief. Ob er dich überhaupt noch in München erreicht? Wir sind eben erst gestern Freitag abend aus dem Rheinland zurückgekehrt, und in all den Tagen war das Schreiben, wie vorausgesehen, unmöglich. Und nun mag ich schon fast nicht mehr anfangen mit Erzählen, wo so bald Alles mündlich geschehen kann. – Über die Hochzeit Bockemühl-Putsch orientiert dich «in etwa» meine beiliegende Traurede 1. Nelly war nicht damit zufrieden. Sie meint, man dürfte und müßte bei solchem Anlaß mehr von Segen, Hoffnung etc. reden, – und der Tenor dieser Rede sei doch sehr persönlich bedingt. Das Fest selber war natürlich ein wenig kleinbürgerlich. Aber die Putschs sind so herzensgute Leute und mir so zugetan, daß ich der Sache nicht gram sein konnte und sogar noch eine Tischrede gehalten habe. Man war doch etwas erlöst, als endlich Alles vorbei war. Wenn ich gewußt hätte, daß du zur selben Stunde Arm in Arm mit dem Magier2 im Gespräch über dein inneres Leben durch das mitternächtliche München ziehest, hätte ich wohl eine heftige Depression bekommen [sie ist nun erst nachträglich, gestern Abend, eingetreten … ich mag das eben nicht, es liegt irgendwie auf der Linie der Abneigung von Rudi gegen Dr. Schauer3 … irgendwie warst du da etwas weniger meine Lollo]4. Am folgenden Morgen ging die Theologische Woche5 los, und ich habe, |121 was sonst meine Gewohnheit nicht ist, gleich bei der ersten Diskussion dreimal geredet. Ich lege dir die Reformierte Kirchenzeitung bei, in der du die Thesen6 aller Vorträge findest. Heiners Vortrag7 war ein historisches und philosophisches Meisterstück und auch als Bekenntnis sehr eindrucksvoll. Goeters8 und der alte Erlanger Müller9 hielten oder versuchten zu halten eine gewisse Mittellinie und erlebten allerlei Widerspruch. Mein eigener Vortrag10 wurde in einen größeren Saal verlegt11 als den dir bekannten und zog dann auch richtig bei 1000 oder mehr Zuhörer an. Ich habe 2½ Stunden gebraucht und fand gute Aufmerksamkeit. Ob nicht vielleicht doch Einige vom Schicksal Gertys12 an jenem Abend ereilt wurden?! Zu einer Diskussion reichte die Zeit nicht mehr. Ein Pietist wollte sich verzweifelt zum Wort melden, wurde aber mit: «Nicht jetzt, Bruder Hützen13!» vom Vorsitzenden unterdrückt. Am Abend war ich mit Heiner und einigen Anderen im Predigerseminar zu einer Aussprache im engsten Kreis jüngerer Leute, wo u. a. das Bultmannsche Anliegen vertreten wurde. Heiner benahm sich etwas bockig dabei. Er ist immer wieder merkwürdig hilflos in allen Situationen, die er nicht geradezu beherrschen kann. |122 Am folgenden Morgen redete dann Hesse14, dessen Thesen15 du dir besonders ansehen mußt, weil darin der ganze Gegensatz zum Austrag kommt. Ich habe dann in der Diskussion sofort als Erster das Wort ergriffen und erklärte, daß zwischen «veni!» und «venit» nun ein jeder zu wählen habe.16 Es war schon so, daß ich wohl den größeren Teil der Versammlung schließlich auf meiner Seite hatte und daß tatsächlich beim Auseinandergehen Alle deutlich vor die Entscheidung gestellt waren. Übrigens war das Verhältnis und die Stimmung zwischen mir und den alten Herren persönlich ein durchaus freundliches. Gegen meinen Vortrag ist direkt kein einziges Wort laut geworden, |123 und ich glaube, sie wußten auch nicht viel dagegen zu machen. Nur daß eben alsbald der Eiertanz zwischen Sowohl und Als auch wieder anheben wollte, und dagegen mußte ich mich wehren und habe ich mich auch wohl gewehrt.

