Brief Nr. 65 · 4. April 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Meine Lollo!

Der Zustand der Trennung wird doch nachgerade sehr unbefriedigend. Besonders weil du mir gar nie schreibst! Hoffentlich nicht darum, weil du etwa krank geworden bist oder sonst Unangenehmes zu berichten hättest. Ruhst du dich auch recht aus? Und trägst Sorge zu dir? Und bist beim Arzt gewesen, um in Erfahrung zu bringen, was es mit jenen Stichen im Rücken auf sich hat? Ich denke doch so viel an dich, und die Zeit des Alleinseins kommt mir schon unerträglich lange |129 vor. Und wie du aussiehst, liebste Lollo, weiß ich wahrlich nicht mehr. Heute in acht Tagen finden wir uns dann wieder, gelt?1 Ich habe schon in Erfahrung gebracht, daß ich an jenem Tage, Freitag 11. April abends, 743 in Zürich ankommen werde. Nach einer Zwischenlandung in Madiswil, bei der ich den Matthisli abholen werde.2 Beiliegend Gertys Brief3 an mich, auf den hin ich nun wirklich und sicher auch kommen werde. Ich habe es Nelly geschrieben, daß dies geschehen werde, und meine Mutter hat es von Anfang an als selbstverständlich angenommen. Noch ist es ihr allerdings wohl nicht deutlich, daß «die Lollo» auch dort sein wird. Aber mir ist es sehr deutlich, und ich freue mich so schrecklich wie nur je auf das Wiederfinden. Was ist auch das, wenn man fast nicht mehr leben kann ohne dies andere Menschlein? Wie hast du das nur gemacht, mir so unentbehrlich zu werden? Wirst du mich denn in Zürich abholen? Aber gelt, vorher schreibst du mir noch einmal und nicht zu knapp, damit ich etwas ins Bild komme? Du Liebe du!

Mein Leben hier fließt sehr ruhig und gleichmäßig dahin. Der abgelegene Ort bringt es mit sich, daß man viel auf den Beinen ist und des Abends immer in angenehmer Müdigkeit einschläft. Hast du die Karte vom Belpberg bekommen? Ich bekam eines schönen Morgens Lust, mit meinem Neffen Andresli loszuziehen, und wir waren den ganzen Tag unterwegs, z. T. auf den Stätten schönster Kindheitserinnerungen. Das alte Landgut, in dem wir 1897 (Lollo war damals noch – 2!) haushielten4, ist noch ganz im gleichen Zustand. Ich glaube, so etwas wie den Kanton Bern mit seinen Bauernhäusern, seinem Wechsel von Berg und Tal, seinem Kranz von Schneebergen gibt’s in der ganzen Welt nicht wieder. Hier leben möchte ich um keinen Preis, denn das geistige Leben ist, wie ich immer wieder sehe, merkwürdig eingeengt und schwer beweglich. Aber ich werde sicher immer besonders gerne vorübergehend hier sein. Und es wäre einer meiner größten Wünsche, einmal allein mit dir durch diese Landschaft zu ziehen und dir Alles zu |130 zeigen, was mich da freut und rührt und für mich schlechterdings heimatlich ist. Ach, wenn doch Alles anders wäre! Denk, ich habe die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß für mich alle möglichen theologischen Probleme an bestimmten Stellen in Bern und Umgebung lokalisiert sind, so daß ich umhergehend beständig auf die seltsamsten Dinge stoße: Hier auf die natürliche Theologie, hier auf die Versöhnung usw., weil die in meinem Unterbewußtsein (ich merke es erst, wenn ich da bin) eben da und da sich ereignen. Herr Siegfried5 könnte noch ganz anders mit mir zanken, wenn er das wüßte.

Ich bin, dem Zweck meines Hierseins entsprechend, viel mit meiner Mutter zusammen, und es ist sehr schön mit ihr. Einige lange Gespräche über «uns» verliefen durchaus gut, wenn auch die Grenze sichtbar wurde. Es wird aber auch aufs gründlichste Halma und Belagerungsspiel getrieben, und des Abends bekomme ich mein Bierlein. Heiner ist noch bis morgen hier, seine Frau ist vorgestern nach Basel zurückgekehrt. Ich habe bei Mama eine ernstliche Beschwerde gegen ihn eingelegt wegen des letzten Sommers.6 Aus seinem ganzen Verhalten sehe ich freilich, daß er auch sonst ein merkwürdig belasteter Mensch ist, der sich schon in seinen eigenen Angelegenheiten sehr schwerfällig bewegt – geschweige denn so schwierigen Situationen Anderer gegenüber.

