Brief Nr. 67 · 16. Juni 1930

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebe Lollo!

Ein zweiter ereignisreicher Tag liegt hinter mir: ich wurde von Frau Oldham2 in London so energisch herumgeführt, daß ich nachher im Bureau ihres Mannes – nachdem ich dort deine Sendung vom Samstag empfangen und gelesen! – in einen Lehnstuhl fiel und für eine Viertelstunde regelrecht einschlief. Was ich gesehen habe? Besonders viele Gräber! Von Shakespeare, von Livingstone, von Gladstone3, von Wellington, von Nelson4, vom unbekannten Soldaten5. Die Eitelkeit war und ist hier offenbar nicht kleiner als in Italien. Der Tower ist eine einzige Erinnerung an Foltern, Hinrichtungen und andere alte Gewaltsamkeiten. Das moderne England aber übt mit wirklicher Meisterschaft das fair play in jeder Hinsicht. Es geht irgendwie Alles wie |134 geölt. Du würdest über unerlaubte Sicherheit hier vieles zu bemerken finden!!! Oldhams sind ausgezeichnete Leute (und gegen mich wirklich rührend aufmerksam!). Er scheint einer der ersten Missionsmänner von England und vielleicht überhaupt zu sein. Aber was soll man denken, wenn seine Frau mir allen Ernstes die Lehre vortragen konnte: sie hoffe, wenn es ein ewiges Leben gebe, bestimmt, daselbst ihren leider verstorbenen kleinen Hund wieder zu sehen – - ?!

Heute abend kam es dann im Anschluß an ein solennes Dinner zu einer heftigen Schlacht mit den englischen Theologen. Lollo, ich sah in Abgründe von hartnäckig-freundlichem Widersprechen und Ausweichen gegenüber der reinen Lehre. Ich ging mit allen Batterien ins Feuer und redete wahre Ströme von schlechtem Englisch. But they was only «most interested», ohne eine Spur von Bekehrung zu zeigen. Dem Bischof von Salisbury6 hätte ich zuletzt beinahe gesagt: You are an old sinner!7 Gedacht habe ich es jedenfalls. Wahrscheinlich ist E. Brunner besser geeignet für diese Welt als ich. Sie wollen unter allen Umständen etwas retten für den Menschen.8 Natürlich: damit das allgemeine fair play weitergehen kann. – Wobei zu bemerken ist, daß das Leben hier wirklich unverhältnismäßig freier, flotter, graziöser dahinfließt als in den entsprechenden deutschen Kreisen. So etwas wie den deutschen Professorenstil möchte man von hier aus fast für unmöglich halten. Wie ist doch das Ganze so rätselhaft, gelt? Und nun geht es tomorrow nach Schottland. Was werde ich dort erleben?!

135Grüße Nelly und die Kinder! – – –

You must not always weep! It is a pity, that you are not here. But after a week from today I shall be returned to you, and I am sure to find then a very good Lollo, who had made a very great progress in the school of Angels9 in this time.

­Liebe Lollo – – – – – – – – –

es grüßt dich
Dein
K.

Sachfußnoten

1
Barths erste England-Reise begann am 14.6.1930 und führte ihn zunächst nach London (bzw. Chipstead), von wo er am 17.6. nach Glasgow weiterreiste. Dort wurde er am 18.6. zum Ehrendoktor der Universität Glasgow (Honorary Degree of Doctor of Divinity) ernannt (vgl. Bw.B.2, S. 158f. 📖). Anschliessend reiste er nach St. Andrews (19.-20. Juni) und Edinburgh (20.-21. Juni). Die Heimreise erfolgte am 22.6. (s. das von Barth angefertigte Itinerar "Reise nach England-Schottland 14.- 22.6.1930" im Karl Barth-Archiv).↩
2
Mary Oldham, Ehefrau des schottischen Theologen Joseph Houldsworth Oldham (1874–1969). Oldham, seit 1912 Herausgeber der ersten internationalen Missionszeitschrift "The International Review of Missions», war von 1921-1938 erster Generalsekretär des Internationalen Missionsrates und in verschiedenen Funktionen im Bereich von Mission und Ökumene tätig.↩
3
Die Grabmale von David Livingstone (1813–1873) und William Ewart Gladstone (1809–1898) befinden sich in der Westminster Abbey. William Shakespeare (1564–1616) liegt in Stratford begraben, im «Poet’s Corner» der Westminster Abbey befindet sich aber ein Shakespeare-Denkmal.↩
4
Die Grabmale von Arthur Wellesley, First Duke of Wellington (1769–1852), und Admiral Lord Horatio Nelson (1758–1805) befinden sich in der St. Paul’s Cathedral.↩
5
Damit ist das schlichte Grabmal am Westende des Hauptschiffes der Westminster Abbey gemeint, an dem seit 1920 der Million britischer Soldaten gedacht wird, die im Ersten Weltkrieg starben.↩
6
St. Clair George Alfred Donaldson (1863–1935), seit 1889 Priester, 1905-1921 Erzbischof von Brisbane, 1921-1935 Bischof von Salisbury, seit 1921 Chairman of the Missionary Council of the Church of England.↩
7
«‹Ihr seid alle Pelagianer›, sagte Barth bei einer historischen Gelegenheit in London zu einer Gruppe hervorragender Theologen der englischen Kirche. Semi-Pelagianer sind sie sicher alle.» (J. McConnachie, Der Einfluß Karl Barths in Schottland und England, in: Theologische Aufsätze. Karl Barth zum 50. Geburtstag, hrsg. von E. Wolf, München 1936, S. 559-579, dort S. 566 📖).↩
8
Barth markierte seine Differenz mit E. Brunner in der Anthropologie z. B., indem er Brunner am 2.6.1930 brieflich sein Resümee von dessen Ausführungen über die Gottebenbildlichkeit (E. Brunner, Gott und Mensch. Vier Untersuchungen über das personale Sein. Vorträge, Tübingen 1930, S. 55ff. 📖) mitteilte: «Diese imago Dei ist aber durch die Sünde nicht zerstört.» (Bw.Br., S. 193 📖) Brunner bestritt freilich Barth gegenüber am 12.6., damit richtig verstanden worden zu sein (Bw.Br., S. 196–199).↩
9
Damit ist gemäß Fr. Zellweger-Barth die Einübung in die "Engelsgeduld" gemeint, die Barth seitens von Kirschbaums erwartete.↩