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Barth an v.K. in Wabern
Du wirst nachgerade dringend auf einen Brief warten. Aber ich kam bis jetzt
tatsächlich nicht zum Schreiben. Schon darum, weil es in diesem Häuschen1 und inmitten der großen Familie schwierig ist, eine ruhige
Stunde zu finden. Aber auch darum, weil Alles so in Bewegung ist, daß ich z. B.
gestern einen langen Briefanfang wieder zerreißen |138 mußte,
weil das Schreiben von einem «Gespräch» unterbrochen wurde, durch das Alles wieder ein anderes
Gesicht bekam. Hoffentlich ist es dir in Bern besser gegangen als mir hier. Denn Alles in Allem sitze ich
nach dieser ersten halben Woche sehr deprimiert und mutlos da. Der erste Abend und der Montag waren
relativ gut. Am Dienstag morgen fing Nelly an mit unruhigen Fragen, und
schon am Nachmittag kam es zu einem jener Ausbrüche weiblicher Dialektik, denen
ich so schlechterdings nicht gewachsen bin, vor denen ich nur fliehen möchte
oder auf die ich nur mit kaltem Zorn reagieren könnte, wenn ich mir nicht sagen
müßte (hier und z. B. vor dem Mailänder Dom2), daß
ich ja das Karnickel bin, das wirklich an Allem schuld ist und
das nun mit Recht so gezüchtigt wird.|
Aber du willst jetzt wissen, was hier los ist, und ich will versuchen, es dir zu
beschreiben. Wenn die Beschreibung unklar wird, kommt es nicht nur davon, daß
ich müde und traurig bin dem Ganzen gegenüber, sondern auch davon, daß Alles
sehr unklar ist. Vor Allem: Ich [weiß]3 nicht, ob du dich
vor acht Tagen getäuscht hast4 in der Meinung, mit Nelly
irgend einen gemeinsamen Boden in Bezug auf die Gestaltung der
Zukunft gefunden zu haben
– oder ob Nelly diesen Boden alsbald nach deinem Weggang wieder verlassen hat.
Jedenfalls fand ich sie, als die Sache losging, durchaus noch oder
wieder in der Ultimatums-Stimmung5, als wäre nichts geschehen. Sie
habe kein Zutrauen zu dir. Sie sei «entsetzt»
gewesen, als sie dich so bestimmt habe sagen hören, du kommest wieder nach Bonn. Sie merke wohl, daß du sie
«behandeln» wollest, und lehne das bestimmt ab. Usw. Und dann kam schon im
dritten Satz – nicht das alte Ultimatum, aber das neue: du sollest auswärts
wohnen, anders habe sie keine Luft zum Atmen und keinen Lebensraum
neben dir.6 Um diesen Punkt gingen nun viele und lange Ge|139spräche. Ich habe mit
jedem Wort widerstanden und diesen Plan als untragbar bezeichnet. Habe versucht,
die irrtümlichen Motive aufzudecken, die dahinter stünden, die Brutalität, die
sie damit auf sich nehme, die Folgen für ihre und meine Beziehungen, die sich
daraus ergeben müßten usf. Lange ganz umsonst. Sie meinte sehr
optimistisch: außer dieser äußeren Veränderung müßten auch die «guten Vorsätze»
in Bezug auf unsere persönliche Haltung alle auch noch durchgeführt
werden, wenn die Lage fernerhin haltbar sein solle. [Weißt du,
welche Anklage ich beiläufig hören mußte: Ich sitze, wenn
Gäste da seien, immer so auffällig dir zugewandt und
richte über ihren Kopf weg das Wort nur an
dich…! …! …!]7 Wenn ich diese Bedingung nur annehme in der
Absicht, sie nachher dafür zu strafen, sei natürlich auch so nicht geholfen.
Kurzum, es war eine regelrechte Pression (sie selbst brauchte das Wort
«Revolution»), und weil ich meinerseits dabei blieb: im Guten, d. h. im
Einverständnis mit ihr, könnten wir diese Bedingung niemals annehmen, sah nach
dem ersten Kampftag Alles sehr hoffnungslos aus. Um die Mittagszeit gab es dann
einen Umschlag der Stimmung mit der Erklärung: wir könnten es ja noch einmal auf dem
bisherigen Boden versuchen, wenn wir wirklich meinten, es besser mit ihr machen
zu können. Seither haben keine weiteren Gespräche stattgefunden.|
Ich werde ja nun wohl versuchen, sie freundlich bei dieser Erklärung zu behaften.
