Brief Nr. 58 · 1. Oktober 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Mein Schwesterlein!1

Es reichte heute nacht nicht zu einem Brief. Ich bin auch auf der Rückreise wieder Schlafwagen gefahren mit einem zweiten unbekannten Bourgeois zusammen (ach …). Aber du bekamst wohl inzwischen schon die Karte aus dem Weinkeller, in dem ich mit G. Dehn und G. Staewen den Abend verbrachte. Wir haben an diesem seltsamen Ort eingehend über das Bergli geredet und natürlich auch von dir. G. Staewen hält größte Stücke auf dir2. Ich konnte nur befriedigt nicken zu Allem, was sie sagte. Was am übrigen Tag alles vor sich ging, entnimmst du am einfachsten den verschiedenen Briefdurchschlägen, die hier beiliegen.3 Es war ein sehr interessanter und bewegter Tag, und nun scheint doch wirklich Alles darauf hinzuweisen, daß Bonn Wirklichkeit wird. Aber also erst im Frühjahr. Es wäre eine überstürzte Sache geworden, es jetzt schon durchzusetzen, und Richter4 war leicht davon abzubringen. Gelt, nun kommst du bald? Oder sind die Luft und die Bäume jetzt eben besonders schön in München?? Ach du, du hast mir schon so lange nicht mehr geschrieben!! Was sagst du zu dem fast erschreckenden finanziellen Ergebnis der Verhandlung? Es entsprach ja allerdings dem Gewicht der vorangehenden Aussprache, aber ich bin doch fast bestürzt über dieses viele Geld.5 |111 ­K. L. Schmidt war da mein Glück. Er kommt aus Thüringen, wo sehr hohe Besoldungen sind, die nun von Preußen überboten werden mußten. Ich verlangte darauf, als ich gefragt wurde [es ist eigentlich eine fragwürdige Sache, daß da ein solcher förmlicher Handel getrieben wird!]6, aufs Geratewohl dasselbe, was Schmidt bekomme. Das ging nun nicht («Westfalen gehört leider zu Preußen»), aber wenn er aus jenem Grund mit noch mehr Silber und Gold zugedeckt wird, so ist der Unterschied doch kaum 2000 Mark. Die 1000 Mark für die «Schreibhilfe» kamen glatt hinzu. Du bekommst aber nun natürlich 100 Mark im Monat von mir. Gelt, das freut dich auch ein wenig, obwohl ich dir ja gern noch mehr geben würde. Ach du, dich müßte man mit Silber und Gold zudecken, statt uns etwas eklige Professoren, die wir in dieser Weise die Ausführung des Young-Planes7 etc. beeinträchtigen. Ob die Sorgen deiner Leute8 nun wohl etwas gedämpft sind? Aber gelt, sie werden dich dann nicht beständig anpumpen, so daß Alles wieder dort verschwindet, wo man dir ohnehin ungefähr Alles schuldig geblieben ist! Diese Sorge habe ich nämlich ein wenig.

Eben war Fräulein Siebold9 hier, die den Herrn Zeltner10 heiraten will. (Dieser wird Privatdozent der Philosophie in Erlangen.) Nachher wurde ein Schach gespielt.

Sag, warum schreibst du nur so lange nicht? Bist doch nicht etwa krank? Oder in einer Depression befindlich? Oder schlecht behandelt von deiner Mutter oder von der Sphinx Line? Sie sollen doch alle unbedingt lieb zu dir sein; sonst komme ich und hole dich. Die 14 Tage werden mir ja im Fluge vorübergehen, weil sie so ausgefüllt sind. Aber ich denke mit Sorge daran, ob du vielleicht traurig und betrübt |112 bist. Ach du, wie ist es eben so schön gewesen mit dir, so eindeutig schön, wie sonst mit gar niemandem auf der Welt. Bist du immer noch gerne meine Lollo? |

