Brief Nr. 63 · 29. März 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Du Liebe!

Du sollst nun gewiß endlich auch etwas von mir hören, und das soll nun in der Tat geschehen. Ich konnte den Wallace2 erst in der Schweiz lesen; denn als du meinen Blicken in Mannheim3 ent|126schwunden warst und ich ins Coupé zurückkehrte, da war da ein blutjunger katholischer Pfarrer, der sich als ehemaliger münsterischer Student und Teilnehmer am offenen Abend vorstellte und mit dem ich mich dann bis Basel gut unterhalten habe. Wir kamen dort eine Stunde früher an, als du mir angegeben hattest (!), und waren bald freudig mit Eduards vereinigt. Die Tage dort waren sehr gut und erfüllt mit allerlei Begegnungen und Gesprächen. Vor Allem mit Eduard und Marguerite selbst war es sehr schön. Sie würden sich sehr freuen, wenn du dann bei der Rückreise ebenfalls bei ihnen einkehren würdest. Mit Matthisli wurde nun Alles anders als geplant. Meine Mutter hat außer mir den Besuch von Heiner und seiner Frau und also keinen Platz. Also Stäfa4? Nein, in plötzlicher Inspiration entschloß ich mich, in Madiswil5 anzuklingeln, und dorthin habe ich ihn nun gestern gebracht. Es ist ihm gewiß besser, er kommt in etwas männliche und vor Allem in barthische Umgebung, meinst du nicht auch? Das Landleben und der rüstige Verkehr mit den dortigen Vettern wird ihm m. E. sehr gut tun. Lenchen nahm ihn gleich so freundlich auf, empfand es als Zutrauen, daß ich ihn ihnen übergeben wollte, und ich hoffe nun nur, daß auch Nelly sich mit dieser väterlichen Anordnung der Dinge zufrieden geben wird. Matthisli hat übrigens gleich in der ersten halben Stunde seines Dortseins einen Boxkampf mit einem Dorfbuben, der ihn anspuckte (!), durchaus siegreich bestanden und blühte überhaupt zusehends auf in dieser Luft. Der Abend mit den Geschwistern war auch für mich sehr freundlich, und so bin ich erst heute morgen hieher gekommen. Das Erste war gleich, daß ich an der Promotionsfeier des Freien Gymnasiums6 teilnahm, in dem ich selbst gewesen bin. Ach du, hier wer|127den überhaupt soviel Erinnerungen wach, bei denen ich dich gerne um mich hätte! Das Häuschen meiner Mutter7 ist in der Tat ein guter Ort. Ich sehe mir ihn auch daraufhin an, ob du wohl auch einmal hier sein wirst. Noch hat kein «Gespräch» mit meiner Mutter stattgefunden, und vielleicht geht es noch eine Weile, weil Heiner und seine Frau eben da sind. Ich habe ihnen aber den Plan des Bonner Hauses gezeichnet und deutlich erklärt: hier wohnt Lollo.8 Morgen werden wir eine Predigt von Karl Lindt hören.

Das «Bergli 1930» scheint also doch werden zu sollen?! Ich denke schon, daß es gelingen wird, daß ich auch komme, und freue mich schon jetzt. Vielleicht am Samstag vor Palmsonntag? Oh du … das Schreiben gerade an dich ist mir sehr unnatürlich geworden, und ich will aufhören und zu Bett gehen. Gelt, du erzählst mir dann doch noch einmal (ich meine in Briefen), wie in München die Dinge stehen. Was deine Mutter macht usf. Georgs Brief ist noch nicht gekommen. Peter hat auch keinen Bescheid von Georg wegen seines ­Calvinaufsatzes9. Magst du dich dafür verwenden? Fast gleichzeitig mit dem deinigen kam der beiliegende Brief von Nelly, und ich habe ihr eben wieder geschrieben. So in der Ferne ist es noch eine ganz besondere Sache mit den «zwei mir verordneten …»

Und nun schreibe ich Vieles nicht, um es umso intensiver zu denken!

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Aus der ersten Strophe des Weihnachtsliedes «Es ist ein Ros entsprungen» (RG [1998] 399; EG 30) 🎵.↩
2
Edgar Wallace (1875–1932), englischer Kriminalschriftsteller.↩
3
Offenkundig begleitete von Kirschbaum Barth im Zug von Bonn bis Mannheim, von wo sie in Richtung München weiterfuhr. – Am 19.3.1930 war Barth gemeinsam mit seiner Familie und von Kirschbaum nach Bonn umgezogen. Siehe oben S. 123, Anm. 19.↩
4
Wohnsitz von Anna Elisabeth Hoffmann, der Mutter von Nelly Barth.↩
5
Wohnsitz der Familie Peter und Helene («Lenchen») Barth. – Helene Barth-Rade (1895–1985), Tochter von Martin Rade, seit 1915 mit Peter Barth verheiratet.↩
6
Barth besuchte von 1892 bis 1904 das Freie Gymnasium in Bern (von 1892 bis 1896 dessen «Elementar-Abteilung»). Diese Schule war 1859 von Th. von Lerber (1823–1901) gegründet worden und in seinem Sinne «bibelgläubig-positiv» orientiert. Der Schultag wurde mit Gebet und mit Choral begonnen. Teilweise wurde «Religion» als Hauptfach gelehrt. Fritz Barth, der Vater Karl Barths, unterrichtete neben seinem akademischen Lehramt von 1889-1912 als Religionslehrer an dieser Schule (vgl. Busch, S. 25 📖).↩
7
Am 16.10.1929 war die Mutter Karl Barths, Anna Barth-Sartorius, nach der Verheiratung ihres Sohnes Heinrich von Basel nach Wabern bei Bern (unterhalb des Gurten) umgezogen.↩
8
Siehe Anm. 3.↩
9
P. Barth, Calvins Verständnis der Kirche, in: ZZ, Jg. 8 (1930), S. 216-233. 📖↩