133
67
Barth an v.K. in Bonn
Chipstead, 16.6.19301 Nachts 11¾
Ein zweiter ereignisreicher Tag liegt hinter mir: ich wurde von
Frau Oldham2
in London so energisch herumgeführt,
daß ich nachher im Bureau ihres Mannes – nachdem ich dort deine
Sendung vom Samstag empfangen und gelesen! – in einen Lehnstuhl fiel und für
eine Viertelstunde regelrecht einschlief. Was ich gesehen habe? Besonders viele
Gräber! Von Shakespeare, von Livingstone, von Gladstone3, von Wellington, von Nelson4, vom
unbekannten Soldaten5. Die Eitelkeit war und ist hier offenbar nicht kleiner als
in Italien. Der Tower ist eine einzige Erinnerung an Foltern,
Hinrichtungen und andere alte Gewaltsamkeiten. Das moderne England aber übt mit
wirklicher Meisterschaft das fair play in jeder Hinsicht. Es geht irgendwie
Alles wie |134 geölt. Du würdest über unerlaubte Sicherheit
hier vieles zu bemerken finden!!! Oldhams sind ausgezeichnete Leute
(und gegen mich wirklich rührend aufmerksam!). Er scheint einer der ersten Missionsmänner von England
und vielleicht überhaupt zu sein. Aber was soll man denken, wenn seine Frau mir allen Ernstes die Lehre
vortragen konnte: sie hoffe, wenn es ein ewiges Leben gebe,
bestimmt, daselbst ihren leider verstorbenen kleinen Hund wieder zu sehen – -
?!
Heute abend kam es dann im Anschluß an ein solennes Dinner zu einer
heftigen Schlacht mit den
englischen Theologen. Lollo, ich sah in Abgründe von hartnäckig-freundlichem
Widersprechen und Ausweichen gegenüber der reinen Lehre. Ich ging mit allen Batterien ins Feuer und
redete wahre Ströme von schlechtem Englisch. But they was only «most interested», ohne eine Spur von
Bekehrung zu zeigen. Dem Bischof von Salisbury6 hätte ich zuletzt
beinahe gesagt: You are an old sinner!7 Gedacht habe ich
es jedenfalls. Wahrscheinlich ist E. Brunner besser geeignet für diese Welt als ich. Sie wollen unter
allen Umständen etwas retten für den Menschen.8 Natürlich: damit das allgemeine fair play
weitergehen kann. – Wobei zu bemerken ist, daß das Leben hier wirklich
unverhältnismäßig freier, flotter, graziöser dahinfließt als in den
entsprechenden deutschen Kreisen.
So etwas wie den deutschen Professorenstil möchte man von hier aus fast für
unmöglich halten. Wie ist doch das Ganze so rätselhaft, gelt? Und
nun geht es tomorrow nach Schottland. Was
werde ich dort erleben?!
135Grüße Nelly und die Kinder! – – –
You must not always weep! It is a pity, that you are not here. But after a week from
today I shall be returned to you, and I am sure to find then a very
good Lollo, who had made a very great progress in the school of
Angels9 in this time.
Liebe Lollo – – – – – – – – –
es grüßt dich