Gelt, der Brief an Pfarrer Burckhardt11 hat dir auch schlecht gefallen? Ob du wohl aufs Bergli auch schon geschrieben oder etwas von dort gehört hast? Weißt du, in gewisser Hinsicht fühle ich mich hier erleichtert neben dem Bergli: durch das Fehlen so anstrengender psychologischer Komplexe, wie sie einen in R[udi] und G[erty] fortwährend beanspruchten. Aber was gäbe ich jetzt um eine einzige ungestörte Stunde mit dir, wie wir sie doch nun zu Tausenden gehabt haben. Ob ich wohl in Berlin gleich noch ein zweites Urlaubssemester hätte verlangen sollen? Die 14 Tage werden mir doch auch recht lang werden. Gelt, du reisest am 14.? Am 15. muß ich das Dekanat übernehmen, und da mußt du dabei sein und nachher bei der Vorbereitung der Vorlesung. Ich sehne mich ja so nach dir. Wenn du jetzt nach Homburg12 müßtest, was wäre das für eine böse Zeit und was für eine graue Zukunft. Wenn es dir in München nicht mehr gefiele, so kommst du schon früher, gelt? Hast du Geld zur Reise, oder soll ich dir welches schicken?! Und hast du vielleicht noch dies und das nötig, was du dort besorgen möchtest?

Ich will den Brief abschließen. Du wirst auch gewartet haben darauf. Und ich muß an die Vorbereitung für morgen. Du Liebe, ich weiß nicht mehr, wie du aussiehst, sondern habe nur noch schleierhafte Umrisse einer ganz lieben Gestalt. Es war eben zu schön, als daß das Entbehren nun nicht traurig wäre.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
So lautet auch mehrfach die briefliche Anrede Barths an seine Schwester Gertrud. Vielleicht lehnt sich Barth aber an die Anredeform an, mit der etwa in Gemeinschaftskreisen eine Beziehung auf das Geschwisterlich-Geistliche eingegrenzt wird.↩
2
Ältere Konstruktion der Redewendung mit dem Dativ; vgl. Grimm, Bd. 20, Sp. 223 📖.↩
3
Briefe Barths, in denen er über die Verhandlungen in Berlin berichtete: je ein Brief vom 1.10.1929 an seine Mutter, an Richard Siebeck, an Fr. Gogarten und an das Ehepaar Pestalozzi (KBA 9229.190, KBA 9229.192, KBA 9229.193 und KBA 9229.194; vgl. auch Barths Brief vom 6.10.1929 an E. Thurneysen in Bw.Th. II, S. 677–681 📖).↩
4
Werner Richter (1887–1960), Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium.↩
5
Folgende jährliche Einnahmen wurden Barth in Berlin für die Bonner Professur zugesichert: 13’000 Reichsmark Grundgehalt, rund 2’000 RM Zulagen, 6’000 RM Kolleggeldgarantie, 1’000 RM für eine «Schreibhilfe» (vgl. auch Bw.Th. II, S. 679 📖).↩
6
 Eckige Klammern im Original.↩
7
 Owen D. Young (1874–1962), U. S.-amerikanischer Reparationssachverständiger. Der nach ihm benannte Plan hatte die deutschen Kriegsreparationszahlungen mit einer Gesamthöhe von 112 Milliarden Reichsmark bis 1988 festgelegt. Trotz anhaltender Kritik von rechts wurden die Gesetze zur Erfüllung des Young-Plans am 12.3.1930 im Reichstag beschlossen.↩
8
 D. h. der Familie von Kirschbaum.↩
9
 Margarethe Siebold, Studentin Barths.↩
10
Hermann Zeltner (s. oben S. 65, Anm. 15).↩
11
In einer Diskussion am 18.9.1929 im Zürcher «Glockenhof» mit Pfarrern der «positiven» Richtung (vgl. Barths Schilderung in seinem Brief an Emil Brunner vom 19.9.1929 [Bw.Br., S. 186–188 📖]) hatte Abel Eduard Burckhardt (1899–1934), 1925-1934 Pfarrer in Witikon (Kt. Zürich), Barth heftig angegriffen, sich in einem Brief vom 24.9.1929 (KBA 9329.446) aber für den Ton seines Votums entschuldigt, ohne freilich in der Sache seinen Einspruch zurückzunehmen. Auf dem Durchschlag seines scharfen Antwortbriefes vom 29.9.1929 (KBA 9229.187) ist von Barth für von Kirschbaum notiert: «Original noch nicht abgeschickt. Nelly rät heftig ab davon. Was sagst du?» Barth hat dann nicht diesen, sondern einen weniger scharf formulierten Brief mit Datum vom 6.10.1929 (KBA 9229.205) an Burckhardt geschickt.↩
12
Hintergrund nicht ermittelt.↩