Brief Nr. 59 · 3. Oktober 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

113

59

Mein Schwesterlein!

Aber wo bleibst du denn nur – deinen sehnlichst erwarteten Brief meine ich! Nun ist auch die Donnerstagabendpost vorbei und hat mir nichts gebracht, und volle 8 (acht) Tage sind verflossen, seit ich zuletzt von dir hörte. Immer wieder erwäge ich alle in Betracht kommenden Möglichkeiten: Krankheit, üble Ereignisse mit Menschen, schwere Depression verbunden mit vorübergehender Lieblosigkeit, und kann nicht erraten, was sich dort unten, 800 km weit von hier, abspielen mag. Gelt, wenn es noch immer nicht geschehen ist, dann schreibst du mir jetzt ein paar Worte. Es macht mich so traurig und unruhig, nichts von dir zu wissen.

Hier ist unterdessen Alles rüstig weitergegangen. Ich habe zwei TageExamen hinter mir und noch zwei vor mir. Die Sache ist sehr anstrengend für mich, weil die mitbeteiligten Konsistorialräte und Kollegen mir, wohl im Blick auf meinen gehabten Urlaub und auf meinen Weggang von hier, gerade das Dreifache von ihrer Beteiligung an der eigentlichen Prüfungsarbeit aufgeladen haben: ich hatte und habe in Philosophie, Ethik und Dogmatik-­Symbolik zu prüfen und muß darum (man prüft in Abteilungen in verschiedenen Zimmern) fast ununterbrochen an der Spritze sein. Von den ersten neun Kandidaten ist einer durchgefallen, und drei müssen einzelne Fächer wiederholen, um dann erst bestanden zu haben. Morgen kommt nun der zweite Coetus1 mit weiteren acht Leuten an die Reihe.

Aus der Beilage2 siehst du, daß ich Bonn nun definitiv angenommen habe. Morgen fährt Nelly ein erstes Mal nach Bonn, um sich umzusehen.

114 Ich muß wieder an meine Vorbereitung für morgen (ich will Plato, Aristoteles etc. drannehmen, und wie sollte ich das alles in meinem Kopf präsent haben?!). Ich kann dir ja ohnehin nur zurufen: Gelt, du hast mich lieb, und gelt, du schreibst mir jetzt auch wieder einmal? I. h. d. s. l. (sicher? sicher!).

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Die zweite Gruppe von Examinanden.↩
2
Schreiben Barths vom 3.10.1929 an Ministerialrat Prof. Dr. Windelband in Berlin, in dem Barth die Annahme des Rufes nach Bonn erklärt (KBA 9229.195).↩