Nach Schluß der Tagung führte der bekannte Herr Müller17 Nelly und mich im Auto nach Bonn18, wo Nelly schon vorher zwei Tage zugebracht hatte. Am Abend waren Hölschers da, und gestern morgen und nachmittag habe ich dann nochmals rastlos Häuser und Wohnungen besichtigt. Das Resultat ist, daß wir zunächst nicht kaufen, sondern für drei Jahre mieten werden. Noch ist das Objekt nicht ganz sicher, aber sicher bekommen wir eine sehr schöne Wohnung19 mit genügend vielen und schönen Räumen. Die Sekretärin bekommt ihr Zimmer unmittelbar neben meinem Studierzimmer (mit direkter Türe) und hat wie dieses Ausblick auf einen schon ziemlich dichten Garten und darüber hinaus ins Weite. Eine Art Loggia ist beiden Zimmern vorgebaut und eröffnet die Aussicht auf schöne Sommerabende. Aber auch alle anderen Menschen werden geräumig und gut untergebracht sein. Wir fürchten, daß unsere paar Sachen in diesem großen Haus fast ertrinken werden. Aber es wird schon irgendwie nett werden. Die Mietpreise sind sehr hoch, aber das will und kann ja nun ertragen werden. Ich glaube, daß es dir auch gefallen wird. Nelly und ich haben uns bei dem Geschäft wohl beiderseitig Mühe gegeben, einander nicht zu kränken und herauszufordern, wie es früher bei solchen Anlässen leicht geschah – wir sind ja wohl auch beide etwas älter geworden seither! -, und so ging Alles gut. Aber ich erschrak gerade in diesen Tagen wieder sehr darüber, wie wenig mich wirklich |124 zu ihr hinzieht, wie wenig jede kleine Zuwendung zu ihr wirklich aus mir selber kommt. So wenig ich das will: sie ist doch immer mit dir verglichen und ist dann nicht das, was ich meine. Zum Mittagessen erschien Georg, ein Sonnenaufgang von Erzählungen und Reden aller Art wie immer und überall, wo er auftritt. Ich erfuhr schon durch ihn, daß du seinen Vortrag20 «zu sicher» gefunden habest, und lachte, du weißt schon warum. Er überreichte mir eine Novelle von Kolbenheyer21, die in der Tat Vieles für sich hat.

Also am 15.22 Ich werde in der Tat versuchen, dir bis Hamm entgegenzufahren. Wie gerne käme ich nach Köln23 und … Aber es geht jetzt in verschiedener Hinsicht nicht. Und wenn irgendwie auch Hamm verhindert wäre, so sei nicht zu enttäuscht. In Münster bin ich dann sicher zur Stelle. Aber ich werde gewiß schon in Hamm zur Stelle sein. Ach du, ich freue mich ja so! Ich werde, wir werden nächste Woche tüchtig an die Vorlesung und ans Seminar gehen müssen. Dein Zimmer (das große gegen den Garten) ist schon fast völlig in Ordnung. Du wirst eine Kommode und einen großen Kleiderschrank vorfinden und brauchst also im Mitnehmen deiner Sachen nicht zurückzuhalten. Komm jetzt nur mit Sack und Pack zu deinem Karl, gelt? Du weißt nicht, wie lieb er dich hat. Daß du erst am 15. fährst, ist mir natürlich auch ein Gram. Ach du, du machst mir immer wieder so viel Kummer. Aber ich bin es nun schon gewöhnt, werde lernen zu leiden, ohne zu klagen24, und bin dir doch in Allem so anhänglich und dankbar und zugetan, als man nur sein kann. Aus der Novelle von Kol|125benheyer wirst du dann lernen, was «Ahalibama»25 ist. Ich werde das auch manchmal zu dir sagen (da du ja ausdrücklich nicht versprichst …), aber bedenke nur in Allem, Allem, daß ich dich sehr lieb habe und daß ich auch nur darum oft so bekümmert bin über deine Wendungen und Taten, weil ich dich so lieb und so nötig habe. Also bis auf Dienstag nachts in Hamm. 1220 läuft dein Zug dort ein, wenn ich mich recht erinnere. Ja, kommst du nun wirklich und endgültig zu mir? Ach du!

