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Nun schreibe ich dir hoffentlich für lange, lange, den letzten Brief. Ob er dich
überhaupt noch in München
erreicht? Wir sind eben erst gestern Freitag abend aus dem Rheinland
zurückgekehrt, und in all den Tagen war das Schreiben, wie vorausgesehen,
unmöglich. Und nun mag ich schon fast nicht mehr anfangen mit Erzählen, wo so
bald Alles mündlich geschehen kann. – Über die Hochzeit
Bockemühl-Putsch
orientiert dich «in etwa» meine beiliegende Traurede
1. Nelly war nicht damit zufrieden.
Sie meint, man dürfte und müßte bei solchem Anlaß mehr von Segen, Hoffnung etc.
reden, – und der Tenor dieser Rede sei doch sehr persönlich
bedingt. Das Fest selber war natürlich ein wenig kleinbürgerlich. Aber die Putschs sind so herzensgute Leute
und mir so zugetan, daß ich der Sache nicht gram sein konnte und sogar noch eine
Tischrede gehalten habe. Man war doch etwas erlöst, als endlich Alles vorbei
war. Wenn ich gewußt hätte, daß du zur selben Stunde Arm in Arm mit dem
Magier2 im Gespräch
über dein inneres Leben durch das mitternächtliche München ziehest, hätte ich wohl eine heftige Depression bekommen [sie ist
nun erst nachträglich, gestern Abend, eingetreten … ich mag das
eben nicht, es liegt irgendwie auf der Linie der Abneigung von Rudi gegen
Dr. Schauer3 … irgendwie
warst du da etwas weniger meine Lollo]4. Am folgenden Morgen ging die
Theologische Woche5 los, und ich habe, |121 was sonst meine
Gewohnheit nicht ist, gleich bei der ersten Diskussion dreimal geredet. Ich lege dir die
Reformierte Kirchenzeitung bei, in der du die Thesen6 aller Vorträge findest.
Heiners
Vortrag7
war ein historisches und philosophisches Meisterstück und auch als Bekenntnis
sehr eindrucksvoll. Goeters8 und der
alte Erlanger Müller9 hielten oder
versuchten zu halten eine gewisse Mittellinie und erlebten allerlei Widerspruch.
Mein eigener Vortrag10
wurde in einen größeren Saal verlegt11 als den dir
bekannten und zog dann auch richtig bei 1000 oder mehr Zuhörer an. Ich habe 2½
Stunden gebraucht und fand gute Aufmerksamkeit. Ob nicht vielleicht doch Einige
vom Schicksal Gertys12 an
jenem Abend ereilt wurden?! Zu einer Diskussion reichte die Zeit nicht mehr. Ein
Pietist wollte sich verzweifelt zum Wort melden, wurde aber mit: «Nicht jetzt,
Bruder Hützen13!» vom Vorsitzenden unterdrückt. Am
Abend war ich mit Heiner und einigen Anderen im Predigerseminar zu einer Aussprache im
engsten Kreis jüngerer Leute, wo u. a. das Bultmannsche Anliegen vertreten wurde. Heiner benahm sich
etwas bockig dabei. Er ist immer wieder merkwürdig hilflos in allen Situationen,
die er nicht geradezu beherrschen kann. |122 Am folgenden
Morgen redete dann Hesse14, dessen Thesen15 du dir besonders ansehen mußt, weil
darin der ganze Gegensatz zum Austrag kommt. Ich habe dann in der Diskussion sofort als Erster
das Wort ergriffen und erklärte, daß zwischen «veni!» und «venit» nun ein jeder
zu wählen habe.16 Es war schon so, daß ich wohl den
größeren Teil der Versammlung schließlich auf meiner Seite hatte und daß
tatsächlich beim Auseinandergehen Alle deutlich vor die Entscheidung gestellt
waren. Übrigens war das Verhältnis und die Stimmung zwischen mir und den alten
Herren persönlich ein durchaus freundliches. Gegen meinen Vortrag ist direkt kein einziges Wort laut geworden, |123 und ich glaube, sie wußten auch nicht viel
dagegen zu machen. Nur daß eben alsbald der Eiertanz zwischen Sowohl und Als
auch wieder anheben wollte, und dagegen mußte ich mich wehren und
habe ich mich auch wohl gewehrt.