Aber es fällt mir recht schwer: einmal weil ich zu deutlich sehe,
wie bald Nelly
wieder nicht mehr zu ihr wird stehen können. Und dann, weil ich an das
denke, was wir zwei in diesem besten Fall auf uns nehmen. Ich bin
so weit weg von
Nelly
: du weißt gar nicht, wie weit – wie wenig
ich ihr unter allen Umständen werde geben und helfen können. Es besteht ja
wirklich fast ausschließlich darin, [s]ie8 ruhig und freundlich über mich ergehen zu
lassen. Aber schon dazu braucht es für mich eine Anspannung aller Kräfte. Ich
bin ja schon nach dieser halben Woche mit ihr allein so dran, daß ich nur
weglaufen können möchte. Gestern gelang es wieder, einen Abend haltbar zu
gestalten. Aber wie oft wird das gelingen? Und wie oft
wird sie an die engen Grenzen stoßen, die ich nicht verleugnen und nicht
aufheben kann.|
Fast noch besorgter bin ich darum, ob du das Geforderte
auch nur einigermaßen wirst leisten können. Ich will dich doch sicher nicht |140 anklagen, sondern sage dir in meiner Angst
und
Betrübnis,
daß es mich ganz schüttelt beim Gedanken an Wiederholungen deiner
Verstimmungen und
Ausfälle mit zehnfachem Gebrauch der mir förmlich verhaßten Worte «rasend» und
«wahnsinnig». Bitte,
laß dir jetzt von mir ganz bestimmt sagen: wenn das weitergeht, so ist
vor Ablauf eines zweiten Jahres Alles verloren;
denn mit diesem deinem Angriff im Rücken kann ich die ohnehin fast
unmögliche Situation Nelly gegenüber nicht tragen. Und ich werde dann
vielleicht der erste von uns dreien sein, der ins Irrenhaus kommt, denn wenn mich etwas langsam, aber
sicher zur Verzweiflung treibt, so ist es das, wenn du es dir nun
auch noch leistest, mich mit hysterischen Erscheinungen zu
quälen.
Ich sage das nur zu dir. Weder Nelly noch Eduard haben eine Ahnung, daß der Gedanke an
dich für mich nicht nur Trost und Zuversicht und Hilfe bedeutet. Aber dir muß
ich es jetzt einmal sagen. Es ist mir in diesen bösen Tagen und Nächten, wo
Alles am Umkippen war und ist, zu schmerzlich bewußt geworden, daß
ich mir deine Hilfe anders gedacht hatte, als sie bis jetzt, aufs Ganze gesehen,
ausgefallen ist. Auch du mußt dich von jetzt an in eine Zucht stellen, von der
du weißt, daß sie nicht jeden dritten Tag wieder versagen wird.
Ich habe in den letzten Tagen so oft nach dem Gurten9 hingedacht und
mich gefragt, wie sich die Dinge nun wohl dort gestalten möchten. Nelly hat, ohne zu
wissen, daß du dort seist, einen Brief an Mama
geschrieben10, in dem sie wohl
auch ihr jenen ihren menschenfreundlichen Plan mitteilte. Was mag
das für Wirkungen gehabt haben? Ich hoffe ja so sehr, Alles sei gut gewesen und
geblieben. Aber ich bin nun sehr gespannt auf deine
Nachrichten.
Und nun bist du schon wieder auf dem Bergli. Wie froh wäre ich jetzt um noch ein paar Tage
mit dir. Aber ich kann jetzt hier unmöglich ausrücken und kann nur in Gedanken
möglichst intensiv bei dir sein. Ich bin es wirklich von selbst! Es fehlt mir
beständig etwas, und das bist du. Und daß dies nun so
lange, noch so viele Wochen andauern soll, ist keine gute Sache.
Auch das Arbeiten geht viel besser, wenn du um mich bist. Und des Nachts sehne
und sehne ich mich … : 1. Lollo, 2. sie sollte
da sein.
141 Mit Eduard habe ich in der
gewohnten Weise gute freundschaftliche Stunden, aber Eduard ist nicht Lollo. Überhaupt: Adelboden ist nicht das Bergli. Die Berge wirken auch auf mich eher deprimierend, und mir
fehlt die gute gelöste Gemeinschaft der Bergli-Gemeinde. Der liebe Rudi hat mir eine Kiste
«Die erste beste»11
zugeschickt; ich habe Eduard tüchtig davon abgegeben. Sag ihm, ich sehe immer deutlicher und deutlicher, wie
sehr ihm mein wahres Wohl am Herzen liege, und ich sei ihm außerordentlich
dankbar für Alles. Die Fahrt am Sonntag ist so schön gewesen.12
Nelly will morgen
mit den drei Großen auf den Wildstrubel13. Ich bleibe hier und widme mich
weiter Anselm.14 Meine einzige größere Leistung bisher
war die Ersteigung der Engstligenalp15 …
mit den zwei Kleinen an der Hand.16
Der Brief muß um 12 Uhr weg. Er wird ohnehin lange genug brauchen, um zu dir zu
kommen. Wie lieb ich dich habe, wird mir durch die
Entfernung und durch die Traurigkeit nur umso mehr bewußt. Gelt, du kommst dann
wieder, und wenn es durchaus nicht anders geht, magst du auch die verhaßten
Wörter wieder um dich streuen. Nur hör nicht auf, mich auch lieb zu haben und
gut zu mir zu sein.
Natürlich viele Grüße an das ganze Bergli. Ich
sehne mich nach dort, wie ein
«Verbanntes Herz»17 sich nur sehnen kann. Könnte ich
doch fliegen!