Brief Nr. 68 · 20. Juni 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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L. L.

Ich kam gestern in St. Andrews nicht zum Schreiben, aber nun bietet sich hier gleich zu Beginn ein ruhiges Stündlein, das ich schnell benutzen will. Meine Erlebnisse in diesem fernen Land gehen weiter wie auf einem Film. So kam ich also gestern vormittag nach St. Andrews, einer wirklich malerisch auf einer Halbinsel gelegenen alten Stadt mit einer kleinen Universität, dem Ursprungsort der schottischen Reformation. Prof. Duncan1 (für N. T.) und seine Frau (er ist so alt wie ich und seit einem Jahr verheiratet) holten mich im Auto (alle Theologieprofessoren scheinen hier Autos zu haben!!) ab, wieder ein sehr munterer Scottish-man! Ich lernte seine wenigen Kollegen kennen, und am Nachmittag kam es in einem Kreis von etwa 15 Pfarrern und Professoren zu der üblichen (ich habe nun wirklich schon Übung!) Redeschlacht (you ask and I answer). Sie zog sich bis tief in die Nacht hinein, und ich war zuletzt sehr müde. Sehr erfreulich war es, daß ich nun meinen vortrefflichen Porteous2 zur Seite hatte (und |136 auch hier haben werde!). Auch der Verfasser jenes Artikels «This dynamic personality»3 war zugegen und ein amerikanisch-schottischer Professor, mit dem ich hart aneinander geriet. Und noch schlimmer mit dem Dogmatiker von St. Andrews, Principle Galloway4, einem alten Herrn Ritschlscher Schulung. Es vollzieht sich aber Alles in sehr loyalen und freundschaftlichen Formen, und ich habe offenbar hier in Schottland einige sehr gute Vertreter, so daß ich dieses Land, was jetzt auch noch komme, mit guter Hoffnung verlassen kann. Hier wird es jetzt nämlich sofort wieder losgehen mit etwa 30 Leuten von allen Kalibern. Ich bin heute morgen mit Porteous herübergekommen. An einer Station begrüßte uns kurz seine Frau, die in Wirklichkeit viel besser aussieht als auf dem Bilde. Hier wurde ich wieder im Auto abgeholt und dann sofort rund um die Stadt herumgeführt. Edinburgh ist ein sehr eindrucksvoller Ort inmitten von felsigen Hügeln, die das Bild angenehm rauh und kräftig machen. Ich wohne bei Professor Curtis5 (ebenfalls N. T. und daneben unheimlich international-christlich interessiert). Denk, hier ist es die halbe Nacht fast taghell, um 11 Uhr etwa so wie in Bonn um 8 Uhr, so nahe bin ich nun dem Nordpol!! Und die Autos weichen sich links aus! Und noch viel Anderes ist anders als bei uns. Und nun denke ich daran, daß dort meine Mutter angekommen ist und daß du vielleicht nicht leichte Zeit hast. Ach du, ich freue mich ja so, wieder heimzukommen, und weiß auch genau, warum und auf wen ich mich freue. Ich habe mir auf der ganzen Reise … allerhand gedacht. It could be so niceful, when …

137Strenggenommen könnte ich morgen schon heimfahren, weil heute die letzte Diskussion ist. Aber Prof. Curtis will mich noch einen Tag in seinem Auto spazierenfahren im Lande des Walter Scott, und weil ich vielleicht nicht so bald wieder hieher komme («I hope that you will come back!», wird mir zwar überall zugerufen), habe ich vor, bei dem Plan zu bleiben, am Sonntag morgen hier abzufahren. Dann komme ich aber in raschem Lauf und werde viel zu erzählen haben.

Was das Englische betrifft, so geht es eigentlich immer besser. Wahrscheinlich bezeichnenderweise für mich kann ich viel besser reden als verstehen. Aber nach und nach gelingt auch das Letztere.

Die «Siólotschi» will gleich wieder anfangen. L. L. … du weißt schon.

Dein
K. (a dynamic personality)6

Bitte grüße: Nelly, meine Mutter, die Kinder, Berthi7. Ich komme nun bald wieder!

Sachfußnoten

1
George Simpson Duncan (1884–1965), 1919-1954 Professor of Biblical Criticism in St. Mary’s College, University of St. Andrews.↩
2
Norman Walker Porteous (1898–2003), im Wintersemester 1928/29 Student bei Barth in Münster, 1931-1935 Professor für Hebräisch und Orientalische Sprachen in St. Andrews, 1935-1937 für Sprache, Literatur und Theologie des Alten Testamentes, dann bis 1968 für Hebräisch und Semitische Sprachen in Edinburgh. Siehe seine Beiträge: Volk und Gottesvolk im Alten Testament, in: Theologische Aufsätze. Karl Barth zum 50. Geburtstag, hrsg. von E. Wolf, München 1936, S. 146-163 📖; The Care of the Poor in the Old Testament, in: Service in Christ. Essays presented to Karl Barth on his 80th Birthday, ed. by J. I. McCord/T. H. L. Parker, London 1966, S. 27-36 📖.↩
3
Mit "This dynamic personality, who compels men to take sides with him or against him", beginnt der einleitende Satz des Artikels von J. McConnachie, Europe’s most discussed theologian, in: "Scots Observer" vom 12.6.1930 📖. – John McConnachie (1876–1948) war damals Pfarrer in Dundee.↩
4
George Galloway (1861–1933), 1891-1915 Minister of Kelton Parish, seit 1915 Principal und Primarius Professor of Theology im St. Mary’s College, University of St. Andrews.↩
5
William Alexander Curtis (1876–1961), 1903-1915 Professor of Systematic Theology at Aberdeen University, 1915-1946 Professor of Biblical Criticism at Edinburgh University.↩
6
Von hier führt ein Pfeil fast gerade hinunter zu einer freilich leeren Stelle.↩
7
Bertha Bultmann (1913–1987), vom März 1930 bis Februar 1931 Haushaltshilfe bei Barths in Bonn, s. Bw.Th. III, S. 31, Anm. 4 📖.↩