Inzwischen ist hier die Post eingetroffen. Aus München eine zweite dringlichere Anfrage der M. N. N. um einen Karfreitagsartikel7 – aber |131 nicht das Erwünschte und Begehrte! Ferner ein Brief von Herrn Wedekind8, in dem dir noch ein besonderer Gruß in Aussicht gestellt wird. Alle guten Menschen …! Ob du wohl Nachrichten von unserem Freund Heinrich9 hast? Ich mußte hier öfters Auskunft über ihn geben und sah, wie schwierig es ist, etwas Einleuchtendes über ihn zu sagen. Kari Lindt hat ihn von Berlin (1916) her in schrecklicher Erinnerung, und ähnlich («der typische aufgeregte Deutsche» usw.) hat er sich meinem Bruder auf einer Philosophentagung eingeprägt. Meine Repliken kannst du dir denken. Die natürliche Offenheit des Schweizers für solche Gestalten ist eben wirklich nicht groß. 1921 würde ich wohl auch noch versagt haben, und ganz offen bin ich wohl erst 1925 geworden.

Und nun suche ich vergeblich, mir ein Bild von deinen Münchener Tagen zu machen. Die noch bevorstehenden acht Tage ohne dich werden von wachsender Unruhe und Ungeduld beherrscht sein. Hier sagt mir eben niemand «Goldelein» und überhaupt …! Gelt, du schreibst mir noch 1-02-3mal? Wenn du meinen solltest, daß ich dich nicht sehr l. habe, so würdest du dich erheblich irren! Gelt, auf dem Bergli bist du dann anhaltend froh mit mir? Du liebe Lollo, gelt, du behältst mich auch ein b. l.?

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Von Kirschbaum traf – von München kommend – am 10.4.1930 auf dem Bergli ein (Eintragung im Familienphotoalbum G. Pestalozzi), Barth einen Tag später.↩
2
Matthias Barth hielt sich vom 11.4.-16.4.1930 auf dem Bergli auf.↩
3
Nicht erhalten.↩
4
Siehe oben S. 128, Anm. 1.↩
5
Am 26.1.1930 schrieb Barth an Thurneysen: "Ob du das Buch des Marburger Siegfried gegen mich schon gesehen hast? Es gleicht dem von Werner in der Schärfe der Tonart, in dem Ergebnis, daß ich als vollständig wahnsinniger Mensch dastehe, und vermutlich auch darin, daß er dort, wo ich Eins und Alles zu sehen meine, seinerseits nur einen Tintenklecks zu sehen vermag, über den er sich nicht genug zu entrüsten vermag." (Bw.Th. II, S. 705 📖). Siehe zu den erwähnten Büchern von Siegfried und Werner: Th. Siegfried, Das Wort und die Existenz. Eine Auseinandersetzung mit der dialektischen Theologie. Bd. I: Die Theologie des Worts bei Karl Barth. Eine Prüfung von K. Barths Prolegomena zur Dogmatik, Gotha 1930 📖 (vgl. KD I/1, S. 128f.312 📖); M. Werner, Das Weltanschauungsproblem bei Karl Barth und Albert Schweitzer, Bern 1924 📖 (dazu K. Barth, Sunt certi denique fines. Eine Mitteilung, in: ZZ, Jg. 3 [1925], S. 113-116 📖).↩
6
Betrifft vermutlich Heinrich Barths Haltung zu von Kirschbaum. Briefliche Äußerungen dazu sind nicht erhalten.↩
7
Siehe K. Barth, Die Wirklichkeit der Versöhnung. Eine Karfreitagsbetrachtung, in: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 83, Nr. 106 vom 18.4.1930, S. 1f. 📖 ↩
8
Wilhelm Wedekind (1904–2000), Student bei Barth in Göttingen und in Münster, 1934-1950 Pastor u. a. in Braunschweig und Salzgitter, hatte Barth am 1.4.1930 geschrieben (KBA 9330.189).↩
9
Heinrich Scholz (1884–1956), 1917-1919 Professor für Religionsphilosophie und Systematische Theologie in Breslau, 1919-1928 für Philosophie in Kiel, war 1928 als Professor für Philosophie nach Münster berufen worden. Von Kirschbaum besuchte im Wintersemester 1929/30 seine Vorlesung «Formale und transzendentale Logik (Einführung in die Kritik der reinen Vernunft II)», die er viermal in der Woche morgens von 9 bis 10 Uhr hielt (Neuser, S. 19 📖). Barth berichtete am 29.12.1929 über den «neuen sehr merkwürdigen Freund», dessen Vorlesung von Kirschbaum höre; sie könne «die Belehrung, die sie dort täglich empfängt, nicht genug rühmen». «Dieser Mann geht nun auch an der Himmelreichallee öfters ein und aus» (Bw.Th. II, S. 693 📖). Barth hielt am 7.3.1930 zur Heirat des 45jährigen Scholz mit der 24jährigen Erna Koch die Traurede in Münster (s. Pr. 1921-1935, S. 223–229 📖).↩