Brief Nr. 69 · 21. August 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Wabern

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Liebe Lollo!

Du wirst nachgerade dringend auf einen Brief warten. Aber ich kam bis jetzt tatsächlich nicht zum Schreiben. Schon darum, weil es in diesem Häuschen1 und inmitten der großen Familie schwierig ist, eine ruhige Stunde zu finden. Aber auch darum, weil Alles so in Bewegung ist, daß ich z. B. gestern einen langen Briefanfang wieder zerreißen |138 mußte, weil das Schreiben von einem «Gespräch» unterbrochen wurde, durch das Alles wieder ein anderes Gesicht bekam. Hoffentlich ist es dir in Bern besser gegangen als mir hier. Denn Alles in Allem sitze ich nach dieser ersten halben Woche sehr deprimiert und mutlos da. Der erste Abend und der Montag waren relativ gut. Am Dienstag morgen fing Nelly an mit unruhigen Fragen, und schon am Nachmittag kam es zu einem jener Ausbrüche weiblicher Dialektik, denen ich so schlechterdings nicht gewachsen bin, vor denen ich nur fliehen möchte oder auf die ich nur mit kaltem Zorn reagieren könnte, wenn ich mir nicht sagen müßte (hier und z. B. vor dem Mailänder Dom2), daß ich ja das Karnickel bin, das wirklich an Allem schuld ist und das nun mit Recht so gezüchtigt wird.|

Aber du willst jetzt wissen, was hier los ist, und ich will versuchen, es dir zu beschreiben. Wenn die Beschreibung unklar wird, kommt es nicht nur davon, daß ich müde und traurig bin dem Ganzen gegenüber, sondern auch davon, daß Alles sehr unklar ist. Vor Allem: Ich [weiß]3 nicht, ob du dich vor acht Tagen getäuscht hast4 in der Meinung, mit Nelly irgend einen gemeinsamen Boden in Bezug auf die Gestaltung der Zukunft gefunden zu haben  – oder ob Nelly diesen Boden alsbald nach deinem Weggang wieder verlassen hat. Jedenfalls fand ich sie, als die Sache losging, durchaus noch oder wieder in der Ultimatums-Stimmung5, als wäre nichts geschehen. Sie habe kein Zutrauen zu dir. Sie sei «entsetzt» gewesen, als sie dich so bestimmt habe sagen hören, du kommest wieder nach Bonn. Sie merke wohl, daß du sie «behandeln» wollest, und lehne das bestimmt ab. Usw. Und dann kam schon im dritten Satz – nicht das alte Ultimatum, aber das neue: du sollest auswärts wohnen, anders habe sie keine Luft zum Atmen und keinen Lebensraum neben dir.6 Um diesen Punkt gingen nun viele und lange Ge|139spräche. Ich habe mit jedem Wort widerstanden und diesen Plan als untragbar bezeichnet. Habe versucht, die irrtümlichen Motive aufzudecken, die dahinter stünden, die Brutalität, die sie damit auf sich nehme, die Folgen für ihre und meine Beziehungen, die sich daraus ergeben müßten usf. Lange ganz umsonst. Sie meinte sehr optimistisch: außer dieser äußeren Veränderung müßten auch die «guten Vorsätze» in Bezug auf unsere persönliche Haltung alle auch noch durchgeführt werden, wenn die Lage fernerhin haltbar sein solle. [Weißt du, welche Anklage ich beiläufig hören mußte: Ich sitze, wenn Gäste da seien, immer so auffällig dir zugewandt und richte über ihren Kopf weg das Wort nur an dich…! …! …!]7 Wenn ich diese Bedingung nur annehme in der Absicht, sie nachher dafür zu strafen, sei natürlich auch so nicht geholfen. Kurzum, es war eine regelrechte Pression (sie selbst brauchte das Wort «Revolution»), und weil ich meinerseits dabei blieb: im Guten, d. h. im Einverständnis mit ihr, könnten wir diese Bedingung niemals annehmen, sah nach dem ersten Kampftag Alles sehr hoffnungslos aus. Um die Mittagszeit gab es dann einen Umschlag der Stimmung mit der Erklärung: wir könnten es ja noch einmal auf dem bisherigen Boden versuchen, wenn wir wirklich meinten, es besser mit ihr machen zu können. Seither haben keine weiteren Gespräche stattgefunden.|

