128
65
Barth an v.K. in München
Der Zustand der Trennung wird doch nachgerade sehr unbefriedigend.
Besonders weil du mir gar nie schreibst! Hoffentlich nicht darum, weil du etwa
krank geworden bist oder sonst Unangenehmes zu berichten hättest. Ruhst du dich
auch recht aus? Und trägst Sorge zu dir? Und bist beim Arzt gewesen, um in
Erfahrung zu bringen, was es mit jenen Stichen im Rücken auf sich hat? Ich denke
doch so viel an dich, und die Zeit des Alleinseins kommt mir schon unerträglich
lange |129 vor. Und wie du aussiehst, liebste Lollo, weiß ich
wahrlich nicht mehr. Heute in acht Tagen finden wir uns dann wieder, gelt?1 Ich habe schon in Erfahrung gebracht, daß ich an
jenem Tage, Freitag 11. April abends, 743 in Zürich ankommen werde. Nach einer
Zwischenlandung in Madiswil, bei der
ich den Matthisli abholen werde.2 Beiliegend Gertys
Brief3 an mich, auf den
hin ich nun wirklich und sicher auch kommen werde. Ich habe es Nelly geschrieben, daß dies
geschehen werde, und meine Mutter hat es von Anfang
an als selbstverständlich angenommen. Noch ist es ihr allerdings wohl nicht
deutlich, daß «die Lollo» auch dort sein wird. Aber mir ist es sehr
deutlich, und ich freue mich so schrecklich wie nur je auf das Wiederfinden. Was
ist auch das, wenn man fast nicht mehr leben kann ohne dies andere Menschlein?
Wie hast du das nur gemacht, mir so unentbehrlich zu werden? Wirst du
mich denn in Zürich abholen? Aber
gelt, vorher schreibst du mir noch einmal und nicht zu knapp, damit ich etwas
ins Bild komme? Du Liebe du!
Mein Leben hier fließt sehr ruhig und gleichmäßig dahin. Der abgelegene Ort
bringt es mit sich, daß man viel auf den Beinen ist und des Abends immer in
angenehmer Müdigkeit einschläft. Hast du die Karte vom Belpberg bekommen? Ich bekam eines schönen Morgens
Lust, mit meinem Neffen Andresli
loszuziehen, und wir waren den
ganzen Tag unterwegs, z. T. auf den Stätten schönster Kindheitserinnerungen. Das
alte Landgut, in dem wir 1897 (Lollo war damals noch – 2!) haushielten4, ist noch ganz im
gleichen Zustand. Ich glaube, so
etwas wie den Kanton Bern mit
seinen Bauernhäusern, seinem Wechsel von Berg und Tal, seinem Kranz von Schneebergen gibt’s in der ganzen Welt
nicht wieder. Hier leben möchte ich um keinen Preis, denn das geistige Leben
ist, wie ich immer wieder sehe, merkwürdig eingeengt und schwer beweglich. Aber
ich werde sicher immer besonders gerne vorübergehend hier sein. Und es wäre
einer meiner größten Wünsche, einmal allein mit dir durch diese Landschaft zu
ziehen und dir Alles zu |130 zeigen, was mich da freut und
rührt und für mich schlechterdings heimatlich ist. Ach, wenn doch
Alles anders wäre! Denk, ich habe die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß für
mich alle möglichen theologischen Probleme an bestimmten Stellen in Bern und Umgebung lokalisiert sind, so daß
ich umhergehend beständig auf die seltsamsten Dinge stoße: Hier auf die
natürliche Theologie,
hier auf die Versöhnung usw., weil
die in meinem Unterbewußtsein (ich merke es erst, wenn ich da bin) eben da und
da sich ereignen. Herr Siegfried5
könnte noch ganz anders mit mir zanken, wenn er das wüßte.
Ich bin, dem Zweck meines Hierseins entsprechend, viel mit meiner Mutter
zusammen, und es ist sehr schön mit ihr. Einige lange Gespräche
über «uns» verliefen durchaus gut, wenn auch die Grenze
sichtbar wurde. Es wird aber auch aufs gründlichste Halma und Belagerungsspiel getrieben, und des
Abends bekomme ich mein Bierlein. Heiner ist noch bis
morgen hier, seine Frau ist vorgestern nach Basel zurückgekehrt. Ich habe bei Mama eine ernstliche
Beschwerde gegen ihn eingelegt wegen des letzten Sommers.6 Aus seinem ganzen
Verhalten sehe ich freilich, daß er auch sonst ein merkwürdig belasteter Mensch
ist, der sich schon in seinen eigenen Angelegenheiten sehr schwerfällig bewegt –
geschweige denn so schwierigen Situationen Anderer gegenüber.
Inzwischen ist hier die Post eingetroffen. Aus München eine zweite dringlichere Anfrage
der M. N. N. um einen Karfreitagsartikel7 – aber |131 nicht
das Erwünschte und Begehrte! Ferner ein Brief von Herrn Wedekind8, in dem dir noch ein besonderer Gruß in Aussicht
gestellt wird. Alle guten Menschen …! Ob du wohl Nachrichten von
unserem Freund Heinrich9
hast? Ich mußte hier öfters Auskunft über ihn geben und sah, wie
schwierig es ist, etwas Einleuchtendes über ihn zu sagen. Kari
Lindt hat ihn von
Berlin (1916) her in schrecklicher
Erinnerung, und ähnlich («der typische aufgeregte Deutsche» usw.) hat er sich
meinem Bruder auf
einer Philosophentagung eingeprägt. Meine Repliken kannst du dir denken. Die
natürliche Offenheit des Schweizers für solche Gestalten ist eben wirklich nicht
groß. 1921 würde ich wohl auch noch versagt haben, und ganz offen
bin ich wohl erst 1925 geworden.
Und nun suche ich vergeblich, mir ein Bild von deinen Münchener Tagen zu machen. Die noch
bevorstehenden acht Tage ohne dich werden von wachsender Unruhe und Ungeduld
beherrscht sein. Hier sagt mir eben niemand «Goldelein» und
überhaupt …! Gelt, du schreibst mir noch 1-02-3mal? Wenn du meinen solltest,
daß ich dich nicht sehr l. habe, so würdest du dich erheblich irren! Gelt,
auf dem Bergli bist du
dann anhaltend froh mit mir? Du liebe Lollo, gelt, du behältst mich
auch ein b. l.?