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Die Trauung von Peter Bockemühl mit Ruth Putsch (geb. 1910) hatte Barth am 7.10.1929 in Wuppertal-Cronenberg vollzogen. Die Traupredigt über Hebr. 13,11–12: K. Barth, Eine reformierte Traurede, in: Cronenberger Reformiertes Wochenblatt, Jg. 5, Nr. 43 vom 27.10.1929, S. 344, und Nr. 44 vom 3.11.1929, S. 352 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 207-213 📖. ­- Peter Bockemühl (1896–1953), 1927-1953 Pfarrer in Wuppertal-Cronenberg.↩
2
Nicht ermittelt.↩
3
Nicht ermittelt.↩
4
Eckige Klammern im Original.↩
5
Die dritte theologische Woche des Reformierten Bundes in Wuppertal-Elberfeld vom 7.-10.10.1929 mit dem Hauptthema «Die Frage nach dem heiligen Geist». Siehe die kirchlichen Nachrichten in: RKZ, Jg. 79 (1929), S. 198.221f.269.292f.301.317.333f. 📖, den «Nachklang» S. 329-331, die Leitsätze zu den Vorträgen S. 321-324 und den Bericht S. 401-404; vgl. auch V.u.kl.A. 1925-1930, S. 458-460 📖; Neuser S. 82 (Druckfehler: 1929, nicht 1928) 📖.↩
6
RKZ, Jg. 79 (1929), S. 321-324. 📖↩
7
Heinrich Barths Vortrag vom 8.10.1929 über «Die Geistfrage im deutschen Idealismus» ist abgedruckt im Beiheft Nr. 1 von «Zwischen den Zeiten»: K. Barth/H. Barth, Zur Lehre vom heiligen Geist, München 1930, S. 1-38 📖.↩
8
Die Leitsätze des Vortrages des Bonner Professors W. Goeters «Die Frage nach dem heiligen Geist im Pietismus» sind abgedruckt in RKZ, Jg. 79 (1929), S. 322 📖; vgl. S. 221.269.↩
9
Die Leitsätze des Vortrages des Erlanger Professors E. Fr. K. Müller «Der heilige Geist und der Rechtfertigungsglaube» sind abgedruckt a.a.O., S. 322 📖.↩
10
Barths Vortrag vom 9.10.1929 «Der heilige Geist und das christliche Leben» ist abgedruckt im Beiheft Nr. 1 von «Zwischen den Zeiten»: K. Barth / H. Barth, Zur Lehre vom heiligen Geist, München 1930, S. 39-105 📖; wieder abgedruckt in V.u.kl.A. 1925-1930, S. 458-520 📖.↩
11
Zu Barths Vortrag mußte man aus dem Gemeindesaal auf dem Exerzierplatz «in den großen Festsaal des Jugendhauses ziehen, dessen 1000 Sitzplätze fast restlos besetzt waren» (RKZ, Jg. 79 [1929], S. 333 📖).↩
12
Nicht ermittelt.↩
13
Wilhelm Friedrich Hützen (1872–1951), 1911-1939 Pfarrer in Duisburg-Meiderich.↩
14
Hermann Albert Hesse (1877–1957), Organisator der Theologischen Woche, von 1916 bis zur Zwangspensionierung 1943 Pfarrer in Wuppertal-Elberfeld; 1929-1943 Direktor des Reformierten Predigerseminars und Dozent an der Theologischen Schule in Wuppertal-Elberfeld; April-Juli 1933 reformierter Bevollmächtigter des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes («Drei-Männer-Kollegium»), 1934-1946 Moderator des Reformierten Bundes, Teilnehmer der Bekenntnissynoden der Deutschen Evangelischen Kirche.↩
15
Die Thesen des Vortrages «Der heilige Geist und die Kirche» von H. A. Hesse in: RKZ, Jg. 79 (1929), S. 323f. 📖↩
16
Die Diskussion entzündete sich an der – auch gegen Barth gerichteten – These im Vortrag H. A. Hesses, der apostolische Glaube der Kirche bestehe nicht in der sehnlichen Bitte «Veni creator spiritus», sondern in dem dankbaren Bekenntnis «Venit creator spiritus». Siehe den Diskussionsbericht in: RKZ, Jg. 79 (1929), S. 401-404, bes. S. 402-404 📖; vgl. V.u.kl.A. 1925-1930, S. 459 📖. In einem Brief vom 9.2.1930 an Hesse erläuterte Barth nochmals seine Meinung zur Diskussion um das «veni-venit»: «Untragbar bleibt mir die Auffassung der Ausgießung des heiligen Geistes zu Pfingsten als einer ‹Heilstatsache› in einer Reihe mit dem