Ich werde ja nun wohl versuchen, sie freundlich bei dieser Erklärung zu behaften. Aber es fällt mir recht schwer: einmal weil ich zu deutlich sehe, wie bald Nelly wieder nicht mehr zu ihr wird stehen können. Und dann, weil ich an das denke, was wir zwei in diesem besten Fall auf uns nehmen. Ich bin so weit weg von Nelly : du weißt gar nicht, wie weit – wie wenig ich ihr unter allen Umständen werde geben und helfen können. Es besteht ja wirklich fast ausschließlich darin, [s]ie8 ruhig und freundlich über mich ergehen zu lassen. Aber schon dazu braucht es für mich eine Anspannung aller Kräfte. Ich bin ja schon nach dieser halben Woche mit ihr allein so dran, daß ich nur weglaufen können möchte. Gestern gelang es wieder, einen Abend haltbar zu gestalten. Aber wie oft wird das gelingen? Und wie oft wird sie an die engen Grenzen stoßen, die ich nicht verleugnen und nicht aufheben kann.|

Fast noch besorgter bin ich darum, ob du das Geforderte auch nur einigermaßen wirst leisten können. Ich will dich doch sicher nicht |140 anklagen, sondern sage dir in meiner Angst und Betrübnis, daß es mich ganz schüttelt beim Gedanken an Wiederholungen deiner Verstimmungen und Ausfälle mit zehnfachem Gebrauch der mir förmlich verhaßten Worte «rasend» und «wahnsinnig». Bitte, laß dir jetzt von mir ganz bestimmt sagen: wenn das weitergeht, so ist vor Ablauf eines zweiten Jahres Alles verloren; denn mit diesem deinem Angriff im Rücken kann ich die ohnehin fast unmögliche Situation Nelly gegenüber nicht tragen. Und ich werde dann vielleicht der erste von uns dreien sein, der ins Irrenhaus kommt, denn wenn mich etwas langsam, aber sicher zur Verzweiflung treibt, so ist es das, wenn du es dir nun auch noch leistest, mich mit hysterischen Erscheinungen zu quälen. Ich sage das nur zu dir. Weder Nelly noch Eduard haben eine Ahnung, daß der Gedanke an dich für mich nicht nur Trost und Zuversicht und Hilfe bedeutet. Aber dir muß ich es jetzt einmal sagen. Es ist mir in diesen bösen Tagen und Nächten, wo Alles am Umkippen war und ist, zu schmerzlich bewußt geworden, daß ich mir deine Hilfe anders gedacht hatte, als sie bis jetzt, aufs Ganze gesehen, ausgefallen ist. Auch du mußt dich von jetzt an in eine Zucht stellen, von der du weißt, daß sie nicht jeden dritten Tag wieder versagen wird.

Ich habe in den letzten Tagen so oft nach dem Gurten9 hingedacht und mich gefragt, wie sich die Dinge nun wohl dort gestalten möchten. Nelly hat, ohne zu wissen, daß du dort seist, einen Brief an Mama geschrieben10, in dem sie wohl auch ihr jenen ihren menschenfreundlichen Plan mitteilte. Was mag das für Wirkungen gehabt haben? Ich hoffe ja so sehr, Alles sei gut gewesen und geblieben. Aber ich bin nun sehr gespannt auf deine Nachrichten.

Und nun bist du schon wieder auf dem Bergli. Wie froh wäre ich jetzt um noch ein paar Tage mit dir. Aber ich kann jetzt hier unmöglich ausrücken und kann nur in Gedanken möglichst intensiv bei dir sein. Ich bin es wirklich von selbst! Es fehlt mir beständig etwas, und das bist du. Und daß dies nun so lange, noch so viele Wochen andauern soll, ist keine gute Sache. Auch das Arbeiten geht viel besser, wenn du um mich bist. Und des Nachts sehne und sehne ich mich … : 1. Lollo, 2. sie sollte da sein.