Nach Schluß der Tagung führte der bekannte Herr Müller17
Nelly und mich im
Auto nach Bonn18, wo Nelly schon vorher zwei Tage
zugebracht hatte. Am Abend waren Hölschers da, und gestern morgen und nachmittag habe ich dann
nochmals rastlos Häuser und Wohnungen besichtigt. Das Resultat ist, daß wir
zunächst nicht kaufen, sondern für drei Jahre mieten werden. Noch
ist das Objekt nicht ganz sicher, aber sicher bekommen wir eine
sehr schöne Wohnung19 mit
genügend vielen und schönen Räumen. Die Sekretärin bekommt ihr Zimmer unmittelbar
neben meinem Studierzimmer (mit direkter Türe) und hat wie dieses Ausblick auf
einen schon ziemlich dichten Garten und darüber hinaus ins Weite. Eine Art
Loggia ist beiden Zimmern vorgebaut und eröffnet die Aussicht auf schöne
Sommerabende. Aber auch alle anderen Menschen werden geräumig und gut
untergebracht sein. Wir fürchten, daß unsere paar Sachen in diesem großen Haus
fast ertrinken werden. Aber es wird schon irgendwie nett werden. Die Mietpreise
sind sehr hoch, aber das will und kann ja nun ertragen werden. Ich glaube, daß
es dir auch gefallen wird. Nelly und ich haben uns bei dem
Geschäft wohl beiderseitig Mühe gegeben, einander nicht zu kränken und
herauszufordern, wie es früher bei solchen Anlässen leicht geschah – wir sind ja
wohl auch beide etwas älter geworden seither! -, und so ging Alles
gut. Aber ich erschrak gerade in diesen Tagen wieder sehr
darüber, wie wenig mich wirklich |124 zu ihr
hinzieht, wie wenig jede kleine Zuwendung zu ihr wirklich aus mir selber kommt. So wenig ich
das will: sie ist doch immer mit dir verglichen und ist dann nicht
das, was ich meine. Zum Mittagessen erschien Georg, ein Sonnenaufgang von
Erzählungen und Reden aller Art wie immer und überall, wo er auftritt. Ich
erfuhr schon durch ihn, daß du seinen Vortrag20 «zu
sicher» gefunden habest, und lachte, du weißt schon warum. Er überreichte mir
eine Novelle von Kolbenheyer21, die in der Tat Vieles für sich hat.
Also am 15.22 Ich werde
in der Tat versuchen, dir bis Hamm
entgegenzufahren. Wie gerne käme ich nach Köln23 und … Aber es geht jetzt in verschiedener
Hinsicht nicht. Und wenn irgendwie auch Hamm verhindert wäre, so sei nicht zu enttäuscht. In
Münster bin ich dann sicher zur Stelle. Aber ich werde gewiß schon
in Hamm zur Stelle sein. Ach du, ich
freue mich ja so! Ich werde, wir
werden nächste Woche tüchtig an die Vorlesung und ans
Seminar gehen müssen. Dein Zimmer (das große gegen den Garten)
ist schon fast völlig in Ordnung. Du wirst eine Kommode und einen großen
Kleiderschrank vorfinden und brauchst also im Mitnehmen deiner Sachen nicht
zurückzuhalten. Komm jetzt nur mit Sack und Pack zu deinem Karl, gelt?
Du weißt nicht, wie lieb er dich hat. Daß du erst am 15. fährst,
ist mir natürlich auch ein Gram. Ach du, du machst mir immer wieder so viel
Kummer. Aber ich bin es
nun schon gewöhnt, werde lernen zu leiden, ohne zu klagen24, und bin dir doch
in Allem so anhänglich und dankbar und zugetan, als man nur sein kann. Aus der
Novelle von Kol|125benheyer wirst du dann
lernen, was «Ahalibama»25 ist. Ich werde das
auch manchmal zu dir sagen (da du ja ausdrücklich
nicht versprichst …), aber bedenke nur in Allem, Allem, daß
ich dich sehr lieb habe und daß ich auch nur darum oft so bekümmert bin über deine
Wendungen und Taten, weil ich dich so lieb und so nötig habe. Also bis
auf Dienstag nachts in Hamm. 1220 läuft dein Zug dort ein, wenn ich mich recht erinnere.
Ja, kommst du nun wirklich und endgültig zu mir? Ach du!