Geschehen der Weihnacht, des Karfreitags, der Ostern und Himmelfahrt. Weil ich diese Nebeneinanderstellung nicht vollziehen kann, ohne die Begriffe Wort und Geist und damit auch die zweite und dritte Person der Gottheit in einander aufgehen zu lassen. Und weil ich die Vorstellung eines schon gekommenen heiligen Geistes und also seines geschichtlichen Weiterwirkens von dem Fatalen, was Hegel und Schleiermacher hier gelehrt haben, nicht zu unterscheiden wüßte. […] ‹Dankbar› für die Gabe des heiligen Geistes können wir nur sein, sofern wir für das aus dem Geist geborene Wort der Propheten und Apostel, d. h. aber für die Verheißung, dankbar sein dürfen und müssen. Im Blick auf einen eigenen, vom Schriftwort unterschiedenen Besitz des heiligen Geistes aber kann es doch wohl nur das veni des Gebets geben, das als Gebet des Glaubens gewiß ein venit, aber dann sicher immer nur ein präsentisches venit in sich schließt.» (KBA 9230.33; teilweise abgedruckt in: V.u.kl.A. 1925-1930, S. 459f., Anm. 11).↩
17
Vermutlich Adolf Paul Müller aus Wuppertal (vgl. Bw.Th. II, S. 378.381f.384 📖).↩
18
Nach den Berufungsverhandlungen wurde am 26.10.1929 offiziell Barths Ernennung für den Lehrstuhl für Systematische Theologie in Bonn zum 1.4.1930, also zum Sommersemester 1930, ausgesprochen(s. J. Fr. G. Goeters, Karl Barth in Bonn 1930-1935, in: EvTh, Jg. 47 [1987], S. 137-150, dort S. 139 📖; vgl. Bw.Th. II, S. 677.679 📖).↩
19
Am 19.3.1930 zog die Familie Barth in Bonn in die Siebengebirgstr. 18 ein (heute Heussallee, Ecke Winston-Churchill-Straße). Die Wohnung mit acht Räumen befand sich im Erdgeschoß und im 1. Stock, dazu eine Mansarde im Dachgeschoß, die seit 1931 Hellmut Traub bewohnte (Goeters, a.a.O., S. 140 📖; vgl. Busch, S. 213 📖).↩
20
Bezieht sich vermutlich auf G. Merz, Die Geltung des kirchlichen Bekenntnisses im Protestantismus, in: ZZ, Jg. 7 (1929), S. 484-492 📖. Der Aufsatz geht auf ein Referat zurück, das Merz zu dem Fall des Pfarrers Lic. Ferdinand Maria Knote gehalten hatte.↩
21
Siehe unten Anm. 25.↩
22
Der für den 15.10.1929 zu erwartende Einzug von Kirschbaums in das Haus der Familie Barth in Münster (vgl. auch oben S. 109, Anm. 2, sowie Bw.Th. II, S. 679 📖, wo von Kirschbaum noch zum 14.10. in Münster erwartet wird).↩
23
Am 10.4.1929 (s. oben S. 94f.) schrieb Barth von «unserem Köln». Barth war einige Male von Münster aus von Kirschbaum entgegengefahren, um sie dort zu treffen bzw. nach Münster abzuholen.↩
24
Zu der dem sterbenden Kaiser Friedrich III. zugeschriebenen Aufforderung «Lerne leiden, ohne zu klagen» vgl. Büchmann, S. 468 📖.↩
25
Ahalibama war nach Gen. 36,2 eine der Frauen Esaus aus den Töchtern Kanaans. Der Name erscheint als Titel einer Veröffentlichung E. G. Kolbenheyers (1878–1962): Ahalibama. Drei Erzählungen, München und Leipzig 1913. Er spielt in der ersten der Erzählungen eine Rolle, die nach der Hauptgestalt Wenzel Tiegel betitelt ist: Tiegel konnte biblische Frauennamen wie Ahalibama «niemals lesen, ohne sie ingrimmig auszustoßen». In dem Namen «Ahalibama» sah er ein «Ungetüm an Übertreibung» und eine «Orgie an Konsonanten und Vokalen!» Und so stellte er fest: «Welch ein Kerl mußte Esau gewesen sein, wenn er solch eine unerhörte Übertreibung ehelichen konnte, ohne daran zugrunde zu gehen!» (Wenzel Tiegel, in: E. G. Kolbenheyer, Tragikomische Erzählungen. Romane II. Erzählungen, Gesamtausgabe der Werke letzter Hand, Abt. 1, Bd. 5,1, Nürnberg 1965, S. 191-249, dort S. 209 📖).↩