141 Mit Eduard habe ich in der gewohnten Weise gute freundschaftliche Stunden, aber Eduard ist nicht Lollo. Überhaupt: Adelboden ist nicht das Bergli. Die Berge wirken auch auf mich eher deprimierend, und mir fehlt die gute gelöste Gemeinschaft der Bergli-Gemeinde. Der liebe Rudi hat mir eine Kiste «Die erste beste»11 zugeschickt; ich habe Eduard tüchtig davon abgegeben. Sag ihm, ich sehe immer deutlicher und deutlicher, wie sehr ihm mein wahres Wohl am Herzen liege, und ich sei ihm außerordentlich dankbar für Alles. Die Fahrt am Sonntag ist so schön gewesen.12 Nelly will morgen mit den drei Großen auf den Wildstrubel13. Ich bleibe hier und widme mich weiter Anselm.14 Meine einzige größere Leistung bisher war die Ersteigung der Engstligenalp15 … mit den zwei Kleinen an der Hand.16

Der Brief muß um 12 Uhr weg. Er wird ohnehin lange genug brauchen, um zu dir zu kommen. Wie lieb ich dich habe, wird mir durch die Entfernung und durch die Traurigkeit nur umso mehr bewußt. Gelt, du kommst dann wieder, und wenn es durchaus nicht anders geht, magst du auch die verhaßten Wörter wieder um dich streuen. Nur hör nicht auf, mich auch lieb zu haben und gut zu mir zu sein.

Dein
K.

Natürlich viele Grüße an das ganze Bergli. Ich sehne mich nach dort, wie ein «Verbanntes Herz»17 sich nur sehnen kann. Könnte ich doch fliegen!

Sachfußnoten

1
Im Chalet Klossner in Adelboden. Zusammen mit Thurneysens verbrachte die Familie Barth hier einen großen Teil ihrer Sommerferien. Während Nelly Barth mit den Kindern bereits am 8.8.1930 eintraf, reiste K. Barth am 17.8. vom Bergli her nach und blieb dort bis am 29.8. (vgl. die folgenden Briefe und Bw.Th. III, S. 32ff. 📖).↩
2
Am 25.6.1929 waren Barth und von Kirschbaum mit dem Ehepaar Pestalozzi während ihrer Italienreise in Mailand.↩
3
Durch Lochung ausgefallen.↩
4
Von Kirschbaum fuhr am 14.8.1930 vom Bergli aus nach Adelboden zu einer persönlichen Aussprache mit Nelly Barth (vgl. Bw.Th. III, S. 35 📖).↩
5
Vgl. zu dieser "Ultimatums-Stimmung" Barths Brief an E. Thurneysen vom 12.8.1930, Bw.Th. III, S. 34f. 📖 ↩
6
Vgl. den Brief von Nelly Barth an Anna Barth vom 18.8.1930, Bw.Th. III, S. 35f. 📖 ↩
7
Eckige Klammern im Original.↩
8
Durch Lochung unleserlich.↩
9
 D. h. nach dem Wohnsitz von Barths Mutter (s. oben S. 127, Anm. 7).↩
10
Siehe oben, S. 138, Anm. 6.↩
11
Zigarrensorte.↩
12
Die Fahrt vom Bergli nach Adelboden (Kt. Bern).↩
13
Hausberg von Adelboden (3243 m).↩
14
Im Sommersemester 1926 hatte Barth in Münster und dann nochmals im Sommersemester 1930 in Bonn ein Seminar über Anselms Schrift "Cur deus homo?" 📖 gehalten. Im Verlauf des Bonner Semesters entschloß sich Barth aufgrund zahlreicher Anregungen, sich "noch ganz anders als bisher mit Anselm, und zwar nun gerade mit dem problematischsten Anselm", d. h. mit dem sogenannten Gottesbeweis des anselmischen Proslogion, zu beschäftigen (K. Barth, Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms. 1931, hrsg. von E. Jüngel und I. U. Dalferth [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 20023, S. 1 📖).↩
15
Hochebene, die zur Gemeinde Adelboden gehört (1900–2000 m).↩
16
Die Wanderung wurde am Montag, dem 18.8.1930, unternommen (vgl. Bw.Th. III, S. 35 📖).↩
17
Vermutlich eine Anspielung auf den Film «Hearts in Exile», der 1929 herauskam und auf deutsch den Titel «Verbannte Herzen» 📖 trug.↩